„Versuch’s, die verstümmelte Welt zu besingen“: 9/11 in der Poesie von Adam Zagajewski

Mit dem Gedicht „Versuch’s, die verstümmelte Welt zu besingen“ erlangte Adam Zagajewski Weltruhm, als der „New Yorker“ in der Trauerausgabe nach den Anschlägen vom 11. September 2001 diese (älteren) Verse veröffentlichte. Es war vor dem Anschlag auf die Twin-Towers entstanden, schien aber wie dafür geschrieben. Von Erich Garhammer.

Versuch’s, die verstümmelte Welt zu besingen.
Denke an die langen Junitage,
und an die Erdbeeren, die Tropfen des Weins rosé.
An die Brennesseln, die methodisch verlassene
Gehöfte der Vertriebenen überwucherten.

Du mußt die verstümmelte Welt besingen.
Du hattest die eleganten Jachten und Schiffe betrachtet;
eins davon hatte eine lange Reise vor sich,
ein anderes erwartete nur das salzige Nichts.
Du hast die Flüchtlinge gesehen, die nirgendwohin gingen.
Du hast die Henker gehört, die fröhlich sangen.

Du solltest die verstümmelte Welt besingen.
Denke an die Augenblicke, als ihr beisammen wart
in dem weißen Zimmer und die Gardine sich bewegte.
Erinnere dich an das Konzert, als die Musik explodierte.
Im Herbst sammeltest du Eicheln im Park
und die Blätter wirbelten über den Narben der Erde.
Besinge die verstümmelte Welt
und die graue Feder, die die Drossel verlor,
und das sanfte Licht, das umherschweift und verschwindet
und wiederkehrt.1

Die verstümmelte Welt besingen.

Dreimal setzt der Lyriker Adam Zagajewski an mit der Aufforderung, die verstümmelte Welt zu besingen. Das erste Mal mit einer Einladung zum Versuch, die verstümmelte Welt zu besingen. Es gibt dafür einen Grund: denn die Natur deckt mit ihrer alljährlichen Präsenz und Fülle auch schlimme Erfahrungen zu.

Das zweite Mal setzt er an mit einem dringlichen „Muss“ trotz oder gerade wegen der Realität von Flüchtlingen und dem zynischen Gesang der Henker, das dritte Mal mit einem konsekutiven „du solltest“ angesichts von beglückenden Liebeserfahrungen und dem Zauber der Musik.

Das vierte Mal folgt dann ein bedingungsloser und uneingeschränkter Imperativ: besinge die verstümmelte Welt. Es gibt in ihr immer Verlusterfahrungen, Licht, das sich entzieht und verschwindet. Es kehrt wieder. Die Dunkelheit ist nie absolut.

Poetologie von Adam Zagajewski

Hinter diesem Gedicht steckt keine Wohlfühlattitüde oder ein glatter Trost „es wird schon wieder“ in abgründigen Krisenerfahrungen, sondern die Poetologie von Zagajewski. Er hat sich intensiv mit der Dichtung von Winfried Georg Sebald auseinandergesetzt. Dieser verwandelte die Schwere seines hegelianisch-wagnerianischen Vornamens in eine leichte kosmopolitische Abbreviatur: W. G. Sebald. Er wanderte nach England aus, um dem ideologischen Erbe der deutschen Vätergeneration zu entgehen. Er identifizierte sich mit den Opfern der Shoah und polemisierte gegen alle, von denen er glaubte, sie hätten versagt. Eine Vorbildfunktion nahm der Dichter und Übersetzer Michael Hamburger ein, der das Nazideutschland im Alter von neun Jahren verließ und nach England emigrierte. Sebald wäre gerne Hamburger gewesen, so die These von Zagajewski. Er verblieb im angemaßten Opferstatus, er schrieb unter dem Bann der Shoah.

Die Shoah hat die Substanz der Welt nicht vollkommen verändert.

