Der lange Weg zur Religionsfreiheit – in Erinnerung an „Nonni“, zu seinem 75. Todestag

Der isländische Jesuitenpater Jon Sveinsson, genannt Nonni, war ein beliebter Kinderbuchautor. Als protestantischer Junge fernab der Heimat „streng katholisch“ erzogen, litt er sein Leben lang unter der Angst, seine Mutter und andere Lieben könnten verdammt sein, da sie nicht konvertiert waren. Ottmar Fuchs erinnert an ihn anlässlich des Todestags am 16. Oktober.

Ich habe, wie viele in meiner Generation, in den 50er Jahren die Nonni-Bücher in der katholischen Bekenntnisschule vorgelesen bekommen und dann selber gelesen. Nun möchte ich dem Autor auch in seiner Biographie wahrnehmen, die mich, ziemlich unerwartet, unter der Perspektive erschüttert, wie sehr er Glaubensvorstellungen und Kirchenerfahrungen ausgesetzt war, die ich selbst „im Bauch“ habe und die ich, auch als Seelsorger, bis zum heutigen Tag wahrnehmen muss.

Leben

Jón Stefan Sveinsson wurde am 16. November 1857 in Mödruvellir in Nordisland. Nonnis Vater arbeitete als Amtsschreiber. 1865 zogen die Eltern mit ihren Kindern nach Akureyri. Kurz darauf verstarb der Vater. Für die Mutter war es eine schwere Zeit, in der sie die Familie kaum durchbringen konnte.

Nonni verließ die Familie 1870, als er nach Frankreich eingeladen wurde, um dort eine Ausbildung zu bekommen. In Kopenhagen konvertiert er zum katholischen Glauben. In Amiens lebt und lernt er im Schulinternat der Jesuiten. Nach dem Abitur tritt Sveinsson in den Jesuitenorden ein und studiert Philosophie in Louvain (Belgien). 1885 kommt er nach England, wo er in Dotton Hall /Lancashire Theologie studiert und die Priesterweihe empfängt.

Nonni-Abenteuer

Dann wird er für viele Jahre als Lehrer an die von Jesuiten geführte Schule im dänischen Ordrup geschickt. Neben seinen Schul- und anderen Verpflichtungen in Ordrup schreibt Sveinsson Reise- und die ersten Kindergeschichten. Ab 1912 kommt er nach Holland und dann nach Österreich und Deutschland. Ab den 20er Jahren veröffentlicht er mit großem Erfolg seine Nonni-Abenteuer, die in viele Sprachen übersetzt wurden.

1936 bis 1938 begibt sich der alte Pater auf Weltreise, die ihn auch nach Japan führt. Er reist als bekannter Mann und hält viele Vorträge und Vorlesungen. Er stirbt am 16. Oktober 1944 im Alter von 86 Jahren im Luftschutzkeller des Franziskushospitals in Köln, in Tagen, in denen die Stadt bombardiert wurde.

Hintergrund

Die Einladung für Nonni kommt aus Europa. Hier gibt es so etwas wie die Explosion des Kolonialismus von einigen Ländern aus, verbunden mit der hemmungslosen Arroganz angeblich ethischer und vernunftbezogener Überlegenheit, vor allem hinsichtlich des afrikanischen Kontinents und der darin antreffbaren „Wilden“. Es gibt sicher auch diese Einstellungen abmildende Gegenbewegungen, aber die Dominanz einer entsprechenden Arroganz auch im religiösen Bereich ist unübersehbar. Diese Einstellung beginnt schon im innerchristlichen Bereich selbst, in dem sich die Konfessionen gegenseitig ebenfalls der Hölle überantworten, wenn man (nicht) entsprechend konvertiert.

Und damit haben wir die Dynamik erreicht, die auch den 12jährigen Nonni trifft. Die Absicht ist, von katholischer Seite aus den „barbarischen“ Protestantismus in Island dadurch zu bekämpfen, dass man Söhne Islands entsprechend ausbildet, sie Priester werden lässt, damit sie als Missionare wieder in ihr Heimatland kommen können und dort für den katholischen Glauben missionieren. Es ist ein Kolonialismus eigener Art, der Menschen für die eigenen Ziele instrumentalisiert.

