Erste Voraussetzung, um Karriere zu machen: Man darf keine Frau sein.

Vor 35 Jahren haben diese Bedingung Peter Noll und Hans Rudolf Bachmann in ihrer Satire „Der kleine Machiavelli“ formuliert. Barbara Staudigl hat das Buch wiedergelesen und entdeckt dessen Aktualität in der Krise der katholischen Kirche.

Ich stamme aus einer Unternehmerfamilie. Wirtschaftsthemen waren am Frühstückstisch meist mehrheitsfähig. 1987 erschien das Buch „Der kleine Machiavelli. Handbuch der Macht für den alltäglichen Gebrauch“1 und war eine Weile das familiäre Gesprächsthema. Es ist eine wunderbare Satire auf Macht und Machtspiele in Wirtschaft und Politik, geschrieben von Peter Noll, Professor für Strafrecht an der Universität Zürich, und Hans Rudolf Bachmann, Ökonom und Dozent für Marketing an europäischen Wirtschaftshochschulen. Das Buch gefiel mir. Aber wie froh war ich, dass ich mich für Germanistik und Theologie, für Pädagogik und Pastoral entschieden hatte, und dieses Buch über Macht für mich nicht mehr sein musste als unterhaltsame Lektüre.

Vor zwei Jahren empfahl mir mein Schwager dieses Buch mit einem Grinsen und nach vielen Jahren Berufstätigkeit in kirchlichen Einrichtungen zur erneuten Lektüre. Bingo! Als ob Noll und Bachmann ihr Buch nicht vor 35 Jahren und für die Wirtschaft und Politik geschrieben hätten, sondern für das Hier und Jetzt und kirchliche Einrichtungen. Einige der Kapitel seien kurz skizziert.

Das Gesetz der 50jährigen Männer.

In der Wirtschaft müsste man das Kapitel „Das Gesetz der 50jährigen Männern“ mittlerweile wohl gendern, nicht so in der Kirche. Hier darf man mit Fug und Recht die männliche Form belassen, denn die eigentlichen Machtpositionen sind an das männliche Amt gebunden.2 Männer ab einem gewissen gesetzten Alter regieren die Institution. Ein Managerleben geht mit Anfang bis Mitte 60 zu Ende, ein klerikales mit 70, ein bischöfliches mit 75. Sie haben mehr Lebenszeit hinter sich als vor sich – und diese Optik prägt die Frage, wie man sich zur Zukunft und zu potenziellen Kurskorrekturen verhält. Sieht man das eigene Unternehmen einer Krise ausgesetzt, muss man sich entscheiden, einen eventuellen Paradigmenwechsel herbeizuführen – im Glauben daran, dass die Kurskorrektur zukunftsfähiger macht. Aber für möglicherweise positive Effekte in der Zukunft die Gegenwart – auch das eigene prestige- und finanzträchtige Managerleben – riskieren? Die 50jährigen Männer werden eher, so Noll und Bachmann, die Energie darauf verwenden, sich selbst und dem Publikum plausibel zu machen, dass man besser nichts ändert. In ihrem Buch lassen sie einen Generaldirektor sagen: „Ich muss für mich gestehen, und ich hoffe, auch im Namen der anderen Kollegen hier zu sprechen, dass ich nicht bereit bin, unser Unternehmen umzubringen; ich bin nicht für Euthanasie, sondern für Heilung, und das heißt in unserem Fall, dass wir, vom festen Glauben an die Zukunft unseres Unternehmens getragen, auf bewährtem Weg fortschreiten müssen. Ein so großes Unternehmen wie das unsere lebt nicht von Experimenten und darf auf Modeerscheinungen nicht eingehen.“ (Noll/ Bachmann, 21)

Das Gesetz des blinden alten Mannes.

Je hierarchischer ein Betrieb, desto einsamer wird es an der Spitze. Und es kann passieren, dass man dort den von Noll und Bachmann beschriebenen blinden alten Mann findet (auch hier wird unter Bezugnahme auf den CIC can 129 auf die weibliche Form verzichtet), der im Laufe seines Lebens auf Grund seines Sendungsbewusstseins und seiner Erfolge ein beachtliches Selbstbewusstsein entwickelt hat. Kommen nun jüngere Manager nach, die weitsichtiger sind und Entwicklungen antizipieren, können sie schlicht am blinden alten Mann scheitern, der sie nicht hochkommen lässt oder sogar entlässt, weil ihm jede Weitsicht fehlt. Bitter für den blinden alten Mann, aber auch das Unternehmen, wenn sich dann die Visionen der jüngeren Manager bewahrheiten und das Scheitern nicht mehr aufhaltbar ist.

