Ein Glücksfall für Theologie und Kirche: Erinnerungen an Erich Zenger (1939 – 2010)

Zum zehnten Mal jährte sich vor Kurzem der Todestag von Erich Zenger. Vielen hat der große Theologe die Bibel als einen Weg zum Leben aufgetan. Paul Deselaers, einer seiner ersten Schüler, lässt uns daran teilhaben.

Gedenktage wecken oft markante Erinnerungen. Der 10. Todestag von Erich Zenger am 4. April 2020 führt mich an das erste Erlebnis mit ihm: Zum Beginn des WS 1967 / 68 gab es im Collegium Borromaeum, dem damaligen Konvikt für Priesteramtskandidaten des Bistums Münster, einen neuen Wohngemeinschaftskaplan: Kaplan Erich Zenger, 28 Jahre alt. Er war „Neuling“ und kannte doch bereits andere Wohngemeinschaftskapläne wie Ernst Dassmann, Karl Lehmann, Hermann-Josef Pottmeyer, teilweise aus den Studienjahren in Rom. Schon bald hatte er die erste Predigt in der Kommunitätsmesse zu halten. Sein Thema: „Ich will den HERRN loben, solange ich lebe“ (Ps 146,2). Er entfaltete die Botschaft vom lebensfreundlichen Gott, vom Geschenk des Lebens und von der menschlichen Antwort im Lobpreis.

Eine Atmosphäre von ansteckender, engagierter Freiheit

Solche Lebendigkeit im freien Wort und in Bewegung mit wehendem Haar, solche Leidenschaftlichkeit hatten wir im Haus noch nicht erlebt. Es war nachher eine andere Stimmung, eine andere Atmosphäre da – von ansteckender, engagierter Freiheit, von Lust am Leben und Glauben. Dieser Eindruck hat sich mir vertieft bis in die Seminare, die er mit dem späteren Limburger  Bischof Franz Kamphaus zur neuen Leseordnung für die Gottesdienste (ab 1969) gehalten hat; er war erfreut über den neuen Reichtum, er war (schon damals) auch kritisch hinsichtlich mancher Abgrenzung der Schriftstellen und der vermeintlichen Konsonanz mit den Evangelien.

Eine zweite prägende Erinnerung: Ende 1976 wurde ich nach der ersten Kaplanstelle vom damaligen Münsteraner Bischof Heinrich Tenhumberg zum Studium der alttestamentlichen Theologie beauftragt – bei Professor Zenger. Er war schon nach wenigen Jahren der Lehrtätigkeit (ab 1973) in Münster ein fester „Begriff“. Sein didaktisches Geschick in der Anleitung zur eigenständigen Arbeit erwies ihn als wahre Autorität. Und zwar Autorität im Sinne des zugrundeliegenden lateinischen Wortes „augere“ = wachsen machen, mehren, fördern.

Erich Zenger hat Fragen gestellt – und konnte sich an den Antworten freuen.

Erich Zenger hat seine Schüler gefordert und gefördert, er hat sich mit Augenmaß zurückgenommen, wenn „es lief“, und den anderen zum Zuge kommen lassen. Zu diesem gewährten Freiraum gehörte auch das sogenannte Doktorandenkolloquium, in dem jeder lernen konnte und auch musste, seine Fragen und seine Thesen zu vertreten. Erich Zenger selbst hat Fragen gestellt – und er konnte sich an Antworten freuen. Seine Leidenschaft für die Heilige Schrift ruhte nie; von ihr ließ er sich überraschen. Immer suchte er auch Bezüge zu ihrer existentiellen, gesellschaftlichen und kirchlichen Bedeutung. Seine lebenslangen Erschließungsbemühungen haben ihn immer tiefer in die Schrift hineingeführt.

Erich Zenger war ein hinreißender Gastgeber, für die Oberseminare und für Einzelne. Auch da konnte er lustvoll die Welt der Bibel erschließen und die Gaben des Lebens genießen, wenn er „kanaanäisch“ (Schweinebauch) oder „israelitisch“ (Lamm) mit entsprechendem Gemüse gekocht hatte und landestypische Getränke anbot. Auch in diesen Zusammenhängen begegnete er den Gästen und Lernenden auf Augenhöhe.

