Zu Beginn der Passionszeit liest Philipp Kurowski J. B. Metz’ „Memoria passionis“ und wird dadurch inspiriert, diese Wochen als Zeit „elementarer Leidempfindlichkeit“ zu verstehen – spirituell wie politisch.
Vor großen Fragen und klaren Pointen hatte Johann Baptist Metz scheinbar keine allzu große Angst. Seine theologische Furchtlosigkeit war wohl auch Voraussetzung dafür, dass sein Werk von Münster aus eine immense Strahlkraft entwickeln konnte. Metz ging es darum, christologische Traditionen neu zu beleben, für eine „Mystik mit offenen Augen“ zu werben, die sogenannte Neue Politische Theologie in Abgrenzung zu Carl Schmitt zu etablieren und erinnerungskulturelle Neuausrichtungen aufgrund eines eschatologischen Zeitverständnisses anzumahnen. Mit all dem wollte er eine Neuverortung und -belebung von Christentum, Kirche und Theologie in einer (post-)säkularen Gesellschaft vornehmen. Als Kondensat seines Werkes kann das genau vor 20 Jahren erschienene Büchlein „Memoria passionis“[1] gelten. Auch wenn sich in den letzten zwei Dekaden partikulare Diskussionsfragen, auf die Metz eingeht, verschoben haben, so erscheint Metz’ Plädoyer für eine „elementare Leidempfindlichkeit“ (156 u. ö.) heute angesichts vielfältiger Konfliktlagen nicht weniger relevant als zu anderen Zeiten auch – und kann so einen wichtigen Impuls für die anstehende Passionszeit geben.
Metz Anliegen bestand darin, die Figur der „memoria passionis“, die ursprünglich in der christlichen Liturgie beheimatet ist und das aktive Eindenken in das Leiden Christi meint, in die „profane Welt hinein zu entgrenzen.“ (13) Die „memoria passionis“ aus dem liturgischen Korsett zu befreien ist für Metz dabei keineswegs theologisches Glasperlenspiel. Vielmehr verbirgt sich dahinter ein weltzugewandtes Plädoyer für eine „Religion mit dem Gesicht zur Welt“. (19) Metz ging es über das traditionelle Verständnis der „memoria passionis“ hinaus nicht (ausschließlich) um eine Erinnerung an die Passion Christi. Genauso forderte er – ganz irdisch – „das Dunkel der menschlichen Leidensgeschichte“ (19) auch theologisch wahr- und ernst zu nehmen[2].
Die „memoria passionis“ aus dem liturgischen Korsett zu befreien ist für Metz keineswegs theologisches Glasperlenspiel.
Metz begriff als „Passionsgeschichte“ nun also nicht mehr nur die Leiden Jesu, sondern auch die Leidensgeschichten und -erfahrungen anderer Menschen. Dabei verwehrte Metz sich der Versuchung, das Skandalon von Leiderfahrungen durch relativierende (Pseudo-)Sinnzuschreibungen einzuhegen. Damit begab sich Metz direkt ins Epizentrum theologischer Erschütterungen, zur Theodizee-Frage: Wie kann im Angesicht von unendlich viel individuellem und kollektivem, (an-)erkanntem und unsichtbarem menschlichen (und nicht-menschlichen) Leid die im Glauben an Gott gründende Hoffnung auf Gerechtigkeit, Frieden und umfassende Liebe trotzdem aufrechterhalten werden?
Die Stärke von Metz bestand darin, die Theodizee-Frage keineswegs nur als (religions-)philosophisch interessantes Phänomen zu betrachten. Er sah darin vielmehr die Möglichkeit, allzu Menschliches zu adressieren, nämlich tägliche und auf allen Ebenen des Lebens anzutreffende Leiderfahrungen. Dass sinnloses und zerstörerisches Leid vor der Kontrastfolie eschatologischer Hoffnung besonders deutlich als das erscheint, was es ist – nämlich sinnlos und zerstörerisch – und entsprechend als solches wahrgenommen werden kann, erscheint erst einmal plausibel. Ebenso einsichtig (aber keineswegs selbstverständlich) ist Metz’ Einschätzung, dass die Theodizee-Frage in den seltensten Fällen (ausschließlich) von religionsphilosophischem Erkenntnisinteresse geleitet sein dürfte, sondern eher Ausdruck einer Anklage gegen einen „Gott der Hoffnung“ (Röm 15,13) ist: Wie kann Gott denn so etwas zulassen?! Immerhin erlaubt Gott als Adressat es, Leid zu beklagen. In Form der Klage vor und Anklage gegen Gott wird Erlittenes so zur Sprache gebracht, und zwar unmittelbar und auf allerhöchster Ebene – gewissermaßen ohne Gang durch die Instanzen.
