Der Krise Ausdruck geben – ein Format öffentlicher Seelsorge in Leipzig

Klagemauer Peterskirche

In Krisen haben die Kirchen nicht nur die vielfach geforderten Deutungen, sondern auch rituelle Ausdruckmöglichkeiten als Ressource zur Bewältigung. Seit zehn Wochen feiern die Kirchen in Leipzig gemeinsam mit dem Institut für Praktische Theologie „Klagezeit. Hören, Schweigen, Beten in Zeiten der Pandemie“. Eine Reflexion über die bisherigen Erfahrungen.

„Eigentlich liegt es mir nicht, zu klagen. Ich will tun, anpacken, helfen, verändern, verbessern, vermitteln.“ Torsten Junghans, Wirt der Vodkaria in der Leipziger Innenstadt, steht am Pult der Leipziger Propsteikirche und bringt zum Ausdruck, wie er diese Pandemiesituation erlebt. „Wenn man weiß, dass Gastronomie für mich nicht nur Zeitvertreib und Lebensunterhalt, sondern auch Hort des Genusses, der Begegnung, der Unterhaltung, der Problemlösung, des Spaßes und ja, auch der Seelsorge ist, wenn man das alles weiß, dann bekommt man eine Vorstellung, was einem Gastronomen zur Zeit alles fehlt. Groteskerweise besteht die einzige Aufgabe der Kneiper, Restaurantbesitzer, Bar-Inhaber, Café-Betreiber gerade darin, Kontakte zu verhindern, Gemeinschaft zu verhindern. Diese Aufgabe, Risiken, im Zweifel Krankheit und Schlimmeres von anderen abzuhalten, muss derzeit unser Dienst an der Gesellschaft sein. […]

„Eigentlich liegt es mir nicht, zu klagen.“

Mir fehlen meine Gäste – für die ich da sein kann und die für mich da sind. Seelsorge ist ja keine Einbahnstraße. Mir fehlen meine Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, denen gegenüber ich eine Verantwortung habe. […] Meine Leute haben sich diesen Job ausgesucht, weil sie es lieben, mit und für Menschen zu arbeiten. Für manche ist diese Arbeit wie eine Therapie – eine Therapie, die Ihnen jetzt versagt ist. Ich klage, dass ich auch für sie, meine Mitstreiter, nicht wie gewohnt da sein kann. […] Ich klage, dass ich mehr zum Klagen gezwungen bin, als mir lieb ist. Aber es hilft, wenn es gehört wird.“

„Es hilft, wenn es gehört wird.“

Jeden Freitag am späten Nachmittag stehen zwei Menschen am Pult der Propstei- oder der Peterskirche, beide große innenstadtnahe Kirchen, aus denen regelmäßig Gottesdienste live gestreamt werden, und geben ihrer Klage Ausdruck. Eine Stadtführerin und ein Hospizkoordinator, der Leiter eines Altenheims und eine Mitarbeitende aus der Arbeit mit Geflüchteten, eine Mutter, die Homeoffice und Kinderbetreuung zusammenbringen muss, ein von Covid Betroffener, eine alleinlebende Frau, eine Studentin und noch einige mehr. Sie sprechen konkret und persönlich oder berichten von konkreten Menschen und ihrer Situation.

Immer wieder ist überraschend, was sie erzählen. Für den Leiter des Altenheims ist die stärkste Belastung, dass seine Mitarbeiter:innen so viele Vorwürfe und so wenig Empathie erhalten. Eine südamerikanische Pfarrerin setzt Ausgangsverbote in unserem Land in ein ganz anderes Verhältnis, als sie über im informellen Bereich Arbeitende in Argentinien spricht, die ohne Arbeitgeberbescheinigung nicht zur Arbeit gehen können und keinen Anspruch auf staatliche Unterstützung haben. Eine junge Frau, die ihren Mann, einen Polizisten, im Frühjahr durch Krebs verloren hat, erzählt von der Traurigkeit, dass ihm so wenige die letzte Ehre erweisen konnten, dass da nur zehn Menschen waren, wo sonst mehr als hundert gestanden hätten.

die Unterschiedlichkeit des Erlebens dieser Zeit

Diese persönlichen Klagen zweier Menschen bilden das Herzstück des gottesdienstlichen Formats, das wir im Januar dieses Jahres begonnen haben und heute zum zehnten Mal feiern. Sie bilden über die geplante Zeit bis Karfreitag die Unterschiedlichkeit des Erlebens dieser Zeit ab. Zwei Berichte kann man halten. Die Komplexität zu erfassen, braucht Zeit.

Es tut Kirche gut, wenn sie genau zuhört. Wenn wir nicht immer schon wissen, worunter Menschen gegenwärtig leiden und wenn wir auch unsere liturgische Deutungshoheit abgeben. „Lebend-Psalmen“, war ein Kommentar, „ungekürzt“.

Bewusst gehen wir über die an die Kirchen herangetragene Forderung, der Toten zu gedenken, hinaus. „Krisenrituale“ haben immer auch die Wirkung, „Opfergruppen“ zu definieren und wir wollen durch die Auswahl der Berichtenden die Vielfältigkeit und Widersprüchlichkeit des Leidens in der Pandemie im öffentlichen Diskurs halten. Damit ist die Klagezeit ein Format öffentlicher Seelsorge, was durch die für uns überraschend schnell einsetzende mediale Resonanz in Stadt und Region anerkennend und klar kommuniziert wurde.