Opfer einer Missionsstrategie

Nonni wird also aus dieser Perspektive Opfer einer ganz bestimmten Missionsstrategie. Als erzählendes „Kind“ konnte Jón Sveinsson diesen Hintergrund nur mühsam als eigene Motivation umdefinieren und als eigene Berufung verinnerlichen, nämlich das er selbst dazu berufen sei, Island wieder für den katholischen Glauben zu gewinnen bzw. der Gegenreformation in Island Raum zu verschaffen.

Seine „Gegenstrategie“ war die spirituelle Rettung der Freiheit, nämlich diese Ereignisse als von Gott selbst gefügt zu erleben und zu begründen. Damit muss er sich nicht einer menschlich geplanten Außenlenkung unterwerfen, sondern ergibt sich in den Willen Gottes, dessen „Pläne“ nicht als Entfremdung erlebt werden müssen, sondern als die internalisierte Fügung seines eigenen Weges erlebt werden dürfen, zur der er selbst Ja sagt. Das Abgekartete wird zu Gefügten.

Klassisch autoritäre Struktur

Aber selbst diese Selbstidentifikation mit der Strategie des Ordens wird Nonni aus der Hand geschlagen. In den Jahrzehnten in Ordrup, wo mit seiner „Berufung“ nichts passiert, muss Sveinsson begreifen, dass sein ursprünglicher Berufungswunsch, mit dem er die Strategie des Ordens intensiv integriert hatte und worin er in Amiens noch genauso intensiv bestärkt wurde, nämlich Missionar in Island zu werden, für eben diesen Orden keine Bedeutung mehr hatte. Nonni selbst kommt, derart ausgebremst, die Vitalität dieses Wunsches abhanden. Hier wird Sveinsson jahrelang Opfer jener „paradoxen Kommunikation“, in der von einer Machtseite (Eltern, Lehrer*innen usw.) her Versprechen ausgegeben werden, die in der Praxis konterkariert werden.

Pater Klaus Mertes SJ hat die Problematik (in einem Interview von Angela Krumpen in Domradio.de am 18.11.2018) folgendermaßen präzisiert. „Das war eine klassisch autoritäre Struktur, in der das Ganze stattgefunden hat. So eine autoritäre Struktur hat in der Regel – wenn sie in einem Orden stattfindet – natürlich auch immer noch einen religiös-ideologischen Hintergrund, beziehungsweise werden hier Schlüsselbegriffe der kirchlichen Frömmigkeit und auch des Evangeliums wie beispielsweise Gehorsam, Lebenshingabe oder Kreuzesnachfolge instrumentalisiert, um eine Spiritualität zu schaffen, die am Ende autoritäre Beziehungsstrukturen legitimiert. Da herauszukommen, ist eine ganz große Aufgabe. Die stellt dann aber auch die Kirche als Ganzes infrage, weil die Schlüsselbegriffe der Christenheit …durch den Missbrauch kontaminiert worden sind.“

Heilsangst

Ein Leben lang beschäftigt Jón Sveinsson die Frage, ob denn diejenigen, die nicht zum katholischen Glauben konvertieren, ebenfalls in den Himmel kommen, oder ob sie ewig verloren sind. So beteten die Zöglinge in Amiens inbrünstig dafür, dass ihre nächsten Verwandten zum katholischen Glauben konvertierten. „Wie konnte der gute Gott sie auf ewig von ihren geliebten Eltern trennen, die ihm obendrein diese Söhne geschenkt hätten, ihn zum Dienst und zur Ehre?“ Und: „was würde aus Vater und Mutter und anderen lieben Menschen werden, die im ‚Irrglauben‘ lebten und starben?“

Die Armut der Mutter war das tatsächliche Motiv, war auch das Motiv dafür, warum sie Nonni und später seinem Bruder Manni unbedingt ermöglichen wollte, dass sie mit einer entsprechenden Bildung und Ausbildung aus dieser Armut herauskommen können und ein Leben in Wohlstand führen können. Jón Sveinsson überhöht diese Motivation mit der Vorstellung, dass die Mutter ihre beiden Söhne zum Dienst an Gott fortgegeben hat und „dass sie so einen indirekten Anteil am Heilswerk der Kirche hat.

