Eine verstummende Stimme im Missbrauchskampf? Laudatio und Klage

Missbrauch Schweigen

Der Kampf um die Aufklärung von Missbrauch ist mühsam und geht an die Substanz. Eine selbst Betroffene würdigt eine verstummte Stimme in diesem Kampf.

Am 19.11.2020 hat  eine Frau still und leise ihren über Jahre betriebenen Blog für Missbrauchsaufklärung und -information stillgelegt. Sie hat aufgehört, mit ihrem Blog Licht in die Abgründe der Katholischen Kirche zu bringen, wo Missbrauch geschieht und kirchliches Führungspersonal die Übernahme seiner Verantwortung verweigert.

Mit der Beendigung des Blogs Missbit, Missbrauch im Bistum Trier verlieren nicht nur die Betroffenen in Trier, sondern deutschlandweit und vielleicht auch über die deutschen Grenzen hinaus ein wichtiges Sprachrohr.

Die Betreiberin musste diese Arbeit beenden, weil sie durch den „Nichtumgang“ kirchlicher Verantwortungsträger, den sie selbst wie viele andere wiederholt erfahren hat, erneut re-traumatisiert wurde, wie sie selbst schreibt.

Der Weg der Aufarbeitung konnte nur gelingen, indem ich lernte zu sprechen, meine Erfahrungen in Worte zu bringen und mein Leid hinauszuschreien.

Auch ich zähle zu den Betroffenen, und es ist für mich essentiell, mit diesem Beitrag auf den Verlust der öffentlichen Präsenz und Arbeit der Blogbetreiberin hinzuweisen.

Ich selbst wurde als Jugendliche von einem Kleriker des Bistums Würzburgs missbraucht. Die ersten Flashbacks kamen 2008. Lange konnte ich mit keinem Menschen darüber sprechen. Es begann ein mühsamer Weg der Aufarbeitung, der nur gelingen konnte, indem ich lernte zu sprechen, meine Erfahrungen in Worte zu bringen und mein Leid hinauszuschreien.

Es gab und gibt viele Momente in meinem Leben, in denen ich denke, es geht nicht mehr weiter, ich ertrage diese Schmerzen, die mich innerlich zerreißen, nicht mehr.

Das Leid wurde sehr oft vergrößert durch die, die es sich auf die Fahne geschrieben haben, das Leid zu lindern – nach außen – und doch im tiefsten Inneren das tun, was sie von Anbeginn getan haben: die Verbrecher in ihrer Mitte zu schützen.

2016 war ich an einem solchen Tiefpunkt. Das Kirchenrechtsverfahren wurde zu meinen Ungunsten niedergelegt und mein Vater, der katholischer Diakon ist, wurde ohne Nennung eines Grundes entpflichtet. Der Täter sagte nach der Tat zu mir: „ Solltest Du jemals sprechen, dann sorge ich dafür, dass dein Vater niemals Diakon wird oder bleibt.“ Diese Drohung des Täters hatte sich an diesem Tag bewahrheitet.

Ich hatte an diesem Tag die Möglichkeit, allen Impulsen nachzugeben und diesem unsagbaren Leid, dieser Hölle an Schmerz zu entkommen, der das Innerste zerreißt, und meinem Leben ein Ende zu setzen – oder zu schreien.

Ich entschloss mich, dies laut zu tun. Ich wollte an die Öffentlichkeit.

Sie hat mich vor allem gelehrt, indem sie ihre eigene Geschichte und ihren Leidensweg mit mir geteilt hat, mich selbst auch mitzuteilen.

Schon Wochen vorher war ich immer wieder auf einem Blog, von Missbit. Dort wurden alle Artikel über Missbrauch chronologisch geordnet Tag für Tag online gestellt. Das jeweilige Geschehen wurde auch sehr sensibel, sehr wahrhaftig und sehr klug kommentiert. Ich entschloss mich, mich an diese Frau zu wenden, um sie um Rat zu fragen, wie ich mit meiner eigenen Missbrauchsgeschichte an die Öffentlichkeit gehen kann.

Und sie hat mir geholfen. Sie hat mir nicht nur geholfen, gute Kontaktpersonen zu finden, die mit mir meine Geschichte öffentlich machten. Sie hat mich vor allem gelehrt, indem sie ihre eigene Geschichte und ihren Leidensweg mit mir geteilt hat, mich selbst auch mitzuteilen.

Sie war in dieser Zeit in unzähligen Telefonaten und WhatsApp für mich erreichbar.

Sie hat meine Not geteilt. Währenddessen hat sie in  meinem Fall recherchiert, hat Dokumente mit mir gelesen, die ich ohne sie nicht hätte lesen können, da die Kraft gefehlt hat.

Dies alles hat sie nicht nur für mich getan, sondern für viele andere Betroffene sexualisierter Gewalt.