Die grauen Mäuse.

Wo Macht ist, fehlen die grauen Mäuse nicht. Denn sie sind es, die das Power Play beherrschen, auch wenn sie auf den ersten Blick nicht im Fokus stehen. Sie sind nicht exaltiert, fallen nicht auf und treten nicht als Einzelkämpfer in Erscheinung. Graue Mäuse suchen sich Koalitionen, von denen sie glauben, dass sie ihnen im Kampf um höhere Positionen helfen können. Dabei findet der Kampf nicht offen statt, sondern als „Stellungskrieg“. Die Koalitionen sind klar und jede Seite versucht, die andere Seite ins Aus zu manövrieren. Am Ende staunt die Öffentlichkeit mitunter darüber, dass weder ein schwarzer Wolf noch ein bunter Vogel, sondern eine unscheinbare graue Maus eine Spitzenposition einnimmt.

Die Headhunter.

Wenn machtvolle Positionen zu besetzen sind, bedarf es einer fundierten Stellenbe- und -ausschreibung. Und will man sich des Eindrucks erwehren, dass „Vitamin B“ eine Rolle spielt, so ist es naheliegend, ein Personalberatungsbüro einzuschalten, besser bekannt als Headhunter. Klassisch betrachtet ist es Aufgabe der Headhunter, interessante Personen aus einem regional (oder für kirchliche Berufe auch: ideologisch) definierten Management auszukundschaften und eine Vorsortierung vorzunehmen. Sie haben aber auch Entlastungsfunktion, wenn eine Besetzung nicht funktioniert hat oder täuschen Objektivität vor, wenn von vornherein ein persönlicher Günstling protegiert werden soll. Welche Funktion der Einsatz eines Headhunters tatsächlich hat – Auskundschaften und Vorsortieren eines Marktes, Entlastung bei Scheitern einer Besetzung oder Vortäuschen von Objektivität bei a priori existentem Günstling – wissen letztlich wohl nur die Auftraggebenden selbst.

Dirty Tricks.

Nicht überall, wo Macht ist, gibt es automatisch dirty tricks. Doch mitunter ist das Gerücht auch in kirchlichen Organisationen ein Trick, um jemanden auszuschalten. Dabei muss man natürlich vorsichtig sein, damit die Aussage nicht zur Verleumdung wird. Und das Gerücht sollte vorstellbar sein und nicht völlig absurd. Nehmen wir einen jungen smarten Manager, von dem man weiß, dass er geschieden ist und schulpflichtige Kinder hat. Er hält sein Privatleben streng vom Beruf getrennt, man weiß wenig von ihm. In einer Phase, in der man sich von ihm trennen möchte, kommt das Gerücht auf, dass er ein Verhältnis mit einer Mitarbeiterin hat. Der Flurfunk setzt ein, alle reden hinter vorgehaltener Hand über, aber niemand mit ihm. Und aus einem Gerücht und der Tatsache, dass er entlassen wird, wird plötzlich ein kausaler Zusammenhang: Er musste gehen, weil er ein Verhältnis mit einer Kollegin hatte. Wer je versucht hat, sich gegen Gerüchte zu wehren, weiß, dass es sinnlos ist. Und so bleibt einem, sollte man so etwas erleben, nur die Erleichterung, einem Unternehmen entkommen zu sein, zu dessen Kultur dirty tricks gehören.

Sünder, Sündenböcke und Opfer.

„In allen, selbst den größten Unternehmen können Pannen passieren, die ein solches Ausmaß annehmen, dass sie weder vertuscht noch verharmlost werden können, sondern echtes öffentliches Aufsehen erregen.“ (Noll/ Bachmann, 120) Ich schreibe meinen Artikel in der Woche 2 nach Veröffentlichung des Münchner Missbrauchsgutachtens – und fast könnte man meinen, Noll und Bachmann hatten die Kirchen und ihren Missbrauchsskandal im Blick.

