Der Trost des Karfreitags

Abend am Hamburger Hafen

Die Kreuzigungsszene im Markusevangelium zeigt drei Personen(kreise) und ihr Gottesverhältnis: In Jesu Schrei liegt der Trost. Von Rainer Bucher.

„Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ (Mk 15,34) – eine beklemmendere Gleichzeitigkeit von Gottesnähe und Gottesferne als der Schrei Jesu am Kreuz ist kaum vorstellbar. Da dehnt sich etwas bis zum Zerreißen: Der Sprechakt Jesu behauptet als Schrei zu Gott eine Nähe Gottes, die er in seinem ausdrücklichen Wort leugnet. Ein Adressat wird geglaubt, der doch offenkundig nicht da ist und nicht einschreitet.

Selbst im Munde Jesu wird Gott nicht zu einem Begriff der Macht, selbst Jesus hat keine Macht über die Menschen mit Hilfe des Gottesbegriffs. Diese Struktur des jesuanischen Gottesbegriffes sichert dessen religions- und gewaltkritische Funktion: Sie sichert die Nicht-Verfügbarkeit des Gottesbegriffs durch jene, die an ihn glauben.

Wer Gott in eine Logik der Macht einbaut, übersieht ihn.

Die Perikope im Markusevangelium führt auch das Gegenmodell vor.  Es wird von den Schriftgelehrten und den Hohenpriestern verkörpert. Denn genau sie, die „Hohenpriester“, also die religiöse Hierarchie, wie die Schriftgelehrten, also die Theologen, werden als jene genannt, die Jesus verspotten. Und sie verspotten ihn genau mit dem, was der jesuanische Gottesbegriff darstellt und sicherstellen will: mit seiner Ohnmacht. Sie fordern einen Gott der Macht: „Andern hat er geholfen, sich selbst kann er nicht helfen“ (Mk 15,30). Wer Gott in eine Logik der Macht und der Herrlichkeit einbaut, übersieht ihn offensichtlich, selbst wenn er unmmittelbar vor ihm ist.

Diese sehr sorgsam komponierte Stelle präsentiert aber noch eine dritte Person. An Jesus demonstriert sie die Ohnmachtsstruktur seines Gottesbegriffs, an den Schriftgelehrten das Scheitern eines machtbezogenen Gottesbegriffs. Diese Stelle kennt aber auch ein authentisches Gotteszeugnis. Es ist der römische Hauptmann, dem sie das Bekenntnis: „Wahrhaft, dieser Mensch war Gottes Sohn“ zuschreibt, und zwar, wie es heißt, nachdem er Jesus „auf diese Weise sterben sah.“ (Mk 15.39)

Es kommt nicht auf das Wort „Gott“ an, es kommt auf die Merkmale an, die mit diesem Wort verbunden werden.

Der Besatzer, der Heide, der Mörder wird zum Entdecker Gottes auf der Basis seiner offenen mit-leidenden Wahrnehmung, die Theologen, die Verwalter des Wissens von Gott, eines Machtwissens, sie scheitern vor Gott mit ihrem leidensresistenten, mit ihrem zuletzt zynischen Begriff von ihm. Es kommt nicht auf das Wort „Gott“ an, es kommt auf seinen Begriff an: also auf die Merkmale, die mit diesem Wort verbunden werden.

Diese Schlüsselstelle des ältesten Evangeliums dokumentiert die ganze Dramatik jeder Rede von Gott: Man kann mit ihr als Frommer scheitern, Gott verhöhnen und sein Heil verwirken. Man kann mit ihr aber auch als Sünder sein Heil gewinnen. Und man darf von Gott reden und zu Gott reden, wenn man an seinem  Schweigen verzweifelt. Das ist tröstlich.

Rainer Bucher / Bild: Abend am Hamburger Hafen, NicoLeHe/pixelio.de

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