Entflammend, erschreckend und faszinierend: Der Roman „Drei Kameradinnen“ von Shida Bazyar

Freundschaft, Identität, Andersheit: diese Themen bestimmen den Roman  „Drei Kameradinnen“ von Shida Bazyar. Eva-Maria Spiegelhalter berichtet von einer außergewöhnlichen Leseerfahrung.

Das Cover des Romans „Die drei Kameradinnen“ von Shida Bazyar sticht auf jedem Büchertisch unter den vielen harmonischen Buchaufmachungen hervor: Auf schwarzem Hintergrund züngeln rote und goldene Flammen. Und harmonisch ist der Roman genauso wenig wie das Cover. Entflammend, erschreckend und faszinierend – so lässt sich der Text zusammenfassen. An der einen oder anderen Stelle habe ich das Gefühl, mir selbst die Hand verbrannt zu haben, wenn ich von der schonungslosen Analyse der Autorin getroffen werde. Unverzichtbar ist der Roman für den theologisch-christlichen Bücherschrank, weil hier eine Lebenswelt zur Sprache kommt, die meistens keine Stimme hat und sich jenseits von Kirche und Christentum vollzieht. Gleichzeitig kommen strukturelle Diskriminierungen ins Rampenlicht, gegen die sich das Christentum schon immer wendet. Spannend ist der Roman, weil er den Kern der Identitätsfrage trifft. Wie abgründig es ist, Menschen auf ihre Identität festzulegen, und wie Menschen diesen von außen auferlegten Identitäten kaum entkommen können, wird im Roman spürbar.

Guerillakämpferinnen gegen die Gesellschaft

Der Roman von Shida Bazyar „Drei Kameradinnen“ erzählt von – ja das ist jetzt schon die erste Frage: Erzählt er von drei Freundinnen? Sind die drei Frauen überhaupt Freundinnen oder sind sie nur Verbündete, die am gleichen Ort in einer ähnlichen Situation aufwachsen? „Guerillakämpferinnen gegen die Gesellschaft“[1] werden sie in einer Rezension genannt. Als Kameradinnen bezeichnet die Autorin die jungen Frauen und bezieht sich nach eigenen Angaben auf Erich Maria Remarques „Drei Kameraden“. Nur eben weiblich. Unfreiwillig verbunden im Kampf gegen eine Gesellschaft, die ihnen wenig Luft zum Atmen und Freiheit zur Entfaltung jenseits der Klischees lässt.

Die Freiheit und Macht der Autorin

Die Frage, von wem der Roman eigentlich handelt, stellt sich aber nur, wenn man die Lektüre gelegentlich unterbricht, z.B. wenn man das Gefühl hat, dass die Wut der Erzählerin die Seiten beinahe in Flammen setzt. Oder wenn die Protagonistin an verschiedenen Stellen den Lesefluss unterbricht, indem sie die Distanz und gleichzeitig die Macht der Erzählerin thematisiert, wie z.B. an dieser Stelle: „Ich habe eine Schreibpause eingelegt, für wenige Minuten. Ihr habt das nicht gemerkt, denn ohne mich und meine wohlwollende Informationsvergabe seid ihr nun mal aufgeschmissen, ohne mich checkt ihr hier gar nichts. Ihr braucht mich, aber ich kann euch auch verarschen, ohne dass ihr irgendwas davon merkt. Ich kann die Tastatur schweigen lassen, schreien und brüllen und ausrasten, ohne dass ihr jemals davon erfahrt.“ (220) Die Freiheit und Macht der Schreibenden, die eine Welt für die Leser*innen schaffen oder zerstören kann, wird in einzelnen Textpassagen überdeutlich.

Macht des Erzählens

Deutlich wird aber auch, dass der- oder diejenige, die erzählen, immer auch die Deutungshoheit besitzen – und sich dieses Machtverhältnis im Roman im Gegensatz zum gesellschaftlichen Feld vollzieht. Hier sprechen nicht die Etablierten und gesellschaftlich einflussreichen. Die Autorin gibt drei jungen Frauen eine Stimme, die über ihren Alltagssorgen und ihre existentiellen Fragen des Lebens öffentlich häufig sprachlos werden. Hier kommt eine andere Stimme zur Sprache, die brüllt und ausrastet, angesichts dessen, was ihr Tagtäglich widerfährt. Der Roman stellt die Frage der Perspektive. Alles, was erzählt wird – gesellschaftlich oder privat –, und darauf macht der Roman immer wieder aufmerksam, ist vom jeweiligen Standpunkt bestimmt und geprägt. Die Frage ist nur, wer die Macht hat, es zu erzählen.

