Zum letzten gemeinsamen Buch von Aleida und Jan Assmann. Eine Besprechung von Klaus Kießling.
„Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.“ (S. 14) Der Staatsrechtler Ernst-Wolfgang Böckenförde wirft mit seinem berühmten Diktum die Frage auf, wer oder was diese freiheitliche Ordnung trägt: Ihm zufolge braucht es einen Gemeinsinn, den ein Staat jedoch nicht herstellen kann und der auf eine gelebte Kultur angewiesen bleibt, die sich als ebenso verbindend wie verbindlich zeigt. Gemeinsinn wurde zugleich zum Titel eines sehr lesenswerten Buches, das Aleida (*1947) und Jan (1938–2024) Assmann miteinander schreiben und vollenden konnten – sie Anglistin, Ägyptologin, Literatur- und Kulturwissenschaftlerin, er Ägyptologe, Religions- und Kulturwissenschaftler, beide ausgezeichnet mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2018.
Nah- und Fernsinne, Gemeinsinn und siebter Sinn
Die beiden Assmanns erschließen angesichts bedrängender gesellschaftlicher, weltpolitischer und planetarer Krisen in sieben Kapiteln neu, wozu es heute und morgen Gemeinsinn braucht, jenen sechsten Sinn über die drei Nahsinne des Berührens, Schmeckens und Riechens sowie die beiden Fernsinne des Sehens und Hörens hinaus. Der sensus communis führt die fünf Weisen sinnlicher Wahrnehmung zusammen, zielt auf eine soziale Übereinkunft mit anderen Menschen und lässt über die Idee eines guten Lebens und Miteinanders hinaus auch politische Verantwortung entstehen. Denn die lateinische Wendung macht deutlich, dass mit dem Gemeinen nichts Niederträchtiges, sondern das Menschen Gemeinsame, ihre Würde, gemeint ist (Kapitel 1).
Solidarität als Stellvertretung
Gemeinsinn als individuelle Bereitschaft zu veränderndem Handeln, zum Umdenken und Umfühlen ist mit anderen Schlüsselbegriffen eng verwoben, insbesondere mit gesellschaftlichem Zusammenhalt und Solidarität (Kapitel 2). Letztere ist vielen Missverständnissen ausgesetzt: als staatlich verordnete Solidarität, die Freiheitsrechte beschneidet und auf Gehorsam zielt; als resignative Haltung im Angesicht systemischer und systematischer Ungerechtigkeiten, denen niemand strukturell beizukommen wagt oder vermag; als nationale oder sonstige gruppenspezifische Solidarität, die sich gegen Dritte richtet und in einem Freund-Feind-Denken wurzelt. Stattdessen braucht es Solidarität mit denen und ein Eintreten und Sprechen für diejenigen, die nicht zur eigenen Volksgruppe oder Gesinnungsgemeinschaft gehören – nicht für immer, sondern so lange, bis diese ihre Interessen erstmals oder wieder selbst wahrnehmen können. Solidarität versteht sich also auch im biblischen Sinne der Stellvertretung.
Geschwisterlichkeit als politisches Anliegen
Während Freiheit und Gleichheit zu den Bürgerrechten gehören und gesetzlichen Schutz erfahren, zählt die Brüderlichkeit (S. 55) zu den bürgerlichen Pflichten. Darauf weist das Kompositum communis hin, das cum (gemeinsam mit) mit munus (Aufgabe, Pflicht) verknüpft. Weil diese Pflichten nicht nur für potenzielle Brüder, sondern für alle Bürger*innen gelten, wundert mich, dass Kapitel 3 nicht mit Geschwisterlichkeit überschrieben ist, nachdem inzwischen aus auf der Hand liegendem Grund auch die traditionsreiche Woche der Brüderlichkeit zur Woche der Christlich-Jüdischen Zusammenarbeit wurde. Das damit verbundene politische Anliegen bleibt jedoch zentral: Es richtet sich auf die Frage, wie sich individuelle Rechte sozial und kulturell so einbetten lassen, dass nicht Ressentiments, soziale Verachtung und Hass das politische Leben prägen, sondern ein demokratisches Miteinander Pflege und Stärkung erfährt.
