Das Wahre ist das Ganze

Über Erkenntnis als kirchliches Problem und die Verdrängung ihrer komplexen Struktur. Von Aaron Langenfeld.

Es ist ein wesentliches Problem der katholischen Kirche (wenigstens im deutschsprachigen Raum), dass theologische Konflikte als politische ausgehandelt werden. Um Missverständnisse zu vermeiden: Ich sage dies im Bewusstsein darum, dass es kein unpolitisches Denken und in diesem Sinne auch keine unpolitische Theologie gibt. Aber man kann sich ja auch umgekehrt fragen, ob es eigentlich theologiefreie Politik gibt oder zumindest, ob es so etwas in der katholischen Kirche geben sollte.

Entwicklungen im Selbstverständnis der Kirche sind im Regelfall nicht nur auf allgemeine Strukturwandlungen zurückzuführen.

Was ist also konkreter gemeint? Nehmen wir als Beispiel etwa die Frage nach dem Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen. Offenkundig gibt es hier eine historische Entwicklung. Sie hat von einem mindestens tendenziellen Exklusivismus zu einer offenen, ja sogar lernbereiten Haltung geführt. Solche Entwicklungen im Selbstverständnis der Kirche sind im Regelfall nicht einfach nur auf allgemeine Strukturwandlungen in Geschichte und Gesellschaft zurückzuführen. Sie bedeuten immer auch einen Wandel des Verständnisses dogmatischer Verpflichtungen. Wie aber kommt es zu solchen Veränderungen?

Ein guter Ansatzpunkt scheint mir an dieser Stelle ein Rekurs auf die klassische Lehre von der theologischen Erkenntnis zu sein. Die auf Cano zurückgehende Reflexion der Orte, an denen sich der Glaube seiner Vernunft vergewissern kann, zeichnet sich auf den ersten Blick dadurch aus, dass es viele sind (Cano nennt sieben eigene und drei fremde Orte theologischer Erkenntnis).

Dialektisch vermittelte Vielfalt theologischer Erkenntnisorte

Ebenso fällt auf, dass die einzelnen Orte nicht isoliert nebeneinanderstehen. Vielmehr greifen sie vielfach ineinander über. So bilden ja etwa die Heilige Schrift und die ungeschriebene apostolische Tradition nicht nur eine formale Einheit. Auch wird man die Gesamtkirche, die Konzilien, die römische Kirche und die Theologie materialdogmatisch nicht wirklich voneinander trennen können.

Die dialektisch vermittelte Vielfalt theologischer Erkenntnisorte ist die Basis, auf der sich das Verständnis kirchlich-dogmatischer Selbstverpflichtungen historisch immer wieder gewandelt hat und bis heute wandelt. Die Schrift wird als eminenter Ort theologischer Erkenntnis zugleich von ihrer Auslegungsbedürftigkeit her verstanden. Die übrigen Auslegungsinstanzen sind zugleich auf die Schrift und aufeinander verpflichtet – sollen sie als wirkliche Orte theologischer Einsicht begriffen werden.

Das Wahre ist das Ganze – das macht theologische Erkenntnis zu einer komplexen Angelegenheit.

Der einfachste Weg, dieses wechselseitige Bedingungsgefüge darzustellen, scheint eine negative Hermeneutik zu sein: Theologische Erkenntnis gibt es nicht ohne die Heilige Schrift, nicht ohne die römische Kirche, nicht ohne die Theologie, aber eben auch nicht ohne die natürliche Vernunft und den Glaubenssinn der Gläubigen.

Folgt man dieser Grundidee, dann kann nicht nach Belieben mal der eine, mal der andere Ort als partikuläre Erkenntnisquelle angesetzt werden. Das Wahre ist das Ganze – und genau das macht theologische Erkenntnis zu einer komplexen Angelegenheit. Einzelne dogmatische Fragen können nicht einfach auf Basis einer heimlichen Delegitimation einzelner Erkenntnisorte entschieden werden.

Weder reicht also der Verweis auf die natürliche Vernunft oder die Gesamtkirche, noch auf Schrift, Tradition und Lehramt. Insbesondere erscheint es mit dieser Tradition kaum vereinbar, Erkenntnisorte nur gelegentlich anzuerkennen oder von Fall zu Fall zu hierarchisieren. Was folgt daraus?

Reduktionsversuche dieser Komplexität sind mitunter schlicht geschichtsvergessen.

Die komplexe Struktur theologischer Erkenntnis ist im kollektiven Gedächtnis der katholischen Kirche fest verankert. Reduktionsversuche dieser Komplexität erreichen daher eher das Gegenteil ihrer Absicht: Sie sind sich der Tradition nicht in besonderer Weise bewusst, sondern mitunter schlicht geschichtsvergessen. Die Geschichtlichkeit der Kirche, ihre Tradition und ihre dynamische Entwicklung selbst als Prinzipien ihres Selbstverständnisses zu begreifen, scheint aber gerade die zentrale Einsicht von Cano und seinen Nachfolger:innen gewesen zu sein.

Das Bewusstsein um diese komplexe geschichtliche Struktur kann eine regelrechte Befreiung bedeuten, wenn es um die Beantwortung tagesaktueller Fragen in Theologie und Kirche geht. Der Blick in die Tradition weitet die Perspektiven der Gegenwart und verengt sie nicht. Zugleich wird das Heute überhaupt erst als zu gestaltender Teil ein und derselben Tradition einsichtig, wird verständlich inwiefern die Gestalt der Kirche sakramental ist, inwiefern sie den einzelnen an der durch Christus vermittelten Geschichte Gottes mit den Menschen als Individuum partizipieren lässst.

Diversitätstoleranz macht die Kirche katholisch, im Sinne von allumfassend.

Die Rückbesinnung auf die komplexe Struktur theologischer Erkenntnis hätte damit nicht zuletzt womöglich gewichtige Auswirkungen auf die tobenden Grabenkämpfe zwischen ‚Konservativen‘ und ‚Liberalen‘. Es kann eben nicht nur dort auf den Glaubenssinn der Gläubigen bzw. auf das Lehramt verwiesen werden, wo es jeweils zur eigenen Perspektive passt.

Denn die dialektische Dichte der Erkenntnisorte, die Unmöglichkeit ihrer partiellen Eliminierung fordert aus sich selbst heraus ein hohes Maß an Diversitätstoleranz. Genau diese Diversitätstoleranz als integrierendes Identifikationsangebot für die vielen, macht die Kirche katholisch, im Sinne von allumfassend.

Bewusste Identitätspolitik, der Ausschluss von theologischen Erkenntnisorten und damit von Deutungsvielfalt, scheint hingegen schlicht eine Anpassung an den Zeitgeist zu sein.
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Aaron Langenfeld vertritt die Professur für Dogmatik und Dogmengeschichte unter Berücksichtigung fundamentaltheologischer Fragestellungen an der Universität Vechta. In der zweiten Jahreshälfte erscheint als Gemeinschaftsprojekt mit Klaus von Stosch das Buch „Allumfassend“.

Bild: pixabay.com


Vom Autor ebenfalls auf feinschwarz.net erschienen:

Irgendwas mit Gott: Was hält die wissenschaftliche Theologie als Fach zusammen?

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