Die Fledermaus – Krisenbewältigung auf Wienerisch

Die Fledermaus wird verdächtigt, die Corona-Krise verschuldet zu haben. Sie könnte aber auch dazu beitragen, die Krise zu bewältigen. Vielleicht nicht jene aus Wuhan. Die „Fledermaus“ aus Wien jedoch, geschaffen von Johann Strauß Sohn, zeigt auf geradezu biblische Weise Wege für den Umgang mit der Krise. Die Fledermaus – Krisenbewältigung auf Wienerisch. Von Elisabeth Birnbaum 

Die Operette „Die Fledermaus“ von Johann Strauß wird jedes Jahr zu Silvester in beiden Opernhäusern Wiens mehrfach aufgeführt. Sie gehört zum Jahreswechsel so zwingend wie das Neujahrskonzert und der Radetzkymarsch. Normalerweise. Heuer sind die Opernhäuser – wegen einer Pandemie-stiftenden Fledermaus? – geschlossen und die Aufführungen der „Fledermaus“ fallen aus.

Coronabedingte Neu-Assoziationen

Vielleicht hat das sogar Vorteile. Denn einige Sätze der „Fledermaus“ könnten heuer neue und seltsame Assoziationen hervorrufen. Zum Beispiel die Bitte der Festgesellschaft gegen Ende des Stücks: „O Fledermaus, o Fledermaus, lass endlich jetzt dein Opfer aus, der arme Mann, der arme Mann ist gar so übel dran!“ Zwar geht es hier nur darum, dass ein einst als Fledermaus maskierter und vom Freund blamierter Mann seinen großangelegten Rache-Streich wieder beendet. Aber in Corona-Zeiten bekommt der Satz doch einen schalen Nachgeschmack.

„O Fledermaus, o Fledermaus, lass endlich jetzt dein Opfer aus!“

Ein zweiter, dieser Tage prekärer Satz fällt, als die Frau des Streichopfers in Verkleidung aufs Fest kommt, um ihren untreuen Ehemann in flagranti zu ertappen. Sie wird von der neugierigen Menge eindringlich aufgefordert ihre Maske abzulegen, bis der Gastgeber entscheidet: „In meinem Haus hat jeder das Recht zu verhüllen oder zu enthüllen, was immer ihm beliebt.“ Auch das hört sich in Corona-Zeiten, wo  diese Freiheit gerade nicht gegeben ist, etwas anders an als sonst.

Andererseits: Die „Fledermaus“ hat, vielleicht nicht auf den ersten Blick, aber doch bei näherem Hinsehen, geradezu bibeltheologisch anmutende Weisheiten zu bieten, die in Krisenzeiten nicht unbeachtet bleiben sollten.

Freude und kurzzeitiges Vergessen

Schon im ersten Akt stellt der (verhinderte) Liebhaber Alfred – ein Tenor – die Devise auf: „Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist“, und fordert damit seine Angebetete auf, mit ihm zu trinken und zu singen und die leidige Tatsache zu vergessen, dass sie verheiratet ist.

„Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist“

Sich nicht allzu sehr von der Sorge niederdrücken zu lassen und einen gesunden und freudigen Pragmatismus an den Tag zu legen, kann in Krisenzeiten hilfreich sein. Das weiß auch die Bibel. Sie würde zwar die Moral des Liebhabers nicht gutheißen. Doch für kurzfristiges Vergessen spricht sie sich sehr wohl aus, wenn es dazu dient, nicht am Leben zu verzweifeln und sich mit dem Unabänderlichen abfinden zu können. Gerade für Verbitterte gibt es den durchaus ernst gemeinten Rat, Alkohol zu trinken, um das Elend eine Zeit lang zu vergessen (Spr 31,6f.). Auch das Buch Kohelet empfiehlt zu essen, zu trinken und mit der geliebten Frau alle Tage des Lebens zu genießen (Koh 9,7–9). Diese gottgeschenkte Freude dient nämlich dazu, dass der Mensch sich „nicht so oft daran erinnern muss, wie wenige Tage sein Leben zählt“ (Vgl. Koh 5,17–19).

Dass ohne diese Freude auch der größte Besitz nicht glücklich macht, weiß schon Kohelet. Die „Fledermaus“ aktualisiert das in der Person des jungen superreichen russischen Prinzen Orlofsky. Er verzweifelt an seiner eigenen Langeweile. Doch auch ihm wird schlussendlich neue Freude geschenkt und er kann am Ende der Handlung nach langer Zeit wieder herzlich lachen.

