Der Ball liegt im Spielfeld der Theolog*innen

Anmerkungen zum Dialog von Kunst und Kirche aus dem Nachdenken über die Folgen der Reformationszeit für die künstlerische Wahrnehmung. Von  Marco Sorace, Aachen.

Es wird sie im nun angebrochenen Gedenkjahr zahlreich geben: die Ausstellungen mit und zur Kunst der Reformationszeit – angefangen von Werken vorreformatorischer Künstler wie Hans Memling über die Cranach-Schule bis hin zur niederländischen Malerei des Goldenen Zeitalters. Diese Kunst ist deswegen bleibend aktuell, weil sie in jener Zeit einen „Bruch“ mitvollzog, der in der katholischen und letztlich auch in der evangelischen Kirche bis heute weitgehend ignoriert wurde.

Es ist der Bruch zwischen dem (Bild-)Zeichen und der Repräsentation eines der Welt vorgegeben Sinns. Alle Künstler*innen – auch die in diesen Anfängen natürlich noch deutlich „gegenständlich arbeitenden“ – verstehen sich nun insofern als „abstrakte“, als sie sich mehr oder minder bewusst sind, im künstlerischen Wahrnehmen und Schaffen stets einen irreversiblen Abstand zu erzeugen zwischen dem Bild und dem, wovon dieses Bild abbildend seinen Ausgang genommen hat. Diese immerwährende Wanderschaft von einer konkreten Wahrnehmung zur anderen wurde von den Künstler*innen sozusagen positiv aufgenommen. Diese Haltung entspricht einem – wie es der moderne Künstler Marcel Duchamp einmal nannte – „piktoralen Nominalismus“, den Vorrang des mit einem Eigennamen zu bezeichnenden Einzelnen vor jedem Allgemeinen.

Nachdem aber das kirchliche Christentum ganz im Gegensatz dazu sich über Jahrhunderte nie anders zu verstehen vermochte, denn als vorrangige Offenbarung eines unwandelbar Allgemeinen, haben sich Kunst und Kirche zunehmend als zwei autonom gegenüberstehende Formen der Sinndeutung herauskristallisiert.

Krisenhaftes Verhältnis von Kunst und Kirche seit Beginn der Neuzeit.

Das Verbindende der „Sinnfrage“ hat Kunst und Kirche dennoch immer wieder in einen Dialog gebracht. Die Geschichte dieses Dialogs ist ausgesprochen vielfältig und man könnte meinen, er fände immer wieder neue Ansätze. Zumal das, was hier sehr holzschnittartig gegenübergestellt wird, tatsächlich viele Spielarten hat, wie zum Beispiel im Bereich des Christentums die Tradition der Mystik, die man deuten könnte als Neu(er)findung der religiösen Sprache im Angesicht des zuvor beschriebenen Bruchs. Da aber Kirche und Theologie bislang im Großen und Ganzen, wie gesagt, einem repräsentativen, metaphysischen, auf eine „Hinterwelt“ ausgerichteten Denken verhaftet blieben, war die Entwicklung des Verhältnisses von Kunst und Kirche seit Beginn der Neuzeit zwangsläufig krisenhaft.

Um die gegenwärtige Zuspitzung dieser Krise zu verdeutlichen, erinnern wir exemplarisch zwei Ausstellungen, die als Leuchttürme des deutschsprachigen Kunst-Kirche-Dialogs der letzten Jahrzehnte angesehen werden können: Die Ausstellung „Zeichen des Glaubens – Geist der Avantgarde“ 1 suchte im Zusammenhang mit dem Berliner Katholikentag im Jahr 1980 nach „religiösen Tendenzen in der Kunst des 20. Jahrhunderts“. Man fand dabei die Verwiesenheit auf Transzendenz als das gemeinsam Tragende und markierte zu diesem Zeitpunkt sicher den Höhepunkt einer Epoche der Begegnung, die der kürzlich erst verstorbene Bildtheologe Axel Stock in bislang unübertroffener Weise zusammengefasst hat. 2

Man fand dabei die Verwiesenheit auf Transzendenz als das gemeinsam Tragende.

