Leonardos „Letztes Abendmahl“. Vom Verrat zu Konvivialität und künstlerischer Verwandlung

Fest im kulturellen Gedächtnis verankert ist Leonardo da Vincis Darstellung des letzten Abendmahls. In immer neuen Verwandlungen und Umgestaltungen zeigt sich seine prägende Kraft. Zum 500. Todestag Leonardos spürt Jakob Deibl der wechselvollen Geschichte des Werkes nach.

Das Werk Leonardo da Vincis (1452-1519) reicht in jenes Jahrhundert hinein, in welchem sich Renaissance und Reformation überlagern und das neben Leonardo und Luther noch viele andere Persönlichkeiten von epochaler Bedeutung kennt: Kopernikus, Tizian, Michelangelo, Erasmus von Rotterdam … Im Folgenden geht es um einen entscheidenden Beitrag Leonardos, der seit einem halben Jahrtausend die europäische Geschichte begleitet. Mit der Darstellung des letzten Abendmahls (Il Cenacolo) ist es Leonardo gelungen, ein Motiv zu gestalten, das über kulturelle, zeitliche und räumliche Grenzen hinweg zu einer prägenden Form geworden ist.

Ein Motiv, das über kulturelle, zeitliche und räumliche Grenzen hinweg reicht.

Bevor ich darauf eingehe, wende ich mich jedoch Martin Luther, einem Zeitgenossen Leonardos, zu. Dabei soll nicht ein Vertreter der Reformation gegen einen Vertreter der Renaissance in Stellung gebracht werden, sondern es soll die Bedeutung zweier großer Gestalten einer in sich vielschichtigen Zeit des Übergangs zur Moderne angedeutet werden.1

Luther vermochte mit der Frage nach dem gnädigen Gott („Wie kriege ich einen gnädigen Gott?“) den Sorgen und Ängsten einer Epoche einen Ausdruck zu geben. Eine Antwort fand er in der Lektüre des Römerbriefes, die es ihm ermöglichte, die Rechtfertigungslehre zu formulieren. Mit dem Terminus der Rechtfertigung konnte Luther zum letzten Mal für Jahrhunderte mit einem theologischen Begriff das Denken, Fühlen und Wahrnehmen einer Epoche bündeln und strukturieren. In den folgenden Jahrhunderten waren es nicht mehr theologische Begriffe, Motive oder Konzepte, welche zu den prägenden Leitideen wurden – Freiheit, Entwicklung, Fortschritt, Energie etc. sind Begriffe, die ihre Plausibilität anderen Diskursen verdanken.

Luther stellt einen Endpunkt dar, indem er zum letzten Mal aus theologischer Sicht einen Ausdruck für eine Epoche finden konnte. Die katholische Konfession konnte eine derartige Prägekraft in einem Begriff nicht mehr entfalten (der Barock war ein in sich differenzierter, höchst vielschichtiger Stil, dessen Merkmal eher die je neue Vielfalt ist). In diesem Panorama kann man Leonardos Cenacolo deuten. Nicht in einem Begriff wie Luther, sondern in einem Motiv gelang es ihm, einen Ausdruck zu schaffen, der bis in unsere Zeit eine strukturierende Bedeutung entfaltet.

Verfall und Beschädigungen, aber auch Rettungs- und Restaurierungsversuche.

Leonardo schuf das Letzte Abendmahl in den letzten Jahren des 15. Jahrhunderts, als er in Mailand lebte und für Herzog Ludovico Sforza arbeitete. Es handelt sich um ein Wandgemälde im Speisesaal des Dominikanerklosters Santa Maria delle Grazie, welches Jesus im Kreis der Apostel zeigt. Zu sehen ist der Moment der Bestürzung, nachdem Jesus seinen bevorstehenden Verrat angekündigt hat (Mt 20,21f; Mk 14,18f; Joh 13,21-24; Lk 22,21-23). Bald nach der Fertigstellung des Gemäldes beginnt seine wechselvolle Geschichte des Verfalls, der Beschädigungen wie der Rettungs- und Restaurierungsversuche (zum Schaden wie zum Nutzen des Bildes). Letztere sind auch ein Spiegel des jeweiligen Umgangs mit bedrohten Kunstwerken in bestimmten Epochen. Heute lässt sich die ursprüngliche Qualität des Bildes nur mehr erahnen.

