Entdecke die katholische Kirche

Bamberger Sternsingerinnen v.l.n.r. Johanna Deller, Amelie Beck, Paula Lange; Bild: Jakob Hoyer

„So ein Buch würde ich nie lesen.“ Bei der zehnjährigen Laura kommt das publizistische Willkommen der katholischen Kirche nicht an. Die Dreiköniginnen Johanna, Amelie und Paula haben da weitaus mehr zu bieten.

„Die katholische Kirche ist lebendig, sie schafft Gemeinschaft und hat gerade Kindern viel zu bieten und zu geben“, verspricht das Buch „Entdecke die katholische Kirche“, 2018 erschienen im Münsteraner Natur und Tier Verlag. „Expertin Dr. Annette Jantzen schildert Kindern in diesem Buch auf anschauliche Weise, was die katholische Kirche ist, was sie kennzeichnet, woher sie kommt, woran sie glaubt, was ihre Aufgaben in unserer Zeit sind und wie sich Kinder in der Kirche engagieren können. Die Autorin führt zusammen mit dem cleveren Comic-Eulchen Xabi durch die Welt der katholischen Kirche und erklärt kindgerecht alles, was wissensdurstige Kids heute über die Kirche wissen möchten.“

Entdecke die katholische Kirche

Laura ist wissensdurstig und mit ihren 10 Jahren genau die Zielgruppe der Publikation, die mit 7-12 Jahren angegeben wird. Aber das „Willkommen in der Welt der katholischen Kirche“ verfängt bei ihr nicht im geringsten. Der Ministrantenseelsorger freut sich in seiner Einführung dagegen sehr, dass die Leserin mit dem Buch eine Reise durch die Welt der katholischen Kirche machen will. „Diese Welt hat viel zu bieten, und ich kann Dir vesprechen: Langeweile kommt dabei nicht auf.“

Das Willkommen verfängt nicht.

Genau das ist es allerdings, was Laura deutlich zum Ausdruck bringt: Langeweile. Und die macht ein Gespräch mit Laura zu diesem Buch sehr schwierig. Sie ist in ihrem Urteil rigoros und lässt sich auch durch Hinweise auf interessante historische und internationale Elemente nicht davon abbringen: Das ganze Buch vom Titelbild über Inhalt und Aufmachung bis hin zu Material und Format ist für sie Ausdruck gähnender Langeweile. Die den goldenen Kelch umschließenden Priesterhände auf der Titelseite haben für sie die katholische Kirche auf „Kommunion“ zusammengeschrumpft. Weder die Ministranten noch die Mädchen, die zum Bischof aufschauen, finden ihr Interesse. Belustigt geht ihr Blick über den am Kirchenboden liegenden Diakon hinweg.

Gähnende Langeweile.

Bis zur einzigen Frau in selbstbewusster Pose, einer evangelischen Pastorin auf Seite 38, konnte ich Laura nicht bewegen. Auf die Frage, ob sie glaubt, das Buch könnte jemand interessieren, meint sie trocken: „Die es geschrieben haben, finden es sicher toll. Das ist so ein typisches Geschenk zur Erstkommunion.“ Laura ist erst wieder beim „großen“ Quiz eingestiegen. „Mit diesem Buch wird jedes Kind spielerisch zum Experten! Und beim großen Quiz am Ende kann es das auch mit viel Spaß unter Beweis stellen.“ Zur Expertin ist Laura durch das Buch nicht geworden, aber ein wenig Spaß hat ihr dieser Teil gemacht. Grundsätzlich ist sie eine ausgesprochene Leseratte, aber es müssen Geschichten sein, die sie in ihren Bann ziehen, oder die sie selbst spielt.

Es müssen Geschichten sein.

Eine lebendige Geschichte stand in diesem Jahr am 6. Januar in Gestalt von drei Königinnen vor der Tür. Sternsingend und Weihrauch schwenkend von Haus zu Haus zu gehen, machte Johanna, Amelie und Paula sichtlich Spaß, auch wenn viele Türen geschlossen blieben. Selbstbewusst mit kräftiger Stimme zogen sie trotzdem gut gelaunt durch die Straßen der Pfarrei St. Gangolf und erzählten bei einem Glas Saft Geschichten, die sie dabei erlebten, z.B. dass sie gebeten wurden, mit dem Weihrauchfass die ganze Wohnung samt Schlafzimmer auszuräuchern.