Menschwerdung aneinander und miteinander
Die Frage nach den Quellen des Gemeinsinns und danach, unter welchen Bedingungen er sich bildet und gedeiht, berührt Menschenbilder (Kapitel 4). Sie entscheiden schließlich darüber, worauf Verantwortliche in Politik und Gesellschaft, Erziehung und Bildung vorrangig setzen: auf Disziplinierung und Konditionierung oder auf Entwicklungsförderung? Auf autoritäre oder auf liberale Strukturen? Auf ideologisch motivierte Exklusion und kolonialistischen „Trennungswahn“ (Achille Mbembe) oder auf Inklusion? Auf individualistische und partikularistische, auch rassistische und antisemitische Identitäten oder auf eine universalistische Ausrichtung, also auf dialogische Philosophie in jüdischer Tradition, auf Mitmenschlichkeit, auf Verletzlichkeit und Angewiesensein aufeinander, auf das „Gespräch, das wir sind“ (Hans-Georg Gadamer), auf Menschsein in und als Beziehung mit anderen Geschöpfen, auf Menschwerdung aneinander und miteinander?
Biblisches Liebesgebot als „Weltrevolution menschlicher Beziehungsgeschichte“
Welche Beziehungsgrammatiken (Kapitel 5), welcher Habitus, welche emotionalen Dispositionen begünstigen Gemeinsinn? Nicht entstehen kann er jedenfalls, wenn die eigene Identitätsbildung an einem Feindbild hängt, an Eliten und „Isra-Eliten“ (S. 109), an Fremden und Migrant*innen, die in populistischer Manier als so bedrohlich gezeichnet werden, dass die Klimakatastrophe in Vergessenheit gerät und keine gemeinsame Betroffenheit auszulösen vermag. Für die Bildung eines Gemeinsinns bringen Aleida und Jan Assmann das jüdisch-christliche Liebesgebot ins Spiel, das die Nächstenliebe als ersten Akt der Gottesliebe ausweist. Nächstenliebe kennt keine Grenzen und verbindet sich mit der Feindesliebe: „Beide Gebote der Mitmenschlichkeit zusammen machen in ihrer Wirkungsgeschichte eine Weltrevolution menschlicher Beziehungsgeschichte aus.“ (S. 122) Wie Liebe zu den Nächsten und Fernsten mit Liebe zu sich selbst zusammenspielt, so fördern auch Selbst- und Fremdverstehen einander. Mitgefühl, Empathie für Menschen anderer Kulturen und Wertorientierungen sowie inklusive Solidarität kommen auch der je eigenen Menschwerdung zugute.
Demokratiebildung
Diesen Haltungen laufen Polarisierungen und Gegensatzbildungen zuwider: Sie drängen zu Entscheidungen, die nur ein Entweder-oder, aber kein Drittes kennen und zu weiterer Eskalation neigen. Zwischen immer lauter werdenden Extremen droht eine gesellschaftliche Mitte zu verstummen, sofern sie nicht ein breites zivilgesellschaftliches Bündnis bildet, sich auf diese Weise Gehör verschafft und Grundsätze demokratischer politischer Kultur (Kapitel 6) einfordert. Dazu gehören Respekt und Toleranz. Toleranz kann ich in hierarchischen Beziehungen walten lassen und das gegebene Machtgefälle dadurch gewollt oder ungewollt stabilisieren – und zugleich signalisieren, dass ich lediglich dulde und ertrage, was mir als Zumutung erscheint, ohne Anderen mit Anerkennung und Würdigung zu begegnen. Es fehlt dann an Respekt, der die Andersartigkeit Anderer voraussetzt und mitunter sogar hervorhebt, indem er durch alle Unterschiede hindurch verbindend wirkt.
