„Gemeinschaft-ohne-Souveränität“: Der Exodus als Auszug ins Reale

Angesichts gegenwärtiger Krisen politischer Souveränität fragt Peter Zeillinger nach einer alternativen Bestimmung von Gemeinschaft in einer bedauerlich ungewohnten biblischen Betrachtung. Die Exoduserzählung entlarvt auch gegenwärtige Politik.

Nicht erst die jüngsten politischen Ereignisse – von den Peinlichkeiten des amerikanischen Präsidenten bis hin zu denen der österreichischen Regierungskultur – legen es nahe, das politische Konzept der Souveränität – wie immer »demokratisch« es auch vermittelt würde – zu hinterfragen. Die scheinbar gemeinschaftsstabilisierende Idee politischer Souveränität lässt sich von den frühen altorientalischen Hochkulturen über die klassische hellenistisch-römische Antike und die neuzeitliche politische Reflexion bis in die Gegenwart verfolgen. Ist die Struktur von Souveränität demnach ein unhintergehbares Faktum im Bereich des Politischen?

„Der biblische Exodus – eine Gegenperspektive“

Es ist an der Zeit, auf eine Gegenperspektive hinzuweisen. Dazu sei ein Sprung in einen ganz anderen Kontext erlaubt, der vielleicht erst am Ende seine Beziehung zu den herrschenden Diskursen um Souveränität und – eng damit verbunden – Identität offenlegt. Diesen anderen Kontext fasse ich unter dem Begriff der »monotheistischen Struktur« zusammen und bringe ihn in Zusammenhang mit der Entstehung des biblischen Exodus-Narrativs.

Wovon spricht das biblische Exodus-Narrativ genau?

„Israel war nie in Ägypten.“1 – Die jüngeren Erkenntnisse der Geschichts- und Textwissenschaften lassen es nicht mehr zu, das komplexe biblische Exodus-Narrativ auf eine historische Migrationsbewegung zurückzuführen, mit der sich das spätere Volk Israel identifizieren ließe. Die spärlichen Hinweise auf historische Details in diesem Narrativ – etwa der ägyptische Name Mose – fügen sich nicht zur Fülle jener Bedeutung, die die kanonische Erzählung schließlich besitzt.

„Wovon sprechen die biblischen Texte eigentlich?“

Diese zunächst rein historische Erkenntnis verlagert die mit vielen Vorurteilen belastete theologische Diskussion (man möchte erleichtert hinzufügen: endlich!) auf die letztlich viel interessantere Frage: Wovon sprechen die biblischen Texte dann eigentlich? Denn sie bringen offenkundig etwas zum Ausdruck, das im Laufe der Geschichte zur politischen wie religiösen, zugleich aber auch existenziellen und spirituellen Grundlage der Botschaft dreier Weltreligionen wurde. Mit dem Bezug auf diese Botschaft haben sie schließlich nicht nur den Fortgang der Geschichte geprägt, sondern sind auch selbst immer wieder neu von diesem Bezug her – oder seinem offensichtlich Fehlen – kritisierbar. Wovon spricht das Exodus-Narrativ also?

„Ein neues Verständnis von Gemeinschaft entsteht“

Zunächst fällt auf, dass die biblische Erzählung mit dem befreienden Auszug aus einer Zwangssituation noch keineswegs den Einzug in eine neue Ordnung verbindet. Der »Auszug aus Ägypten« ist nicht zugleich der »Einzug ins Gelobte Land«. Zahlreiche politische Bezugnahmen auf das Motiv des Exodus lassen die Aufmerksamkeit auf diese Grundstruktur vermissen. De facto ermöglichen erst die Ereignisse, Erfahrungen und Veränderungen auf dem Weg der Wüstenwanderung das Hintersichlassen der alten Ordnung und den Einzug in ein neues Verständnis von Gemeinschaft und gesellschaftlichem Zusammenleben.

Doch dies gelingt erst jenen, die sich bereits auf die neue Ordnung eingelassen haben. In der biblischen Erzählung ist dies erst die zweite Generation von Ausziehenden, die die Wüste als Ort der Veränderung erfahren haben. Was also geschieht in der entscheidenden Zwischenzeit zwischen äußerlicher Befreiung und der Realisierung des Neuen?

Die Figur des Mose

Das Exodus-Narrativ scheint die Figur des Mose zunächst als klassischen Helden zu inszenieren. Man könnte erwarten, dass er am Ende als neuer Anführer mit göttlicher Autorität die Herrschaft über sein Volk übernimmt. Aber auch Mose selbst gehört zu jener Generation, die nicht in die neue Ordnung des Gelobten Landes einziehen wird. Welche Rolle hat Mose in dieser Erzählung? Er ist der Einzige, der mit der unsichtbaren göttlichen Instanz in direkte Beziehung tritt. Ihm werden am Gottesberg jene Regeln vermittelt, die das künftige gute Zusammenleben ermöglichen sollen. Zunächst werden diese Gebote sogar als von Gott selbst geschrieben dargestellt. Doch dieser Autograph Gottes wird von Mose aus Zorn über die religiöse Verehrung des Goldenen Kalbs zerschmettert.

