Die praktisch-theologische Urteilskraft. Nachruf auf Walter Fürst (1940-2021)

Walter Fürst

Am 21. Juni 2021 starb mit Walter Fürst (geb. 13.12.1940) einer der „Grand Seigneurs“ der Pastoraltheologie, von 1985-2006 Professor für Pastoraltheologie in Bonn. In seinem autobiografischen Beitrag im Buch „Dem Leben auf der Spur“ hat er gewissermaßen sein theologisches Vermächtnis in biografischen Erinnerungen zusammengefasst. Johann Pock, von 2007-2010 sein Nachfolger in Bonn, bringt Auszüge aus diesem Beitrag.

Prägung durch das II. Vatikanum

Walter Fürst lernte in Tübingen seine Pastoraltheologie von Franz Xaver Arnold: Das Konzil entsprach mit seiner pastoralen Intention, seinem communionalen Kirchenbild und seinem dialogischen Handlungsprinzip in vieler Hinsicht den Vorstellungen Arnolds: Bekanntlich verstand es Pastoral als umfassende Aufgabe der gesamten Kirche in der Welt von heute (vgl. GS).“

Die Kirche schien damals tatsächlich entschlossen zu sein, sich den Krisen und Herausforderungen der Gegenwart zu stellen: durch Rückbesinnung auf das Evangelium, Forschen nach den Zeichen der Zeit und Dialog mit der Welt von heute.

Erinnerungen an Küng

„Es war mehr als ein glücklicher Zufall, dass kurz zuvor Hans Küng in der Nachfolge von Heinrich Fries zum Professor für Fundamentaltheologie an die dortige Fakultät berufen worden war. Mit seinem bereits 1960 erschienenen Buch ‚Konzil und Wiedervereinigung‘ hatte er die dezidiert „ökumenischen“ Erwartungen an die kommende „Ökumenische Kirchenversammlung“ nachhaltig befördert. Von 1962 bis 1965 hielt er sich, neben seiner Tübinger Lehrtätigkeit, regelmäßig als offizieller ‚Peritus‘ des Konzils in Rom auf. Jedes Mal, wenn Küng von dort zurückkam, war der Hörsaal brechend voll. So waren wir als Studierende über den Stand der Vorbereitungen und den späteren Fortgang des Konzils sowie über die Diskussionen in der Konzilsaula stets bestens informiert. Korrespondenten-Berichte in den großen überregionalen Tageszeitungen und nicht zuletzt die unvergesslichen Konzils-Kommentare des Jesuiten Mario von Galli im Rundfunk waren unter Theologiestudenten „Pflicht“ und kamen als Informationsquellen hinzu.“

„Küngs kämpferische Vorlesungen zur „Kritik an der Kirche I und II“ trugen bei den Theologie-Studierenden zu lebhaftem Interesse an authentischen kirchlichen „Strukturen“ bei. Sein leidenschaftliches Engagement galt zweifelsohne dem Gelingen der Synode als Reformkonzil. Die Kirche schien damals tatsächlich entschlossen zu sein, sich den Krisen und Herausforderungen der Gegenwart zu stellen: durch Rückbesinnung auf das Evangelium, Forschen nach den Zeichen der Zeit und Dialog mit der Welt von heute. Allerdings gab es meiner Erinnerung nach schon gegen Ende des Konzils erhebliche Zweifel daran, ob diese Ziele wirklich erreicht werden würden.“

Zeitsensibel

„Die Jahre unmittelbar nach dem Konzil erlebte ich nicht zuletzt aber auch weltpolitisch und soziokulturell als eine Zeit großer Spannungen und Gegen­sätze. Die bezeichnenden Merkmale der Zeit erschienen mir widersprüchlich: Fortschrittsoptimismus versus Zukunftsgefährdung, boomende Weltwirtschaft versus Unterentwicklung in weiten Teilen der Dritten Welt, wachsende Einheit versus Mangel an Solidarität. Den zunehmenden gesellschaftlichen Spannungen aufgrund eines immer dynamischeren Wandels der menschlichen Lebensverhältnisse standen großartige wissenschaftlich-technische Erfolge gegenüber, die im erstmaligen Aufenthalt von Menschen auf einem anderen Himmelskörper gipfelten. Ich verfolgte mitten in der Nacht stundenlang die Live-Übertragung der Mondlandung am Fernsehen (Juli 1969).“