Dagegen Zagajewski: „Die Shoah hat sehr viel für uns verändert, vor allem für diejenigen, die schreiben, die zu denken versuchen, die sich erinnern, denen es jedes Mal, wenn sie das Foto eines jüdischen Kindes sehen, das in den Tod geführt wird, das Herz zusammenzieht. Doch die Shoah hat die Substanz der Welt nicht vollkommen verändert; sie wirft einen Schatten auf die Welt und alles, was in der Welt geschieht.“

Und dann zählt Zagajewski die „verstümmelten“ Phänomene auf: Trauer und Freude, Musik und Malerei, Winter und Sommer, Wiese und Fluss; über allem liegt jetzt eine dicke Schicht Schatten. Doch unter diesem Schatten gibt es weiter Frühlingsbäume und elegant gekleidete Menschen, junge Menschen, die zu einem Sonntagsausflug aufbrechen und alte Frauen, die auf Bänken sitzen und sich an ihre Jugend erinnern.

Und im Anschluss die Folgerung von Zagajewski: „Wir können nicht über die Kunst schreiben, ohne uns auf die Schönheit zu berufen. Vielleicht ist es so, dass wir in der Domäne der Kunst mit einem Raum zu tun haben, wo die Schönheit und das Böse einander gegenüberstehen (und gleich daneben das Leiden). Wir verstehen nicht genau, welche Relation zwischen ihnen besteht, wir finden keine sichere mathematische Formel, die sie verbinden könnte, aber wenn wir an das eine denken, lässt das andere es sich nicht entgehen, aus der Verdeckung zu treten.“2

„Mathematische Formel“ für Poesie.

Fast scheint es, als hätte Zagajewski seine „mathematische Formel“ für Poesie gefunden. Er hat diese Gedanken in seinem Essay „Verteidigung der Leidenschaft“ entfaltet. Wir können uns weder dauernd in der Transzendenz niederlassen noch in der Banalität: nach der Epiphanie, etwa dem Niederschreiben eines Gedichts, gehen wir in die Küche und überlegen, was wir kochen sollen. Weder der salbungsvolle Priesterton noch die vulgäre Alltäglichkeit, in der wir zu versteinern drohen, genügen. Wir brauchen das Heilige und den Humor. Poesie ist die Bewegung „dazwischen“, ein Vehikel, das uns emporreißt. „Wir brauchen Poesie, so wie wir Schönheit brauchen. Schönheit ist nicht für Ästheten, Schönheit ist für jeden da, der nach einem ernst zu nehmenden Weg sucht; sie ist Appell, ist Verheißung…einer großen, nie endenden Wanderschaft.“3

Erweckungserlebnis Poesie

Zagajewski entdeckte diese Poesie in der Lyrik von Rainer Maria Rilke. Er kaufte sich als junger Gymnasiast die Duineser Elegien und wurde bei der Lektüre verwandelt von den magischen Sätzen: „Wer, wenn ich schrie, hörte mich denn aus der Engel/ Ordnungen? Und gesetzt selbst es nähme/ einer mich plötzlich ans Herz: ich verginge von seinem/ stärkeren Dasein. Denn das Schöne ist nichts/ als des Schrecklichen Anfang, den wir gerade noch ertragen…“ Plötzlich war die Straße verschwunden, die politischen Systeme hatten sich verflüchtigt, dieser eine Tag stand über der Zeit, er berührte die Ewigkeit, die Poesie war in ihm erwacht.4

Das geistige Leben war plötzlich da als eine Berufung: nicht zu verwechseln mit einem mystischen Hedonismus oder einem Schwelgen in Einsamkeit oder mit einer Unterwürfigkeit unter eine Institution oder eine Kirche. Poesie ist immer Phantasie und Erinnerung, im letzten aber Sehnsucht nach Unendlichkeit, eine Unendlichkeit, gefesselt, gefangen, degradíert, abhängig von Wind und Wetter, von der Sonne, vom Gesang der Vögel und deren Schweigen, vom Zustand unserer Nerven, von Kopfschmerzen, davon, was jenseits des Ozeans geschieht, von Schlaflosigkeit, von Gesundheit und Krankheit. „Ja, diese gefangene, behinderte Unendlichkeit, ebensie ist die Dichtung.“5

