Der Mensch in Zeiten seiner körperlichen Transformation

Klaus Wiegerling, Philosoph am Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) in Karlsruhe, konfrontiert die Theologie mit dem, was aus dem Menschen werden wird. Thesen zu einer noch wenig beachteten Herausforderung.

These 1: Die Frage nach dem Adressaten der christlichen Heilsbotschaft hat eine neue Qualität erlangt, insofern der Mensch in seiner physiologischen Disposition eine Transformation erfährt, die sich auf dessen Selbst- und Weltverständnis auswirkt.

Man unterscheidet traditionell die physiologische Disposition des Menschen von dem, was unter dem Begriff ‚conditio humana‘ gefasst wurde. Die physiologische Disposition ist aber Teil einer technischen Verfügungsmacht geworden. Bio- und informationstechnologische Möglichkeiten werden bereits zur Herstellung, Erhaltung und Aufrüstung menschlichen Lebens genutzt. Die ‚conditio humana‘, die sich wesentlich in sozialen bzw. kulturellen Bedingungen äußert, wird zunehmend von technischen Verfügungsmitteln unterwandert, die Teil unserer körperlichen Existenz geworden sind.

Der menschliche Leib stand immer in einer besonderen Beziehungen zu den Bedingungen seiner Lebenswelt. Immer fanden kulturelle Rhythmisierungen und Prägungen unseres Leibes statt bis hin zum Schmerzempfinden. Dies geschah durch passive und aktive Anpassungsvorgänge, durch Sozialisierung bzw. Erziehung.

Die neuen Techniken zur Steigerung der Fähigkeiten des menschlichen Körpers sollen aber Möglichkeiten bieten, den menschlichen Körper im Instantverfahren auf neue Zustände einzustellen. Die organische Regulierung des Körpers kann automatisiert durch extrakorporal vorgenommene informatische Steuervorgänge erfolgen.

Die ‚conditio humana‘ des Menschen in der technisch hochgerüsteten Hemisphäre der Welt sieht also so aus, dass die Natur – die nach aristotelischem Verständnis etwas sich von selbst bewegendes, wachsendes bzw. alterndes und den technischen Fähigkeiten des Menschen Gegenüberstehendes ist – zu einem Reflexionsbegriff transformiert wird. Substantiell wird Natur auf einen hyletischen Restbestand reduziert.

Die moderne synthetische Biologie geht von einem radikal reduzierten Naturverständnis aus, wenn sie Leben aus unbelebten physikalischen und chemischen Grundbeständen zu schaffen beansprucht. Dass die Vorstellung eines technisch aufgerüsteten menschlichen Körpers oft naiv ist, steht dabei außer Frage.

Natürlich kann man nicht ohne weiteres das menschliche Gehör auf das Niveau des Gehörs eines gesunden Hundes bringen, ohne dass dies Auswirkungen auf den Gesamtorganismus und die Psyche des Menschen hätte. Natürlich muss jede Steigerung körperlicher Fähigkeiten mit dem gesamten Organismus vermittelt werden. Wir müssen aber zur Kenntnis nehmen, dass leistungssteigernde Eingriffe in den menschlichen Organismus möglich sind, die sogar einen Einfluss auf seine Denkleistungen und auf seine Stimmung jenseits medikamentöser Möglichkeiten ausüben.

These 2: Die körperliche Transformation des Menschen hat Auswirkungen auf sein leibliches Selbstverständnis.

Unsere Leiberfahrung unterscheidet sich von der in der Dritten-Person-Perspektive gemachten Körpererfahrung nicht nur dadurch, dass es sich bei ihr um eine Wahrnehmung in der Ersten-Person-Perspektive, sondern vor allem auch um die Wahrnehmung einer historisch-kulturellen Entität handelt. Der Leib als naturalisiertes Kulturstück bzw. als kultiviertes Naturstück kann nicht nur naturwissenschaftlich erklärt werden, sondern muss wie jedes historische Phänomen immer wieder aufs Neue ausgelegt werden. Er ist für uns das zentrale Medium der Welt- und Selbstvermittlung.

Wir erfahren uns als ein besonderes, von der Welt und anderen lebendigen Entitäten geschiedenes Naturstück, das uns über die Sinnesvermögen einen Zugang zur Welt verschafft und uns ein Eigengefühl gibt. Der individuelle Leib impliziert aber auch Intersubjektives, das ich mit Angehörigen meiner Kultur und Epoche teile. Er ist etwas, das seine organische Disposition transzendiert. Unser Selbst- und Weltverständnis kann nicht von unserer Körperlichkeit her verstanden werden, sondern ausschließlich von unserer Leiblichkeit. Wandelt sich die körperliche Disposition des Menschen, hat dies auch Auswirkungen auf das Leibverständnis.

