Die Relevanz tauber Weltzugänge: LeserInnenbriefe

Der Beitrag von Lara Hielscher über das Cochlea Implantat vom 14.2.2020 führt weiterhin zu intensiven Rückmeldungen. Heute kommen Stefan Goßner, der als Kind gehörloser Eltern aufwuchs, und Corinna Brenner, die selbst taub ist, zu Wort.

Sehr geehrte Frau Hielscher,

vielen Dank für den exzellenten, sehr wichtigen Artikel.

Mein Vater (Jahrgang 40) war nach einer Hirnhautentzündung im Alter von zwei Jahren an Taubheit grenzend schwerhörig, meine Mutter (Jahrgang 38) wohl von Geburt an taub.

Beide sind in Familien geboren, die vormals keinerlei Berührung zu Taubheit hatten.

Beide sind in ihren Ursprungsfamilien angesehene, vollwertige Familienmitglieder.

Beide wurden von ihren Eltern und Geschwistern geliebt und akzeptiert.

Beide hatten mehr oder weniger Schwierigkeiten, mit ihren Verwandten incl. ihrer Eltern vollwertig zu kommunizieren. Niemand unter den Verwandten hat jemals Gebärdensprache erlernt.

Beide hatten durch ihre Hörbehinderung eine Schulbildung, die sehr weit unter ihrem kognitiven Potenzial lag.

Beide konnten dennoch einen Beruf erlernen, oft auf etwas kurvigem Wege. Meine Mutter wurde letztlich Hausfrau und Mutter, mein Vater Facharbeiter.

Beide haben ihre Berufe sehr gut ausgeführt.

Sie haben unabhängig gelebt, mein Vater auf eigene Faust Fernreisen unternommen, die sich viele Hörende zu dieser Zeit nicht zugetraut hätten.

Sie haben mich und meine Schwester bekommen und als wunderbare Eltern großgezogen und meine Kinder als ebenso wundervolle Großeltern begleitet.

Für meine Eltern war und ist ihre Taubheit Teil ihrer Identität.

Ich wusste, dass für meine Eltern ein Cochleaimplantat niemals in Frage kommen würde. Ich nahm an, wegen des Risikos des (damals noch) sehr invasiven Eingriffs und der Vorstellung, quasi ein cyborgähnliches Wesen zu werden.

Als meine Eltern schon deutlich über sechzig Jahre alt waren, habe ich sie einmal gefragt, ob sie sich unmedizinisch, quasi durch ein Wunder würden heilen lassen, wenn sie diese Möglichkeit bekämen. Sehr überrascht erfuhr ich, dass beide kein Interesse an einer Heilung hätten.

Sie hatten ihre Behinderung angenommen, sie war fest zu einem Teil ihrer Identität geworden, von dem sie sich nicht trennen wollten.

Beide sind allen Schwierigkeiten zum Trotze unglaublich starke, resiliente, liebevolle, glückliche, zufriedene Persönlichkeiten mit voll und ganz erfülltem Leben geworden (mein Vater ist kürzlich verstorben, meine Mutter ist ein Pflegefall), die mir in vielerlei Hinsicht Vorbild waren und geblieben sind.
Auch wenn sie in den Augen der meisten Ärzte im Wesentlichen behindert waren und geblieben sind.

Ob sie mit einem Cochleaimplantat bereichert worden wären?

Herzliche Grüße
Stefan Goßner

Wir brauchen Austausch auf Augenhöhe zwischen der hörenden und der tauben Welt.

Liebe Redaktion!

Ich bin hellauf begeistert von Frau Hielschers Artikel vom 14.2.2020.

Ich bin selbst taub und beschäftige mich kulturell, politisch und psychologisch viel mit der Problematik unseres Taubseins. Und natürlich lese ich auch fast jeden Artikel über uns. Häufig werden sie von Hörenden geschrieben. Und nur sehr selten kann ich die Inhalte vollends zustimmen.

Ich bin beeindruckt, mit welcher Tiefe und mit enormer Menschlichkeit die Autorin sich mit dem Thema befasst hat. Viele von uns Taube haben Ihren Artikel in den Social Media geteilt und alle sind sich dabei einig: Grandios!

Ich möchte mich bei Frau Hielscher bedanken! Sie gibt mir Hoffnung, dass endlich ein Entgegenkommen und echter Austausch auf Augenhöhe beginnen kann – zwischen der hörenden und tauben Welt.

Auch ein Danke an die Redaktion für die Veröffentlichung eines authentischen Artikels.

Es grüßt herzlich,

Corinna Brenner

Beitrag von Lara Hielscher vom 14.2.2020:

Warum Cochlea-Implantate keine Wunder sind

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