Darf man das so sagen? Moritz Neumeier tut manchmal weh

Ein Porträt von Moritz Neumeier richtet den Blick nicht nur in die norddeutsche Provinz, sondern auch in eines der bemerkenswertesten Projekte zwischen Satire, Comedy und politischen Debatten. Wolfgang Beck fragt, was Kirchen in der Begegnung mit Moritz lernen könnten.

Dass er nicht mehr mit der Bahn zu den Orten fahren kann, in denen er mit seinem Programm auf der Bühne steht, ist mehr als bitter. Es ist auch Zeichen dafür, dass da einer durch Deutschland tourt, der aneckt und provoziert: „Am Ende des Tages äußere ich nur meine Meinung und erzähle Witze – deswegen um meine Sicherheit fürchten zu müssen, ist absurd.“
Moritz Neumeier ist Standup-Comedian. Er ist jung und frech und links. Im Online-Portal FUNK, in dem sich der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk Deutschlands aus ARD und ZDF zu einem gemeinsamen Aufbruch in digitale Formate aufgemacht hat, wurde ihm eine eigene Sendung ermöglicht: „Auf einen Kaffee mit Moritz“. Sie knüpft an seinem YouTube-Kanal „Auf eine Zigarette mit Moritz“ an.

Wird der Unbequeme bürgerlich?

Schon der Wechsel vom Nikotin zum Koffein konnte die Befürchtung aufkommen lassen, nun würde alles, was bislang hart an der Schmerzgrenze des halbwegs guten Geschmacks und der Political Correctness verlief, von bürgerlicher Seichtigkeit domestiziert. Für diese Befürchtung liefert er selbst einiges Material: Immer wieder erzählt er von der Ehefrau und den Kindern, vom Eigenheim und anderen Indikatoren einer doch recht bürgerlichen Existenz.

Keine Angst vor heißen Eisen

Doch die Befürchtungen erweisen sich als unbegründet. Moritz kommentiert in der eigenen Sendung seit fünf Jahren aktuelle gesellschaftliche Themen, allerdings nur die, die ihn auch persönlich interessieren und treffen: „Es gibt kein Thema, dass mir zu kontrovers wäre oder zu heiß.“ Er seziert das Gebaren des Konzerns Nestlé. Er setzt sich mit der Müllabfuhr auseinander und plädiert für das Bedingungslose Grundeinkommen. Den altvordern Männlichkeitsvertretern erklärt er, dass sie keine Angst vor einem Gender-Sternchen, vor queeren Verhaltensweisen oder vor starken Frauen haben müssen. Er fordert ein Verbot von Böllern an Silvester. Dass all das nicht in abstoßenden Moralismus abrutscht, ist einerseits seinem Humor zu verdanken. Aber nicht nur dem. Denn Moritz vertritt nicht nur Standpunkte, sondern er diskutiert sie.

Moritz diskutiert Themen

Fiktive Einwände und reale Protestmails kommen bei ihm genauso vor, wie die eigene Suche in der Meinungsbildung. Das umfasst auch Eingeständnisse eigener Schwächen. So ist das Ringen mit den blöden Raketen und Böllern mit dem deutlichen Eingeständnis verbunden, selbst großen Spaß daran zu haben. „Das ist doch nicht links, das ist doch logisch!“ – diese Ansage fungiert als Mantra und treibt seinen Kritiker*innen den Schaum vor den Mund.