Sein Werk kann man als Ellipse sehen – mit zwei Brennpunkten

Erich Zenger war ein Mensch mit einem klaren und doch reich verzweigten Lebensthema. Das deutete sich schon früh an und entwickelte hat sich dann – auch für ihn selbst unerwartet – in eigener Dynamik weiter. Sieht man sein gewaltiges Werk wie eine Ellipse, dann ist der erste Brennpunkt seines Lebensthemas und seiner Arbeit die Pentateuchforschung rund um die Erschließung der Namenskundgabe Gottes in Ex 3,14 im Zusammenhang mit der Berufung des Mose. Da konfrontiert die Bibel alle Hörenden und Lesenden mit jenem Gott, der sich in die Zeit und die Geschichte des Menschen einlässt, der sich auf ihn bezieht und seine Befreiung will. Entsprechend war der erste große Forschungsschwerpunkt der „Exodus“. Aus der Erzählung in Ex 3 hat Erich Zenger in seinem Werk Der Gott der Bibel. Sachbuch zu den Anfängen des alttestamentlichen Gottesglaubens (Stuttgart 1979; 31986) eindringlich und einprägsam „vier Aspekte des Nahe-Seins Jahwes“ entfaltet: „Zuverlässigkeit, Unverfügbarkeit, Ausschließlichkeit, Unbegrenztheit.“

ER, der Lebendige, ist treu.

Zum letzten Aspekt schreibt er paraphrasierend: „Ich bin so bei euch da, dass mein Nahe-Sein keine örtlichen, institutionellen und zeitlichen Grenzen kennt … Sogar der Tod ist für mich keine Grenze, die meiner Lebenskraft Schranken setzen könnte“ (111). Dieses Nahe-Sein JHWHS hat er oft in die Kurzformel der Treue Gottes gebracht. Häufig hat er seine Vorlesung so abgeschlossen: „Ich habe viele Worte formuliert, und doch immer nur versucht, Ihnen das eine deutlich werden zu lassen: ER, der Lebendige, ist treu.“

Diese Treue Gottes ist ein Geschenk, das „mich meint“, in dem ER sich „auf mich“ bezieht. Von hier aus hat Erich Zenger die Schrift in ihrer Vielgestaltigkeit zu verstehen versucht. Von hier aus hat er leidenschaftlich Wege geöffnet, dass Gottes Wort `uns´ findet. Für den Katholikentag in Freiburg 1978 etwa hat er das Leitwort „Ich will Zukunft und Hoffnung geben“ (Jer 29,11) analysiert und aktualisiert: „Euch, den Leidenden, Heimatlosen, Suchenden, Schuldiggewordenen, die ihr nicht in der `Stadt´ des Unschuldswahns und der Selbstsicherheit lebt, die ihr nicht eine ruhmvolle Vergangenheit euch als aufrechenbares Verdienst zuschreibt oder in der Unerschütterlichkeit eurer Egoismen und eurer Glaubenssätze kalt und unsensibel geworden seid, aber auch euer Exil nicht zur Festung gemacht habt, euch kann und will ich Leben und Zukunft geben!“ Mit seinen Arbeiten und Auslegungen wollte Erich Zenger etwas bewirken. Er wollte nicht, „dass es in der ganzen Welt nur noch zwei Leute gibt“, die seine Bücher verstehen. Er wollte für Wissenschaftler und für einfache Leute schreiben. Dem hat er seine faszinierende Tat- und Schaffenskraft gewidmet. Dem dienten seine Gabe und sein Mühen, pointiert zu sprechen aus der Fülle des Wissens. Von daher verfeinerte sich seine krisensensible Lernbereitschaft.

Was lehren die Psalmen? Dass Gott uns nicht zur Disposition steht – und doch jedem Menschen zugewandt ist.

Der zweite Brennpunkt seines Lebensthemas ist die Frage, wie die Kundgabe Gottes den Menschen in Schwingung geraten lassen kann. Das war für Erich Zenger der Schritt in die Psalmenforschung. Die Psalmen schärfen den Sinn dafür, dass Gott den Menschen nicht zur Disposition steht und doch zugleich jedem Menschen zugewandt ist. Im Hören und Antworten weiß sich der Beter der Psalmen mit dem größeren Gott verbunden, der ihn seinerseits das Leben und die Welt als tragendes Fundament aus seiner Hand wahrnehmen lässt, der ihn freisetzt in seine Teilverpflichtung, die gute Schöpfung zu `bewachen´. Die Lebendigkeit des Menschen entstammt der bedingungslosen Annahme durch diesen Gott.