die Theodizee-Frage – das Epizentrum theologischer Erschütterungen
Solch eine Klage bzw. Anklage auf quasi höchst-richterlicher Ebene entzieht sich naturgemäß den Logiken irdischer Gerichtsverfahren und ist insofern auch kaum in die Logik von Schuld und Strafe einzuordnen. Die Pointe von Metz‘ Umgang mit der Theodizee-Frage liegt vielmehr darin, dass sie überhaupt ermöglicht, Leiderfahrungen zu beklagen und ihnen so im Modus der (An-)Klage Ausdruck zu verleihen. Diese Ausdrucksmöglichkeit stellt für Metz den ersten Schritt dar, Leid anzuerkennen – und dies eben nicht nur vor dem Forum „Gottes“, sondern wesentlich auch vor dem Forum der „Welt“. Aus einer vertikal ausgerichteten „Theodizee-Empfindlichkeit“ (24 u. ö.) wird bei Metz somit eine auch horizontal ausgerichtete „Leidempfindlichkeit“.
Im Wagnis einer „elementaren Leidempfindlichkeit“ (156 u. ö.) liegt für Metz die „Wurzel aller theologischen Sprache“ (43). Zu einer in der theologischen Sprache wurzelnden, „radikalen Leidsensibilität“[3] gehört für ihn eine Theologie, die ihren Schwerpunkt auf die Praxis der „Compassion“ bzw. „Mitleidenschaft“ (157) setzt. In Abgrenzung zum missverständlichen und zuweilen viktimisierenden ‚Mitleid‘-Begriff versteht Metz darunter nicht etwa ein vages „‚Mitgefühl‘ von oben oder von außen“, sondern eine „teilnehmende, … verpflichtende Wahrnehmung fremden Leids, als tätiges Eingedenken des Leids der Anderen“ (157). Diese „Bereitschaft zu einem Blickwechsel“ (157) gilt für Metz dabei nicht nur für theologische, sondern auch für kirchliche, religiöse und wohl auch menschliche Praxis ganz allgemein. Was aber folgt aus Metz’ Plädoyer für eine „elementare Leidempfindlichkeit“?
Radikale Leidsensibilität, Compassion und Mitleidenschaft
Grundsätzlich heißt „elementare Leidempfindlichkeit“ zunächst einmal, dass so etwas wie „teilnehmende … Wahrnehmung fremden Leids“ überhaupt möglich ist. Das bedeutet, dass fremde Leiderfahrungen als ebensolche wahrgenommen, wenn offensichtlich auch nicht in gleicher Weise gefühlt bzw. erlebt werden können. Sich in das Leid anderer hineinzuversetzen gehört demnach wohl zu den wichtigsten und schwierigsten Übungen zwischenmenschlicher Interaktion[4].
Im Angesicht von Leiderfahrungen anderer kann sich schnell der Impuls melden, weghören oder wegsehen zu wollen, Leidklagen zu übergehen oder relativierend zu ignorieren. Eine andere Reaktion liegt zuweilen im Drang eines überstürzenden, paternalistischen Aktionismus. Sich durch solche Strategien gegen das Unbequeme zu immunisieren, kann mitunter ein notwendiger Schutzmechanismus sein. Gegen einen allzu leichtfertigen Eskapismus setzt Metz jedoch mit der (Heraus-)Forderung einer „elementaren Leidempfindlichkeit“ einen passionsorientierten Kontrapunkt. Das verlangt Zeit, Geduld, Kraft. Und ist unbequem schon deshalb, weil die Wahrnehmung auch des Leids des Feindes die „Preisgabe eingeschliffener Freund-Feind-Bilder“ (43) erzwingt und somit gewohnte Routinen „unterbricht“[5]. Solch unterbrechender, irritierender passionstheologischer Umgang mit Leid entzieht sich auch einer unmittelbaren politischen Anspruchshaltung. Denn der Modus der „memoria passionis“ ist nicht der einer politischen Empörung, die nach Schuld fragt. Eine „memoria passionis“ geschieht im Modus der Klage. Das kann zunächst einmal sinn- und zweckfrei erscheinen; es führt nirgends hin. Eine solche memoria drängt nicht auf Handlungen oder Entscheidungen. „Memoria passionis“. Punkt. Oder doch eher: Doppelpunkt.
An-erkennen als zentrale Vorraussetzung
Denn dem Anliegen seiner Neuen Politischen Theologie folgend verweist Metz natürlich doch und völlig zurecht mit Nachdruck auf die politischen Konsequenzen einer liturgischen, wie auch aus dem liturgischen Korsett befreiten „memoria passionis“. Für Metz folgt auf eine so verstandene „memoria passionis“, welche auch menschliche Passionsgeschichten ernstnimmt, eine „Politik der Anerkennung“ (160). Es ist bezeichnend, dass Metz damit eine theologische Brücke vom Ufer einer liturgischen, spirituellen Praxis hin zu einer Schlüsselkategorie sozialphilosophischer Gegenwartsanalyse baut – einer Theorie der Anerkennung, wie sie in den letzten Dekaden am prominentesten von dem Sozialphilosophen Axel Honneth vertreten wurde. Honneth verweist über den Akt des reinen Erkennens hinaus auf die Bedeutung des sozialen Akts des An-erkennens als zentrale Voraussetzung für individuelle Identität, Freiheit und soziale Gerechtigkeit. Entsprechend entstehen soziale Konflikte vor allem dort, wo Formen der Anerkennung verweigert oder verletzt werden. Die extremste Form sozialer Verachtung ist dabei die Unsichtbarkeit (bzw. das unsichtbar gemacht werden), da hier jede Art der Anerkennung verwehrt wird.