Religion? Nur im Privaten und ohne jede Kooperation

Gegenüber religiösen Fragen ist Moritz tolerant, aber mit ihren institutionellen Formen kann er nichts anfangen. So vertritt er das Ideal einer laizistischen Gesellschaft: „Ich selbst glaube nicht an einen Gott, beschäftige mich aber auch nicht damit, ob es einen gibt. Es spielt für mein persönliches Leben absolut keine Rolle.“ Wo er auf Kirchliches trifft, können seine Beobachtungen weh tun. Seine Plädoyers gegen jeden kirchlichen Einfluss auf gesellschaftliche Fragen, rüttelt an etablierten Formen der Einflussnahme und ist schon deshalb zu diskutieren, weil sich darin mittlerweile viele Menschen in Europa wiederfinden können. Nach einem Besuch des St. Martinsumzugs mit seinen Kindern ist er nicht nur genervt, sondern singt selbst das Martinslied neu. Bei ihm wird es zum Protest des Bettlers, der vom wohlhabenden Soldaten wenigstens das halbe Pferd fordert und zum gesellschaftlichen Umsturz aufruft.

Das Martinslied wird zum revolutionären Akt

Wie häufig sich mittlerweile der Rundfunkrat mit Beschwerden über seine Sendung beschäftigen muss, bleibt wohl sein Geheimnis. Das Video ist legendär, wer es gesehen hat, wird am Martinstag mit den Kindern kaum noch unbedarft die Laterne hervorholen können. Mit Charme und Witz entlarvt sein alternatives Martinslied die Verlogenheit all derer, die eben ein bisschen teilen wollen, um nicht die wirkliche Ungerechtigkeit bearbeiten zu müssen. Hier wird entlarvt, bis das Lachen im Halse stecken bleibt. Moritz kann weh tun.

So könnte öffentliche Rede heute funktionieren

Warum sollten sich Theolog*innen für diese Polit-Satire interessieren? Weil hier einer spricht, der mit einer Wachheit Fragen wahrnimmt, wie man es sich für kirchliche Akteur*innen wünschen würde. Moritz Neumeier spricht nicht nur, er diskutiert innerhalb des Monologs. Er beweist damit, dass man Dialoge nicht nur ankündigen und inszenieren, sondern sogar ernst nehmen und zur Haltung entwickeln kann. Er greift Themenvorschläge und kritische Rückmeldungen auf, lässt gegenteilige Meinungen in seine Statements einfließen und setzt sich mit ihnen mal ernsthaft, mal ironisch auseinander. Und er macht in all dem einen Weg der Meinungsfindung sichtbar, statt fertige Positionen zu präsentieren.

Bei Moritz könnten Theolog*innen viel lernen

Hier spricht einer ohne den arroganten Habitus des Wissenden. Hier spricht einer mit Witz, der auch über sich selbst lachen kann – das hat nicht nur, aber auch im Spektrum religiöser Akteur*innen Seltenheitswert und wäre doch so wohltuend. Moritz Neumeier steht für eine Form öffentlicher Kommunikation im 21. Jahrhundert. Er zeigt dabei, dass in der Welle der Comedy-Mode nicht nur Oberflächliches zu finden ist, wie von Kritiker*innen gerne behauptet wird. Was er tut, ist ziemlich klug und eine kreative Form, gesellschaftliche Themen zu bearbeiten.

Was er sagt, hat Relevanz

Dass er gleichermaßen bejubelt und angefeindet wird, ist möglicherweise ein Indiz für das Gelingen seines Auftritts. Obwohl es ihn selbst nicht in politische Ämter zieht, zielen seine Auftritte auf mehr, als nur auf Unterhaltung ab. Es geht um Wirksamkeit des Auftretens, eine Kategorie, die in kirchlicher Verkündigung meist von Richtigkeiten verdrängt ist. Da steht einer jede Woche vor der Kamera – nett und böse und witzig und hart – von dem zu lernen wäre. Gegenstand von Predigtausbildung ist er bereits. Vielleicht verabreden sich ja auch die Bischöf*innen kirchenübergreifend mal zum gemeinsamen YouTube-Schauen. Aber Achtung: es könnte schmerzen.
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Autor: Wolfgang Beck, Mitglied der feinschwarz-Redaktion, Lehrstuhl für Pastoraltheologie und Homiletik an der PTH Sankt Georgen, Frankfurt/M. 

Foto: DanielDIttus.com

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