Das Heilige in neuer Form – ein besonderer Ort

Klosterneuburg Pius Parsch

Anlässlich des hundertjährigen Jubiläums der ersten Gemeinschaftsmesse geht Andreas Redtenbacher der Liturgischen Bewegung und Pius Parsch als einem ihrer Protagonisten in Klosterneuburg nach.

Es war ein Meilenstein der Liturgieentwicklung im deutschen Sprachraum und weit darüber hinaus: Am frühsommerlichen Christi Himmelfahrtstag am 25. Mai 1922 war es, als sich in der kleinen romanischen Kirche St. Gertrud in Klosterneuburg erstmals eine Gemeinde von Christ:innen rund um den Augustinerchorherrn Dr. Pius Parsch (1884-1954) versammelt hatte – getrieben und begeistert von der Sehnsucht, die Feier des Gottesdienstes besser, tiefer, spiritueller und motivierter mitzufeiern, als es die unverstandene Form bislang zuließ. Sie war seit über vier Jahrhunderten nach dem Konzil von Trient tradiert und verstellte als erstarrter Block das Geheimnis der Eucharistie mehr, als sie offenbarte.

Wie ein Urknall

Es war die erste „Gemeinschaftsmesse“ oder „volksliturgische Messe“. Es war der Startschuss jener Messreform, die später über die „Betsingmesse“ zur Erneuerung der Messliturgie des Zweiten Vatikanischen Konzils führte und weltweit Früchte trug. Ohne diesen Beginn und seine Wirkungsgeschichte wäre letztlich Vieles auch in der Liturgiekonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils „Sacrosanctum Concilium“ vom 4. Dez. 1963 nicht denkbar.

Entstehung der Liturgischen Bildung

Bei weitem war das keine mutwillige Reform eines „Spinners“ aus dem Stift Klosterneuburg. Abgesehen davon, dass auch an anderen Orten des französischen und deutschen Sprachraums dieses Unbehagen zu ähnlichen Bemühungen führte, war gerade die Gottesdienstgemeinde in St. Gertrud aus tief motivierten Menschen – wenn man will: „von unten“ – erwachsen, die sich längst vor dem Ereignis im Mai 1922 schon in Liturgierunden um Pius Parsch versammelt, in die liturgietheologische Tiefe des Messgeschehens eingetaucht waren. Es war zugleich ein mächtiger Impuls für einen neuen Weg in der Seelsorge, den wir „Liturgische Bildung“ nennen. Parsch hatte ihn persönlich intensiv mit seiner „Basisgemeinde“ beschritten und mit der ungeheuren Breitenwirkung seiner Werke in 17 internationalen Sprachen auch weltweit vorangetrieben.

Menschen werden Beteiligte

Es ging um das Erfassen der Sinntiefe des Gottesdienstes, damit die Menschen nicht nur äußerlich, sondern von innen her „zu Beteiligten“ am Messgeschehen werden können. Die von ihm so vehement eingeforderte „aktive Teilnahme“ hatte eine mystagogische Tiefendimension. Damit dies möglich wird,  musste der Gottesdienst daher auch eine erneuerte Feiergestalt erlangen, die sich den Menschen  „von selbst“ erschließt und von ihnen mitvollzogen werden kann. Die Erneuerung kam aus den alten Quellen der Kirche und ihrer Liturgiegeschichte.  

Pius Parsch (1884-1954)

Parsch legte also den bleibenden „heißen Kern“ der Liturgie aus ihren authentischen Anfängen in biblischer und frühkirchlicher Zeit frei. Es war eine „Erneuerung aus dem Ursprung“, anders gesagt: ein „Resourcement“ im Wiederaufgreifen verdeckter und vergessener Quellen. Papst Pius XII. war es, der 1956 die inzwischen an vielen Orten und in eine weltweite Breite gewachsene Liturgische Bewegung, an der Klosterneuburg maßgeblichen Anteil hatte, als „Hindurchgehen des Heiligen Geistes durch seine Kirche“ und als „providentielles Wirken der Vorsehung“ lehramtlich bestätigte.

Alle partizipieren aktiv

Das zentrale Anliegen besagt, dass Liturgie nicht nur von Klerikern, sondern von allen Beteiligten gemeinsam gefeiert wird. Gemeindemitglieder sind nicht nur Zuschauer:innen oder stille Beter:innen, sondern sie partizipieren aktiv an der Liturgie und gestalten sie mit. Wenige Jahre später hat das Zweite Vatikanische Konzil in seiner Liturgiekonstitution dieses liturgische Bewusstsein der Weltkirche verbindlich gemacht: mit einem Abstimmungsergebnis von 2147 JA und nur 4 NEIN- Stimmen. Damit stehen die Anfänge von St. Gertrud mit der ersten „Volksliturgischen Messe“ am 25. Mai 1922 im großen „Mainstream“ des authentischen Glaubens der Gesamtkirche. Parsch selbst kam es dabei vor allem auf die Einbeziehung des Volkes an. Teile des Messordinariums wurden in der Muttersprache gesungen, die Schrifttexte vom Vorbeter parallel deutsch gelesen.