Zur wechselvollen Geschichte des Gemäldes gehört auch eine unermessliche Zahl an Kopien, die von höchster Kunst bis zum verfremdeten Sujet in der Werbung, von künstlerischer Provokation zum frommen Andachtsbild, vom Kupferstich zum Photo, von der Zeichnung zum Mosaik, vom Gobelin zum Relief, von der Plastik zur Performance, von der Parodie im Internet zum Roman und zum DVD-Cover reichen.

Von höchster Kunst bis zur Parodie: eine unermessliche Zahl an Kopien.

Die ersten Kopien stammen noch aus der Werkstatt Leonardos und befinden sich heute in der belgischen Abtei Tongerlo und in der Royal Academy of Arts in London. Sie geben einen Einblick, wie das stark verblasste Gemälde ausgesehen haben könnte. Rembrandt nimmt in den 1630er Jahren Leonardos Gemälde in mehreren Zeichnungen zum Vorbild. Giacomo Raffaelli fertigt zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine großartige Kopie in Originalgröße als Mosaik an, das sich heute in der Minoritenkirche in Wien befindet.

Wien Minoritenkirche. Detail Cenacolo-Mosaik
Foto: Alberto Fernandez Fernandez cc-by-sa 3.0 cc-by 2.5

Andy Warhols letzte Serie an Arbeiten nimmt vom Cenacolo ihren Ausgangspunkt und lässt dieses in einer Fülle von neuen Darstellungen und Kontexten begegnen – in Vervielfältigungen des gesamten Bildes, in Ausschnitten und farbigen Überblendungen, teilweise versehen mit aus der Werbung vertrauten Logos bestimmter Marken. In The Last Supper (Camel/57) sind in die skizzenhafte Interpretation von Leonardos Gemälde das Logo von Camel und die Zahl 57 (Kennzahl einer Ketchup-Marke) integriert.

Reproduktionen in unzähligen Häusern prägten die Wahrnehmung von Menschen aller sozialen Schichten.

Bis vor wenigen Jahrzehnten waren Reproduktionen des Cenacolo in unzähligen Häusern des deutschsprachigen Raumes (zumindest im katholischen Milieu) anzutreffen und wurden von den Menschen täglich gesehen. So hat es wie kaum ein anderes Bild für Jahrhunderte die Wahrnehmung von Menschen aller sozialen Schichten geprägt. Wenn auch diese Darstellungen heute weitgehend aus den Häusern verschwunden sind, hat das Gemälde seine prägende Kraft nicht verloren. Dafür seien zwei Beispiele angeführt:

Der Jugendmedienpreis 2017 der Diözese Rottenburg Stuttgart prämierte ein mit Das letzte Abendmahl betiteltes Bild der Gruppe Die Jünger unter der Leitung von Sylvia Engwer. Es handelt sich um die Photographie einer Szene, in welcher das Letzte Abendmahl mit Personen nachgestellt ist. Das Bild teilt sich in zwei Hälften, wobei die Figuren auf der linken Seite in freier, ungezwungener Weise miteinander kommunizieren und das Mahl als Fest begehen; die Szenerie auf der rechten Seite hingegen lässt auf eine atomar verstrahlte Welt schließen, welche die Figuren in Schutzkleidung auftreten lässt, ohne Kommunikation miteinander und ohne Interesse am aktuellen Geschehen. Jesus ist zweigeteilt, zerrissen von zwei Welten, in der Mitte.

Copyright: Katholischer Jugendmedienpreis 2017 der Diözese Rottenburg-Stuttgart: „Die Jünger“, ein Gruppenprojekt von sechs SchülerInnen der katholischen Fachschule für Sozialpädagogik Stuttgart unter der Leitung von Sylvia Engwer.

