Wider die Aufdringlichkeit der kirchlichen Schlüsselloch-Optik

Immer wieder wird in kirchlichen Kreisen über gewollte und ungewollte Sexualität gesprochen. Knut V.M. Wormstädt plädiert angesichts des stetigen Stroms von Verlautbarungen und Interviews zu diesem Thema dafür, dass weniger auch mehr sein könnte.

Lassen Sie uns weniger über Sex sprechen. – Lassen Sie uns vor allem weniger über den Sex sprechen, über den wir mit großer Vorliebe sprechen, nämlich genau all solcher Sex, der gerade nicht von (genau) zwei cis-sexuellen Personen ungleichen (aber gemeinhin anerkannten) Geschlechts durchgeführt wird, möglichst zum Zwecke der transgenerationellen Erweiterung der eigenen Familie, zumindest aber nicht unter Verweigerung dieser Option. Denn gesprochen wird – zumeist in abschätziger Weise – eben insbesondere über gleichgeschlechtlichen Sex, über bestimmte Praktiken und über nicht-cis-Geschlechtsidentitäten.

Lassen Sie uns weniger über Sex sprechen.

Über diesen Sex wird auch gerne implizit gesprochen, nämlich zum Beispiel dann, wenn der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf in einem Interview hinsichtlich der Unmöglichkeit von gleichgeschlechtlichen Eheschließungen in der Katholischen Kirche erklärt, dass „[d]ie Ehe in der katholischen Kirche […] nunmal definiert [ist] als Gemeinschaft von Mann und Frau, mit der Offenheit für Nachkommenschaft.“

Denn natürlich geht es bei dieser Erklärung nicht darum, dass halt „Ehe“ der Terminus ist, der gegengeschlechtliche Familienkonstellationen beschreibt. Wäre es nur diese Frage der Begrifflichkeit, läge die Lösung ja nahe, daneben bspw. die Familienkonstellation der „Oho“ (gerne auch „Oho!“) begrifflich einzuführen und dann diese Oho(!) unter Gottes reichen Segen zu stellen.

Die Oho(!) unter den reichen Segen Gottes stellen?

Aber eine solche Oho(!) bringt natürlich biologisch noch keine „Offenheit für Nachkommenschaft“ mit. Oder strenger formuliert: Eine Offenheit natürlich schon, wie man seit Februar dieses Jahres auf dem Vlog des evangelisch-queeren Projektes „Anders Amen“ verfolgen kann, aber eben keine biologisch selbstgenügsame Prädisposition. Und da es am Ende doch darum geht, diese biologische Möglichkeit zur Fortpflanzung zur Kondition für eine segnungsfähige oder gar sakramentsfähige Familienkonstellation zu erklären, ist es eben auch eine Aussage über Sex, über gewollten und nicht gewollten Sex. Es ist eine Aussage darüber, dass Sex nur dann wünschenswert ist, wenn er innerhalb einer (katholischerseits auch noch: einmaligen) festen, langfristigen Partnerschaft erfolgt und möglichst auf Fortbestand der Menschheit ausgerichtet sein sollte.

Wie löchrig dieser Ansatz ist, wurde schon mehrfach verdeutlicht, hier deswegen nur der Schnelldurchlauf: Es lassen sich mindestens drei Gegenargumente gegenüber dieser Perspektive anführen, wobei – der Fairness halber – nicht alle die Linie des hier zum Aufhänger gemachten Bischofsinterviews treffen. Dennoch antworten sie auf Einlassungen, die sich in den Auseinandersetzungen um dieses Thema immer wieder auffinden lassen.

Der Verweis auf Fruchtbarkeit als Konstituent hinkt.

Erstens hinkt der Verweis auf Fruchtbarkeit als Konstituent für zu schließende Ehen auch bei cis-gegengeschlechtlichen Paaren, denn auch dort ist Fortpflanzungsunfähigkeit ein bekanntes Problem. Würde man die Rede von der „Offenheit für Nachkommenschaft“ nun über die allgemeine Aussage hinaus ernst nehmen, dass diese Paare sich vorstellen könnten, ein Kind großzuziehen, hieße das, dass konsequenterweise unfruchtbare heterosexuelle Paare ihren Ehestatus wiederum verlieren würden oder nie korrekt erhalten hätten. Sinnigerweise wären diese Paare, sollte eine Unfruchtbarkeit festgestellt werden, dann auch angehalten, ihre sexuelle Aktivität einzustellen. Eine absurde Vorstellung, sagen Sie zurecht und genauso zurecht wird dieser Fall nirgendwo ernsthaft diskutiert. Gleichwohl ist aber Enthaltsamkeit nach wie vor ein gängiger Rat von kirchlicher Seite, wenn es um nicht-heterosexuelles Begehren geht.

Guter Sex bringt Nachkommen!?