„Religion legitimiert die herrschende Ordnung“

An dieser Stelle wird die biblische Kritik am herrschenden Religionsverständnis sichtbar, das alle antiken Kulturen prägt. Die Gottesbilder sind dort sichtbarer Ausdruck und Repräsentation der göttlich-souveränen Anwesenheit. Diese wird wirksam in der souveränen Gestalt des Königs, der sich durch seinen – ebenfalls sichtbaren – Bezug auf die religiöse Tradition legitimiert. In dieser Vorstellung legitimiert also die Religion die herrschende politische Ordnung und der König identifiziert seine souveräne Macht mit dem Willen der Götter, der im herrschenden mythisch-religiösen Weltbild zum Ausdruck kommt. So entsteht ein konservatives, die tradierte Ordnung bewahrendes und stabilisierendes Herrschaftsverständnis. Eine Struktur, die bis heute in Kraft ist. Moses’ Zerschmettern der Tafeln läutet demgegenüber ein anderes Verständnis von bzw. eine andere Aufmerksamkeit auf Religion und Politik, auf Herrschaft und gemeinschaftliches Zusammenleben ein.

Autorität ohne identifizierbare Souveränität

Mose wird die Gebote schließlich ein zweites Mal erhalten, allerdings nicht mehr als Autograph Gottes. Er wird die gehörten göttlichen Worte nachträglich selbst aufschreiben. Der erhaltene Text re-präsentiert demnach die Botschaft Gottes von der neuen gesellschaftlichen Ordnung. Da sie offensichtlich nicht selbsterklärend ist, ist Mose während der Zeit der Wüstenwanderung stets als authentischer Interpret gefragt, der das göttliche Wort interpretiert und kommentiert. Diese Interpretation findet sich schließlich nochmals gebündelt im Buch Deuteronomium, in Reden, die Mose gemäß der kanonischen Inszenierung an seinem letzten Lebenstag am Rande des Gelobten Landes gehalten hat.

 „Ein Text und seine Interpretation in einem.“

Im Gelobten Land jedoch wird Mose als »authentischer Interpret« nicht mehr zur Verfügung stehen. In der neuen Gemeinschaft wird es nur mehr den Text der Gebote Gottes geben, sowie – innerhalb derselben Erzählung – das Beispiel der Interpretation des Mose. Das kanonisch vorliegende Exodus-Narrativ umfasst demnach die göttliche Botschaft von den Regeln des guten Zusammenlebens und das Beispiel ihrer Interpretation IN EINEM. Es ist ein Text, der der Interpretation bedarf und zugleich ein authentisches Beispiel dafür gibt.

„Eine ganz andere Struktur von Gemeinschaft“

Die narrativ grundgelegte Tora gründet damit nicht auf einem historistisch missverstandenen Rückbezug auf eine geschichtliche Migrationsbewegung von Punkt A nach Punkt B, sondern in einem »Auszug aus der religiös-souveränen Ordnung von Herrschaftsideologien« in eine ganz andere Struktur von Gemeinschaft. Das neue Fundament liegt darin, das narrativ vermittelte Verständnis von Gemeinschaft so zu interpretieren, dass die künftige Ordnung jener Befreiung entspricht, die tatsächlich als »Auszug«aus den Zwängen souveräner Herrschaft verstanden werden kann.

Die temporale Struktur des Exodus-Narrativs

Entscheidend ist hier zu sehen, dass sich das Exodus-Narrativ nicht als buchstäblich zu lesendes göttliches Wort inszeniert, sondern als Notwendigkeit, den Text zu interpretieren. Ziel der Interpretation ist dabei nicht das Auflösen von Widersprüchen, sondern das faktische Ins-Werk-setzen des künftigen Lebens. An die Stelle der Repräsentation souveräner Herrschaft ist das bekenntnishafte Ringen um eine »Verwirklichung der Zukunft schon jetzt« getreten. Diese spezifische Form von Zeitlichkeit – das futur antérieur (Futur II) –unterminiert das Konzept einer mythisch-religiös-politischen Souveränität. Der Mythos wie auch eine herrscherliche Souveränität richten sich nämlich nicht nach einer zu verändernden Zukunft aus, sondern an der Bewahrung und Aufrechterhaltung einer gegebenen Ordnung. Diese konservativ-bewahrende Struktur ist auch in der heutigen Politik noch erkennbar. Das Exodus-Narrativ dagegen nötigt zu einer Öffnung auf eine Zukunft, in der etwas Neues ankommen kann.

