Das notwendige, abgesagte Statement zu wirklicher Freiheit in Schwerin

Eine große Opernvorstellung von Beethovens „Fidelio“ in der Hauptstadt von Mecklenburg-Vorpommern und eine Predigt des Autors Gerhard Ulrich in beeindruckender Kulisse mussten abgesagt werden. Sie markieren eine Leerstelle in den gegenwärtigen politischen Diskursen. Für die gilt mit Paulus: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit!“ (Galater 5,1)

Menschen, die in diesen Tagen, da der Deutsche Bundestag im Rahmen des Maßnahmenpakets zur Eindämmung der Corona-Pandemie eine Neufassung des Infektionsschutzgesetzes verabschiedete, zur Blockade des Bundestages aufriefen, sehen durch die Maßnahmen zur Eindämmung der Infektionsketten Grundrechte außer Kraft gesetzt. Was sie unter „Freiheit“ verstehen, sehen sie gefährdet, neue Knechtschaft sehen sie aufziehen.

  1. Die Knechtschaft der Krise

Wie jede Krise führt auch die Corona-Krise zu massiver Verunsicherung der Menschen. Wir haben im Laufe der Menschheitsgeschichte unterschiedliche Mechanismen entwickelt, mit Krisen umzugehen:

  • Krisen werden umgewertet zu Chancen, dem Leben eine neue, verheißungsvolle Wendung zu geben. Dieser Umgang mit krisenhaften Lebensabschnitten bringt uns in die Offensive, bekämpft das dumpfe Gefühl, Objekt einer oft unsichtbaren Macht zu sein.
  • Eine weitere Möglichkeit besteht in der Flucht aus der beängstigenden Realität, indem man leugnet, nach „alternativen Fakten“ sucht, Verschwörungsmythen plausibilisiert – nicht von ungefähr gehört Donald Trump zu den Säulenheiligen dieser Bewegung von Realitätsverweigernden.
  • Oder aber man setzt sich auseinander mit der neuen Realität, sammelt Fakten, versucht, die Krise zu verstehen und sie einzuordnen in die Situation der Welt insgesamt: was bedeutet diese Krise für die globalisierte Welt? Wie stellen wir uns der Herausforderung, uns auseinandersetzen zu müssen mit unserer Endlichkeit? Corona ist nicht ein Strafgericht Gottes, auch nicht der Untergang allen Lebens. Aber viele Bilder wirken wie Endzeit-Bilder: weltweit Hunderttausende sterben an dem Virus, wir lesen von Massengräbern, erfahren von völlig überforderten Gesundheitssystemen. Und wir wissen: die Ärmsten der Armen auf dieser Welt leiden mehrfach unter der Pandemie. Covid-19 wirkt wie ein Beschleuniger der Folgen des Klimawandels, der Armut, der Gewalt und der Verfolgung. Viele verstehen: die Hölle der Unfreiheit, der Rechtlosigkeit und Ungerechtigkeit ist vor allem da, wo das Virus den Hunger verstärkt, wo Klimakatastrophen Leben unmöglich machen; wo Menschen im Meer ertrinken auf der Flucht. Die Hölle ist nicht der Abstand zueinander, Mund- Nasenschutz, Hygiene und Lüften. Aber offenbar empfinden das manche so – und auch sie fragen auf ihre Weise nach „Erlösung von dem Bösen“.

2. Freiheit? – Freiheit!

Es ist keineswegs unbedeutend, dass während der Pandemie die Theater und Konzertsäle geschlossen sind und auch die Kirchen ihre Präsenz reduzieren. Plötzlich wird, was wir als Quelle heilender Kraft verstehen, zum gesundheitlichen Risiko! Natürlich entstehen im Schatten des Lockdowns gerade im Raum der Kirchen neue Formen digitaler Verkündigung, und die erfreuen sich einer großen Resonanz. Und auch die Theater und Orchester finden zu neuen Formaten, um nicht ganz zu verstummen. Aber dennoch: die Verunsicherung der Menschen liegt auch darin begründet, dass weder für ihre Ängste noch für deren Überwindung Symbole, Geschichten, Visionen verfügbar sind. „Unsere Gesellschaft benötigt gerade in Krisenzeiten gut geschützte Orte der Reflexion und des Austauschs.“[1]

Fidelio als gesellschaftliches Statement – inklusive Absage!

Ich will erzählen von einem Projekt des Mecklenburgischen Staatstheaters Schwerin, das dem Lockdown während der Pandemie zum Opfer gefallen ist: im Beethoven – Jahr 2020 sollte während der Schlossfestspiele in Schwerin eine Inszenierung der einzigen Beethoven-Oper „Fidelio“ zur Aufführung kommen.