Dreiköniginnen

Wo und wie erleben Kinder heute Religion? Wo werden ihnen ihre Geschichten und die Geschichte der Religionen erzählt? Wo spielen sie Religion in Geschichten? Die siebenjährige Tochter einer Freundin möchte sich taufen lassen. Der Grund: die Kinderbibelwoche in der evangelischen Gemeinde und eine Rolle im Krippenspiel. Die Bibel ist voll von Geschichten, erzählt die Geschichte Israels, des Christentums und sie versucht Antworten auf die Fragen der Menschen nach dem Woher und Wohin. In ihrer Sprache, in ihren Bildern erzählt, finden biblische Geschichten vielleicht auch Interesse bei Kindern im Heute. Vielleicht. Im Gespräch mit den Kindern wird deutlich, dass das Problem sehr viel grundsätzlicher ist, als die Ablehnung eines Sachbuches durch seine Adressat*innen. Es geht auch nicht um die eben mal misslungene Selbstdarstellung der katholischen Kirche. Es geht ums Ganze, den Auftrag von Kirche, Kindern und Erwachsenen die frohe Botschaft Jesu zu erzählen, die christlichen Werte und Geschichten weiterzutragen.

Der Grund für die Taufe: eine Rolle im Krippenspiel.

Die Internetseite Religionen-entdecken.de will dazu einen Beitrag leisten und Kindern die Welt der Religion erklären. Namhafte Institutionen von der Universität Kassel, dem Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien bis zum Gemeinschaftswerk der evangelischen Publizistik gGmbh und zur Bundeszentrale für politische Bildung sind die Träger dieses Webprojekts. Trotzdem ist die Initiative kritisch zu betrachten. 

Bei Fragen wie „Warum gibt es uns? Ist uns eine Aufgabe im Leben zugedacht? Was ist richtig oder falsch, gut oder böse? Wie sollen wir leben?“ wird auf die Religionen verwiesen. „Die Religionen geben Antworten. Und sie erklären den Sinn des Lebens.“  Ob sich Kinder mit dieser Antwort zufrieden geben? Auch die MacherInnen dieser Webseite scheinen davon auszugehen, dass man Kindern einfache und eindeutige Erklärungen geben muss. Auf die einfache Frage „Warum gibt es den Tod?“ kann man für die christliche Religion dann auch eine einfache Antwort lesen: „Christen haben eine Antwort in Form einer Erzählung gefunden.

Warum gibt es den Tod?

Die sogenannte Paradieserzählung steht in den ersten Kapiteln des Ersten Testamentes und besagt, dass Adam und Eva in enger Gemeinschaft mit Gott im Paradies lebten. Doch dann pflückte Eva eine Frucht im Paradiesgarten Eden. Das aber hatte Gott verboten. Und damit wurde alles anders: Adam und Eva mussten das Paradies verlassen und lebten nun von Gott getrennt nicht mehr in einem wunderbaren Garten, sondern in der Welt der Menschen mit allem was das Menschsein bedeutet: Nicht nur Liebe und Freude, sondern auch Arbeit, Leid und Tod. […] Christen glauben an die Überwindung des Todes, weil Jesus Christus mit seiner Auferstehung den Tod überwunden hat und nun in Gemeinschaft bei Gott ist. […] Darum macht ihnen der Tod keine Angst.“1

So einfach? Lässt es sich tatsächlich vor Gott und den Menschen verantworten, den ernsthaften Fragen der Menschen mit solcher Vereinfachung zu begegnen, Versprechungen zu machen, die man nicht einhalten kann und kirchliche fake news zu verbreiten? Die einfache Antwort: Nein. Natürlich haben auch Christ*innen Angst vor dem Tod und können ihn nicht erklären. Es ist unredlich, Kindern etwas vorzugaukeln, mit biblischen Geschichten zu argumentieren und damit der Auseinandersetzung auszuweichen, zumal für Kirche und Religion. Kinder können rigoros entlarven, wenn man sich in die eigene Tasche lügt. Sie gähnen einfach.


Text: Birgit Hoyer, Mitglied der Redaktion, zusammen mit ihrer Nichte Laura; Bild: Jakob Hoyer

  1. https://www.religionen-entdecken.de/eure_fragen/warum-gibt-es-den-tod-fragen-christen
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