Die Auferstehung: Ganz großes Kino

Die vielen Kopien, Variationen, Travestien und Parodien der Auferstehung führen uns vor allem eines vor Augen: Wir wollen an die Auferstehung glauben. Sonst würden wir manche Filme nicht aushalten, genauso wenig wie das Leben. Von Theresia Heimerl.

Die Auferstehung ist ganz großes Kino. Buchstäblich. In Produktionskosten und in Einspielergebnissen. Viele der kommerziell und in ihrem Impact auf die Populärkultur erfolgreichsten Filme und TV-Serien arbeiten mit einem Auferstehungsnarrativ. Tot heißt in der Regel für die Hauptcharaktere noch lange nicht tot, die Zuseherin, der Zuseher rechnet damit, dass der gefallene Held doch noch einmal aufsteht und die Welt rettet. Wenn nicht in diesem Film, dann im nächsten. Ein toter Held am Ende einer Serien-Staffel garantiert beinahe eine neue Staffel. Wirklich tot bleiben diese Helden nur, wenn das Einspielergebnis nicht gereicht hat und es keine Fortsetzung gibt – und selbst dafür schaffen Fans mittels Eigenbauvideos Abhilfe und lassen ihn zumindest in einem kurzen YouTube-Clip auferstehen.

Das Christentum hat zwar das historische Copyright auf die Auferstehung, die Tantiemen fallen dennoch immer dürftiger aus – und das nicht nur im kommerziellen Sinn. Ein Blick auf die Auferstandenen in Film und Fernsehen lohnt sich zu Ostern allemal, auch wenn nicht alle dem Anspruch auf familientaugliches Osterfernsehen gerecht werden. Ein solcher Blick kann deutlich machen, was Auferstehung unter den Bedingungen der popkulturellen Moderne heißt, was sie nicht heißt und was sie in der christlichen Verkündigung (wieder) heißen könnte.

 Auferstandene und Wiedergänger

Das christliche Grundmodell der österlichen Auferstehung hat auf Leinwand und Bildschirm eine großzügige Erweiterung erfahren. Zum einen wird der Zustand des Todes auf seine Randzonen hin erweitert und sind es oft Totgeglaubte, die entgegen aller medizinischen Wahrscheinlichkeit nochmals aufstehen und die notwendige Wende der Handlung herbeiführen. Zum anderen ist die Existenzform der tatsächlich zumindest kurzfristig Toten und wieder in Film und Serie Zurückgekehrten eine sehr unterschiedliche und wenig davon entspricht dem vergleichsweise unspektakulären auferstandenen Jesus der Oster- oder Emmauserzählung. Manche tragen tatsächlich die Wunden ihres Todes am Körper (am eindrücklichsten jüngst zu sehen in Game of Thrones).

Andere erhalten alternative Körper für ihre 40 Tage nach Ostern (oder die Dauer des Filmes wie Warren Beatty in Heaven can wait) oder haben geistergleiche Scheinleiber. Und dann gibt es noch jene Form von Auferstandenen, an denen die Ungeheuerlichkeit dieses Postulates sichtbar wird: die Wiedergänger, dunkle Zwillinge des auferstandenen Jesus. Das nach wie vor beste Beispiel stellt die Verfilmung von Stephen Kings Pet Sematary (Friedhof der Kuscheltiere) dar. Ein junger Familienvater und Arzt wird zu einem grotesken Demiurgen, als er zunächst den überfahrenen Kater und dann den ebenfalls von einem Auto getöteten kleinen Sohn auf einem alten Indianerfriedhof bestattet, von wo diese tatsächlich als „Auferstandene“ zurückkehren, um auch den Rest der Familie in den Tod zu holen. Friedhof der Kuscheltiere ist eine bitterböse Satire auf innerweltliche Auferstehungsfantasien, die in mehr als einer Hinsicht Gänsehaut verursacht – und für die Zusehenden den impliziten Warnhinweis enthält, die Auferweckung von den Toten doch lieber dem allmächtigen Gott zu überlassen.