Dissertation über die Theologie J. B. Hirschers – Grundlegung seines praktisch-theologischen Standpunkts

„Die ‚Christliche Moral‘ Hirschers erwies sich folglich nicht nur als die weiter entwickelte lebens-praktische Version der von Drey begründeten Tübinger Theologie, sondern auch als eine Art Vor-Form der modernen handlungswissenschaftlichen Auffassung von Praktischer Theologie: In ihrer geschichtlichen Ambition, in ihrer „analytischen“, transzendental-anthropologischen Methode und ihrer auf Real-Einsicht und Praktikabilität ausgehenden Reflexionsform „aus dem Leben für das Leben“ präludiert sie gleichsam den vom Konzil favorisierten Dreischritt „Sehen – Urteilen – Handeln“ und kommt der Vorstellung Rahners von Praktischer Theologie als „Reflexion auf Entscheidung hin“ nahe.“

Ihr Thema ist wichtig! Machen Sie mal! Sie verstehen davon mehr als ich!“ Ich empfand das wie „eine Art Ermächtigung“.

Begegnung mit Rahner

„Um mich zu vergewissern, ob es sinnvoll wäre, die Frage nach der praktisch-theologischen Urteilsinstanz zum Gegenstand einer Habilitationsarbeit im Fach Pastoraltheologie zu machen, bemühte ich mich um einen Gesprächstermin in Innsbruck bei Karl Rahner, dem maßgeblichen Herausgeber des ‚Handbuchs der Pastoraltheologie‘. Rahner nahm sich viel Zeit, mir zuzuhören, lud mich dann aber überraschend zu einem Ausflug in die Berge ein, schwärmte von den Drachenfliegern, die er dort gerne beobachtete; führte mit lebhaften Gesten vor, wie sie sich an den Steilhängen in die Lüfte erheben, um mir schließlich, bei der Verabschiedung, nicht ohne einen Schuss Humor, zu sagen: „Ihr Thema ist wichtig! Machen Sie mal! Sie verstehen davon mehr als ich!“ Ich empfand das wie „eine Art Ermächtigung“, die Arbeit unverzüglich in Angriff zu nehmen.“

Zentrales Resultat der Habilitationsschrift

„Die (Praktische) Theologie ist auf dem Weg zu einer sowohl dem Zeichencharakter der konziliaren Kirchen- und Pastoralauffassung gemäßen, wie auch der vom Konzil evozierten Fortentwicklung der Tübinger Theologie von der Dialektik zur Dialogik, von der historisch- bzw. praktisch-kritisch fundierten Spekulation zur kommunikativ konstituierten Fähigkeit des Symbol-Verstehens und Zeichen-Setzens Rechnung tragenden „symbolisch-kritischen Methode“, welche die Verbindung von botschaftsgemäßem und situationsgerechtem Handeln erst eigentlich ermöglicht.“

Communio als Prinzip pastoraler Theologie

Stufen und Stationen der akademischen Laufbahn

„Am 4. Dezember 1985 hielt ich … in Gegenwart nahezu aller Kollegen und vieler Studierender meine Antrittsvorlesung zum Thema: „Communio als Prinzip pastoraler Theologie“. Sie fand große Resonanz.“

Lehrtätigkeit

„Meine durchgängige Absicht in den stets problem- und berufsorientierten Vorlesungen war es, bei Hörerinnen und Hörern die Einsicht oder Grundeinstellung zu wecken, die in dem den Kirchenvätern zugeschriebenen Wort zum Ausdruck kommt: „Die Kirche verkündet das Evangelium nicht in Worten bloß, sondern durch ihre ganze Lebensgestalt.“ Von daher stand für mich nie allein die Frage im Raum, „was“ in der Pastoral zu tun sei, sondern immer zugleich auch die Frage, „wie“ das, was zu tun ist, getan werden müsse, um hier und heute überzeugend zu wirken.“

Kardinal Meisner: „Was Sie sagen, ist nicht mehr katholisch!“

Kirchliche Konflikte

„Es waren die Anfangsjahre des Pontifikates von Papst Johannes Paul II, die nicht zuletzt von Turbulenzen der sogen. „nachkonziliaren Krise“ geprägt waren: Schillebeeckx war gemaßregelt, Küng die Lehrerlaubnis entzogen worden (1978/79). … Der neue, die Konzilsbeschlüsse restriktiv auslegende CIC 1983 und das Schweigegebot für Leonardo Boff (1985) taten ein Übriges, um Geduld und Hoffnung nicht nur unter Theologen auf eine schwere Probe zu stellen.“