So beschenkt, wird der Mensch in seinem Wirken zu einem Ort von Gottes Offenbarung. Deshalb ist der Lobpreis des biblischen Gottes in der Sicht der Psalmen die Vollgestalt des Lebens. Er ist die Einübung in das biblische Hauptgebot der Gottesliebe. Der Lobpreis des Gottes JHWH ist eine Verweigerung der Anbetung falscher Götter und der Götzen. Wer die Lobgesänge auf den biblischen Gott singt, widersetzt sich laut und öffentlich allen Individuen, Gruppen und Institutionen, die sich als Götter aufspielen. Erich Zenger konnte da sehr konkret werden. Die Loblieder auf den biblischen Gott der rettenden Barmherzigkeit motivieren vor allem zum Widerstand gegen Unrecht, gegen alle Formen der Entwürdigung und gegen alle menschenverachtenden Ideologien.

Ein Erdling sein, Gottes Bogen aufnehmen, die Erde zum Leuchten bringen – das ist biblischer Glaube.

Zugleich bewahrt der Lobpreis Gottes durch die Psalmen auch den Menschen selbst vor Selbstüberforderung, Selbstüberschätzung und Selbstvergötzung. Er macht ihm bewusst, dass er wesentlich empfangender Mensch ist und dass er, was er empfängt, mit anderen zusammen empfängt und es mit ihnen teilen soll. Der Lobpreis Gottes hat so eine prinzipiell kommunitäre Dynamik. Hier ist auch der christlich-jüdische Dialog verankert, sein Thema, das zur Denkform allen exegetischen und theologischen Schaffens von Erich Zenger geworden ist. Ein Vorlesungsabschluss, in dem all seine Themen mitschwingen, konnte bei ihm auch so sein: „Seien Sie ein echter Adam, ein wahrer Erdling, nehmen Sie Gottes Bogen auf und bringen Sie die Erde zum Leuchten.“

Zur Besonderheit der Ellipse gehört, dass jeder Punkt der geschlossenen Kurve in der Summe seiner Abstände zu den zwei gegebenen Brennpunkten konstant ist. In diesem geometrischen Bild lassen sich die zahllosen Arbeiten von Erich Zenger einander zuordnen und verstehen. Gerne hätte er noch den Psalmenkommentar und eine Theologie der Psalmen vollendet.

Mit verschmitztem Lächeln aus der rabbinischen oder chassidischen Überlieferung zitieren – auch das war Erich Zenger.

Zu den Kostproben seiner Liebe auch zur biblischen Weisheit gehört, dass Erich Zenger mit verschmitztem Lächeln, – der Überraschung gewiss, die er bereitete –, Worte aus der rabbinischen und chassidischen Überlieferung zitieren konnte. Ein schriftliches Beispiel ist der Band von Bernd Kösters: Köstlich ist’s, vom Baum zu essen. Bilder und Texte zum Alten Testament (Münster 1988), in dem er durch seine Textbegleitung aus Bibel und jüdischer Tradition die vorgegebenen Bilder mit Tiefsinn und Humor erschlossen hat. Zu verschiedenen Anlässen trug er Perlen dieser Tradition vor, meist in freier Übertragung. Eine Perle aus dem von Martin Buber gesammelten Schatz war ihm besonders lieb: >> Rabbi Simcha Bunam von Pzycha (1765-1827) [den Erich Zenger sehr mochte] sagte einmal: Der nur Gelehrte wird oft zum Häretiker, der nur Gutherzige zum Vergnügungssüchtigen, der nur Fromme schnell zum Egoisten. – „Wie kann man da überhaupt ein rechter Mensch sein?“ fragte man ihn. „Indem man sich bemüht, seine Gaben zu erkennen, und sich anstrengt, gelehrt, gutherzig und fromm zugleich zu sein“, war seine Antwort. <<

Diese Synthese finde ich an Erich Zenger ablesbar, sie ruft unzählige Erinnerungen wach. Auch nach 10 Jahren ist sein Verlust unverändert spürbar: als Mensch, als Freund, als Theologe. Ein Glücksfall für die theologische Wissenschaft und die Kirche.

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Paul Deselaers, Dr. theol., geboren 1947, Priesterweihe 1972, einer der ersten Doktoranden von Erich Zenger, ab 1984 Spiritual in Münster. Zusammen mit Christoph Dohmen hat er soeben eine Zusammenstellung zentraler Texte von Erich Zenger veröffentlicht (Erich Zenger, Mit Gott ums Leben kämpfen. Das Erste Testament als Lern- und Lebensbuch, hrsg. von Paul Deselaers u. Christoph Dohmen, Herder: Freiburg 2020, 552 S., 45 EUR). 

 

Bild: Ines Baumgarth-Dohmen

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