Ein zweites Gegenargument lässt sich gegenüber der naturrechtlichen Behauptung vorbringen, Sex sei nur dann gut und richtig ausgeführt, wenn er die Chance auf Zeugung von Nachkommen beinhalte. Denn es ist zwar nicht zu leugnen, dass Nachkommenschaft eine Zielvorstellung für Sex ist, aber es ist gerade ein naturrechtlicher Kurzschluss, zu behaupten, dies sei die bestimmende Zielvorstellung. Sex befriedigt menschliche Bedürfnisse nach Nähe und Intimität, nach Entspannung, aber auch nach Ekstase, nach Freiheit und (zugesprochener!) Kontrolle. Alle diese Bedürfnisse sind ebenso wichtig, auch wenn sie sich nicht an biologischen Charakteristika ablesen lassen und sie alle lassen sich ebenso gut in allen nicht fortpflanzungsorientierten Sexualpraktiken aufheben.

Sexualität – biblisch gesehen ein Randthema

Zuletzt wäre drittens noch darauf hinzuweisen, dass es sich bei der Sexualität zwar um ein eminent wichtiges Thema für menschliche Selbst-Entwürfe handelt, aus biblischer Perspektive jedoch eigentlich eine thematische Randerscheinung darstellt. Friedens- und wirtschaftsethische Themen spielen eine viel größere Rolle und man würde sich manchmal wünschen, dass sich der moralische Rigor zumeist konservativer kirchlicher Vertreter*innen in gleicher Lautstärke auch auf andere Fragen des Zusammenlebens richten würde, etwa, wie wir mit Gewalt umgehen wollen, mit Armutsspiralen oder mit Fremden, die von außen zu uns kommen. Und in der Tat: Auch dazu haben die biblischen Texte etwas mitzuteilen.

Denn hierin liegt nun die Pointe der eingangs formulierten Einladung, weniger über Sex zu sprechen: Liest man das einleitende Argument ohne Kontext, so könnte sich der Schluss nahelegen, dass hier dafür plädiert wird, nicht-heteronormative Sexualität zu beschweigen. Tatsächlich ist das aber nicht gemeint. (Eigentlich wäre es im Gegenteil sehr wichtig, mehr über Sex zu sprechen, über sexuelle Vielfalt, über Einvernehmlichkeit und, ja, auch über sexuelle Gewalt.)

Lassen Sie uns weniger so über Sex reden.

Wenn ich hier, in einem christlichen Feuilleton, schreibe „Lassen Sie uns weniger über Sex sprechen“, dann meine ich ein sehr spezielles „wir“, nämlich eines, das über Sex unter ebendiesem christlich-religiös-kirchlichen Gesichtspunkt spricht. Und in diesem Kontext kommt das Verwerfen bestimmter Sexualitäten, geschlechtlicher Identitäten und Praktiken häufig gerade nicht unter der Frage in den Blick, inwiefern sich hier eine Wertschätzung für die eigene Identität oder Offenheit für den Anderen ausdrückt. Vielmehr wird hier vor allem Macht ausgeübt, über Körper, über Identitäten und über Begehren. Gerade aus christlicher Perspektive wäre jedoch eine gewisse Skepsis gegenüber solchen Ausübungen von Macht gegenüber den vermeintlich ‚nicht Normalen‘ angezeigt.

sich gemeinsam mit denjenigen, die all die vielfältigen Formen von Sexualität leben, auf den Weg machen

Eine Form, dieser Machtausübung zu begegnen, bestünde gerade darin, mit Wertschätzung statt abschätzig diesen (nur vermeintlich) so anderen Sexualitäten zu begegnen. Es würde bedeuten, sie nicht einfach in das Ghetto einer theologischen Sprache versinken zu lassen, die viel zu schnell „Sünde“ über alles ruft, was dem eigenen Wertekanon nicht entspricht und gegebenenfalls jenseits der Grenzen der eigenen Lebenserfahrung liegt. Machtkritische und wertschätzende Begegnung hieße dann, sich gemeinsam mit denjenigen, die all die vielfältigen Formen von Sexualität leben, auf den Weg zu machen; zugleich aber auch nicht immer wieder neue Bekenntnisse und Zeugnisse zu verlangen, denn häufig genug gibt es solche schon in Fülle und es ist – offen gestanden – ermüdend, die gleichen Dinge immer wieder aufs Neue erzählen und erklären zu müssen.

In diesem Sinne also: Lassen Sie uns weniger so, wie bisher, über Sex sprechen!


Autor: Knut V.M. Wormstädt ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am theologischen Institut der RWTH Aachen. Dort beschäftigt er sich mit Fragen theologischer Anthropologie genauso, wie mit Versöhnung und digitalen Lesarten der Theologie.

Bild: Elena Rabkina, www.unsplash.com

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