 Die Apokatastasis ton panthon

Kino und Fernsehen haben verwirklicht, was Origenes im 3. Jahrhundert postulierte (und ihm den Ruf des Häretikers eintrug): die Auferstehung aller (griech.: apokatastasis ton panthon), unbeschadet ihres Lebenswandels oder ihrer Zugehörigkeit zur dunklen Seite (der Macht, Moral etc.). Nicht nur Helden, die man spektakulär hat vermeintlich sterben sehen, kehren zurück. Gerade auch die zahlreichen Repräsentationen des Bösen stehen immer nochmals auf, mitunter, wie etwa in Alien 3, auf geradezu biblische Weise aus einem winzigen Samenkorn und der Asche.

Diese Widerständigkeit des Bösen verursacht nicht nur wohldosierte Schockmomente für Heldin wie Publikum, die sich schon in Sicherheit glaubten, sie weist auch darauf hin, dass sich alle Protagonisten noch nicht in der letzten Wirklichkeit der Erlösung befinden, sondern nur in einer von vielen möglichen Welten, in der jeder Sieg über das Böse nur ein Etappensieg sein kann. Die Auferstehung der Guten wie der Bösen markiert nur eine neue Runde der Auseinandersetzung, sie hebt beide auf das next level und hat, insbesondere in der extrem verknappten Form von Videogames, etwas Verzweifeltes, eher an das Rad der Wiedergeburten erinnernd, aus dem nur das Ausschalten des Bildschirms ein Entrinnen bietet.

Und doch schließt sich die heikle Frage an: Wer verdient die Auferstehung? Braucht es nicht irgendwann eine Final Season, in der dann die Bösewichte alle wirklich vernichtet werden und nur der Held oder die Heldin sich im Glanz der Auferstehung sonnen und einige Gute mitnehmen darf? Oder verschwimmen die Grenzen in diesem neuen, anderen Zustand so sehr, dass der Böse ein Teil des Guten wird und umgekehrt – wie in der Fortsetzung von Alien 3, nämlich Alien – Die Wiedergeburt (im Original passenderweise: Alien Resurrection) von Jean-Pierre Jeunet angedeutet wird – und hätte das Origenes womöglich sogar gefallen?

Auferstanden – wozu?

Die Auferstehung ist keine zweckfreie Angelegenheit. Und hier kommen klassische Theologie und Popkultur einander recht nahe. Der (oder die) Auferstandene ist nicht nur ein Beispiel dafür, dass Opferbereitschaft belohnt wird. Er stößt immer auch für seine Umgebung die Tür zur Hoffnung auf: die Hoffnung darauf, dass für jene, die der Erzählung des Auferstandenen folgen, der Tod nicht das Ende ist, sondern die Nachfolge im Leben über den Tod hinaus gehen kann. Dann aber auch die Hoffnung, dass der Auferstandene die Welt insgesamt auferstehen und neu werden lässt und alle dem Kerker des Todes entreißt. Wem mittelalterliche Darstellungen von Jesus, der die Tore der Unterwelt sprengt, zu alt und statisch sind, der kann ja (nochmals) das Ende des ersten Matrix-Filmes von 1999 ansehen.

Erstaunlich ähnlich sind Bibel und Film einander auch in dem zeitlich limitierten Aufenthaltsstatus des Auferstandenen. Seine Zeit mit den früheren Weggefährten ist begrenzt, sie dient dazu, unfinished business zu Ende zu bringen und die Trauernden in ihr eigenes Leben weiterzuführen. Das wird besonders deutlich bei jenen Figuren, deren Auferstehung eine Art zweite Chance darstellt wie in dem oben erwähnten Heaven can wait, aber auch bei geisterhaften Formen der nachtodlichen Existenz wie in Ghost oder dessen komödiantischem italienischen Vorgänger Asso. Die Auferstehung in dieser Welt ist ein Zwischenstadium, das in ein dauerhaft anderes Leben überführt werden muss.

