Ehrenamt denkt Kirche neu

Drei aktive Kirchenmitglieder können so nicht mehr weitermachen. Sie sind erschüttert vom Missbrauch in der katholischen Kirche. Aber sie resignieren nicht. Sie tauschen sich aus, organisieren Gesprächsabende und eröffnen einen Lernprozess, wie Kirche neu gedacht werden kann. Von Claudia Guggemos.

Drei Ehrenamtliche sind erschüttert über die nicht abnehmenden Meldungen zum Skandal um Missbrauch in der katholischen Kirche. Alle drei sind Mitglieder eines Kirchengemeinderats. Ihre Motivation, sich in ihrer Kirche zu engagieren ist an der Wurzel getroffen. Es treibt sie die Frage, wie sie noch für diese Kirche stehen können.

Die Frage, wie für diese Kirche stehen.

Sie wollen nicht einfach einen persönlichen Brief an den Bischof schreiben und ihre Emotion loswerden. Stattdessen verabreden sie sich, um die die eigenen Einschätzungen und Erfahrungen aus den unterschiedlichen Lebens- und Berufswelten zu teilen. Es hilft, die Suche nach einem neuen Ort in der Kirche mit anderen zu besprechen, die ebenso in ihren ekklesiologischen Grundfesten erschüttert sind wie sie selbst.

Diese Erfahrung, miteinander in ein relevantes Gespräch zu kommen und gemeinsam den eigenen Ort in der Kirche neu zu denken, wollen die drei ehrenamtlichen Verantwortungsträger*innen teilen – nicht nur im Gremium. So entsteht eine Gesprächsreihe unter dem unscheinbaren, aber grundlegenden Titel „Kirche neu denken“ in Kooperation mit der katholischen Erwachsenenbildung (keb) in Reutlingen.

Die Menschen wollen hören, einordnen, reden, sich selbst neu ausrichten.

An drei Abenden führen jeweils die Initiatorin und die beiden Initiatoren aus ihrer Sicht in die Thematik ein:

  • Sexueller Missbrauch: Was geschehen ist. Warum das so schlimm ist. Was jetzt getan werden muss. Welche Fragen sich jetzt stellen.
  • Sexualmoral: Überwindung der Tabuisierung von Sexualität. Aufbau einer ehrlichen Kommunikation in der Kirche. Weg von einer verbotsorientierten, hin zu einer menschenfreundlichen Sexualmoral.
  • Machtmissbrauch: Beispiele und Ursachen von Machtmissbrauch durch kirchliche Amtsträger (Klerikalismus). Gewaltenteilung: auch in der Kirche? Die Würde der Person: der einzelne Mensch als Subjekt des Glaubens. Notwendige Änderungen im Kirchenrecht.

Der Einladung zum Gespräch folgen keine Massen. Sind es beim ersten Termin 20 Personen, so wächst die Teilnehmendenzahl von Abend zu Abend um jeweils die Hälfte. Gemeinsam mit den Besucher*innen der drei Abende wird nach einem persönlich wie fachlich pointierten Anfangsimpuls jeweils in kleinen Gruppen diskutiert. Erfahrungen werden zur Sprache gebracht. Die Menschen, die kommen, sind aktiv: Sie wollen hören, einordnen, reden, sich selbst neu ausrichten.

 „… ich will  von DIESER Amtskirche nicht begraben werden! Ich muss bald wissen, ob ich austreten muss.“

Es kommen alte Menschen, die der mittleren Generation und auch den Jugendlichen erzählen, wie sich das angefühlt hat, unter der rigiden katholischen Sexualmoral der Mutter eine erste Liebe zu erleben – wieviel Gift der strenge Blick der Kirche in den Ehe- und Familienalltag eingetragen hat. Sie erzählen vom Lehrer, vom Pfarrer, der „schon wusste“, welche Eltern sich beschweren, wenn die Strafen „ungewöhnlich hart“ oder „irgendwie seltsam“ waren und welche Eltern dafür keine Kraft und nicht die gesellschaftliche Stellung hatten, so dass die Kinder eher „rangenommen“ wurden.

Alle gemeinsam erzählen von aktuellen Erfahrungen von Grenzüberschreitung und Machtmissbrauch in der deutschen und in anderen Kirchen. Sie erzählen auch davon, was es bedeutet, selbst neu auf der Suche nach einem Ort in der Kirche zu sein. An manchen der Abende kochen die Emotionen hoch: „Ich brauche jetzt schnell eine Antwort der Bischofskonferenz, denn ich bin alt und wenn ich sterbe will ich von DIESER Amtskirche nicht begraben werden! Ich muss bald wissen, ob ich austreten muss.“

Alles, was bisher selbstverständlich war, muss von einem neuen Grund-Datum aus neu gedacht, konstruiert, erlebt und erfahren werden.