Gegner:innen der Corona-Maßnahmen einladen?

Ob wir nicht auch Gegner:innen der Corona-Maßnahmen einladen sollten, fragte kürzlich jemand. Aber wir geben den Menschen nicht für die Repräsentation einer bestimmten Haltung Raum, sondern auf der Basis ihrer Lebenssituation. Kritisches kommt da auch zur Sprache, aber in einer anderen Weise, als sie sich im aufgeheizten gesellschaftlichen Diskurs oft artikuliert. Konkret, erfahrungsbezogen. Die Klage zum Ausdruck bringen, ist aber auch an sich widerständig – nicht gegenüber einer pauschal verurteilten Politik, sondern widerständig gegenüber dieser Pandemie. Klage findet sich nicht ab mit dem, was ist.

Klage zum Ausdruck bringen, ist an sich widerständig – gegenüber der Pandemie

Widersprüche dürfen nebeneinander stehen, ohne sich gegeneinander zu wenden. Das hat mit der Richtung des Sprechens zu tun. Beiden Berichten schließt sich eine Zeit des Schweigens an. Im Schweigen klingt die Klage nach. Im Schweigen klingt die Klage hin zu Gott. Das Schweigen widersteht dem Impuls, schon Tröstendes zu sagen, der eigenen Ohnmacht auszuweichen. Die Klage, egal ob an Gott adressiert oder rein narrativ, darf für sich stehen mit allem, was sie emotional auslöst. Der Kirchenraum, der liturgische Rahmen mit schlichten musikalischen und Gebetselementen trägt das. Wir schweigen auch als Theolog:innen und haben im Zuge der letzten Wochen auch die sparsamen Auslegungsideen noch weiter reduziert. Am Beginn stehen ein paar Worte zu dem, was wir gemeinsam tun, auf den Klageteil folgen Psalmworte, die für sich stehen dürfen.

Schweigen widersteht dem Impuls, der eigenen Ohnmacht auszuweichen

Unsere Deutung ist damit weniger artikuliert als inszeniert: wir verstehen die Situation als eine offene, die auch vor Gott Fragen aufwirft. Wir verstehen uns Menschen, auch als Theolog:innen, als Angewiesene und Suchende. Wir vertrauen, dass unsere Geschichte in die Geschichte Gottes mit seinen Menschen hineingewoben ist.

Ein weiteres Element ist eine Phase betenden Schweigens, in der die Anwesenden ihre Klage auf Zetteln nach vorne tragen können und in eine sich über die Zeit aufbauende Klagewand stecken können. Auch über die Website oder über den Chat während des Livestreams kann man Klagen schicken, die dann im Gottesdienst in die Wand gelegt werden (oder öffentlich auf der Seite geteilt werden).

Wir beten für die Menschen in dieser Stadt, stellvertretend und konkret.

Unser wesentliches Signal für die Öffentlichkeitsarbeit war nicht: ihr sollt kommen. Das wäre in Zeiten der Kontaktbeschränkungen das falsche Signal. Sondern: wir hören genau zu und wir beten für die Menschen in dieser Stadt, stellvertretend und konkret. Das tun wir in den Worten der Psalmen, in der Stille, mit einem dichten Vaterunser. Das Gebet, nicht die Verkündigung, ist die Grundbewegung der Klagezeit, gemeinsam Gott das Gehörte hinhalten und vorhalten. Und die Gemeinschaft, die dabei entsteht, ist für viele – so hören wir – im Raum und digital greifbar.

Es gibt solche Möglichkeiten, Erfahrungen zu teilen und füreinander zu beten, an vielen Stellen in Gemeinden. Die stadtweite ökumenische Kooperation, in der wir das tun, und das besondere Format haben das Potential, Kirche für und mit den Menschen in dieser Zeit noch einmal anders sichtbar zu machen. Gut ist auch, dass es in den Gemeinden ganz anders ausgerichtete Gottesdienste an den Sonntagen gibt, nicht alles Klagezeit ist und sich nicht alles um Pandemie dreht.

An Karfreitag bündeln wir das bisherige Geschehen. Entgegen erster Planungen werden wir die Klagewände aber vielleicht doch einstweilen stehen lassen und sehen, wie wir weitergehen und wie die Klage über die aktuelle Situation sich weiter Ausdruck verschafft.

Alle Erfahrungsberichte sind dokumentiert auf www.klagezeit-leipzig.de, wo man auch freitags 17 Uhr per Livestream dabei sein kann. Am Karfreitag überträgt auch der MDR den Livestream.

Das Team der Klagezeit: Propst Gregor Giele, Superintendent Sebastian Feydt, Pfarrerin Christiane Dohrn, Pfarrerin Dr. Barbara Zeitler, Pfarrer Lüder Laskowski, Pfarrer Sebastian Keller, Prof. Dr. Alexander Deeg, Pfarrerin Dr. Kerstin Menzel sowie Propsteikantor Stephan Rommelspacher und Organistin Maria Wolfsberger, die Streaming-Teams der beiden Kirchen, Christian Boerger und viele weitere Beteiligte.

Text: Kerstin Menzel

Bild: Sebastian Keller

„Nur wer klagt, hofft“ – Die „Lügen der Tröster“ in Zeiten der Pandemie

 

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