Sie ist auch auf die Straße gegangen, um Missstände aufzuklären. Sie hat Videoclips online gestellt, um Bischöfe direkt zu konfrontieren. Für all das hätte sie schon längst das Bundesverdienstkreuz verdient. Die Wahrheit aber ist, dass sie wegen ihrer fantastischen Arbeit sogar mit Unterlassungsklagen kämpfen musste und sogar mit Drohungen der Täter. Das hat sie nicht daran gehindert, weiter zu kämpfen.

Ihre Initiative zum Totengedenken für Betroffenen, die es nicht geschafft haben und sich das Leben nahmen, hat getröstet und sie hat wach gerüttelt.

Denn diese Frau hat in einer feinen, hochsensiblen Sprache in großer Zärtlichkeit und Zartheit es verstanden, das Unsagbare in Sprache zu fassen. Ebenso wie sie umgekehrt, in einer messerscharfen, harten Präzision, die Machenschaften der Amtsinstitution Kirche benannt hat.

Dieser große Dienst hat Spuren hinterlassen.

Dieser große Dienst hat Spuren hinterlassen. Wegen immer länger anhaltender und wiederkehrender schwersten Episoden der Retraumatisierung, fühlt sich diese Frau nicht in der Lage, ihren Blog weiter zu führen. Dies ist ein Skandal. Für uns Betroffene ist es ein Schlag.

Und vielleicht ist es ja sogar noch viel mehr.

Die Re-Traumatisierung, die gerade in Köln geschieht, geschieht auch in anderen Kontexten, in anderen Bistümern. Und auch noch verborgener und kleiner. Es ist nicht abwegig zu sagen, dass die Vorgänge in Köln Nebeneffekte hervorrufen, seien sie nun von den Akteuren dort beabsichtigt oder nicht: Sie schüchtern Menschen ein, die sich gegen Missbrauch zur Wehr setzen, Aufklärung und Verantwortung einfordern, wenn diejenigen hart abgekanzelt werden, die das Zutreffende benennen: das moralische und pastorale Versagen kirchlicher Verantwortungsträger.

Hinter der Maske der Betroffenen-Einbindung haust hier das Virus des klerikalismusbasierten Institutionenschutzes.

Im Kontakt mit diesen Vorgängen sterben schwerst Traumatisierte immer wieder einen neuen inneren Tod, nicht nur weil die katholische Kirche immer noch ganz am Anfang ist mit ihrer Aufarbeitung und strukturellen Umkehr.

Vielmehr kann man sich des Eindrucks nicht erwehren: Manche kirchlichen Verantwortungsträger sind bloß gewiefter geworden im Umgang mit Betroffenen. Sie benutzen einen sogenannten Betroffenenbeirat, ihre eigenen Pläne abnicken zu lassen, ohne klar und umfassend zu kommunizieren, was inhaltlich eigentlich auf dem Tisch liegt. Hinter der Maske der Betroffenen-Einbindung haust hier das Virus des klerikalismusbasierten Institutionenschutzes.

Dies ist ein erneuter Missbrauch von Betroffenen sexualisierter Gewalt in Form einer Verzweckung innerhalb der kirchlichen „Aufarbeitungs“-Maschinerie. Es geschieht Missbrauch, indem man Betroffene missbraucht, indem man Machenschaften abnicken lässt, von denen sie nur unzureichend Kenntnis haben.

Es geschieht Missbrauch, wenn die Namen der Verantwortlichen zwar genannt werden – diese aber  unbehelligt in Amt und Würden bleiben, während andere ihrer Würde völlig beraubt wurden.

Aufstehen gegen Missbrauch, gegen illegitime Macht, gegen Hass, gegen Gewalt.

Es ist Zeit, dass nicht die Betroffenen sich erneut aufopfern, indem sie die wahren Seelsorger, die wahren Theologen, die wahren Aufklärer sind, sondern dass diejenigen aufstehen, die gesund sind, um das zu tun, in das sie hineingetauft sind: Aufzustehen gegen Missbrauch, gegen illegitime Macht, gegen Hass, gegen Gewalt. Nicht nur mit Worten, denn diese Verkommen zu bloßen Hülsen, wenn keine Taten folgen.

Danke Dir aus ganzem Herzen, CA.

Ich wünsche Dir, dass Du für Dich selber den Mut aufbringst, den Du für andere aufgebracht hast.
Ich wünsche Dir, dass Du zu einem Leben in Fülle findest,
in dem Du keinen Krieg mehr führen musst.
Nicht gegen die Täter und Mittäter und auch nicht gegen Dich.

Denn wir selbst sind unsere härtesten Gegner.

Ich wünsche Dir den Frieden und die Freiheit, Liebe empfangen zu können – auch wenn es das Schwerste ist, was wir Betroffene zu lernen haben.

Deine Johanna

Name der Redaktion bekannt.

Beitragsbild: Pixabay

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