Sorge um ihr Seelenheil

Diese Spiritualisierung der mütterlichen Motive haben ihre Wurzel in der Heilsangst Sveinssons selbst, die er bezüglich der Mutter damit beruhigt, dass sie dieses indirekte Heilswerk tat: „Aber, meine Liebe, ich tröste mich ein wenig und möchte so gerne, dass auch du Trost findest in dem freudenvollen Gedanken, dass Gott dir im Himmel den unermesslichen Lohn gebe für deine beiden Kinder, die du ihm hier auf Erden geschenkt hast. Sei gewiss, dass Manni und ich, dass wir ein Opfer sind, das du Gott bringst. Ach, meine Geliebte! Gib uns beide von Herzen an Gott, so dass dein Lohn umso größer werde.“

Von seiner Mutter hatte Sveinsson kurz nach der Priesterweihe einen Brief bekommen, in dem sie ihm eröffnete, dass auch sie nun zu ihm kommen und katholisch werden wolle. Mit großer innerer Erregung schrieb er in sein Tagebuch mit großer Freude schrieb: „Will kommen, will kommen …“. In seiner Reaktion auf den Brief wird umso mehr deutlich, wie glücklich er über ihr Konversion gewesen wäre, weil er dann keine Sorge mehr um ihr Seelenheil gehabt hätte. Aber sie kam nie.

Hin und her

Es ist bewegend, wie Jón Sveinsson in seinen Texten zwischen beiden Positionen hin- und herschwankt: einmal der rigid dogmatischen, dass es eine Hölle für die Nichtdazugehörigen gibt, und dann jenen Hoffnungsschimmer, dass Gottes Barmherzigkeit letztlich größer sein müsse als diese Einteilung und dass es Gott doch auch beeindrucken müsse, wenn Menschen außerhalb der katholischen Kirche gute Menschen sind, was ihm auf der Japanreise mit 80 Jahren in besonderer Weise aufgeht.

Wenn Jón Sveinsson an Mission dachte, dann immer an die Konversion zum katholischen Glauben und damit zum eigentlichen Heil. In Japan aber lernte er einen christlichen Missionar kennen, der nicht katholisch war, einen Isländer von der Abstammung her, im Auftrag für eine amerikanische Missionsgesellschaft, verheiratet mit einer isländischen Frau. Sie hatten miteinander vier Kinder. Nonni besuchte sie und blieb dort neun Tage. Dies war für ihn „eine herrliche Zeit“. Am meisten bewunderte er die Frömmigkeit dieses Mannes, die Gottesfürchtigkeit des ganzen Familienlebens. Sie machten Hauslesungen und beteten und besuchten Kranke. Jón fragt sich: „Warum konnten diese guten Leute nicht zusammen in einer Kirche sein?“

Interreligiöse Empathie

Diese Erfahrung überzeugte ihn davon, „dass man vor allen Menschen Achtung haben sollte, gleich welchem Volk oder welcher Religion sie angehörten.“ Die Vielfältigkeit der Menschen und Völker mit ihren Erscheinungsweisen und Haltungen war eines der „Wunder des Schöpfungswerkes“. Der alte Jón Sveinsson leistet sich in Japan so etwas wie eine interreligiöse Empathie, in der er ahnt, was die andere religiöse Vorstellung für eine positive Seite hat.

Religionsfreiheit

Indem ich gewissermaßen mit dieser Lupe auf das Schicksal von Jon Sveinsson schaue, konzentriere ich mich nicht nur auf eine Geschichte in der Vergangenheit. Denn religiöser Fundamentalismus mit ähnlichen Auswirkungen gibt es zuhauf in den Religionen, und auch das Christentum explodiert zahlenmäßig genau in diesem Bereich.

Auf dem heilseklusiven Mentalitätshintergrund, den Sveinsson repräsentiert und stellenweise unterläuft, und der bis heute (säkular und religiös) millionenfach bezeugt ist, kann man ermessen, was das entscheidende Dogma des Zweiten Vatikanums für eine kopernikanische Wende im Christentum und überhaupt in der Religionsgeschichte gewesen ist: nämlich die Religionsfreiheit auf der Basis einer Veränderung der eigenen Heilsbotschaft in Richtung auf unbegrenzte Universalität des Heiles.

