Katholikentag und Kirchengrün – Begegnung mit einer Kunstinstallation einer paradiesischen Kirche

Kunstinstallation Kassel Birthe Blauth Foto: Johannes Seyerlein

In einer Welt, die in der Wahrnehmung vieler Menschen zwischen diversen Krisen umhertaumelt, setzt sich Wolfgang Beck in der Begegnung mit der Kasseler Kunstinstallation von Birthe Blauth der Utopie einer wohltuenden Kirche aus.

Es gibt eine Sehnsucht, die für viele Mitmenschen nur noch schwer nachzuvollziehen ist. Vielleicht ist es eine spezifisch katholische Sehnsucht: die Kirche möge für Menschen wohltuend sein und schön. Diese Sehnsucht markiert spiegelbildlich die Missstände um klerikalen Machtmissbrauch, die schwer erträgliche Beschäftigung einer Organisation mit sich selbst, ihre verletzenden Exklusionspraktiken und all das, was es schwer und peinlich macht, sich als katholische*r Christ*in zu erkennen zu geben. Die Frage, wie lange es Menschen noch mit und in der katholischen Kirche aushalten, stellen sich viele längst in allen Funktionen, Ebenen und Ämtern. Wo ist der Punkt erreicht, an dem diese Kirche nicht mehr ertragen werden kann? Welcher Skandal bringt das Fass der persönlichen Leidensfähigkeit zum Überlaufen?

Es müsste doch auch eine wohltuende Kirche geben.

Die wenigen, die sich nicht längst abwenden, werden wohl von der Hoffnung und Sehnsucht gehalten, es könnte und müsste doch auch eine schöne und wohltuende Kirche geben. Diese Vorstellung scheint mittlerweile fast verwegen und allzu weit von der bitteren Realität entrückt. Meist konkretisiert sich diese Hoffnung in Formen, die ihre Hoch-Zeit schon hinter sich haben, etwa an diesem Wochenende beim Katholikentag in Stuttgart. Dass hier immer weniger von einer Großveranstaltung zu sprechen ist, erscheint als logische Konsequenz und wird manche Zyniker*innen sogar freuen.

Die Sehnsucht nach der wohltuenden Kirche drückt indes die Künstlerin Birthe Blauth wenige Tage nach dem Katholikentag mit der beeindruckenden Kunstinstallation „Poem of Pearls“ in Kassel aus.

Parallel zur dortigen Documenta nutzt die katholische Gemeinde in ihrer St. Elisabeth-Kirche die Gelegenheit und stellt ihr Gebäude einem oder einer Künstler*in zur Verfügung. Dieses Nebeneinander von kirchlichem Kunstsinn und Documenta ist in zurückliegenden Jahren nicht immer konfliktfrei verlaufen, aber meist anregend.

So müsste sie sein, die Überwindung einer verletzend ausgrenzenden Kirche.

Zur „documenta fifteen“ strahlt schon an der Fassade weithin sichtbar, in der Größe eines Autobahnschildes die Ansage: „My Precious Pearl From Paradise“. Unter ihr finden sich die Besucher*innen zunächst in einem Labyrinth, bevor sie dann nach dem Durchschreiten eines dunklen Vorraums barfüßig den Kirchenraum betreten. Der ist vollständig und über die Seitenscheiben hinaus mit weichem Rasen ausgelegt. Es ist die pure Erholung, die Utopie einer wohltuenden Kirche, die von der studierten Ethnologin und Künstlerin aus München geschaffen worden ist. Da ist sie also: die ersehnte Kirche, die für die Besucher*innen zur sinnlichen Erfahrung werden soll. Es scheint fast, die Künstlerin hätte Mitleid mit denen, die sich noch in eine Kirche verlieren. Und sie zeigt ihnen, wie Kirche aussehen und sich anfühlen könnte. Selbst die Begrenzung des Kirchenraums als Symbol einer dichotomen Zugehörigkeitsbestimmung und der anhaltend verletzenden Exklusionspraktiken wird in dieser wohltuenden Kirche überwunden. Der flauschige Rasen überdeckt diese Grenze und verbindet Innenraum und Umfeld der Kirche. „So müsste es sein“, werden viele innerlich rufen und den Schmerz über eine kleingeistig ausgrenzende und immer wieder verletzende Realität umso stechender spüren.

In der Mitte des Rasens finden die Besucher*innen eine Schale mit Perlen. Alle dürfen sich eine Perle mitnehmen. Die Perle gilt als christologische Metapher und verweist auf das biblische Gleichnis vom Himmelreich (Mt 13,46). Die verschenkte Perle ist der Gipfel der Sehnsucht leidgeprüfter Kirchenbesucher*innen. Eine sich verschenkende, eine sich nicht ängstlich um den eigenen Fortbestand sorgende Kirche. Nichts muss hier gespendet, bezahlt oder kirchlicher Misswirtschaft überlassen werden.

Ein künstliches Paradies.