An jedem der Abende wird deutlich: Nicht nur für die drei Impulsgeber*innen bedeuten sowohl die Aufdeckung als auch die (mangelhafte) Aufarbeitung des Missbrauchskandals in der katholischen Kirche eine grundlegende Erschütterung ihrer Beheimatung in Glaube und Kirche. Es geht nicht um die Höhe von Ausgleichszahlungen oder kleinere Anpassungen von Normen und Regeln im bisher denkbaren Rahmen. Der Heimat-Begriff, der für viele Menschen schon lange nichts mehr mit einer verfassten Kirche zu tun hat, passt auch für diejenigen nicht mehr, welche die traditionelle Kirchengemeinde und alle ihre Strukturen bisher getragen haben.

Die Erschütterung geht aber tiefer: Alles, was bisher selbstverständlich war, muss von einem neuen Grund-Datum aus neu gedacht, konstruiert, erlebt und erfahren werden: Begriffe wie „Vertrauen“, „Amt“ oder „Dienst“ haben ihre Einheit stiftende Qualität verloren und müssen neu erschlossen werden. Die Gruppe entdeckt im Prozess hilfreiche säkulare Konzepte der Zivilgesellschaft. Zu diesen hilfreichen zivilgesellschaftlichen Konzepten, die nach der Beobachtung der Anwesenden aus Kirche, amtlicher Theologie und Kirchenrecht weitgehend ausgewandert sind, zählen „Gewaltfreiheit“, „Transparenz“, „Gewaltenteilung“, „Menschenfreundlichkeit“, „Verantwortung“, „Menschenrechte“ und „Glaubwürdigkeit“.

Es macht Mut, miteinander nicht nur erlittenes Leid zu teilen, sondern auch Ideen zur Veränderung zu spinnen.

Um diese Begriffe und ihre Verbindung zu dem, was sie in ihrer Kirche gerade erleben, ringen die Katholik*innen aus Reutlingen. Sie versuchen, neu zu verstehen, was christliche Werte, die durch sexuellen Missbrauch, eine erdrückende Sexualmoral, Machtmissbrauch und die Ungleichbehandlung von Frauen sinnentleert und pervertiert wirken, heute eigentlich bedeuten können. Es macht Mut, miteinander nicht nur erlittenes Leid zu teilen, sondern auch Ideen zur Veränderung zu spinnen. Schnell wird deutlich: Es genügt den Diskutant*innen nicht, diese Begriffe selbst zu verwenden. Sie gehen davon aus, dass das kirchliche Lehramt sich mit ihnen auseinandersetzen und sie sich zu eigen machen muss.

Im Lauf des Prozesses entsteht ein neuer Gedanke: Was als Prozess der spirituellen und theologischen Selbstvergewisserung begonnen hat, verwandelt sich in einen dicht gewebten theologischen Text, den die drei Initiator*innen verfassen. Dieser Text enthält kurze Situationsbeschreibungen und präzise Forderungen zu den drei Themen.

Die Ungleichheit der Geschlechter als Grundlage vieler Missstände in der Kirche.

Schließlich fällt den Initiator*innen auf, dass sich ein weiteres Thema wie ein roter Faden durch die drei Abende gezogen hat. Das Thema der Geschlechtergerechtigkeit ist kein Sonderthema. Die Ungleichheit der Geschlechter ist vielmehr Grundlage vieler Missstände in Kirche und Gesellschaft. Ein viertes Kapitel entsteht in der gleichen Struktur wie die ersten drei.

Die reutlinger Christen treffen sich im Februar 2020 ein letztes Mal. Sie beraten öffentlich den entstandenen Text und sie entscheiden, dass sie die Frucht ihrer Arbeit gern mit denjenigen teilen wollen, die sich aktuell auf den „synodalen Weg“ einlassen. Der Text wird den Mitgliedern der Versammlung, die aus der Diözese Rottenburg-Stuttgart stammen, zugesendet.

Text als Diskussionsanregung und ein Online-Petition

In einem weiteren Schritt entscheiden die am Prozess beteiligten, dass die Frucht ihrer Arbeit als Diskussionsanregung anderen Interessierte zugänglich gemacht werden soll. Der Text ist seit 3.3.2020 auf der Homepage der keb Reutlingen abrufbar unter Kirche neu denken – Ein Beitrag zum Synodalen Weg (keb-rt.de).

Seit 4.3. besteht für alle Interessierten auch die Möglichkeit, sich zu solidarisieren, da eine gekürzte Version der Forderungen und Begründungen unter dem Stichwort „Kirche neu denken“ unter openpetition.de/!kircheneudenken (openpitition.de) unterstützt werden kann. Die eingegangenen Unterschriften sollen vor der nächsten Sitzung ebenfalls an die Mitglieder des synodalen Wegs gehen.

Was kann es bedeuten, heute als engagierte Christin und engagierter Christ in der und für die katholische Kirche zu stehen?

Es hat sich in Reutlingen keine neue Protestbewegung entwickelt, denn das war nie das Ziel der Intiator*innen. Entstanden ist ein offener, öffentlicher Lernprozess: Was kann es bedeuten, heute als engagierte Christin und engagierter Christ in der und für die katholische Kirche zu stehen? Die Initiator*innen sind nun bereit, weitere Schritte mit dieser Kirche zu gehen.

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Text und Bild: Claudia Guggemos, Dr. theol., ist Leiterin der katholischen Erwachsenenbildung, Coach und Beraterin.

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