Der steinige Weg von der Bischofssynode zur Kirchenversammlung

Benedikt XVI. https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Papst_Benedikt_XVI.,_Pfingstmesse_im_Petersdom,_15._Mai_2005.jpg

Die Erste Kirchliche Versammlung des Volkes Gottes, die im November 2021 in einer hybriden Form – physisch in Mexiko und virtuell in ganz Lateinamerika – in Kontinuität der Fünften Bischofsversammlung von Aparecida 2007 stattfand, war ein Versuchsballon. Von Paulo Süss.

Mit der Einberufung dieser Versammlung durch Papst Franziskus wurden zwei Ziele verfolgt, Vorschläge von Aparecida aufzugreifen, die in den 14 Jahren seit dem damaligen Ereignis nicht die gebührende Beachtung gefunden hatten, und den Kreis von Mitwirkenden in Vorbereitung, Durchführung und Weiterentwicklung von Entscheidungen zu erweitern. In Evangelii gaudium (EG 113) von 2013 verweist Papst Franziskus auf diese breitere Basis: „Jesus sagt den Aposteln nicht, eine exklusive Gruppe, eine Elitetruppe zu bilden. Jesus sagt: »Geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern« (Mt 28,19)“. Durch Predigt und Taufe haben die Apostel die Kirche aufgebaut und alle Völker zu Jüngern gemacht. In dieser Kirche ist „jeder Amtsträger ein Getaufter unter Getauften“ (Episcopalis Communio 10), jeder Bischof ist „gleichzeitig Lehrer und Lernender, […] ein Lernender, wenn er in dem Wissen, dass der Geist jedem Getauften geschenkt ist, auf die Stimme Christi hört, die durch das ganze Volk Gottes spricht und es ‚in credendo‘ unfehlbar macht.“ (Episcopalis Communio 5). Der Geist, der das Volk Gottes leitet, verwandelt die Getauften von Zuhörer:innen der Hierarchie und Vollstrecker:innen von Entscheidungen, an denen sie nicht beteiligt waren, zu Protagonist:innen der Evangelisierung. Die Verwirklichung dieses „neuen Protagonismus“ inspirierte dazu, die erwartete VI. Bischofsversammlung in eine „Erste Kirchliche Versammlung“ umzuwandeln, ein wahrhaft prophetischer Vorschlag in Kontinuität des Zweiten Vatikanischen Konzils und des ihm folgenden lateinamerikanischen und karibischen Lehramts.

Kontinuität – Konsens

Das Zweite Vatikanische Konzil und das lateinamerikanisch-karibische Lehramt sind der Ursprung der „Ersten Kirchlichen Versammlung“, sowohl in Hinblick auf ihren Inhalt als auch auf ihre Methodik. Die „Erste Kirchliche Versammlung“ mit dem Leitgedanken der „synodalen Umkehr“ bedeutet keinen Bruch, sondern Aufnahme und schöpferische Fortsetzung des langen Weges seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1961-65), Medellín (1968), Puebla (1979), Santo Domingo (1992) und Aparecida (2007). Alle diese Referenzgrößen waren das Ergebnis heftiger Debatten. Bei keinem dieser Ereignisse und den damit verbundenen Prozessen herrschte Einstimmigkeit. Es genügt, sich die Schlussabstimmungen über die Dokumente des Zweiten Vatikanischen Konzils in Erinnerung zu rufen, um sich der historischen Realität bewusst zu werden, in der wir lernen müssen, mit jeweils einem leidvoll errungenen und pluralen Konsens zu leben, der nicht Einstimmigkeit bedeutet. Es genügt, die Debatten um die Ekklesiologie des Zweiten Vatikanischen Konzils zu rekonstruieren, in denen einerseits um die „Communio“- und „Mysterium“-“Ekklesiologie des Kardinal Ratzinger und andererseits um die „Volk Gottes“-Ekklesiologie, die dem Kapitel II von Lumen gentium zugrunde liegt und die Kreise um die Befreiungstheologie und aus der Dritten Welt vertraten, heftig gestritten wurde. Durch die Pontifikate von Benedikt und Franziskus gewannen beide Sektoren katholische Legitimität.

Einstimmigkeit kennzeichnet autoritäre Regime. Die „Logik der Inkarnation“, so das Schlussdokument der Amazonien-Synode, führt notwendigerweise zu einem „vielgestaltigen Angesicht“ der Kirche, weil „sie in vielen verschiedenen Kulturen verwurzelt ist“ (DAm 91). Wir können von Synoden oder kirchlichen Versammlungen keine Einstimmigkeit erwarten, denn das würde bedeuten, dass wir die geschichtliche conditio humana und die Kontingenzen der sozialen Akteur:innen außer Acht lassen. Synoden und Konzilien lehren uns, mit „einer dynamischen Wirklichkeit“ (Fratelli tutti 211) zu leben und die historische Bedingtheit der Wahrheit zu akzeptieren. „Die Ausdrucksform der Wahrheit kann vielgestaltig sein.“ (EG 41) Ihre Einheit ist eschatologisch, wenn wir Gott von Angesicht zu Angesicht sehen werden. Synoden und kirchliche Versammlungen müssen keine Angst vor Meinungsverschiedenheiten und Diskussionen haben. Sie können Orte des zivilisierten Zusammenlebens und produktiver Debatten zwischen verschiedenen Sektoren der einen und heiligen Kirche sein.