Dieses Gemisch von Erhabenem und Trivialem, von Erhebendem und Niederdrückendem, von Ekstase und Katastrophe ist der Stoff der Poesie: sie vermag es, die verstümmelte Welt zu besingen. Als Zagajewski sich 2015 in der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung vorstellte, griff er auf sein Gedicht „Selbstbildnis“ zurück, korrigierte es aber an einigen Stellen:

… Ich wohne in fremden Städten und unterhalte mich manchmal
mit fremden Menschen über Dinge, die mir fremd sind.
Oft höre ich Musik: Bach, Mahler, Chopin, Schostakowitsch.
In der Musik finde ich Kraft, Schwäche und Schmerz, die drei Elemente.
Das vierte hat keinen Namen.
Ich lese Dichter, die lebenden und die toten, lerne von ihnen
die Ausdauer, den Glauben und den Stolz. Ich versuche die großen
Philosophen zu begreifen – meist gelingt es mir, nur die Fetzen
ihrer kostbaren Gedanken zu fassen.
Ich mag lange Spaziergänge durch die Straßen von Paris…

Wöchentlich, am Sonntag, rufe ich meinen Vater an.
Alle zwei Wochen treffe ich mich mit den Freunden,
auf diese Weise halten wir uns die Treue.
Mein Land hat sich von einem Übel befreit. Ich wollte,
dem würde noch eine Befreiung folgen.
… nicht alle Wege der hohen Welt
kreuzen sich mit den Pfaden des Lebens, das, vorerst,
mir gehört.6

Zagajewski ergänzte bei seiner Vorstellung, einiges habe sich geändert seit der Niederschrift des Gedichts, aber nicht alles: Den Komponisten, die er hier erwähne, sei er noch immer treu. Die Liste sollte viel länger sein, Gedichte sind aber keine Kataloge. Er lebe nicht mehr in Paris, wo er lange weilte und wo er fast jeden Tag spazieren gegangen sei. Jetzt lebe er wieder in Krakau, oder Kraków, in einer Stadt also, die für die Flaneure auch sehr günstig sei.
Der Vater sei leider gestorben, das Telefon sei stumm geworden.

„Mein Land, dessen neu erworbene Freiheit ich damals besingen konnte, kennt jetzt neue Probleme, neue Gefahren, Versuchungen einer milden Diktatur. Die Geschichte, die meistens bitteren Geschmack hat, ist wieder da. Und noch eines: Ich bin nicht mehr so sicher, dass mein Leben wirklich mir gehört.“

Das Gefühl der Endlichkeit wurde stärker. Der polnische Lyriker und Schriftsteller Adam Zagajewski ist am 21. März 2021, im Alter von 75 Jahren in Krakau gestorben.

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Text: Prof. em. Dr. Erich Garhammer, Universität Würzburg.

Bild: James Butterly/ unsplash.com

  1. Adam Zagajewski: „Die Wiesen von Burgund“. Hrsg. und aus dem Polnischen von Karl Dedecius, Hanser Verlag, München 2003, 157.
  2. Ders., Poesie für Anfänger. Essays. Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall, München 2021, 116.
  3. Ders., Verteidigung der Leidenschaft. Essays. Aus dem Polnischen von Henryk Bereska, Berhard Hartmann und Olaf Kühl, München 2008 (2. Auflage 2017), 19f.
  4. Poesie für Anfänger, 30.
  5. Poesie für Anfänger, 68.
  6. Die Wiesen von Burgund, 102f.
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