„Hier entsteht Legitimation von der Zukunft her“

Damit wird auch das Interesse zeitgenössischer Politischer Theorie an dieser temporalen Struktur des biblischen Exodus verständlich: Denn nicht die Autorität einer vorgegebenen oder tradierten Ordnung, auch nicht die Autorität einer als »souverän« interpretierten Masse (Volk, Bewegung), liefert hier die Legitimation für die Einsetzung politischer Institutionen oder juridischer Regelungen. Ihre Legitimation kommt vielmehr aus der Zukunft. Nicht im Sinne einer Utopie, sondern als gewagte Interpretation bereits bestehender Erfahrung. Diese Erfahrung liegt 1. im Wissen um die ausgrenzende Wirkung souveräner Herrschaft („… denn Du bist selber Sklave gewesen in Ägypten“). Es bedarf daher eines konkreten »Auszugs« aus einer solchen Situation. Der entscheidende 2. Teil dieser Erfahrung liegt aber darin, dass erst ein »Bekenntnis« zu einer Zukunft, das zugleich vermeidet, die eigene Position oder Entscheidung erneut mit einer Art »Souveränität« zu identifizieren, aus dem Kreislauf der Gewalt von Herrschaft und Revolution auszubrechen vermag. Mose ist kein König und in der neuen Ordnung gibt es auch keinen »authentischen (souveränen) Interpreten«, sondern nur die Notwendigkeit zur Interpretation – sowie das Beispiel dafür.                  

 „Entscheidungen werden verlangt.“

Es gilt, nicht die Vergangenheit sondern vielmehr die Zukunft zu repräsentieren. Dabei kommt der Möglichkeit der Berufung eine entscheidende Bedeutung zu. Nicht souverän legitimierte Regeln, sondern Kriterien sind gefragt. Sie sollen nicht bloß eine künftige Veränderung ermöglichen, sondern die handelnden Subjekte und Institutionen zugleich kritisch hinterfragbar machen. Damit werden Entscheidungen nicht verunmöglicht, sondern ausdrücklich verlangt. Das Kriterium ist jedoch nicht die Etablierung einer Regel, sondern der Bezug zur Zukunft.

 „Kritik am Populismus wird möglich.“

Auf diese Weise ließe sich nicht nur das Modell der Souveränität, sondern auch der Populismus entlarven. Vergleichbar dem Souverän, der auf eine vorgegebene Ordnung oder seine eigene unhinterfragbare Autorität pocht, orientiert sich populistisches Handeln an der Gegenwart und dem, was daraus ableitbar ist. Vor der Zukunft, dem Neuen, dem was nicht einfach mit dem Gegebenen kompatibel ist, muss es zurückschrecken.

 „Wenn aus Befreiung wirklich Veränderung wird.“

Das biblische Exodus-Narrativ konnte zur Grundlage eines anderen Verständnisses von Religion und gesellschaftlichem Zusammenleben werden, weil es weder auf einem geschichtlich einmaligen Ereignis aufbaute und auch keine Utopien ausmalte, sondern den Kampf, das Wagnis und die Kriterien sichtbar machte, die notwendig sind, wenn aus einer gelungenen Befreiung auch tatsächlich eine gelingende Veränderung werden soll. Dazu ist es notwendig jegliche Form von »Identifizierung« einer sichtbaren souveränen Instanz zu vermeiden. Dies nenne ich die »monotheistische Struktur«, die das Exodus-Narrativ in die Geschichte nicht nur der Religion, sondern auch des politischen Denkens eingebracht hat.2

___

Autor: Peter Zeillinger ist katholischer Theologe, wissenschaftlicher Assistent der Theologischen Kurse der Österreichischen Bischofskonferenz, sowie Lektor an den Instituten für Philosophie und Politikwissenschaft der Universität Wien.

Foto: Desislava Ignatova / unsplash.com


 

  1. Vgl. zum Folgenden ausführlicher: Zeillinger, Peter: „Repräsentation einer Leerstelle, oder: Auszug ins Reale. Zur politischen Bedeutung des biblischen Exodus, der historisch nicht stattgefunden hat“, in: Appel, Kurt / Raschke, Carl (eds.): The Crisis of Representation (J-RaT 2018 / 2) pp. 212–282. – Open Access: https://www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com/downloads/openAccess/OA_978-3-8471-0733-0.pdf.
  2. Jacques Derrida hat dies in seinen Analysen zur »democratie á-venir« zum Ausdruck gebracht, Alain Badiou und Giorgio Agamben in ihren Paulus-Lektüren und Michel Foucault in seinem Verständnis von »Kritik« anhand der Spannung zwischen »christlichem Pastorat« und »kirchlicher Pastoralmacht«. Der temporale Modus des Futur II als grundlegendem politischen Kriterium findet sich aber nicht nur bei ihnen, sondern auch bei Judith Butler, Emmanuel Levinas, Jean-François-Lyotard u.v.m. Siehe Zeillinger (Anm. 1), pp. 266 ff.
Print Friendly, PDF & Email