Zum Ende des Jahres 2015 dokumentierte dagegen die von der Deutschen Bischofskonferenz angestoßene Düsseldorfer Ausstellung „The Problem of God3  eine Kunst, die auf die Gottesfrage auffällig anders antwortet als die aktuelle Kirche und Theologie. Obwohl viele der neueren und neusten Arbeiten, die auf dieser Ausstellungen zu sehen waren, durchaus auch das kirchliche Publikum beeindruckten, konnte man doch nicht übersehen, dass 35 Jahre später der Faden des Dialogs von Kunst und Kirche gerissen war.

Dies zeigte sich einige Jahre zuvor schon in der Unbeholfenheit der kirchlichen Reaktionen auf die Einrichtung des Kölner Domfensters von Gerhard Richter. Dort, wo es nicht einfältig als islamische Ornamentik abqualifiziert wurde, suchte man oft „auf Teufel komm raus“ doch noch nach einer Dimension des Symbolischen, ohne das für Richter wichtige Thema der „Aleatorik“, also der künstlerischen Anwendung des Zufalls bei der Anordnung Farbglasfelder zu überhaupt anzusprechen. Diese Unfähigkeit in der Kirche, sich auf einen genuin neuzeitlichen Ansatz einzulassen, ist symptomatisch.

Wir müssen uns angesichts der weitgehenden Sprachlosigkeit gegenüber eines kulturell doch so relevanten Diskurses wie der Kunst fragen, ob das Christentum heute nicht radikal neu (oder auch vielleicht nur gegenüber einer antiken Überformung „ursprünglich“) zu denken ist. Etwa in der Weise eines Theologen und Kulturtheoretikers wie Michel de Certeau (1925-1986), der uns auffordert, nun endlich die Partikularität, die Ausschnitthaftigkeit dessen, was wir als Christen und als Kirche über Wirklichkeit aussagen, anzuerkennen. „Vielleicht wird eine Theorie und Praktik dann christlich, wenn  mit der Kraft, der Klarsicht und des Sachverstands, einer Tänzerin gleich,  das Wagnis auftritt, sich der Exteriorität auszusetzen oder die Offenheit für die sich unvermutet einstellende Fremdheit oder Gnade, dem Anderen, das heißt ihm zu glauben.“ 4

… eine Theorie und Praktik wird christlich, wenn das Wagnis auftritt, sich der Exteriorität auszusetzen …

Die neuzeitliche Kunst hat der Kirche mit ihrer Empfindlichkeit für das Andere und Fremde einen Ball zugespielt. Der Ball liegt – was den möglicherweise zukünftigen Dialog von Kunst und Kirche betrifft – somit jetzt ganz klar im Spielfeld der Kirchen und ihrer Theolog*innen. Es geht hier um weit mehr als um einen Anstoß zum Dialog von Kunst und Kirche. Es geht darum, das Christentum in unserer Gesellschaft auch in Zukunft sprachfähig zu halten.

Text: Marco Sorace, Bischöfliche Akademie des Bistums Aachen;

Bild: Installationsansicht in St. Nikolaus, Münster 2011 (Luka Fineisen),
Schaum, Behälter, Schläuche, Pumpe, schallgedämpfte Gebläse
Die Arbeit war einen Monat installiert, auch während der Gottesdienste.

Bildrechte: Galerie Pfab, Düsseldorf.

 

  1. Zeichen des Glaubens – Geist der Avantgarde. Religiöse Tendenzen in der Kunst des 20. Jahrhunderts (Katalog). Hrsg. und  kuratiert von Wieland Schmied. Stuttgart: Klett-Cotta 1980
  2. Axel Stock, Zwischen Tempel und Museum. Theologische Kunstkritik – Positionen der Moderne. Paderborn u.a.: Schöningh 1991
  3. The Problem of God (Katalog). Hrsg. von der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, kuratiert von Isabelle Malz. Berlin: Kerber 2015.
  4. Michel de Certeau, GlaubensSchwachheit. Hrsg. von Luce Giard. Stuttgart: Kohlhammer 2009 (La faiblesse de croire, frz. 1987), S. 250.
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