Modell des von Roy Spahn entworfenen Bühnenbildes für die geplante und ausgefallene Fidelio-Inszenierung in Schwerin 2020. Foto: Gerhard Ulrich privat

In der Sichtachse zwischen Theater und Schweriner Schloss, dem Sitz des Parlaments des Landes Mecklenburg-Vorpommern, sollte Beethovens Befreiungsoper aufgeführt werden: sie erzählt, wie Leonore unter dem Decknamen Fidelio und als Mann verkleidet sich Zugang verschafft in das berüchtigte Staatsgefängnis, in dem der tyrannische Gouverneur Pizarro mit eiserner Härte gegen politische Gegner vorgeht. Da seine Machenschaften aufzufliegen drohen, plant er, alle Spuren zu verwischen und den schärfsten Widersacher Florestan, der in Einzelhaft unter menschenunwürdigen Bedingungen dahinvegetiert, verschwinden zu lassen. Im letzten Moment gelingt es Leonore, die Mordtat zu vereiteln und die staatliche Ordnungsmacht setzt dem Gewaltregime Pizarros ein Ende.[2]

Paradigma für den Schrei nach Freiheit

Beethovens durchaus politisches Bekenntnis zu Freiheit, Gerechtigkeit und Menschenwürde und gegen jede Form des Despotismus ist auch im Jahr 2020 hoch aktuell. Bis heute gilt FIDELIO als Paradigma für den Schrei nach Freiheit und für die Einforderung von Menschenrechten.
Am 4. März 2020, eine Woche vor der Verkündung des Lockdowns, wurde in Schwerin der Öffentlichkeit das von Roy Spahn entworfene Bühnenbild für die Inszenierung des Fidelio vorgestellt.[3]

Tor und Gefängnis zugleich

Das Brandenburger Tor, Symbol der Freiheit und mehrfach in der Geschichte missbraucht, geschliffen, zugemauert, vor 30 Jahren mit der friedlichen Revolution wieder zur Freiheit befreit – es wird aufgebaut in der Sichtachse zum Schloss, Sitz der weltlichen Macht. Es wird zum Zentrum der Bühne, auf der es um den Kampf um Freiheit, Gerechtigkeit und Wahrheit geht, aber auch um den Mut, die Welt zu gestalten, den Despoten und Tyrannen entgegenzutreten. Und zugleich hat das Bühnenbild etwas Bedrückendes, es mutet an wie ein gut bewachtes Gefängnis: die Beleuchtungstürme erinnern an die Architektur der Wachtürme an den Grenzen zwischen den ehemaligen beiden Teilen Deutschlands, die Mauer, die vor 30 Jahren fiel, ist nicht verschwunden, wird durchbrochen zwar, aber ein zentrale Symbol der Freiheit und des Konsums, das Automobil: es bleibt stecken in der Mauer.

Ein beschränktes Freiheitsverständnis etabliert sich

Was mich bedrückt in diesen Pandemie-Zeiten und an dem Widerstand gegen schützende Maßnahmen, ist ein weit verbreiteter, verengter Freiheitsbegriff. Freiheit scheint nur noch die Freiheit der Einzelnen zu sein, „das große Du darfst“, wie Jan-Philipp Reemtsma es einmal genannt hat.

Freiheit, die in Verantwortung führt

Freiheit, die sich löst von Einigkeit und Recht, die sich löst von der Verantwortung, führt in die Knechtschaft, in den Machtmissbrauch. Die Inszenierung hätte erzählt vom Kampf um die Freiheit, der in die Verantwortung führt; von der Gefangenschaft der Freiheit, der „Ich-bin-so-frei-Freiheit“. Sie hätte erzählt von der Bemächtigung der Freiheit durch Konsum und anderen Terror, von den Ambivalenzen der Freiheitssehnsüchte.

Gefangene einer zu kleinen Freiheit

In dem Schweriner FIDELIO hätten sich wiederfinden können die Menschen mit ihren Sorgen und Ängsten, hätten ein Narrativ gefunden für das Gefühl, gefangen zu sein und eben nicht frei. Und sie hätten selbst die Konfrontation mit einer Realität der Freiheit erleben können, die weit hinausweist über das, was uns verfügbar, erklärbar und erfahrbar ist.
In der Inszenierung hätten die Gefangenen Platz gefunden im Tor, im Symbol der Freiheit selbst: die Freiheit, die wir meinen, nimmt uns gefangen, wir sind oft Gefangene einer Freiheit, die alles dürfen will, alle Bindungen abstreift, alle Ambivalenzen leugnet.

Auch die Freiheit, an der Freiheit zu leiden, wird geschützt

Dieses Bühnenbild und das Konzept der geplanten Fidelio-Inszenierung sind mir wieder eingefallen, als ich im August 2020 die Bilder von der kleinen Gruppe sah, die Reichsfahnen schwingend den Reichstag zu Berlin stürmen wollten – gut bewacht von einer sehr viel größeren Zahl von Polizistinnen und Polizisten, damit sie ihre Freiheit frei wahrnehmen konnten, die sie bedroht sehen durch Corona-Maßnahmen!
Das Narrativ des Fidelio in der geplanten Inszenierung hätte helfen können, das Freiheitsverständnis zurechtzurücken und zu ermutigen zum gemeinsamen Dienst an der Welt; hätte mahnen können, der Realität der Welt nicht auszuweichen, sondern in ihr für Würde, Recht und Gerechtigkeit einzutreten. Hätte helfen können zu entscheiden, was dem Leben dient und was ihm im Wege steht.