Während der Respekt vor dem Status oder der persönlichen Leistung Anderer von unten nach oben gerichtet ist, wirkt sozialer Respekt genau umgekehrt: Er löst zwar keine Hierarchien auf, baut sie aber ab, indem er denen, denen aufgrund ihrer Herkunft oder anderer Unterscheidungsmerkmale Diskriminierung droht, Aufmerksamkeit und Ansehen schenkt. Differenzen werden in ihrer Bedeutung eingedämmt, wohingegen kultureller Respekt darauf aus ist, Unterschiede hervorzukehren, Fremdes nicht zu „entfremden“, sondern als Fremdes anzuerkennen, insbesondere im Zuge der Dekolonialisierungsprozesse als Alternative zum ausgrenzenden oder gar dämonisierenden cultural othering.
Gleichwohl weiß ich aus eigener Erfahrung, dass meine Bereitschaft zum Perspektivwechsel und mein kultureller Respekt an unumstößliche Grenzen stoßen, etwa angesichts traditioneller Opferungen von Kindern durch ihre Eltern zur Besänftigung der Götter in der Inkakultur, die mich in vielen anderen Hinsichten sehr beeindruckt. Die Frage nach universaler Verankerung von Menschenrechten auf Selbstbestimmung drängt sich auf. „Gebraucht wird deshalb beides: die Anerkennung unterschiedlicher kultureller Ausprägungen und Ausdrucksformen einerseits und der alle Kulturen zivilisierende Prozess der Herausbildung transkultureller Werte als gemeinsamer Maßstab für Menschenwürde, friedliche Koexistenz und die gemeinsame Zukunft menschlichen Lebens auf dem einen Planeten.“ (S. 166)
Etwa in der Demokratiebildung wird es also sehr darauf ankommen, Identitäten nicht abgrenzend auf Kosten Dritter zu profilieren und gegeneinander auszuspielen, sondern damit umzugehen, dass jeder Mensch an diversen Identitäten teilhat (ohne deswegen als relativistisch gelten zu müssen und fundamentalistische Gegenreaktionen zu provozieren) und so eine je eigene und zugleich plurale Gestalt annimmt, die ihn von seinen Mitmenschen nicht nur unterscheidet, sondern auch fühlen und verstehen lässt, was er mit ihnen teilt.
Gemeinsinn vor Ort
Wie geht nun Gemeinsinn vor Ort? Wie erfinderisch Menschen Zusammenhalt in Diversität einüben, zeigen eindrücklich Helden und Heldinnen des Gemeinsinns (Kapitel 7). Als Leser, der in Finnland seine zweite Heimat gefunden hat, freut es mich besonders, dass Aleida und Jan Assmann abschließend fragen, was wir von den Finn*innen lernen können: nämlich nordische Besonnenheit, ausgeprägten Gemeinschaftssinn und große Chancengleichheit, insbesondere im Bildungs- und Gesundheitssystem.
Aber auch allen anderswo heimischen Kolleg*innen an Schulen und Hochschulen, allen Verantwortlichen, denen an rassismus- und antisemitismuskritischer Bildung sowie der Förderung einer resilienten Demokratie liegt, allen Menschen in Kirchen und Gesellschaft, die nicht auf Feindbilder, sondern auf einen sechsten Sinn zu setzen bereit sind, sei dieses letzte gemeinsame Buch der beiden Assmanns an die Hand gegeben. Sein Perspektivenreichtum verdankt sich den kultur- und religionswissenschaftlichen, historischen, literarischen und philosophischen Quellen, aus denen sie schöpfen. Dieses aktuelle, inhaltlich klar ausgerichtete, durchgehend verständlich geschriebene, Kopf und Herz bewegende Buch wirkt nicht alarmistisch, sondern seinerseits besonnen und hält eine Fülle an zukunftsweisenden Einsichten bereit.
____________________
Aleida Assmann und Jan Assmann, Gemeinsinn. Der sechste, soziale Sinn, München: Beck, 2024, 2. Auflage 2025, 262 Seiten, ISBN 978-3-406-82186-8, 25 €.