Gesellschaftlicher Zusammenhalt

Vielbeschworen in diesen Tagen wird die Bedeutung des gesellschaftlichen Zusammenhaltes: Nur gemeinsam sei der Krise beizukommen. Auch von diesem durchwegs biblischen Gedanken einer solidarischen, ja brüderlichen/schwesterlichen Gesellschaft kann die „Fledermaus“ im wahrsten Sinne des Wortes ein Lied singen.

Die Festgäste des Prinzen, die der Drahtzieher der Handlung, Dr. Falke, versammelt, könnten divergenter nicht sein. Eingeladen in die erlauchte Gesellschaft sind unter anderem sein Freund, ein reicher Grundbesitzer, und seine Frau, aber auch deren Stubenmädchen und der Direktor des örtlichen Gefängnisses. Zunächst versuchen die Protagonisten sich unauffällig in die adelige Gesellschaft zu integrieren und geben sich mehr oder weniger erfolgreich als Marquis, ungarische Gräfin, angehende Künstlerin oder Chevalier aus. Doch später, nach mehreren Gläsern Champagner, verschwimmen die Standesunterschiede und das soziale Gefälle ebnet sich ein.

Brüderlein und Schwesterlein wollen alle wir sein, stimmt mit mir ein!

„So lasset uns alle ein großer Verein von Schwestern und von Brüdern sein“, ruft Falke der weinseligen Gemeinschaft zu und diese antwortet mit dem berühmt gewordenen Ensemble: „Brüderlein und Schwesterlein wollen alle wir sein …“. Und das soll nicht nur ein temporäres Geschehen bleiben, sondern „für die Ewigkeit, immer so wie heut“ gelten – wenn auch mit der kleinen Einschränkung: „… wenn wir morgen noch dran denken …“. Die „Fledermaus“ weist den Weg zu einer allgemeinen Brüder- bzw. Schwesterlichkeit, unabhängig von gesellschaftlichen oder weltanschaulichen Unterschieden und mit hinreißender Musik.

Vorbildlicher Umgang mit Schuld

Die gesellschaftliche Solidarität wird jedoch gerade in Krisenzeiten durch gegenseitige Schuldzuweisungen gefährdet. Und auch in der „Fledermaus“ drohen die Protagonist/innen sich darin zu verlieren. Die Möglichkeiten für solche Schuldzuweisungen sind ja mannigfaltig. Versuchte Seitensprünge, Lügen, Diebstahl, Vortäuschung falscher Tatsachen, Erschleichung falscher Titel – etliche Verfehlungen müssen verziehen werden, damit sich die Operette in Wohlgefallen auflösen kann.

Und auch hier legt die Wiener „Fledermaus“ einen durchaus biblisch inspirierten Zugang auf, der nicht nur ihrer Kollegin aus Wuhan zugutekäme. Um zu verhindern, dass die Verfehlungen zu dauerhaften Konflikten und Brüchen führen, wird die Schuld in einem großen Versöhnungsfest kollektiv auf einen Sündenbock abgewälzt und damit aus der Welt geschafft. Anders als in Levitikus 16 handelt es sich bei dem Sündenbock in der „Fledermaus“ aber nicht um einen Ziegenbock, sondern um den „König aller Weine“, den Champagner. Und er wird auch nicht in die Wüste geschickt, sondern hochgepriesen. „Du siehst, nur der Champagner war an allem schuld“, flötet Eisenstein reumütig und schon ist der Weg zur Versöhnung und zum großen Chorfinale frei.

Champagner hat’s verschuldet, was wir heut erduldet!

Sich mit dem Unabänderlichen abfinden und sich trotz Widrigkeiten freuen. Zusammenhalt beweisen und die Schuldfrage ausklammern. Und das alles zu mitreißender Musik, die sich selbst nie zu ernst nimmt: Das ist die „Fledermaus“ – eine Krisenbewältigung auf Wienerisch.

Elisabeth Birnbaum ist Direktorin des Österreichischen Katholischen Bibelwerks und seit Juni 2018 Mitglied der Redaktion von feinschwarz.net

Bildnachweis: wikimedia common

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