„Was mich persönlich angeht, so kam es nach einem „Tag der Pfarrgemeinderäte“ in den Messehallen Köln-Deutz, an dem ich mit mehreren Referaten maßgeblich beteiligt war, zu einer Auseinandersetzung mit Erzbischof Joachim Kardinal Meisner. Ich hatte das Pastoralkonzept des Erzbistums, das angesichts des wachsenden Priestermangels letztlich auf Bildung von Großpfarreien hinauslief, mit dem Hinweis auf die Zukunftsbedeutung der Gemeinden als „Subjekte der Pastoral“ kritisch unter die Lupe genommen. Bei einem anschließend anberaumten Gespräch in Gegenwart mehrerer Domkapitulare beurteilte der Kardinal meine Ausführungen mit den Worten: „Was Sie sagen, ist nicht mehr katholisch!“, stand vom Tisch auf und schickte sich an, zu gehen. Ich bat ihn nachdrücklich, doch meine Antwort abzuwarten, und fügte hinzu: „Alles, was ich als Professor lehre, überprüfe ich an der Hl. Schrift, an den Kirchenvätern und den großen Konzilien, insbesondere am Zweiten Vatikanum, und selbstverständlich auch an den Erklärungen der Deutschen Bischofskonferenz! Wie können Sie mir da die Katholizität absprechen?“ Er hörte sich meine Worte stehend an und verließ dann schweigend den Raum.“

DFG-Forschungsprojekte

„Beim empirischen Forschungsprojekt „Religiöse Entwicklung im Erwachsenenalter“ wurden qualitative biographische Explorationsgespräche mit 120 stichprobenartig ausgewählten Gesprächspartnern der Jahrgänge 1930-35 und 1950-55 aus verschiedenen Regionen Deutschlands geführt. … Das Ergebnis war (in aller Kürze): „Es gibt einen Zusammenhang zwischen der Häufigkeit kritischer Lebensereignisse und der Anzahl religiöser Zäsuren und Wandlungen im Lebensverlauf.“

Mitarbeit beim diözesanen und überdiözesanen Aufbau von Strukturen der Pastoralsupervision

Die Begegnung mit Paul Adenauer war zugleich der Beginn einer langjährigen Mitarbeit als pastoraltheologischer Berater und Referent in den kurz zuvor eingerichteten und von Wolfgang Acht, Paul Adenauer, Jutta Malcher und Elisa Pursch geleiteten Dreijahreskursen für die ‚Ausbildung zum Pastoralsupervisor im Erzbistum Köln‘ (1991-2006).

Wenn jemand nach den tiefsten existentiellen Wurzeln meines pastoraltheologischen Impetus fragt, kann ich ohne Zögern antworten: Sie liegen im dynamischen Beziehungsfeld zwischen Familie und Herkunftsgemeinde.

Tragende Beziehungen über die Jahre hinweg

„Wenn jemand nach den tiefsten existentiellen Wurzeln meines pastoraltheologischen Impetus fragt, kann ich ohne Zögern antworten: Sie liegen im dynamischen Beziehungsfeld zwischen Familie und Herkunftsgemeinde. Was uns Geschwister, wohl alle drei, kirchlich am nachhaltigsten geprägt hat, war die Pfarrei St. Laurentius Bietigheim: die durch den damaligen Pfarrer Viktor Locher immer würdig und stilvoll gestaltete Liturgie, das Vorbild der durchweg als überzeugende Gemeinde-Seelsorger wirkenden Pfarrvikare sowie die in der Gemeinde mögliche Mitarbeit im Ministranten- und Lektorendienst. Hinzu kommt eine langjährige Tätigkeit als Jugendleiter.“

Autor: Johann Pock ist Pastoraltheologe an der Universität Wien und Mitglied des Redaktionsteams.

Originalbeitrag: Walter Fürst, Pastoraltheologie in der Tradition der ‚Tübinger Schule‘, in: Johann Pock, Dem Leben auf der Spur. Pastoraltheologie autobiographisch, Paderborn 2015, 79-107.

Beitragsbild: Aus dem Buch „Dem Leben auf der Spur“.

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