Erzählen als Widerstand

Erzählen als Widerstand

Berichte über spirituellen und sexuellen Missbrauch an erwachsenen Frauen in der Kirche liegen erstmals als Sammlung vor. Barbara Haslbeck gibt Einblick in wichtige Erkenntnisse aus der Lektüre der Berichte.

„Dieser Buchtitel stimmt!“ Viele Menschen reagieren so, wenn ich vom Buch „Erzählen als Widerstand“ spreche. Offensichtlich ist die Zeit reif für diese Sammlung von 23 Berichten über spirituellen und sexuellen Missbrauch an erwachsenen Frauen in der katholischen Kirche.

Buchcover Erzählen als Widerstand
Buchcover Erzählen als Widerstand

Pünktlich zum 25.11.2020, dem Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen, erscheint das Buch. Die betroffenen Frauen selbst finden in ihren Berichten Worte für das, was bisher – wenn überhaupt – nur verschämt ansprechbar war. Sie erzählen, wie sie abhängig und unterlegen gemacht wurden, wie ihre Arbeitskraft ausgenutzt wurde, wie sie spirituell indoktriniert und sexuell ausgebeutet wurden. Der Missbrauch geschah oft im Rahmen von Geistlicher Begleitung, von Exerzitien und Beichte. Um vor Anfeindungen geschützt zu sein, schreiben die Frauen mit Pseudonymen.

Missbrauch in der Kirche kann jede Frau treffen.

Die Berichte machen deutlich: Missbrauch in der Kirche betrifft nicht nur Jungen und Jugendliche. Er kann jede Frau treffen. Neun von 23 Autorinnen waren zum Zeitpunkt des Missbrauchs Ordensfrauen. Andere sind Singles, Familienfrauen, Frauen in jedem Lebensalter und mit unterschiedlichen Berufen und Bildungshintergründen. Sie arbeiten bei der Kirche oder sind ehrenamtlich hoch engagiert. Es ist diesen Frauen nicht anzusehen, welche verstörenden Erfahrungen sie mit sich schleppen.

Gemeinsam ist den Autorinnen der Berichte: Sie erzählen. Sie decken die Wahrheit auf – oft in langen Jahren der Therapie schwer errungen. Damit leisten sie Widerstand. Gegen alle Stimmen und Strukturen, die ihnen suggerieren, der Missbrauch sei ein Einzelfall, ihr persönliches Problem, für das sie sich schämen und an dem sie Mitschuld tragen müssten.

Erzählen ist Widerstand gegen die Strategien der Täter und Täterinnen

Die Berichte schildern wie ein Kompendium die Anbahnungsstrategien, die zu spirituellem und sexuellem Missbrauch gehören. Der Missbrauch kommt ja selten plötzlich, sondern schleicht sich an und hebelt damit die Wahrnehmung der Betroffenen aus.

Die Berichte geben Einblicke in diese Strategien: Da trifft sich ein Priester mit einer ratsuchenden Frau zu Seelsorgegesprächen und legt ihr zwischendurch die Hand auf den Oberschenkel. Monate später wird er ihren Körper als „Wunderwerk der Schöpfung Gottes“ bezeichnen und in seinem Bett benutzen. Ein geistlicher Begleiter empfiehlt der Novizin Übungen zu menschlicher Nähe, um die Eignung fürs Ordensleben zu überprüfen. Diese „Übungen“ enden schließlich im erzwungenen Geschlechtsverkehr. Ein Pater fordert die Kandidatin einer Gemeinschaft auf, als Zeichen des Gehorsams und der Demut auf ausreichenden Schlaf zu verzichten. Er verweigert ihr in der Beichte die Lossprechung für ihren Hochmut und sendet ihr noch am selben Abend eine SMS, in der er ihr die Hölle androht. In allen geschilderten Situationen haben die Betroffenen keine Möglichkeit, über das Geschehen mit anderen zu sprechen. Sie werden zu Stillschweigen verpflichtet, sind isoliert, schämen sich und verstummen.

Die Berichte der Frauen zeigen, wie eng spiritueller und sexueller Missbrauch verbunden sind.

Die Berichte der Frauen decken diese Strategien auf. Sie zeigen, wie eng spiritueller und sexueller Missbrauch verbunden sind. Sie legen offen, wie Täter und Täterinnen sich anmaßen, im Namen Gottes zu handeln, wie sie Betroffene mit einem dämonischen Gottesbild vergiften. Die Betroffenen leisten durch ihre Schilderung Widerstand, indem sie allen Leser*innen ermöglichen, diese Strategien zu durchschauen.