Und wenn er doch nicht mehr aufsteht?

Wir haben uns an die Auferstehung gewöhnt. Wir haben gelernt, dass tot im Film, der TV-Serie und erst recht im Videogame nicht tot heißt. Zumindest der Hauptcharakter muss wieder aufstehen. Ob nur vermeintlich gestorben, als Geist wiedergekehrt oder sonstwie auferstanden – wir vertrauen darauf, dass er (oder manchmal auch sie) wiederkommt. Und wenn sonst gar nichts mehr geht, dann in einem Paralleluniversum, einem Prequel oder  in Gestalt eines anderen Schauspielers. Die Macher des letzten Bond-Filmes No time to die wiesen nach dem dramatischen Tod des Titelhelden im Abspann zur Sicherheit gleich einmal darauf hin: „James Bond will be back.“

Die Endgültigkeit des Todes ist ein Schockmoment, an das wir einfach nicht glauben mögen, da geht es uns wie dem Protagonisten aus Friedhof der Kuscheltiere. Wir nehmen jede, wirklich jede Art von Auferstehung, selbst in grotesken Formen, in Geistern, Wiedergängern, Klonen. Nur dass er oder sie doch nicht mehr aufsteht, dass er tot und alles vorbei ist, das können wir nicht akzeptieren. Was täten wir, würden uns Zensoren unsere Filme und Serien so umschneiden wie anno dazumal Ben Hur im kommunistischen Jugoslawien, der für den neuen Menschen des realen Sozialismus mit dem Blick auf die Kreuzigung endete?

Die Auferstehung als filmisches Narrativ ist ein kommerzielles Asset, das Fortsetzungen und Spin-offs ermöglicht und die Zusehenden vor den Bildschirmen hält. Die popkulturellen Modi der Auferstehung führen uns aber auch die uneinholbare Qualität des Originals vor Augen. Die christliche Auferstehung ist in jeder Hinsicht einmalig. Ihr Erfolg abseits des traditionellen Erzählortes Kirche sollte nicht irritieren, sondern erfreuen. Ein bisschen mehr Stolz auf das christliche Original darf ruhig sein.

Die vielen Kopien, Variationen, Travestien und Parodien der Auferstehung führen uns vor allem eines vor Augen: Wir wollen an die Auferstehung glauben. Sonst würden wir manche Filme nicht aushalten, genauso wenig wie das Leben.
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Theresia Heimerl ist Professorin für Religionswissenschaft an der katholisch-theologischen Fakultät der Universität Graz.

Photo: Pixabay

Zitierte Filme und Serien:
Game of Thrones (TV-Serie, USA 2011–2019, Idee: David Benioff, D.B. Weiss)
Heaven can wait (dt.: Der Himmel kann warten, Regie: Warren Beatty / Buck Henry, USA 1978)
Pet Sematary (dt.: Friedhof der Kuscheltiere, Regie: Mary Lambert, USA 1989)
Romanvorlage: Stephen King: Pet Sematary/Friedhof der Kuscheltiere 1983.
Alien 3 (Regie: David Fincher, USA 1992)
Alien: Resurrection (dt.: Alien – Die Wiedergeburt, Regie: Jean-Pierre Jeunet, USA 1997)
The Matrix (dt.: Matrix, Regie: The Wachowskis, USA 1999)
Ghost (dt.: Ghost – Nachricht von Sam, Regie: Jerry Zucker, USA 1990)
Asso (dt.: Asso – ein himmlischer Spieler, Regie: Franco Castellano / Giuseppe Moccia, IT 1981)
No time to die (dt.: Keine Zeit zu sterben, Regie Cary Joji Fukunaga, UK 2021)
Ben Hur (Regie: Willam Wyler, USA 1959)

 

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