Die Künstlerin Birthe Blauth greift mit ihrer Installation aber nicht nur Sehnsüchte auf, sie bildet auch ein künstliches Paradies ab. Es ist eine durch und durch friedliche Utopie, in der selbst der Kunstrasen noch nachhaltig produziert und im Rahmen des Crowdfunding weiter genutzt wird. Der Straßenlärm bleibt durch schwere Vorhänge draußen. Es herrscht Ruhe. Alles könnte so schön sein!
Es ist eine bemerkenswerte Leistung, diese Sehnsucht innerhalb eines Kunstprojektes derart abzubilden und auszudrücken, so dass die christliche Vorstellung vom Paradies hier durch harmonische Perfektion auch übersteigert und ironisiert wird.

Dies Paradies schweigt zu Krieg und Not?

Während sich die geschundene Seele der Kirchenmitglieder einfach nur mal freuen darf, fallen nun einmal in der Ukraine Bomben und Granaten, sehen Menschen in afrikanischen Ländern einer großen Hungersnot entgegen, vegetieren Uiguren weithin unbeachtet in chinesischen Zwangslagern und ignorieren die Verantwortlichen der „documentat fifteen“ die Rassismen ihrer indonesischen Heimat (FAZ 21. Mai 2022). Die Utopie, die als „spirituelle Reise“ und „künstliches Paradies“ beschrieben wird, bleibt zu den bitteren Realitäten ein Gegenentwurf, ein schweigsamer.
Die kritische Anfrage drängt sich auf, wo in diesem Paradies die Schreie und Nöte vorkommen. Die biblische Botschaft vom Reich Gottes realisiert sich gerade darin, Notleidende und Ausgeschlossene sichtbar und Heilung erfahrbar zu machen. Die christliche Vorstellung vom Paradies und die Sehnsucht nach dem Himmel hat deshalb immer auch eine politische Komponente und realisiert sich nicht vorbei an den Nöten und der Ungerechtigkeit der Gegenwart.

Auf paradoxe Weise „barockisiert“.

Für die Kunstinstallation wurde der Kirchraum weitgehend geleert und von der Fülle von Grünpflanzen, Altardecken und Andachtsbildern befreit. Was manchen gleich als Bildersturm erscheint, ist durchaus wohltuend und betont die Erhabenheit des Raums. Doch wird die Kirche aus dem Jahr 1960 durch die Installation zugleich auf paradoxe Weise „barockisiert“: Wie in den Zeiten der Gegenreformation sollen Menschen hier beeindruckt und in eine alternative Realität himmlischer Sphären geführt werden. Dass die zentrale Schale mit 72.000 Perlen gekonnt beleuchtet und angestrahlt wird, hätte die Architekten und Stuckateure des 17. Jahrhunderts schmunzeln lassen. Auch sie haben Menschen zum Staunen gebracht und dabei manch manipulatives Instrument genutzt.

Erwartbare Blessuren und Abnutzungen sind ein Hoffnungszeichen.

Zur Vollendung der Kasseler Installation gehört die Finanzierung durch den Verkauf von Rasenstücken. Dieser wird nach den Wochen der Documenta voraussichtlich gelitten haben und wenig ansehnlich sein. Und genau das ist zu hoffen! Nicht nur, weil der Installation viele Besucher*innen zu wünschen sind, sondern weil sie wohl erst durch die Spuren der Nutzung und deren Blessuren zu einem menschenfreundlichen Kunstwerk wird. Erst mit den Beschädigungen und Narben entsteht der Blick auf einen Himmel, der Hoffnung macht anstatt einzuschüchtern.

Die offene Wunde einer nicht als dienend erlebbaren Kirche.

Der Verdienst der Installation von Birthe Blauth liegt vor allem darin, wichtige und auch schmerzliche Frage aufzuwerfen: Wo findet die Kirche (gerade die katholische) zu einer Form, in der Menschen sie als hilfreich, dienend, stärkend und wohltuend erleben können? Es ist die Frage, mit der sich nicht zuletzt beim Katholikentag viele Christ*innen plagen. Zu wenig lässt sich von diesem grundlegenden Auftrag in den Pfarreien, Diözesen und kirchlichen Einrichtungen erleben. Die Installation „Poem of Pearls“ legt deshalb einen Finger in die Wunde derer, die die Kirche noch nicht aufgegeben haben.

Die ironisierende Überzeichnung des grünen Paradieses wahrnehmen.

Wer in den nächsten Wochen in Kassel nur die schlichte Ästhetik genießt und sich durch die Perfektion des Raumes zum Staunen bringen lässt, erliegt womöglich der eigenen Sehnsucht nach einer bloß wohltuenden Kirche. Wer sie als ironisierende Überzeichnung einer Religiosität entdeckt, die sich gegen die Fragestellungen und Nöte der Gegenwart imprägniert, wird auch Hinweise auf die politischen Implikationen des christlichen Glaubens wahrnehmen und nach dem Besuch die Kirche irritiert verlassen.

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Autor: Wolfgang Beck, Mitglied der feinschwarz-Redaktion, Lehrstuhl für Pastoraltheologie und Homiletik an der PTH Sankt Georgen, Frankfurt/M.
Das Projekt: Kunst-Raum-Kirche

Foto 1: Johannes Seyerlein
Foto 2-4: Wolfgang Beck

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