Für Brot und Zubrot ist gesorgt. Wenn der Alltag mühsam ist…

Vom Ende her sieht Vieles anders aus. Helga Kohler-Spiegel betrachtet die Zahlensymbolik in Joh 21 und eröffnet von Ostern her Tröstliches für den Alltag.

Am Ende des Johannesevangeliums ist uns ein Kapitel überliefert, das ursprünglich nicht zum Evangelium gehörte: Joh 21,1-19. Der Abschnitt spiegelt die Situation der Gemeinde wider. Sieben Jünger werden aufgezählt, die Symbolzahl „7“ weist auf die Gesamtheit, die ganze Gemeinde sitzt – bildlich gesagt – miteinander „im selben Boot“. Die Jünger sind wieder in ihrem Alltag, sie folgen nicht dem Auftrag Jesu, sondern gehen in Galiläa wieder ihren Berufen nach – als wäre nichts gewesen. „Ich gehe fischen“, sagt Simon, der Fels. Aber: Sie fangen nichts, der Rückstieg in den Alltag gelingt nicht.

 Es braucht einen neuen Anfang.

Nach einer erfolglosen Nacht, ohne Fang und damit ohne Verdienst, kommt – so heißt es im Text – ein neuer Morgen. Es braucht einen neuen Anfang. Auf die Frage: „Habt ihr denn nichts zu essen?“, habt ihr kein „Zubrot“, wie es im Text (V.5) wörtlich heißt, müssen die Jünger verneinen. So wird die Situation der Jünger geschildert: Sie haben nur das Allernötigste, nur die Überlebensration. Doch einer steht bereits am Ufer, einer ist bereits da, als die Jünger enttäuscht und ohne Fang zurückkommen. Sie aber erkennen den nicht, der sie nochmals hinausschickt. Er schickt sie mit dem Auftrag, den Blick – und die Netze – auf die andere Seite zu richten, den Blickwinkel zu ändern und einen neuen Anlauf zu nehmen.
Der neue Morgen hat den Jüngern eine neue Perspektive eröffnet, er hat den Jüngern die Augen geöffnet, dies führt zum Bekenntnis: „Es ist der Herr!“ und zum Ins-Wasser-Springen, zum Eintauchen, das erinnert an die Taufe.

 … und wieder ist einer schon da

Und nun wird eine sehr beruhigende, schöne Szene geschildert. Die Fischer kommen mit ihrem Boot zurück, und wieder ist einer schon da, er hat den Platz schon bereitet, er hat ein wärmendes Feuer gemacht, hat Brot und Fisch zubereitet, ein vollständiges Mahl. Kein Grab mehr, kein misslungener, karger Alltag, sondern ein wärmendes Feuer und eine vorbereitete Mahlzeit, nur Platz nehmen müssen… – wunderbar.

 153 Fische

Doch noch kann nicht gegessen werden, noch müssen die Jünger etwas verstehen lernen. Die Bibel sagt: 153 Fische, lebende Fische waren im Netz. Als ob sie abgezählt wären. 153! Es heißt, dass es zurzeit Jesu 153 bekannte Fischarten gab. Bei Friedrich Weinreb habe ich gelernt, die Zahl 153 auch auf der Basis der hebräischen Zahlensymbolik zu verstehen: Die Buchstabenfolge des Alphabets wird auch als Zahlenreihe verstanden, den einzelnen Buchstaben werden Zahlenwerte zugeordnet. Der letzte Buchstabe im hebräischen Alphabet ist das „taw“. Im Hebräischen wurden ursprünglich die Vokale, a e i o u, nicht aufgeschrieben. Deshalb ist – ohne Vokale – der letzte Buchstabe „taw“ identisch mit „tow“, und „tow“ heißt gut. „Tow“ ergibt in der Zahlensymbolik 9 + 6 + 2: also 17. Und nun wird es deutlich: „tow“ ist „17“ und das heißt „gut“. Und „tow“ und „taw“ sind gemäß den Konsonanten identisch – also ist das Ende gut. Nun können wir die Stelle lesen: „17“ ist das Ende und das ist „gut“.

Wirklich gut ist, wenn man vom Ende her staunend erkennt, dass es davor auch gut war.

Wenn das Ende 17/gut ist, muss auch das Vorangegangene gut sein, also „16“ und „15“ und „14“ und „13“ und „12“ und „11“ und „10“ und „9“ und „8“ und „7“…, und das zusammengezählt ergibt 153. Wirklich gut ist, so sagt uns der Text, wenn man vom Ende her staunend erkennt, dass es davor auch gut war. Das heißt nicht, dass alles ideal war, aber es ist aufgehoben, es ist gut. Alle Phasen des Lebens, alle Wege und Irrwege sind dabei, wenn etwas am Ende „17“ ist. Mein ganzes Leben gehört dazu, jeder Lebensabschnitt, jede Woche und jeder Tag. 153! Ich muss nichts ausblenden, ungeschehen machen, ich muss nichts verdrängen. Das ganze Leben ist darin aufgehoben.

 Wenn der Alltag mühsam ist … Dann wartet einer und öffnet uns den Blick.

Für mich ist dies eine der tröstlichsten Ostererzählungen. Wenn der Alltag mühsam ist, wenn von Auferstehung und „Fülle des Lebens“ weit und breit nichts zu sehen ist, wenn unsere Nächte lang und schlaflos und zermürbend sind, dann steht einer am Ufer. Dann wartet einer und öffnet uns den Blick, zeigt eine neue Perspektive. Dann macht uns jemand – bildlich gesagt – ein wärmendes Feuer und eine warme Mahlzeit, eine Freundin vielleicht, ein Arbeitskollege, der Partner oder die Oma oder eine Enkelin…

Der heutige Abschnitt aus dem Johannesevangelium sagt für die Zeit nach Ostern, wenn der Alltag wieder mühsam wird: Wir sind nicht allein, Gott selbst, der „Ich-bin-da“ begleitet uns, wir werden genährt, Brot des Lebens – sagen wir zu Jesus. Und: Wenn Sie wieder einmal müde und enttäuscht und gerädert und ausgebrannt sind, wenn Sie wieder einmal „mit leeren Netzen“ nach Hause kommen, dann sagt das heutige Evangelium: Ändern Sie die Blickrichtung und machen Sie einen neuen Anlauf. Und erinnern Sie sich: „153“ (17 und 16 und 15…) – vom Ende her ist es gut.

Helga Kohler-Spiegel / Bild: w.r.wagner/pixelio.de

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