Exodus mit dem Smartphone?

Emmanuel Levinas und das digitale Andere in Zeiten von Corona und EU-Abschottungspolitik. Von Bri Anne Schröder.

Bilder von Menschen in Not, der Status von Bekannten beim Scrollen über die Timeline, ein Foto in einer WhatsApp-Nachricht, Gespräche über Skype oder Zoom. Ich schreibe diese Zeilen in einer Zeit, der Zeit der Corona-Pandemie, in der Kontakt zu anderen Menschen nur begrenzt möglich ist oder aber virtuelle Formen von Begegnung annimmt. Wie kann Levinas‘ Ethik des Anderen in solch einer Zeit gedacht werden? Ist das Einfallen des Anderen im digitalen Nimbus überhaupt möglich? [Da „der Andere“ im Werk von Emmanuel Levinas ein spezifischer Ausdruck ist, wird der Begriff in diesem Beitrag nicht gegendert.]

Der französisch-litauische Philosoph und Autor Emmanuel Levinas formulierte eine Ethik, die humaner sei, als der Humanismus selbst. In ihr wird das Selbst durch das Antlitz des Anderen zur Verantwortung gerufen. Wie kann diese Philosophie in einer digitalisierten Welt – in welcher das Antlitz des Anderen immer (digital) anwesend und doch abwesend ist – gedacht und gelebt werden?

eine Ethik, die humaner sei, als der Humanismus selbst

Emmanuel Levinas (1906-1995), Kind jüdischer Eltern aus Litauen ging seinem Philosophiestudium zunächst in Straßburg nach und wurde Schüler Edmund Husserls und Martin Heideggers in Freiburg.
Das Weiterdenken von Husserls Phänomenologie und Heideggers Verständnis vom Dasein in seiner „Ethik des Anderen“ haben ihn zu einem der bedeutsamsten Philosophen des 20. Jahrhunderts werden lassen. Levinas kritisiert vor allem Heideggers Zentriertheit auf das Sein. Für Levinas ist die Ethik die erste Philosophie. Nach Levinas befindet sich der Andere außerhalb des Subjektes, jenseits des Seins. So heißt auch sein Werk: Jenseits des Seins oder anders als Sein geschieht, von 1974 (dt. 1992).

Exodus Abrahams

Die Levinassche Ethik folgt dem Exodus Abrahams. Er verlässt die Heimat ohne Rückkehr. Es ist ein Hinausziehen in die Fremde, zum anderen hin[i].  Auch im Lebensweg von Emmanuel Levinas spiegelt sich die jüdische Erfahrung der Diaspora, der Zerstreuung und Flucht wider[ii].  Er verließ sein litauisches Zuhause mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus in den dreißiger Jahren und wurde französischer Staatsbürger. Als Soldat kam er während des Zweiten Weltkrieges in deutsche Gefangenschaft und in ein Zwangslager. Seine litauische Familie wurde Opfer der Shoa.

Im Lebensweg von Emmanuel Levinas spiegelt sich die jüdische Erfahrung der Diaspora, der Zerstreuung und Flucht wider.

Levinas Ethik ist nicht nur eine Konsequenz aus der Erfahrung der Shoa, es ist außerdem eine zeitlose Frage an das Menschsein. In der Nacktheit, der schutzlosen Entblößung des Antlitzes des Anderen, liefert sich das Andere dem Selbst aus. Der Andere fällt als eine Offenbarung in das Selbst ein, als transzendenter Moment. Er führt dadurch zu einem Hinaustreten aus dem Selbst. Er fordert eine Reaktion, eine Antwort und Verantwortung im Umgang mit dem Anderen. In der radikalsten Schlussfolgerung stellt der Andere mich auf die Probe, indem er mich vor die Entscheidung stellt, dem Ausspruch homo homini lupus zu folgen oder das Gebot „Du sollst nicht töten“ einzuhalten.

In der radikalsten Schlussfolgerung stellt der Andere mich auf die Probe.