Viele Wiederaufnahmen des Motives besetzen die Figuren ganz oder teilweise um – als gäbe Leonardos Cenacolo eine Schablone für beliebig auswechselbare Gestalten ab. Erhalten bleibt dabei fast immer die Grundstruktur: zwei Dreiergruppen von Figuren auf der linken Seite || Jesus || zwei Dreiergruppen auf der rechten Seite. Häufig orientieren sich auch die Gesten am Original, wie etwa das in der Wiener Schule BRG 18 als Gemeinschaftsprojekt entstandene Wandgemälde Das letzte Abendmahl 2.0 zeigt. Es scheint, als hätte Leonardo ein Register an Gesten geschaffen, die sich tief in unsere Wahrnehmung eingeschrieben haben: die Art und Weise, wie sich – links von Jesus – Petrus dem Johannes zuneigt und ihm eine Frage stellt, der erhobene Finger des Thomas rechts von Jesus, die deutenden Handbewegungen von Matthäus, Thaddäus und Simon am rechten Bildrand etc.

Wandbild Bundesrealgymnasium 18, Wien
3 x 4,5 m, Acryl auf grundierter Mauer
(c) Nicole Krenn, Bildtitel: Letztes Abendmahl 2.0

Während die Decke unverändert erscheint, sind an den Wänden statt der Tapisserien andere Bilder angebracht, eines im Stil von Piet Mondrian, ein anderes zeigt Jan Vermeers Mädchen mit dem Perlenohrring. Die Fenster im Hintergrund geben einen Blick auf die Donau bei Wien frei. Der beschädigte, verblasste Charakter des Originalbildes bleibt wie in vielen verfremdeten Darstellungen nicht erhalten, als würde die Verfremdung des Sujets gleichzeitig mit dem Willen zur Restaurierung des Bildes einhergehen.

In beiden zuletzt beschriebenen Bildern setzen sich Jugendliche mit Leonardos Gemälde auseinander und transferieren es in neue Kontexte. Das beim Jugendmedienpreis prämierte Bild weist mittels des Cenacolo auf die atomare Bedrohung hin. Das letzte Abendmahl droht zum letzten Mahl vor der atomaren Vernichtung zu werden. Im Bild der Wiener Schule wird das Mahl zum Ausdruck beginnender interkultureller Verständigung. Beide Aussagen sind in Leonardos Gemälde ursprünglich nicht enthalten, reichern dieses vielmehr an.

Nicht als Sinnbild für Verrat, sondern für das convivium (Ivan Illich) wurde Leonardos Bild ins kulturelle Gedächtnis übernommen.

Das Motiv des Verrates, welches Leonardo in den Mittelpunkt rückt, tritt in den verfremdenden Darstellungen (auch in den bissigsten Persiflagen) meist gegenüber den Motiven des Zusammenseins an einem Tisch, der Versammlung um eine Person als Mittelpunkt und des gemeinsamen Essens und Trinkens ganz zurück. Nicht als Sinnbild für Verrat, sondern für das convivium (Ivan Illich) wurde Leonardos Bild ins kulturelle Gedächtnis übernommen.2 Vielleicht zeigt sich im Übergang vom Verrat zur Konvivialität, wie er sich in der kulturellen Aneignung des religiösen Bildes vollzogen hat, auch eine tiefe Sehnsucht …

Leonardo ist es gelungen, Formen zu schaffen, die immer neu besetzt werden und neue Bedeutungen annehmen können. Das Cenacolo stellt noch immer eine Inspiration dar und vermag immer wieder neu in unvorhersehbare Verwandlungen einzugehen. Darin hat es wohl einzigartige Bedeutung.

 

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Jakob Deibl ist habilitierter Fundamentaltheologe, wissenschaftlicher Manager des Forschungszentrums Religion and Transformation in Contemporary Society sowie wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Systematische Theologie im Fachbereich Theologische Grundlagenforschung an der Katholisch-Theologischen Fakultät  der Universität Wien.

Bild: Wikipedia (gemeinfrei)

 


 

  1. Vgl. dazu die Arbeiten von Hans Schelkshorn, zuletzt: Ders. / Herman Westerink (Hg.), Reformation(en) und Moderne. Philosophisch-theologische Erkundungen (Religion and Transformation in Contemporary European Society 12), Göttingen 2017.
  2. Für diesen Hinweis danke ich Isabella Bruckner.
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