Das Evangelium der Maria von Magdala

Albani Psalter: Maria von Magdala Albani Psalter: Maria von Magdala

Am Sonntag beginnt das neue Lesejahr in der katholischen Kirche – diesmal mit dem Leitevangelium Markus. Der Jesuit Elmar Mitterstieler blickt auf eine zentrale Figur am Schluss des Evangeliums: Maria von Magdala, und skizziert die wesentlichen biblischen Aussagen zur „Apostelin der Apostel“.

Zu Beginn des sekundären Abschlusses des Markusevangeliums lesen wir:  „Als Jesus am frühen Morgen des ersten Wochentages auferstanden war, erschien er zuerst Maria aus Magdala, aus der er sieben Dämonen ausgetrieben hatte. Sie ging und berichtete es denen, die mit ihm zusammen gewesen waren und die nun klagten und weinten. Als sie hörten, er lebe und sei von ihr gesehen worden, glaubten sie es nicht.“ (Mk 16,9-11)

Wir wissen um die Bedeutung dieser Frau als eine Nachfolgerin/Jüngerin Jesu.

Die Frau

Wir wissen nicht, was genauer mit den „sieben Dämonen“ gemeint ist. Höchst betrüblich und entwürdigend entstand daraus mit sich verselbständiger Einbildungskraft im Laufe der Kirchen- und Kunstgeschichte in Wort und Darstellung das Bild einer Dirne und entblößten Büßerin und prägte sich so, leider oft nur allzu gerne, der Fantasie und dem Bewusstsein vieler nachhaltig ein. Sehr wohl jedoch wissen wir um die Bedeutung dieser Frau als eine Nachfolgerin/Jüngerin Jesu, die ihm besonders nahestand und seit dem Ende des 2. Jahrhunderts wegen ihrer Stellung im Ostergeschehen mit dem Ehrennamen „apostola apostolorum“, d.h. „Apostelin der Apostel“ benannt wurde. In der Ostkirche samt ihren Gefährtinnen durch die Jahrhunderte deutlicher gefeiert, wird sie nun erst in unseren Tagen endlich durch Papst Franziskus mit einem apostelgleichen Fest gewürdigt.

Jedoch scheint auch hier die einzigartige Osterbotschaft der Maria von Magdala an die Jünger wie ungehört zu verhallen.

Nicht nur ist sie eine der Jesus mit großer Hingebung nachgefolgten Frauen und gehört zu jenen Frauen, die als Erste „am frühen Morgen des ersten Wochentages … als eben die Sonne aufging“ mit Salben zum Grab des Gekreuzigten gekommen waren; die dort die Osterbotschaft der Engel mit Auftrag an die Jünger erhalten hatten und denen daraufhin (Mt 28,9f) der Auferstandene selbst als Ersten begegnete und ihnen nochmals denselben Verkündigungsauftrag erteilte. In unserem Markustext mit dem „erschien er zuerst“ ausgezeichnet, nimmt sie unter diesen Frauen, ja unter der ganzen Jüngerschaft nochmals eine besondere Stellung ein, wie vor allem das Johannesevangelium bezeugt. Der Unglaube der Jünger ihrem und ihrer aller Zeugnis und Botschaft gegenüber manifestiert sich auch bei Lukas im zaghaften Glauben der Jünger und überdeutlich darin, dass „die Apostel alles“, was die Frauen berichteten, „für Geschwätz hielten und ihnen nicht glaubten“ (Lk 24,11). Er findet sich bei Johannes nicht. Jedoch scheint auch hier die einzigartige Osterbotschaft Maria von Magdalas an die Jünger bei ihnen, Jesu „Brüdern“, wie ungehört zu verhallen.

Die beiden sind das neue Paradieses-/Menschenpaar.

Die Osterbegegnung

Die erste Begegnung Jesu, des Auferstandenen, mit den Seinen gilt einer Frau, Maria von Magdala. Ihre Begegnung Joh 20,11-18 findet in einem Garten statt, in dem Garten und bei dem Grab, in dem er bestattet worden war (vgl. Joh 19,41). Ein Garten war es auch, in dem sich am Schöpfungsmorgen die ersten beiden Menschen befanden. Er ging verloren und ist nun neu und wiedergefunden. Ein neuer Schöpfungsmorgen ist angebrochen. Die beiden sind das neue Paradieses-/Menschenpaar, das sich hier, in unmittelbarer Kreuzesnähe, im neuen Paradiesesgarten gefunden hat. Sie suchen einander. Beide, Maria und Jesus, sind initiativ: sie im verzweifelten Suchen nach ihm und er im beharrlichen Zugehen auf sie. Das erlösende, den Bann des Todes lösende Wort, zart erinnernd, spricht er: „Maria!“ Und gleich darauf sie: „Rabbuni!“ Die Nähe, die vertraute, ist wiederhergestellt – unfassbar, nach allem, was war. Un-fassbar aber auch im wörtlichen Sinn: „Halte mich nicht fest; denn ich bin noch nicht zu meinem Vater hinaufgegangen.“ Innig verkostendes Verweilen ist jetzt noch nicht möglich. Denn sie haben sich nicht nur für sich selbst gefunden. Es wartet da noch ein Auftrag, auf ihn und auf sie. Er muss noch seinen Weg, sein Evangelium zu Ende führen, und sie soll dieses nun sich Vollendende verkünden. Was sich gerne wie eine Romanze (übrigens eine der schönsten der Weltliteratur) liest und betrachtet und künstlerisch darstellt und verfilmt, gipfelt in Wahrheit in der Verkündigung des Osterevangeliums durch Maria von Magdala.

