Das Christentum als Beruhigungspille

Der bosnische Theologe Alen Kristic nähert sich dem Phänomen des „Christlichen“ kritisch und poetisch an.

Das Christentum als Beruhigungspille

Tragischer als alles andere ist, dass wir aus dem Christentum ein Beruhigungsmittel für die tödliche „Stilllegung“ alles Gewagten, Abenteuerlichen, Leidenschaftlichen und Erotischen gemacht haben.

Ganz einfach, alles Menschlichen!
Alles was der Kontrolle und Vorhersehbarkeit entgleitet!
Alles was Adrenalin auslöst und die zu Stein gewordenen Horizonte auflockert!

Denn das Christentum ist – gerade weil es keine Religion, sondern Glaube ist, wie es Dietrich Bonhoeffer sagte, ein neues Leben – vor allem als das Schreiten auf aufgewühlter Hochsee gedacht.

Es sollte das Leidenschaftlichste, Erotischste, Risikoreichste unter dem Firmament sein.

Das Christentum sollte das Leidenschaftlichste, Erotischste, Risikoreichste unter dem Firmament sein.

Und nun, nachdem wir das Christentum zum Medikament für Kontrolle und zum Ersticken der zahlreichen Facetten und Farben des üppigen menschlichen Wesens degradiert haben, wundern wir uns erschrocken, warum das Christentum – auf jeden Fall seine offiziellen Strukturen – alle Freigeister verlassen haben.

Alle Menschen die sich nach Abenteuer und Adrenalin sehnen.
Alle Menschen die sich nach einem prallen Leben, mit all seinen Höhen und Tiefen, sehnen.
Alle größten Philosophen, alle genialen Künstler, alle Schriftsteller mit einer unzähmbaren Fantasie.

Neurotisch wundern wir uns, warum das historische Christentum immer wieder als zu eng empfunden wurde, von wahrhaftig denkenden Theologen und Mystikern, die ihr Denken nicht für geheizte Ordensgemächer und Kapitelzimmer kastrieren wollten, die von einem die Einwilligung für die blinde und lebenslange Hörigkeit abverlangen.

Einen Zufluchtsort der Freiheit fanden sie häufig gerade in der Philosophie, Kunst und Literatur.

Oder wir empören uns darüber, dass junge Männer und Frauen, die zu Recht Lust auf Abenteuer und Adrenalin haben, sich in allen Ecken der Welt so leicht vor Militärbefehlshabern und fundamentalistischen Agitatoren verneigen, sogar dann, wenn sie Unschuldige und Hilflose umbringen sollen, um sich wenigstens einen Augenblick lang der düsteren Vorhersehbarkeit zu entziehen.

Und schuld sind eigentlich wir, weil wir es versäumten zu zeigen, dass das Christentum ein weit erotischeres und von Adrenalin durchdrungenes Abenteuer ist, als das militaristisch-fundamentalistische Angebot, falls es wie ein neues Leben realisiert wird, in dem das Subversive gewaltfrei und revolutionär seinen Platz findet – zum Beispiel in der Form einer gewaltfreien Konfliktlösung oder einer gewaltfreien Auflösung von ökonomischen Strukturen der unmenschlichen Globalisierung.

Nein, das Christentum wurde nicht ursprünglich als der reine Schutz für Schwächlinge gedacht oder zur Sakralisierung unserer Engen, und der Angst vor Mehrdeutigkeit vor uns selbst und der Welt um uns, sondern sowohl als das Schreiten über dem aufgewühlten Meer, als auch das Segeln auf offener See.

Die einzige Sünde ist, das eigene Leben nicht zu leben.

Segelt endlich davon aus den Gefängnissen eures Lebens, aufs offene Meer, sogar dann, wenn euch die Zertifikate dieser oder jener Geistlichen, die Erlasse dieser oder jener politischen Agitatoren sagen, diese Gefängnisse seien gottgegeben.

Atmet das Leben ein, wascht von euch das Schuldgefühl, lebt aus der Fülle eures ganzen Wesens, entsagt euch nicht von Mitgefühl, Leidenschaft, Eros.

Die einzige Sünde, falls diese Kategorie nach allem Missbrauch überhaupt noch akzeptabel ist, ist es, das eigene Leben nicht zu leben.

Zum Antlitz der himmlischen Mutter – oder des Vaters – zurückzukehren, ohne gelebt zu haben, ohne einen einzigen Augenblick entschlossen und frei gehandelt zu haben – jenseits des Schuldgefühls und der Fesseln der lieblosen Rechnung.

Deutsch aus dem Kroatischen von Hana Stojić 

Alen Kristić, geboren 1977 in Sarajevo, ist Mitbegründer der Ausgabe für Kroatien und Bosnien und Herzegowina der internationalen theologischen Zeitschrift „Concilium“.

Beitragsbild: 154137_web_R_K_by_Klaus-Uwe-Gerhardt_pixelio.de_

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