Ärzte berichten, dass die Patientenerwartung zunehmend der eines Kleinkindes gleicht, das nach dem Sturz weinend zur Mutter rennt und ‚Heile machen‘ ruft. Der Arzt soll das körperliche Gebrechen im Instantverfahren beheben. Es zeigt sich, dass technische Visionen unabhängig von ihrer Realisierung Wirkungen zeitigen. Der eigene Leib wird mehr und mehr als eine Maschine empfunden, die gewartet, repariert und auf neue Anforderungen umgerüstet werden kann.

These 3: Traditionelle Vorstellungen der Natur als etwas, das sich von selbst hervorbringt, wie traditionelle naturrechtliche Prämissen genügen nicht mehr, um den gegenwärtigen Transformationsprozess des Menschen und dessen künftiges Selbstverständnis zu fassen.

Es stellt sich die Frage, ob naturrechtliche Voraussetzungen, die theologisch auf der Gottesebenbildlichkeit des Menschen beruhen, genügen, um die sich im Zeitalter der Transformation des Menschen verändernde ‚conditio humana‘ fassen zu können. Es gibt eine neue Herausforderung, die den zentralen kirchlichen Auftrag der Vermittlung der Heilsbotschaft betrifft. Wer ist das Wesen, dem die Heilsbotschaft künftig vermittelt werden soll? Das christliche Naturverständnis geht von der kreatürlichen Eigenständigkeit des Menschen aus. Dabei wird die Natur des Menschen durchaus als offen angesehen.

Es wird keineswegs ein starrer Naturbegriff angenommen, sondern durchaus einer, der Veränderlichkeit etwa im Sinne der Deszendenztheorie einschließt. Nun ist die ‚conditio humana‘ ein Begriff, der das Feld körperlich-organischer Dispositionen transzendiert. Dazu zählen Weisen der Gemeinschafts- und Gesellschaftsorganisation und kulturelle Dispositionen, die unabdingbar sind für das Überleben und ein gelingendes Leben – nicht zuletzt aber auch die technische Disposition des Menschen, wie sie von Helmuth Plessner im ersten anthropologischen Grundgesetz von der natürlichen Künstlichkeit des Menschen formuliert wurde.

Die neue Qualität liegt darin, dass Kultur sich in anderer Weise in unseren Leib einschreibt, als es die klassische Lebensweltphilosophie im Verhältnis von Leib und Lebenswelt annimmt. Es geht nicht mehr um Prägungen und Anpassungen, auch nicht darum, dass die organische Disposition des Menschen in seiner Vorgegebenheit angenommen wird, sondern um die technische Gestaltung und Hervorbringung körperlicher Dispositionen, womit auch die Natalität des Menschen infrage steht. Der Mensch ist dann nicht mehr Ausdruck eines Neuanfangs, sondern etwas, das von fremden Mächten geformt bzw. disponiert ist, ein Wesen, das nicht mehr Herr im eigenen Haus ist, gerade weil es sich zum Herrn der Schöpfung gemacht hat.

Das Fatale an den neuen Möglichkeiten informations- und biotechnologischer Aufrüstung des menschlichen Körpers liegt darin, dass Implantate und die extrakorporalen Überwachungssysteme zunehmend ‚autonom‘ agieren. Der Mensch hat in seiner körperlichen Disposition eine Technologie freigesetzt, die sich in einem nicht unerheblichen Maß einer unmittelbaren Steuerung und Kontrolle entzieht. Der entglittene Besen des Zauberlehrlings waltet sozusagen in uns selbst.

These 4: Die moderne Technik, die Martin Heidegger als eine Endgestalt des stellenden, alles einem Kalkül unterwerfenden metaphysischen Denkens sah, erfährt noch eine Steigerung, wenn sie das Denken des Menschen ‚unterwandert‘ und es so als kritisches und transzendierendes aufhebt.  

Es stellt sich in der Folge von Heideggers Destruktion der Metaphysik die Frage, ob die Endgestalt der Metaphysik, die er in einem stellenden, alles unter seine Verfügung bringenden technizistischen Denken sah, nicht noch eine Überbietung erfährt, wenn dieses Denken den Menschen selbst von innen her kolonialisiert; wenn es zu einer die organische Disposition transformierende und substituierende technischen Praxis wird. Der Mensch wird zunehmend als Biofakt oder als Cyborg gesehen, in dem bio- und informationstechnische Verfahren konvergieren.

Das jüngste technizistische Denken konkretisiert sich nicht zuletzt in ‚autonom‘ agierenden intelligenten Implantaten und Prothesen, und dringt damit in die biologische Substanz des Menschen, der sich so nicht nur als ein in einer natürlichen Deszendenzlinie, sondern zugleich als ein in einer technischen Entwicklungslinie stehendes Wesen erfährt. Implantate und Prothesen können nun nicht nur körperliche Vermögen steigern bzw. neuartige verschaffen, sie können auch das Denken beeinflussen. So wird bereits in der klinischen Psychiatrie mit Hirnimplantaten experimentiert, die bei an Depressionen Leidenden Gehirnpartien lahmlegen und so für eine Stimmungsaufhellung ohne Medikamente mit schweren Nebenwirkungen sorgen sollen.

