Auferstehung geschieht nicht im luftleeren Raum, sondern mitten am Tag, mitten in einer Situation und in einer bestimmten Zeit. Luzia Sutter Rehmann stellt Auferstehung in den sozialen und geschichtlichen Kontext der Zeit Jesu.
Gerade in dieser Zeit heilte er viele von ihren Krankheiten, Nöten und quälenden Geistern, und vielen Blinden schenkte er Sehkraft. (Lk 7,21 BigS)
Eine Auferstehung an der anderen
Von der ersten bis zur letzten Szene – von der Schwiegermutter des Petrus, die am Boden liegt (Mk 1,30) bis zum Grabbesuch der Jüngerinnen (Mk 16,8) – erzählt das Markusevangelium vom Auferstehen. Wo der Blick der Lesenden hinfällt, trifft er auf Not und Angst. Das hat damit zu tun, dass dieses Evangelium kurz nach einem langjährigen und verlustreichen Krieg geschrieben wurde. Der jüdisch-römische Krieg (66-74) kostete Hunderttausenden das Leben, verheerte Weinberge und Äcker, Kleinstädte und auch die prächtige Stadt Jerusalem.
Zehntausende verloren dabei ihr Leben.
Die Erfahrungen des Krieges bilden den Hintergrund des Markusevangeliums. Vertriebene und traumatisierte Menschen eilen im Land herum, sie wissen nicht, wo sie bleiben können, sie haben vieles oder alles verloren. Am See drängen sich Menschenmengen, die noch auf ein Schiff hoffen, das ihre Angehörigen bringen könnte. Der zeitgenössische Historiker Flavius Josephus berichtet von Magdala, der blühenden Stadt am See Genezaret, dass sie zwei grosse Massaker erlebte: eines an den Soldaten auf dem See und eines an der Zivilbevölkerung vor der Stadt. Zehntausende verloren dabei ihr Leben.
Mk 5,21-43 erzählt von Menschenmengen, die die Stadt am See mit Aufregung und Lärm füllen. Es herrschen Durcheinander, Schmerz und Verzweiflung. Ein Vater drängt sich ins Bild. Plötzlich sieht er Jesus in einem jüdischen Gebetsmantel (V. 27), den diesen als Rabbi erkennbar macht. Der Vater krallt sich an den Rabbi und bittet ihn dringend, zu ihm zu kommen und sein Kind zu retten. Denn seinem Töchterchen geht es äußerst schlecht.
Ein Zwischenfall
Doch es kommt zu einem Zwischenfall. Eine Frau drängt sich vor, zwischen den Vater und Jesus. Die Frau blutet seit vielen Jahren, niemand konnte ihr helfen. Es kommt zu einer berührenden Szene zwischen ihr und Jesus. Im Verlauf dieser Begegnung beginnt die Frau zu sprechen. Sie sagt ihm die ganze Wahrheit. Und der Fluss ihres Blutes stoppt. Was hat sie gesagt? Warum hat sie geblutet? Was ist passiert in ihrem Leben? Vielleicht Dinge, die unsäglich und sehr schwer in Worte zu fassen sind. Frauen und Mädchen wurden nach der Einnahme einer Stadt systematisch vergewaltigt. Es gibt Verletzungen, die seelisch wie physisch bluten lassen. Der einzige Weg, die Blutung zu stoppen – so erzählt es das Markusevangelium – ist die Wahrheit. Sobald diese sich den Weg bahnt und Worte findet, endet die Plage der Frau (V. 29). Die Wahrheit machts nichts ungeschehen, aber sie kann den Blutfluss stoppen.
eine grundlegende Geschichte über das Gewicht der Wahrheit
In diesem Sinn ist das, was hier erzählt wird, nicht einfach eine weitere Heilungsgeschichte. Es ist eine grundlegende Geschichte über das Gewicht der Wahrheit, die das Fundament der Zukunft bildet, die Voraussetzung, dass es weitergehen kann.
Die Not eines Mädchens
Sodann eilt Jesus in das Haus des Vaters. Seine Tochter ist inzwischen gestorben. Im Haus herrscht viel Lärm und Unruhe. Ich stelle mir vor, dass die Eltern des Kindes als Verantwortliche für die Synagogengemeinde viele Vertriebene aufgenommen haben. So wie die jüdische Bevölkerung in der Schweiz während des Krieges für die Geflüchteten sorgen musste. Im Haus des Mädchens hat niemand Zeit für seine Bedürfnisse. Es wird still, es isst nicht mehr, es verliert Kraft. Bis man seine Not sieht, ist es schon fast zu spät.
Viele Kinder von Vertriebenen auf der Insel Lesbos fielen in einen lebensbedrohliche Starrezustand.
Heute ist die Not von apathischen Kindern dokumentiert. Viele Kinder von Vertriebenen auf der Insel Lesbos fielen in einen lebensbedrohliche Starrezustand. Sie kamen gesund an, doch im Lager erkrankten sie schwer.
„Die siebenjährige Nazanin lächelt überhaupt nicht mehr. Sie malt auch nicht mehr, spricht nicht mehr, und das Essen hat sie fast aufgegeben. Nazanin hockt auf dem Boden der dunklen Hütte, ein Bett gibt es nicht, und starrt ins Leere. Es ist, als würde sie durch uns hindurchgucken, sagt die Mutter.“[1]
Sie brauchen künstliche Ernährung und therapeutisch-psychiatrische Zuwendung.
Die Apathie kann zum Tod führen, da die Kinder nichts mehr essen und kaum mehr trinken und den Kontakt zur Umwelt völlig abbrechen. Sie brauchen künstliche Ernährung und therapeutisch-psychiatrische Zuwendung.