Mit der Veröffentlichung der MHG-Studie im Jahr 20183 kann man kaum überrascht sein über die Anzahl der Opfer oder der missbrauchenden Priester in München; und seit dem Hickhack um die Kölner Missbrauchsstudie im Jahr 2021 zwischen Kardinal Woelki und der Münchner Anwaltskanzlei WSW kann man sich auch zur Frage ein Bild machen, inwiefern eine vom Erzbistum beauftragte und bezahlte Anwaltskanzlei unabhängig ist. Wenn beide Aspekte vor der Veröffentlichung abschätzbar waren, bleibt die eigentlich spannende Frage die nach den personellen Konsequenzen aus der Veröffentlichung. Denn, so sagen Noll und Bachmann, bei großen Pannen muss jemand geopfert werden. „Die Gottheit Öffentlichkeit lässt sich nur durch ein solches Sühneopfer besänftigen. Da die Gottheit zürnt und entsprechend ungeduldig ist, muss ihr das Oper rasch dargeboten werden.“ (Noll/ Bachmann, 120)

Der Größe des Schadens muss die Größe des Opfers entsprechen.

Und dabei gilt es, ein weiteres Gesetz der Macht einzuhalten: „Der Größe des Schadens muss die Größe des Opfers entsprechen.“ (ebd.) Nun ist das in Kirchenkreisen nicht so einfach, denn neben der „Gottheit Öffentlichkeit“ gibt es noch den Papst. Und er hatte die angebotenen Rücktritte von Kardinal Marx in München und Erzbischof Heße in Hamburg im Frühjahr 2021 nicht akzeptiert. Mit Noll und Bachmann könnte man hier sagen: Dieses Opfer war die falsche Größenordnung und hätte nicht nur ein Unternehmen, sondern die gesamte Hierarchie betroffen und in ihr eine globale Verunsicherung ausgelöst. Es gilt also, ein Opfer zu wählen bzw. jemanden zum Sündenbock zu machen, der mächtig genug ist, die Öffentlichkeit zu besänftigen und geradesteht für einen regional begrenzten Machtbereich – egal, ob er ihn persönlich zu verantworten hat oder nicht. Es ist als außenstehende und interessierte Öffentlichkeit fast unmöglich, systemimmanente Machtprozesse zu durchschauen – das ist in der Politik und Wirtschaft nicht anders als in der Kirche. Aber man sollte sich dessen bewusst sein, dass es dabei primär um Macht geht und nicht um Wahrheit.

Noll und Bachmann starben 1982 und 1989 und haben den Erfolg ihres Buches – vier Auflagen bei zwei verschiedenen Verlagen – nicht mehr erlebt. Und auch nicht, dass der erste Tipp, den sie im letzten Kapitel ihrer Satire „Kleine, aber wichtige Tipps für die Karriere“ geben, 35 Jahre nach Veröffentlichung ihres Buches und 16 Jahren Angela Merkel in der Politik obsolet geworden ist. Nicht so in der Kirche: „Die erste Voraussetzung, die man erfüllen muss, um als Manager Karriere zu machen, ist die: man darf keine Frau sein.“ (Noll/ Bachmann, 165)

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Text: Prof. Dr. Barbara Staudigl, Stiftungsdirektorin der Trägerstiftung der Katholischen Stiftungshochschule (KSH), einer Fachakademie und Fachoberschule in München.

Bild: Buchcover

  1. Noll, Peter/ Bachmann, Hans Rudolf (1987): Der kleine Machiavelli. Handbuch der Macht für den alltäglichen Gebrauch, München 2020.
  2. CIC, can. 129 § 1. Zur Übernahme von Leitungsgewalt, die es aufgrund göttlicher Einsetzung in der Kirche gibt und die auch Jurisdiktionsgewalt genannt wird, sind nach Maßgabe der Rechtsvorschriften diejenigen befähigt, die die heilige Weihe empfangen haben.
  3. Dreßing, Harald/ Salize, Hans-Joachim/ Dölling, Dieter/ Hermann, Dieter/ Kruse, Andreas/ Schmitt, Eric/ Bannenberg, Britta/ Hoell, Andreas/ Voß, Elke/ Collong, Alexandra/ Horten, Barbara/ Hinner: Jörg: Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz, Mannheim, Heidelberg, Gießen 2018.
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