Intelligente Implantate und Prothesen können auch von außen eine Überwachung und Steuerung erfahren. Dies heißt noch nicht, dass das Denken des Menschen von außen komplett gesteuert werden kann, was ja bedeuten würde, dass ein ‚Es‘ denkt, womit auch die Rede von einem autonomen und individuellen Wesen obsolet wäre. Es ist aber, ähnlich wie unter medikamentösem Einfluss, ein Stimmungswandel auch informationstechnologisch herstellbar. Physiologische Prozesse können von außen gesteuert werden, auch solche, die Auswirkungen auf unsere Denkleistungen haben.

Wir befinden uns in einer Situation, in der sich der Mensch zunehmend in eine Art Cyborg transformiert, Technologie also in seine leibliche Disposition eindringt und ihn zu einem Wesen macht, das sich technischen Kalkülen unterwirft. Dementsprechend werden auch andere Erwartungen an Gesundheit bzw. Funktionalität der eigenen körperlichen Vermögen gestellt. Auch der Umgang mit dem Altern erfährt einen Wandel und es werden auch neue Einstellungen zum Alter und zum Altern entstehen. Die Transformation hat also nicht nur Auswirkungen auf das Selbstverständnis, sondern auch auf unser Sozialverhalten.

Nun sind durchaus Zweifel angebracht, ob alle posthumanistischen Steigerungsphantasien je realisiert werden können – dazu scheinen in diesen Konzepten tatsächlich zu viele logische Widersprüche, zu viel Ideologie und Metaphysik enthalten zu sein. Es ist aber zu konstatieren, dass diese Visionen bereits heute Auswirkungen auf unser Selbst-, Gesellschafts-und Weltverständnis haben. Die letzte Stufe des metaphysischen Denkens wäre ein selbständig gewordenes technisches Kalkül, in das der Mensch in seiner körperlichen Substanz quasi eingebunden ist. Er wäre dann eine einem Kalkül unterliegende Apparatur, die in einer allgemeinen Funktionalität aufgeht. Individuelle Abweichung wäre wohl ein Regulierungsanlass.

Technizistisches Denken als letzte Stufe der Metaphysik hätte damit das Denken selbst unterlaufen, hätte die ursprüngliche Begründungsabsicht zugunsten eines radikalen Regulierungs- und Beherrschungskalküls aufgegeben. Der kritische Impetus und der Transzendierungswille des Denkens wäre damit überwunden.

These 5: Die Gottesebenbildlichkeit des Menschen, die im ‚Ecce homo‘ des Gekreuzigten zum Ausdruck gebracht ist, muss im Zeitalter der körperlichen Transformation des Menschen neu gedacht werden.

Wer ist der künftige Mensch, wer der Adressat der Heilsbotschaft, wenn die naturale Disposition des Menschen völlig dem menschlichen Gestaltungswillen unterworfen ist? Die ‚conditio humana‘ gerät insgesamt in einen technischen Blick, wenn Technik zur körperlichen Disposition des Menschen gehört. Wie sieht eine christliche Gesellschaftsvision aus, wenn mitmenschliche Probleme komplett unter technischen Regulierungsaspekten gesehen werden, wenn die Vorgegebenheit der Schöpfung infrage steht, wenn Natur auf einen hyletischen Restbestand für den menschlichen Gestaltungswillen reduziert wird. Man kann auf diese Fragen keine schnellen Antworten geben. 

Jede Reflexion und Bewertung künftiger Entwicklungen bleibt letztlich vage, gibt aber wertvolle Hinweise auf gegenwärtige Einstellungen und Tendenzen. Die Theologie hat sich jenseits pragmatischer Erwägungen diesen Entwicklungen zu stellen, weil sie bereits heute, unabhängig von der Realisierung dieser Visionen, Auswirkungen auf unser Leben, unser Selbst-, Gesellschafts- und Weltverständnis haben.

Die Möglichkeit einer Endgestalt des metaphysischen Denkens, die sogar das menschliche Denken technisch zu unterwandern vermag, ist in einem gewissen Rahmen gegeben. Der Anspruch auf die totale Beherrschung der menschlichen Natur mit skalierenden Verfahren und die damit einhergehende Beseitigung aller Ereignishaftigkeit ist eine zentrale Herausforderung für die gegenwärtige Theologie.

(Klaus Wiegerling; Photo: Stephanie Hofschlaeger  / pixelio.de)

Print Friendly, PDF & Email