Von Gott genauso geliebt

Denn die Religionsfreiheit würde theologisch in der Luft hängen, sie  wäre der Identität des Christentums nur äußerlich ein Zugeständnis an die Toleranznotwendigkeit, wenn sie nicht verwurzelt wäre in der prinzipiellen Botschaft, dass Gott alle Menschen liebt, noch bevor sie sich verändert haben, noch bevor sie also in den je eigenen Bereich hinein konvertiert sind. Rosa Luxemburgs Satz „Freiheit ist immer Freiheit des Andersdenkenden“ heißt in seiner theologischen Fassung für den interreligiösen Bereich: Religionsfreiheit ist immer die Freiheit der anderen, von Gott genauso geliebt zu werden wie die Menschen im eigenen Bereich hoffentlich die gleiche Freiheit erleben dürfen.

Gottesfurcht

Gottes Liebe gilt absolut, ist nicht abhängig von irgendwelchen Wenn-Dann-Strukturen und Bedingungen. Allerdings hat sich diese befreiende Botschaft noch nicht, auch nicht im Christentum und in den Gemeinden und in den Spiritualitäten von Christen und Christinnen intensiv genug herumgesprochen. Bis in die liturgischen Texte hinein ist das Heil nur denen vorbehalten, die entsprechend daran glauben. Und nicht wenige Eltern haben immer noch Heilsangst um ihre Kinder, wenn diese abständig werden, nicht mehr in die Kirche gehen und mit dem Glauben nichts mehr anfangen können. Die Botschaft, dass Gott seine Liebe niemals zurückzieht, würde solche Ängste überflüssig machen.

Leidsensible Gottesfurcht

Nicht aber die Gottesfurcht, nämlich für Lieblosigkeit und Leidzufügung zur Verantwortung gezogen zu werden, aber in der Liebe, und hier sehr schmerzhaft, und nicht außerhalb davon. Eine Liebe ist dies, die keine Lieblosigkeit übersieht, die nicht billig „versöhnt“ als wäre nicht Schlimmstes geschehen, sondern aus sich heraus den entsprechenden Reueschmerz ermöglicht und bis zum äußerten in der Unendlichkeit Gottes „treibt“. Diese Hoffnung ist die Basis eines Ausblicks, der Vernichtungs- und Strafängste auf eine leidsensible Gottesfurcht hin öffnet, die den Glauben nicht „schal“, sondern scharf macht für seine „Früchte“ in der Solidarität für die Menschen, besonders für die Leidenden und Benachteiligten (vgl. Gaudium et spes 1). Spätestens in Japan, in eindrücklichen Begegnungen mit guten Menschen, die nicht katholisch waren, ahnt Jón Sveinsson, dass sich das Jüngste Gericht einmal nicht zwischen Glauben und Unglauben, sondern zwischen Gut und Bös, zwischen Leiderfahrung und Leidzufügung ereignen wird. Genauso wie es in Mt 25 verdeutlicht ist. Der Glaube selbst ist offensichtlich danach zu beurteilen, ob und wie er für das Gute die unerschöpfliche Kraft Gottes freigibt und freisetzt.

Bedeutsame Erinnerung

Dass ich, aus meiner Perspektive, in dieser Emanzipation von der Heilsangst weitergehen konnte als Sveinsson, verdanke ich nicht mir, sondern den anderen Lebens- und Kirchenumständen, in deren Zeitgenossenschaft ich leben durfte, vor allem bezogen auf die Erfahrung des Zweiten Vatikanums in meiner Jugendzeit und auf die danach folgenden Jahrzehnte der entsprechenden Auseinandersetzungen. Sveinsson dagegen konnte in seinem kirchlichen und theologischen Kontext überhaupt nicht die Chance bekommen, über den ihm gegebenen system(at)isch-theologischen Rahmen hinauszudenken, und dieser Rahmen war insbesondere im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert durch ein vom kirchlichen Lehramt rigoristisch verstandenes „außerhalb der Kirche kein Heil“ geprägt. Für den damaligen Kontext hat Sveinsson jedenfalls über die Maßen und mutig und an der Liebe für die Menschen orientiert über diese Grenzen hinaus gehofft und gelebt.


Ottmar Fuchs war Professor für Praktische Theologie in Bamberg und Tübingen. Vor kurzem erschien sein Buch „Im Schatten der Verdammnis. Nonni – sein Weg aus kirchlicher Verengung“, Echter-Verlag Würzburg 2019 (mit Zitatbelegen).

Bildquelle: Pixabay

 

Print Friendly, PDF & Email