Wir alle, von gleicher Abstammung wie Jesus selbst, von gleicher Würde, wir mit ihm gleichgestellt und derselben Familie Gottes zugehörig, gleich geliebt wie er.

Ihre Botschaft

Dieser ihrer Botschaft, die – so mein deutlicher Eindruck – immer noch zu wenig gehört und auf ihren vollen Gehalt hin bedacht wird, wollen wir uns nun zuwenden. Das Evangelium der Maria von Magdala, die Botschaft, die Jesus ihr seinen Jüngern zu verkündigen aufträgt, ist der Inbegriff der Osterbotschaft, ja des ganzen Evangeliums. Es ist eine neue Genealogie, ein neuer Stammbaum, eine neue Schöpfung, deren Verkündigung hier von dieser Begegnung im Garten ihren Anfang nimmt. „Halte mich nicht fest“ ist Hinweis darauf, dass das Wichtigste noch kommt: „Geh vielmehr zu meinen Brüdern, und sag ihnen: Ich gehe hinauf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott.“ Es ist ein Wort der Erfüllung, ein Wort sich nun vollendender Gemeinschaft, wie es Jesus im ganzen Johannesevangelium noch nie gesprochen hat: Mein Vater ist ebenso euer Vater, mein Gott ist ebenso euer Gott. Da kann und muss man ja zuerst einmal den Atem anhalten. Welche Gemeinschaft, welche Gleichstellung, welche Eben(ge)bürtigkeit! Jetzt, nachdem alles vollbracht ist, ist offenbar: Wir gehören so sehr zu Jesus, dass wir mit ihm denselben Vater haben – der auch, so dürfen wir heute durchaus sagen, unsere Mutter ist, weil er uns in/mit Jesus nicht nur geschaffen, sondern mit gleicher Liebe von Anbeginn geboren und neu geboren und mit demselben Geist belebt und tränkt und nährt und gesalbt hat. Deshalb nennt Jesus hier seine Jünger, die er schon Freunde genannt hatte, ausdrücklich seine „Brüder“. Wir sind also, als eine einzige Familie, seine mit ihm gleich geliebten, gleichgestellten und ebengebürtigen Geschwister, Schwestern und Brüder. Mit aller Deutlichkeit sagt das auch der Hebräerbrief: „Denn er, der heiligt (d.h. Jesus), und wir, die geheiligt werden (d.h. wir alle) stammen alle von Einem ab; darum scheut er sich nicht, sie Brüder zu nennen“ (2,11). Wir alle, von gleicher Abstammung wie Jesus selbst, von gleicher Würde, wir mit ihm gleichgestellt und derselben Familie Gottes zugehörig, gleich geliebt wie er – ja noch mehr, denn er hat sich und wurde für uns alle hingegeben.

Sie sollte es sein, die uns die Erfüllung unserer tiefsten Lebenssehnsucht verkündet: als „Apostelin der Apostel“.

„Ich gehe hinauf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott.“ Dies ist das Evangelium im Osterevangelium. Und es ist, so meine ich, das Evangelium im Evangelium überhaupt, das seinen Jüngern, den Aposteln zu verkünden Jesus der Maria von Magdala in apostelgleicher Sendung aufgetragen hat. Ostern ist, wie unser Glaube sagt, neues und nicht endendes Leben, für Jesus selbst und für uns alle. Welche Gestalt jedoch und welchen Gehalt dieses neue Leben hat, was dieses Leben meint, welche unermessliche Fülle, welches Glück, welche Gemeinschaft und welche unauslöschliche Freude darin strömt: das erfahren wir endgültig in jener Frohen Botschaft, die Jesus dieser ihm einzigartig verbundenen Frau anvertraut hat.

Albani Psalter: Maria von Magdala
Albani-Psalter: Maria von Magdala verkündet den Jüngern

Sie sollte es sein, die uns die Erfüllung unserer tiefsten Lebenssehnsucht verkündet: als „Apostelin der Apostel“ den Aposteln zunächst und mit ihnen zugleich uns, seinen Jüngern und Jüngerinnen, seinen Brüdern und Schwestern allen, damals wie heute, der ganzen Kirche und darüber hinaus; damit die Osterfreude uns zutiefst erfüllt und wir sie geschwisterlich leben und nah und fern in unserer Welt weiterschenken.

Konsequenzen

Wie lange wird es noch dauern, bis diese von Jesus mit apostelgleicher Sendung betraute Frau in ihrer Bedeutung als „Apostelin der Apostel“ in ihrem Dienst, insbesondere in Bezug auf das Amt in der Kirche, von uns in unserer Kirche richtig eingeschätzt wird? Sie und mit ihr zugleich die übrigen österlichen Frauen, denen die Osterbotschaft an die Jünger anvertraut war und deren Zeugnis und ganze Verkündigung die Apostel für Geschwätz hielten (s.o.)? Und mit ihnen zugleich so viele Frauen unter uns, die sich in Ihren Berufungen nicht ernstgenommen und nicht anerkannt erleben?

Autor: P. Elmar Mitterstieler SJ, Wien, widmet sich der geistlichen Begleitung, Einzelexerzitienbegleitung und schriftstellerischen Tätigkeit in Spiritualität und Theologie.

Beitragsbild: Wikipedia (gemeinfrei)

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