Wem ihr vergebt… Gedanken zu einem nachösterlichen Text vor Ostern

Ostern als Begegnung und Berührung. Helga Kohler-Spiegel lädt dazu ein, sich von der Begegnung der Jünger mit dem Auferstandenen ansprechen zu lassen.

Das Johannesevangelium endete ursprünglich mit dieser Begegnung (Joh 20,19-31): Die Jünger haben gerade von Maria Magdalena, der ersten Zeugin der Auferstehung, erfahren, dass Jesus lebt. Doch diese Nachricht hat keine Konsequenzen, die Jünger sind hinter verschlossenen Türen, voll Angst. Sie haben sich verkrochen. Verständlich.

Friede, keine Angst.

Dann geschieht das Unerwartete: Der Gefolterte und Ermordete, Jesus kommt und stellt sich in die Mitte. „Friede“ – sagt er. Am Beginn zur Geburt Jesu singen Engel: Friede den Menschen! Und jetzt wieder – Friede. Diese Hoffnung zieht sich durch die ganze Bibel: Friede, keine Angst. Friede meint ein zufriedenes, ein sicheres, ein erfülltes Leben, Friede umfasst alle Lebewesen, die gesamte Schöpfung. Wir vergessen manchmal: Das Kreuz ist ursprünglich kein religiöses Symbol, sondern ein reales Zeichen für Herrschaft und Gewalt, für Folter und elendes, grausames Sterben. Nach der Ermordung durch die gewalttätige Welt sagt Jesus: Friede – euch, keine Angst. In den sog. Abschiedsreden des Johannesevangeliums, im 16. Kapitel, Vers 33, sagt Jesus zu den Jüngerinnen und Jüngern: Jetzt – in der Welt, habt ihr Angst; doch habt Mut… Aber nach Ostern, in einem österlichen Leben ist den Menschen etwas anderes zugesagt: Friede, keine Angst.

 Er zeigt seine Wunden.

Und Jesus zeigt sich, er zeigt seine Wunden. Ich finde es immer wieder ungewohnt, dass sich einer mit seinen Wunden zeigt. Vielleicht haben Sie jemanden, der Sie an Ihren Wunden erkennt, an dem, was Sie gelitten, was Sie erlitten haben. Ich finde es immer wieder berührend: Er zeigt seine Wunden und gibt sich so zu erkennen. Und die anderen erkennen ihn an seinen Wunden und freuen sich.

 Menschen vergeben – oder sie vergeben nicht.

Wie am Beginn der Schöpfung Gott dem Menschen den Lebensatem einhauchte, so haucht jetzt Jesus den Jüngerinnen und Jüngern seinen Geist ein. Der Sendungstext im Johannesevangelium ist prägnant: „Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert.“ (V 23) Die Botschaft ist so einfach und klar, dass ich das „wir“ verwenden muss: Wem wir vergeben, dem ist vergeben. Vermutlich kennen Sie das, in der Familie, in der Partnerschaft, am Arbeitsplatz: Wir sind es, die vergeben, die nachsichtig, die großzügig sind – oder wir sind es nicht. Kein „wenn“, kein „aber“, keine Einschränkung, keine Bedingung, sondern: Im Geist Gottes handeln Menschen wie Jesus: Menschen vergeben – oder sie vergeben nicht. Menschen wenden sich einander zu – oder nicht. Menschen stärken einander – oder nicht. Christlich gesprochen: Wir vergeben – oder wir vergeben nicht. So einfach ist das. Es liegt an uns.

 Thomas hat nicht weggeschaut vom Leid und dem Schmerz und der Gewalt.

Und dann – Thomas. Das ist die letzte Szene im ursprünglichen Johannesevangelium. Thomas fordert eigene Begegnung. Und es klingt, wie wenn Jesus eigens für Thomas nochmals in ihre Mitte kommt. So wird eine berührende Begegnung möglich. Jetzt ist Thomas beim Namen gerufen, als wären für einen Moment alle anderen rundum vergessen. Jesus fordert Thomas auf, „den Finger in die Wunden zu legen“, den Schmerz und die Verletzung zu spüren. Es ist nicht überliefert, was sich dann genau abgespielt hat, es ist nicht überliefert, was Thomas genau machte. Thomas hat nicht weggeschaut vom Leid und dem Schmerz und der Gewalt, die Jesus angetan wurde.

Wir wissen heute, wie schwer es für Menschen ist, die Opfer von Gewalt wurden, ihre Wunden zu zeigen, sie nicht zu verstecken. Und wir erleben auch, wie schwer es ist, diese Wunden mit auszuhalten, nicht wegzusehen, nicht zu verstummen, sondern den Schmerz und die Scham und die Ohnmacht und die Wut sichtbar zu machen. Begegnung ist hier beschrieben als Berührung, Berührung der Wunden. Wenn Menschen berührt sind, machen sie meist nicht viele Worte. Mir geht es auch so. Vielleicht sind auch deshalb die Worte, die von Thomas überliefert sind, knapp, fast karg. Ostern als Begegnung, Ostern als Berührung – auch schön, finde ich.

Helga Kohler-Spiegel / Bild: Bernd Kasper/pixelio.de

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