Eine neue Ausrichtung

Der bekannte Kirchenmusiker Prof. Dr. Vinzenz Goller schuf für St. Gertrud deutsche Gesänge, ansonsten bediente man sich liturgisch einwandfreier Lieder. Vor allem wurde der Altar so platziert, dass der Priester zum Volk gewendet war: Sie ist in dieser Communio-Anordnung um den Altar versammelt und darin auf Christus ausgerichtet. Später kamen noch Vorversuche hinzu, die Kelchkommunion der Gläubigen durch nicht konsekrierten Wein (Ablutionswein) anzudeuten. Insgesamt war es der Anfang jener Messform, die als „Betsingmesse“ 1933, also etwa ein Jahrzehnt später, am gesamtdeutschen Katholikentag in Schönbrunn mit 250.000 Teilnehmern ihren internationalen Siegeszug antrat. Der damalige Wiener Kardinal Theodor Innitzer schrieb sie bereits ab diesem Zeitpunkt seinen Pfarrgemeinden zumindest einmal im Monat verbindlich vor. Und er war stolz, dass die „Betsingmesse von Wien aus ihren Siegeszug in die ganze Welt angetreten hat“. 1936 wurde St. Getrud auch architektonisch durch Architekt Robert Kramreiter und Pius Parsch nach „volksliturgischen“ Maßstäben umgestaltet. Seither trägt die Kirche St. Gertrud den Ehrentitel „Wiege der volksliturgischen Bewegung“.

 Bedeutung für die Zukunft      

Nicht von ungefähr war das Chorherrenstift Klosterneuburg mit Pius Parsch das ausstrahlende Zentrum der „Volksliturgischen Bewegung“ geworden. Herzmitte der Spiritualität der Augustiner Chorherren ist ja die genuine Verbindung von Seelsorge und Liturgie. Die 900-jährige Stiftsgeschichte kennt viele Hoch-Zeiten, aber der Einfluss Klosterneuburgs auf die Weltkirche war nie so groß, als zur Epoche der „Volksliturgische Bewegung“ mit Parsch.

Sorge um eine neue Gottesdienstqualität

Seine Ideen und Ziele bieten tiefe theologische und liturgiepastorale Quellen, aus denen die Sorge um den Gottesdienst der Kirche auch weiterhin schöpfen kann – allem voran als „Liturgische Bildung“ und als Sorge um eine neue „Gottesdienstqualität“. Parsch bietet auch für heute und morgen eine „Sinnreserve“ und einen „Brunnen“, aus der das Gottesdienstbewusstsein der Gemeinden schöpfen und sich immer wieder aus der Tiefe her erneuern kann. Der italienische Liturgiewissenschaftler Andrea Grillo (Padua und Sant´ Anselmo) drückt es so aus: Das, wovon Parsch ausgegangen war, müssen wir heute wieder neu anstreben, denn: „Wir haben vergessen, dass es um ein tieferes Eindringen in den Vollzug des Geschehens geht, dass es heute um Initiation gehen muss oder um  Mystagogie. In diesem Punkt war Pius Parsch schon bedeutend weiter, als wir es heute sind.“[1]

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Autor: Andreas Redtenbacher CanReg, Dr. theol. habil., O. Professor für Liturgiewissenschaft an der Theol. Fakultät der VPU Vallendar, Direktor des Pius-Parsch-Instituts für Liturgiewissenschaft und Sakramententheologie Klosterneuburg

Foto 1: Kloster Stiftneuburg

Foto 2: Pius-Parsch-Stiftung

Literaturhinweise (eben erschienen):

Andreas Redtenbacher / Daniel Seper (Hg.), Die Liturgietheologie von Pius Parsch. Klosterneuburger Symposion 2021, Freiburg im Br. 2022 (PPSt 18).

Michael Langer / Andreas Redtenbacher / Clauß Peter Sajak (Hg.), Unterwegs zum Geheimnis. Handbuch der Liturgiepädagogik, Freiburg im Br. 2022 (SPPI 9).

[1] Andrea Grilllo, Der Liturgiebegriff bei Pius Parsch und seine Stellung im Rahmen der Liturgischen Bewegung des 20. Jahrhunderts, in: W. Bachler / R. Pacik / A. Redtenbacher, Pius Parsch in der liturgiewissenschaft-lichen Rezeption. Kosterneuburger Symposion 2004,  Würzburg 2005 (PPSt 3), 191-220, hier: 210.

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