Ein Blick über die eigene Realität hinaus

In jeder Krise ist es hilfreich und nötig, nicht der Faszination und der Anziehungskraft der Bedrohung, des Bösen, der Ängste zu verfallen, sondern den Blick zu heben über die eigene, kleine Realität hinaus: die globale Welt zu sehen gerade jetzt; sich die Freiheit zu nehmen, den Horizont zu weiten und in den Blick zubekommen die, die wirklich gedrückt und gefangen sind, tyrannisiert, in der Macht des Bösen. Dann hätten jene vielleicht nachdrücklich ins Grübeln kommen können, die angesichts des Krisenmanagements der Regierungen von einer „Corona-Diktatur“ sprechen und hätten sich vielleicht erinnert an tatsächliche Diktaturen in unserem Land, für die das Brandenburger Tor eine Rolle spielte immer schon.

Predigen in der Kulisse

Und zur FIDELIO – Premiere am 12. Juni 2020 hätte es eine Predigt gegeben auf der Bühne, in der Kulisse, vor dem Brandenburger Tor. Ich hätte mit Paulus erinnert an die Freiheit, zu der Christus uns befreit hat! Weil er sich hingegeben hatte den Mächten; weil er in den Krisen der Zeit an der Seite der Schwachen und Elenden ging und jene ermutigte, die sich nicht trauten, den Mund aufzutun. Ich hätte die Gelegenheit genutzt, auf den zu verweisen, der den Menschen sein „Fürchtet euch nicht!“ entgegenruft und damit nicht meint: „stellt euch nicht so an“, sondern versichert: ihr seid nicht allein in dem, was auf euch lastet, was euch knechtet und gefangen nimmt.

Mit erhobenen Häuptern zur Empathie befähigt

Ich kenne und sehe eure Angst und kenne die Gründe und die Realität eurer Furcht. Und dennoch: seid unverzagt. „Erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht“. Dann, wenn wir die Häupter heben würden, könnten wir vielleicht auch jene Empathie wieder entwickeln für die an dem Virus Leidenden und Sterbenden, und könnten den Respekt wiedergewinnen für alle die, die ihre Freiheit in Verantwortung für Kranke und Elende, zu Pflegende in Krankenhäusern und Pflegeheimen einsetzen! Wir könnten wieder sehen jene, die bei uns und weltweit in der Knechtschaft des Hungers und der Einsamkeit leben und jeden Schutz vor Viren in Flüchtlingsheimen oder Obdachlosen-Unterkünften dankbar als Zeichen neu gewonnener Freiheit empfangen.

Abgesagt – Atem, wo uns die Luft wegbleibt.

Aber der Vorhang blieb unten. Das Bühnenbild und das Inszenierungskonzept blieben geniale Modelle einer befreienden Idee. Die Predigt blieb ebenfalls eine Idee und ein Entwurf. Abgesagt das eine wie das andere.
An diesem Beispiel wird mir deutlich, was dieser Gesellschaft neben vielen anderen Dingen, die derzeit nicht sein und gelebt werden können, fehlt:  neben den Räumen in der Gastronomie, in denen wir uns treffen und austauschen, abwägen, was wir denken und befürchten, einander und die Welt im Blick haben, fehlen eben gerade die Räume für die Kunst und Kultur, die Deutungsräume für das, wozu uns die Bilder und Worte fehlen. Töne, wo es uns die Sprache verschlägt. Atem, wo uns die Luft wegbleibt.
Der Auftrag Jesu an seine Jünger*innen bleibt: „Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das predigt auf den Dächern.“ (Mt. 10,27)

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Autor: Gerhard Ulrich, Dr. h.c., Theologe, Schauspieler und emeritierter Ev.-luth. Bischof der Nordkirche mit Sitz in Schwerin.

Bild: HarryStueber / pixabay.com

 

[1] Ute Lemm, Intendantin des Landestheaters Schleswig-Holstein. Zitiert nach Schlei Bote v. 18.11.2020, S. 12.

[2] Inhaltsangabe nach dem Text der Vorankündigung der Schlossfestspiele durch das Mecklenburgische Staatstheater Schwerin, März 2020.

[3] Das Produktionsteam: Musikalische Leitung Ivo Hentschel; Inszenierung; Roman Hovenbitzer; Ausstattung und Bühnenbild Roy Spahn; Choreinstudierung Friedemann Braun/Daniel Kirchmann; Dramaturgie                      Peter Larsen.

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