Erzählen ist Widerstand gegen das Trauma

Der Missbrauch katapultiert Betroffene in eine Situation der Ohnmacht, der sie hilflos ausgeliefert sind. Sie können die Situation weder durch Flucht noch Kampf verändern. Dadurch entsteht eine unentrinnbare Dynamik, die sich auf die Betroffene traumatisierend auswirken kann. Eine Autorin schildert, dass sich in ihr ein Abgrund auftat, in den sie sich hineinstürzen sah. Eine andere beschreibt sich wie im Nebel, abgestorben und leer. Suizidgedanken machen sich breit. Die Zeit scheint eingefroren. Mit einem Trauma zu leben bedeutet, immer wieder quälenden Erinnerungen an die Ohnmachtssituation ausgesetzt zu sein. Deshalb versuchen Betroffene, möglichst wenig damit in Kontakt zu sein, die Erfahrungen abzuspalten und nicht darüber zu sprechen.

Es ist der Widerstandskraft der Frauen zu verdanken, dass sie dem Trauma zum Trotz ihre Erfahrungen aufschreiben. Mit jedem Wort gewinnen sie Boden unter den Füßen und leisten dem traumatischen Verstummen Widerstand.

Missbrauch ist ein Machtgeschehen

Neun von 23 Frauen berichten, dass sie bereits als Kind traumatisierenden Erfahrungen ausgesetzt waren, was sie als Erwachsene besonders verletzbar machte. Zu den unerträglichen Erkenntnissen aus der Lektüre der Berichte gehört es, dass Täter in mehreren Fällen dieses Wissen gezielt benutzen, um die Betroffene erneut zu missbrauchen.

Erzählen ist Widerstand gegen Strukturen, die Missbrauch ermöglichen

Missbrauch ist ein Machtgeschehen. Die Berichte des Buches illustrieren die spezifischen kirchlichen Risikostrukturen, die durch Machtasymmetrien entstehen.

Die Frauen beschreiben einen Kontext, in dem ihre Bereitschaft zur Selbstaufgabe und ihre Ergebenheit gegenüber Autoritäten und Klerikern die Voraussetzung schufen, abhängig und missbraucht zu werden. Sie thematisieren den Unterschied an Lebensalter, Lebenserfahrung und Status zwischen sich und den ausbeutenden Personen. Besonders stark tritt die Ungleichheit auch deshalb hervor, da die Frauen schon aufgrund ihres Geschlechts gegenüber Klerikern untergeordnet sind. Eine Frau erkennt im Rückblick, wie der priesterliche Dienst der Deckmantel für den Missbrauch darstellte: Der Priester hat während der gesamten Zeit dieser sexualisierten Kontakte nie das Etikett „Geistliche Begleitung“ und seine Rolle als „Beichtvater“ in Frage gestellt; alles geschah unter diesem Deckmäntelchen des priesterlichen Dienstes, scheinbar mir zuliebe, schein-heilig.

Zum Machtproblem treten noch unklare Informationen und mangelnde Transparenz hinzu: In der geistlichen Begleitung oder in der Gemeinschaft, zu der die Frauen gehören, werden sie nicht über Rechte, Pflichten und Rollen aufgeklärt. Die Frauen kennen keine Beschwerdewege. Auch finanziell und beruflich bestehen Abhängigkeiten. Betroffene stehen vor der Frage, ob sie einen Bruch mit der Gemeinschaft oder der kirchlichen Arbeitsstelle nicht nur emotional, sondern auch wirtschaftlich überhaupt wagen können.

Wer verantwortlich ist für Prävention und Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in der Kirche, findet hier eine wichtige Sehhilfe.

Die von den Frauen beschriebenen Strukturen identifizieren Faktoren, die Kirche zum Tatort werden lassen. Daran kann nun nicht mehr vorbei gesehen werden. Wer verantwortlich ist für Prävention und Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in der Kirche, findet hier eine wichtige Sehhilfe. Die Betroffenen selbst helfen beim Widerstand gegen Strukturen, die Missbrauch ermöglichen.

Ja, es stimmt tatsächlich: Erzählen ist Widerstand – gegen die Täterstrategien, gegen das traumatische Verstummen, gegen kirchliche Missbrauchsstrukturen. Das Buch stellt Öffentlichkeit her. Es geht uns alle an.

Wer mehr wissen möchte: https://erzaehlen-als-widerstand.de

Buch: Erzählen als Widerstand

Autorin: Barbara Haslbeck ist eine der vier Herausgeberinnen des Buches, das von der Theologischen Kommission des Katholischen Deutschen Frauenbundes initiiert wurde. Sie arbeitet als theologische Referentin in der Fort- und Weiterbildung Freising und gehört zum Trägerteam der Initiative Gottessuche – Glaube nach Gewalterfahrungen (www.gottes-suche.de).

Beitragsbild: Buchcover

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