Die Lesenden werden zum Spielball

Das Spiel mit der Macht der Wahrheit durchzieht das Buch, wenn die Autorin ihre eigene Erzählung dekonstruiert. „Das da oben habe ich zugegebenermaßen gerade erfunden. Mein Bruder hat gar kein Abi.“ (228) Die Lesenden werden zum Spielball der Erzählung wie die Menschen, von denen erzählt wird, zum Spielball ihres eigenen Lebens werden.  

Ertappt bei den eigenen Vorurteilen

Alltagsrassismus, Sexismus, Freundschaft, rechter Terror, Identität, Ausgrenzung sind die Stichworte, die in den Rezensionen des Buches aufblitzen. Diese Themen prägen den Alltag der Protagonistinnen und werden den Lesenden zugemutet. Shida Bazyar berichtet, dass sich Leser*innen bei der Lektüre des Buches ertappt fühlen.[2]Und es fühlt sich jede*r an irgendeiner Stelle ertappt, denn der Roman erzählt typische Situationen von Alltagsrassismus oder Diskriminierung, die jeder*m bekannt sind – entweder weil man/frau beteiligt war, diese beobachtet hat oder medial von ähnlichen Situationen erfahren hat, ohne die Wut zu spüren, die im Text so deutlich wird.

Perspektivlosigkeit

Eindrücklich bringt der Roman die Perspektivlosigkeit der drei Kameradinnen zur Sprache – und damit die Perspektivlosigkeit aller, die gesellschaftlich marginalisiert sind. Der Bus, der eines Tages nicht mehr in das Viertel fährt, in dem die drei Mädchen wohnen, symbolisiert die Abwärtsspirale eines Wohnbezirkes. Zudem zeigt diese einschneidende Veränderung wie äußere Faktoren, die in ihrer Logik nicht nachvollziehbar sind, die für Menschen, die ohnehin nicht viel vom Leben erwarten, eine Abgrund öffnen. „Damals wussten wir das natürlich noch nicht, wir fühlten uns erstmal nur von allen Bussen der Welt verraten und legten uns Fahrräder zu. Als die uns schließlich nach und nach geklaut wurden, hatten wir den Glauben an die Welt schon verloren.“ (187f.)

Die schwelende Identitätsfrage

Angesichts einer zerbrochenen Beziehung einer der Frauen bricht die Identitätsfrage auf, mit der Menschen mit einem migrantischen multikulturellen Hintergrund in Deutschland wohl immer irgendwie konfrontiert werden: „Seit Lukas sich von mir getrennt hat, bin ich für alle wieder das, was ich seit meiner Geburt war. Eine immer offene Frage danach, ob ich wirklich so falsch bin, wie ich es wahrscheinlich bin, oder nur ein bisschen. Ob ich ein Problemfall bin, den man ignorieren kann, weil er sich angepasst hat und die Klappe hält, oder ob das Böse, das in meinem Blut wabert, nicht doch irgendwann an die Oberfläche gelangt.“ (248)

Die Utopie der Menschenwürde

Angesichts solcher Worte bleibt nicht viel zu sagen. Die Sätze machen betroffen, weil sie eine Erfahrung von vielen Menschen in Deutschland widerspiegeln. Sie rufen zugleich ins Bewusstsein, dass die Aussage des Grundgesetzes „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ auch in Deutschland für viele Menschen eine Utopie ist. Und dass die Botschaft eines positiven Menschenbildes in Religion und Gesellschaft neu zur Sprache gebracht werden muss. Fremdheit und Andersheit als biblische Themen können konstruktive Impulse für religiöse Bildung geben. Und der unbedingte Wert eines jeden Menschen wird zum Diskussionspunkt.

Zurück bleibt außerdem die Frage, warum die Angst vor dem Anderen den gesellschaftlichen Raum prägt und damit Menschen die Luft zu leben nimmt. Und das in Religion und Gesellschaft gleichermaßen. Am Ende der Lektüre des Romans ist man wach – hellwach. Für theologisch geprägte Leser*innen klingen an manchen Stellen Gedanken im prophetischen Genre an.

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Autorin: Eva-Maria Spiegelhalter, Dr. theol., Akademische Rätin für Katholische Theologie/Religionspädagogik an der PH Freiburg/Br.

 

Literaturangabe: Shida Bazyar, Drei Kameradinnen. Kiepenheuer & Witsch. Köln 2021.

Foto: Tama66 / pixabay.com

 

[1] https://www.deutschlandfunk.de/shida-bazyar-drei-kameradinnen-feuer-und-flamme.700.de.html?dram:article_id=500221

[2] https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/zuendfunk/meine-lebensrealitaet-in-literatur-wiederzufinden-ist-so-heilsam100.html

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