Klerikalismus

Obwohl die lateinamerikanischen Konferenzen bischöflich waren, wurden sie nicht vom Volk Gottes isoliert durchgeführt. Die Mehrheit der Delegierten dieser Konferenzen kam aus leidvollen Erfahrungen in Diözesen und Prälaturen. Im Großen und Ganzen waren es keine Eliten. Klerikalismus, ein intolerables Phänomen in der Kirche, bezieht sich auf Gebrauch und Missbrauch von institutionalisierter Macht, der die Laien „nicht in die Entscheidungen einbezieht“ (EG 102). Um die Kirche von diesem „Missbrauch der institutionalisierten Macht“ zu befreien, die sowohl klerikal als auch laikal bestimmt sein kann, hat Papst Franziskus die Umwandlung der „Bischofsversammlung“ in eine „Kirchliche Versammlung“ vorgeschlagen. Die statistische Mehrheit der Teilnehmenden waren Laien, Männer und Frauen. In der Durchführung der Versammlung jedoch spielten nicht sie die entscheidende Rolle, sondern der institutionelle Kader des CELAM, der diesmal die Rolle übernahm, die während des Zweiten Vatikanischen Konzils die römische Kurie eingenommen hatte. Zu Beginn ihrer Arbeit wurde die Versammlung mit einem Gesamtprogramm der Veranstaltung konfrontiert, ohne zuvor konsultiert und zu Änderungen eingeladen worden zu sein.

Partizipation

Die Aussicht auf eine echte Beteiligung des Volkes Gottes an der „Kirchlichen Versammlung“ weckte große Erwartungen. Bei der Verwirklichung der „pastoralen Umkehr“ der Kirche und der „missionarischen Erneuerung der Gemeinschaften“ (DAp 7.2) sollen „die Laien […] im Prozess der Beurteilung, bei den konkreten Entscheidungen, bei der Planung und bei der Ausführung aktiv mitbestimmen können.“ (DAp 371). Eine solche Partizipation hat man bereits am Beginn des Zweiten Vatikanischen Konzils praktiziert, als die Versammlung von mehr als zweitausend anwesenden Konzilsvätern auf ihrer Souveränität bestand angesichts der von der römischen Kurie vorbereiteten Schemata. Die am Ende der ersten Konzilsperiode eingesetzte Koordinierungskommission lehnte, mit Ausnahme des Liturgie-Schemas, die übrigen 69 vorbereiteten Schemata ab oder versah sie mit grundlegenden Veränderungen. Auch die Konferenz von Puebla (1979) hat im dritten Teil ihrer Schlussfolgerungen unter dem Titel „Evangelisierung in der Kirche Lateinamerikas: Gemeinschaft und Beteiligung“ (DP 563-1127) eine breite aktive Partizipation in der Kirche vorgeschlagen.

Autonomie

Die Bischofsversammlungen, die der „Ersten Kirchlichen Versammlung“ vorausgingen, begannen ihre Arbeit mit der Feststellung der Souveränität der jeweiligen Konferenz und mit einer Konsultation aller Teilnehmenden zur inhaltlichen Ausrichtung eines Schlussdokuments. Gerade die Schlussdokumente der Bischofsversammlungen ermöglichten, dass sich das jeweilige Ereignis in konstruktiven Prozessen weiterentwickelte, an denen die Ortskirchen erheblich beteiligt waren. Als die Versammelten zu Beginn der „Kirchlichen Versammlung“ die Programm-Übersicht erhielten, erfuhren sie, dass die „Erste Kirchliche Versammlung“ kein Schlussdokument herausbringen sollte. Zum Abschluss am Samstag, den 27. November 2021, gab es eine Präsentation von Schlussfolgerungen, die zu „Zwölf pastoralen Herausforderungen“ umgewandelt wurden. Diese sind fast vollständig bereits in Kapitel II von Evangelii gaudium aus dem Jahr 2013 zu finden. Weitere pastorale Erfahrungen bzw. Herausforderungen, wie kirchliche Basisgemeinden, Volksmissionen und Märtyrer:innen, kommen nicht vor. Die indigenen Völker und die afrikanisch-stämmigen Bevölkerungsgruppen werden gerade noch in der letzten pastoralen Herausforderung erwähnt.

Das ist ein mageres Ergebnis für ein so sehnsüchtig erwartetes Ereignis, das Mittel und Wege für eine breite Beteiligung des Volkes Gottes in der Kirche eröffnen sollte. Man hat die Versammlung durchgeführt, um Antworten auf Fragen zu geben, die niemand gestellt hat. Was der Papst über „Mitverantwortung“ „beim Wiederaufbau und bei der Unterstützung der verwundeten Gesellschaft“ (Ft 77) gesagt hat, ist sehr konkret und gilt auch für die Kirche. Eine echte Beteiligung des Gottesvolkes, die über das Zuhören, die zahlenmäßige Präsenz und die pastoralpraktischen Tätigkeiten hinausgeht, wird von einer ständigen Wechselwirkung zwischen synodaler Umkehr und aktiver Beteiligung in der Kirche abhängen.

Diese Wechselwirkungen erfordern Demut, Wachsamkeit, Unterscheidungsvermögen, prophetischen Mut und kirchliche Loyalität. Die „Unterscheidung der Wirklichkeit anhand des Evangeliums“ (vgl. EG 45; 50) und „die Freude am Evangelium“ sind Gaben des Geistes. Beide dienen, wie Diastole und Systole, dem Pulsschlag des missionarischen Herzens.

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Prof. Dr. theol., Paulo Süss, geb. 1938 in Köln, lebt seit 1966 in Brasilien, langjährige pastorale Arbeit am Amazonas, Professor am interregionalen theologischen Institut in Manaus (1977), Generalsekretär des brasilianischen Missionsrates für Eingeborene (1979),  Ehrendoktor der Universitäten Bamberg und Frankfurt a.M., Experte an der Sonderversammlung der Bischofssynode für das Amazonas-Gebiet in Rom 2019.

Text: aus dem brasilianischen Portugiesisch übersetzt von Norbert Arntz.

Bild: https://commons.wikimedia.org

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