Wie steht es um den Anderen, den wir nur im Digitalen treffen? Kann er das Gleiche bei einem Menschen auslösen? Oder ist zwischen uns eine unüberbrückbare Distanz, da wir das Gesicht des Anderen selbst unter Kontrolle haben? Weil die Entscheidung, ob er in unser Sichtfeld kommt, hier beim Ich liegt und wir nicht über das Andere stolpern können.

Egologie des europäischen Denkens

Levinas Kritik am europäischen Denken, an der Egologie, welches immer den Versuch des Beherrschens des Anderen mit sich trägt, ist aktueller denn je. Der Andere in den Camps auf Lesbos wird zu einem gesichtslosen Wesen, einer Gruppe, einem Begriff, einer Masse. Ihm wird kein Gehör geschenkt. Der Mensch, der vor den „Mauern“ der EU, die wie Augenklappen die Sicht auf all das Leid verwehren, wartet, wird durch die europäische Abschottungspolitik seinem Schicksal ausgeliefert. Ist diese „Mauer“ um Europa nicht genau die manifestierte Ich-Zentriertheit europäischer Geistesgeschichte, die Levinas kritisiert?

Der Andere in den Camps auf Lesbos wird zu einem gesichtslosen Wesen.

Zurück zum digitalen Ich. Die Gefahr, den Anderen in der digitalen Welt zu begegnen, liegt mitunter im Fehlen der leiblichen Wahrnehmung. Der Andere kann nicht mit allen Sinnen erblickt werden. Ein Schauen in die Augen des Anderen ist auch in Skype-Gesprächen nicht möglich. Doch welche Möglichkeiten stecken doch in dieser digitalen und quasi übersetzten Anwesenheit? Der Andere ist auch im Digitalen anwesend. Es bedarf vielleicht einer noch bewussteren und aktiveren Vergegenwärtigung, dass das Bild, was ich sehe, nicht dem Anderen entspricht. Der Mensch in einem Zoom-Gespräch trägt ein Gesicht, ein Antlitz, ein Leben. Er ist kein Bild. Hinter dem Foto eines Kindes in den unmenschlichen Zuständen der Flüchtlingscamps vor den EU-Grenzen, liegt eine Lebensgeschichte und damit der Aufruf zur Verantwortung des Menschen für das Menschsein.

«Ein jeder von uns ist vor allen an allem schuldig, ich aber bin es mehr als alle anderen.»

«Ein jeder von uns ist vor allen an allem schuldig, ich aber bin es mehr als alle anderen.» Oft wurde von Emmanuel Levinas dieser Satz aus Dostojewskis Brüder Kasamarow zitiert. Es impliziert die radikale Verantwortung des Selbst gegenüber dem Anderen. Im Empfangen der Verwundbarkeit des Anderen, entsteht meine Verpflichtung für ihn. Gerade das hebräische Wort für Verantwortung aherot (אחריות ) weist schon in der Wurzel aher auf den Anderen hin. Den Anderen wahrzunehmen, heißt mit offenen Augen durch die reale und digitale Welt zu gehen und uns für das Leben und Leid der Menschen um uns und der Menschen Leben und Leid hinter den Bildern unserer Bildschirme empfänglich zu machen und Fragen der Ethik nicht mit einem Mausklick aus unserem Sichtfeld zu schieben. Angesicht der Fülle von Bildern empfiehlt es sich, für sich selbst zu überprüfen, wie man eine solche Empfänglichkeit für den Anderen erhalten kann.

Bri Anne Schröder, Studentin MA Religion und Kultur, HU Berlin

Beitragsbild: pikrepo.com


[i] Rauscher, Gerald (1998): Niemand ist bei sich zu Hause. Bruchstücke der Identität des Anderen bei Emmanuel Lévinas, in: Laubach, Thomas (Hg.): Ethik und Identität. Festschrift für Gerfried W. Hunold, Tübingen, Basel, S. 147–155.

[ii] https://www.deutschlandfunk.de/philosophie-eines-ueberlebenden.700.de.html?dram:article_id=82574, aufgerufen am 05.April 2020

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