In unserer Geschichte verlangt Jesus Ruhe und Aufmerksamkeit für das Kind. Er spricht es in seiner Muttersprache an: Talita kumi! Steh auf, Mädchen! Die Stille und diese Worte erreichen es. Es steht aus der Apathie auf, es aufersteht. Jesus bittet die Eltern, für das Kind weiterhin gut zu sorgen. Denn noch ist es nicht über den Berg. Aber es lebt.
Gerade in dieser Zeit
Diese beiden Szenen erzählen vom Leben nach dem Krieg. Wie können die Menschen nach den Jahren der Gewalt weiterleben? Sie sind versehrt und suchen nach Hilfe. Was ist wirklich geschehen? Wer hat was getan, wer war feige und wer war tapfer? Welche Wahrheit trägt und welche trügt?
Für das Weiterleben der Bevölkerung sind die Kinder das Wichtigste.
Vor lauter Sorgen geraten die Kinder aus dem Blick. Das Markusevangelium holt sie zurück ins Bild. Es erzählt drei grosse Kindergeschichten (Mk 5; 7; 9). Wie können sie sich nach dem Leben ausstrecken und wachsen? Sie brauchen Zuwendung. Für das Weiterleben der Bevölkerung sind die Kinder das Wichtigste. Sie sind die schwächsten Glieder der Bevölkerung – zugleich diejenigen, auf denen die Hoffnungen für eine Zukunft ruhen. Darum ist die dringende Bitte des Vaters unheimlich wichtig. Es ist richtig, dass Eltern um ihre Kinder kämpfen.
Rettung heisst nicht Verschonung, sondern Wahrheit und Zuwendung.
Jesus ist der Protagonist in diesen Texten. Er führt die Lesenden durch diese schwere Nachkriegszeit. Sein Blick fällt auf die Menschen, die Rettung brauchen, weil sie sonst untergehen. Rettung heisst nicht Verschonung, sondern Wahrheit und Zuwendung. Das ganze Evangelium erzählt davon, dass nach den Jahren der Gewalt verletzte, traumatisierte Menschen sich aufrichten und es wagen, weiterzuleben.
Auferstehung durchzieht die ganze Schrift wie ein rotgoldener Faden. Überall, wo Zuwendung geschieht, öffnet sich ein Spalt in Richtung Leben. So viele Menschen erheben sich aus ihrem Leid. Die von Rom Besiegten bleiben nicht am Boden liegen, sondern schütteln den Staub ab und strecken sich dem Leben entgegen. Ihr Gott wird ihnen helfen. Ihre Psalmen und Propheten sprechen zu ihnen. An ihnen halten sie sich fest. Und doch heisst Auferstehung immer wieder etwas anderes. Einmal ist es Trost, ein anderes Mal Wahrheit, einmal Respekt, ein anderes Mal eine neue Perspektive.
eine Evangeliumsformel
Das Lukasevangelium verdichtet in einen Satz, was gute Nachricht eigentlich heisst und schafft damit eine Evangeliumsformel:
Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige werden rein, Taube hören, Tote erheben sich – Arme bringen frohe Botschaft! Lk 7,22 BigS
Von diesen Auferstehungserfahrungen erzählen die Evangelium in der Zeit nach dem verlorenen Krieg. Sie erzählen, dass einem die Augen aufgehen können nach den Jahren der Gewalt. Dass es möglich ist, sich zu bewegen, zu verändern, auf die Strasse zu gehen und Ausgeschlossene aufzunehmen. So wie es möglich ist, die Vögel zwitschern zu hören, so ist es möglich die Stimme eines Propheten im Wind zu hören, der als Trost und Weckruf durch ein verheertes Dorf weht. Und zudem können auch die Totgeglaubten, die zum Verstummen Gebrachten eines Tages ins Leben zurückkehren.
Fragen dürfen gestellt und offengelassen werden.
Und vor allem ist es nie zu spät, aufzustehen. Die Auferstehung nach dem Tod ist ein Geheimnis, von dem sich nur leise reden lässt. Wie werden die Verstorbenen auferstehen? In welchem Körper? Wozu werden sie auferstehen? Fragen dürfen gestellt und offengelassen werden. Und wenn wir gesehen haben, wie Trauernde ins Leben zurückkehren, wenn wir erlebt haben, dass auch wir uns gelegentlich aufrichten konnten, dann können wir sicher sein, dass auch die Verstorbenen von dem rotgoldenen Faden der Verwandlung ergriffen werden. Wie das aussehen wird, bleibt den Lebenden verborgen. Wichtig ist, der Auferstehungskraft zuzutrauen, dass sie alles umschließt, Leben und Tod, auch unser Leben in dieser Zeit.
Beitragsbild: Xalapi auf Pixabay
Zum Weiterlesen und -hören:
Luzia Sutter Rehmann, Dämonen und unreine Geister. Die Evangelien, gelesen auf dem Hintergrund von Krieg, Vertreibung und Trauma. Gütersloh 2023.
Feministische Bibelgespräche. Der Podcast mit Ulrike Metternich und Luzia Sutter Rehmann, Folge „Augäpfelchen – Jaïrus‘ Tochter“, hier nachzuhören.
[1] Silke Weber, „Im Flüchtlingslager auf Lesbos grassiert eine sonderbare Krankheit. Augenscheinlich gesunde Kinder verfallen plötzlich in totale Apathie. Hilfe ist nicht in Sicht.“ In: Die Zeit – 20.2.20, Nr. 9, S. 8-9.