Räume des (passiven) Klagens und die MotzBude
Angesichts von Anerkennungsbedürfnissen, ja gar dem sozialen „Kampf um Anerkennung“[6], ist im Anschluss an Metz und Honneth der Bedeutung von Erkennungs- und somit Anerkennungsprozessen sensibel nachzugehen und ihnen entsprechend Raum zu geben: Das kann in ‚klassischen‘ Diskursräumen ebenso geschehen wie in rituellen oder narrativen Formen, die, indem sie die Wahrnehmungssensibilität steigern, zu Instrumenten der Anerkennung werden können. Ein Vorschlag dazu kann in Anlehnung an den evangelischen Theologen Günter Thomas so aussehen, dass z. B. in Kirchräumen Orte der (auch stummen) Klage eingerichtet werden[7], um Leiderfahrungen in Schrift oder Bild Ausdruck zu verleihen. Solche aktiv gestalteten Räume passiver Klage könnten mit gutem Recht als Teil der cura anima generalis, als allgemeine Seelsorge, verstanden werden. Eine andere anregende Idee, die leidsensible Anerkennungsräume eröffnet, ist die sogenannte „MotzBude“[8]: Initiiert von einem Verein tourt die „MotzBude“ durch verschiedene Städte und bietet Raum zur verbalen Klage, indem Ängste und Sorgen auf offene Ohren treffen. Eine leidsensible Initiative, die Anerkennung im Kleinen ermöglicht und Anerkennung im Großen verdient.
Angesichts von alten sowie neuen Konfliktlagen und individuellen Sorgen kann die „memoria passionis“ von J. B. Metz 20 Jahre nach ihrem Erscheinen und insbesondere in der Passionszeit dazu einladen, leidsensibel und offen für die Bedeutung individueller und gesellschaftlicher Anerkennungsprozesse zu werden. In diesem Sinne: mehr Leidkultur wagen!
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[1] Johann Baptist Metz: Memoria passionis. Ein provozierendes Gedächtnis in pluralistischer Gesellschaft. In Zusammenarbeit mit Johann Reikerstorfer, Freiburg/Basel/Wien 2017 (2006). Alle folgenden Seitenangaben in Klammern beziehen sich auf ebendieses Werk.
[2] Der konkrete Erfahrungszusammenhang bei Metz ist die sog. „Theologie nach Auschwitz“, die die Unmöglichkeit angemessener theologischer Sprachfähigkeit angesichts des Schreckens nach dem Holocaust ernst zu nehmen versucht hat und damit einen Grundstein für leid-, erinnerungs- und somit kontextsensible Theologie legte.
[3] So die Forderung des ÖRK-Vorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm im Zusammenhang mit dem sogenannten ‚Nahost-Konflikt‘: Philipp Gessler/Heinrich Bedford-Strohm: Interview „Nein, ich schäme mich nicht“, zeitzeichen.net/node/11934, 1.
[4] Dieser voraussetzungsreichen These soll hier grundsätzlich gefolgt werden, wenn auch die einschränkenden Stimmen ernst zu nehmen sind, die eben gerade auf die Grenzen der Empathie für fremde Leiderfahrung verweisen, so z. B. Frank B. Wilderson III: Afropessimism, Norton 2021.
[5] Vgl. auch Metz’ pointierte Religionsdefinition wonach Religion in erster Linie „Unterbrechung“ ist.
[6] Axel Honneth: Kampf um Anerkennung. Zur moralischen Grammatik sozialer Konflikte, Frankfurt a. M. 102018 (1992).
[7] Vgl. Günter Thomas: Im Weltabenteuer Gottes leben. Impulse zur Verantwortung für die Kirche, Leipzig 32021 (2020), 262.
[8] Hinter der Aktion „MotzBude“ steht der Verein mo:lab: https://mo-lab.org/motz-bude/ 1.
Beitragsbild: Cover „Johann Baptist Metz: Memoria passionis.“ Foto: privat
Philipp Kurowski hat evangelische Theologie in Leipzig, Halle und Münster studiert und ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im internationalen Graduiertenkolleg „Transformative Religion. Religion as Situated Knowledge in Process of Social Transformation“ an der HU Berlin. In seinem Promotionsprojekt beschäftigt er sich mit Ambivalenzen (religiöser) Hoffnungsnarrationen.


