Der Karsamstag wird oft als Leerstelle wahrgenommen. Sonja Huber liest diesen Tag im Zusammenhang mit dem jüdischen Schabbat – für Jesus ein Herzensanliegen und dem Judentum ein Tag der Schönheit und Wonne.
Wie der historische Jesus von Nazareth gelebt, welche Wert- und Glaubensvorstellungen er gehabt, was er konkret getan oder gesagt haben mag – darüber lassen sich nur Thesen aufstellen. Wer sich auf Schriften des „Neuen“ Testaments bezieht und ihre Entstehungsweisen, ihre Überarbeitungen und die vielfachen Übersetzungsvorgänge bedenkt, kann jedoch mehr oder weniger plausibel argumentieren.
Geht man allerdings zumindest davon aus, dass auf der Basis der kanonisierten Evangelien nichts dagegenspricht, Jesus als Juden zu betrachten, so ist dies eine Erkenntnis, die im Verlauf des 20. und 21. Jahrhunderts in weiten Teilen der theologischen Forschung und in von hierarchisch höchsten Stellen der Kirchen veröffentlichten Dokumenten breiten Anklang gefunden hat. Damit wurden seit Nostra Aetate (Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen), einem der wegweisendsten Ergebnisse des Zweiten Vatikanischen Konzils, etliche Meilensteine in der Überwindung einer mehr als anderthalb Jahrtausende währenden Tradition der christlichen Kirchen gesetzt: der Tradition des Antijudaismus.
Vieles wäre dazu zu sagen, zu bereits Erreichtem und noch Ausständigem. An dieser Stelle sei nun allerdings das Judesein Jesu als Ausgangspunkt für Überlegungen genommen, die den Karsamstag in einem neuen, bisher nicht beachteten Licht erscheinen lassen können.
Eine Leerstelle, … mit allerlei Vorstellungen zum postmortalen Ergehen Jesu ausgeschmückt.
In den Schriften des „Neuen“ Testaments bildet der Karsamstag mit wenigen Ausnahmen eine Leerstelle. Diese wurde im Laufe der Zeit mit allerlei Vorstellungen zum postmortalen Ergehen Jesu ausgeschmückt, insbesondere mit dem Gedanken einer „Höllenfahrt“ Jesu. Deutlich wird an diesen Geschichten, wie sie z. B. in antiken apokryphen Schriften („Petrusevangelium“, „Nikodemusevangelium“, „Oden Salomos“, „Fragen des Bartholomäus“) erzählt werden, dass sie sich in einem Denkrahmen bewegen, in dem nicht das Judesein Jesu als Dreh- und Angelpunkt der Annäherung an seine Person gewählt wurde.
Die Tatsache, dass der auf die Kreuzigung Jesu folgende Tag ein Schabbat war.
Worin die oftmals divergierenden narrativen Darstellungen der vier kanonisierten Evangelien übereinstimmen, ist die Tatsache, dass der auf die Kreuzigung Jesu folgende Tag ein Schabbat war. Von einigen der Jüngerinnen Jesu wird erzählt, dass sie „den Sabbat über (…) nach dem Gebot“[1] ruhten (Lk 23,56, vgl. Mt 28,1; Mk 16,1; Joh 20,1). Es gibt keinen Hinweis darauf, dass dies ein Verhalten wäre, wie es nicht auch von den übrigen Jünger*innen Jesu anzunehmen ist. In manchen der in den kanonisierten Evangelien verarbeiteten Geschichten kommt es zu Diskussionen zwischen u. a. der Erzählfigur der „Pharisäer“ mit Jesus darüber, wie das Arbeitsverbot am Schabbat auszulegen sei.
Auswirkungen auf das Gesamtbild des so entworfenen Jesus
Gerade solcherlei Erzählungen wurden lange Zeit, mit antijudaistischem Zugang gelesen, dahingehend interpretiert, dass Jesus die „alt“-testamentlichen Gebote aufgehoben hätte. Dabei wurde weder der Tatsache Rechnung getragen, dass diese Diskussionen in den unterschiedlichen Evangelien auf verschiedene Weisen versprachlicht und in teilweise divergierende Text-Kontexte gesetzt wurden, noch die Möglichkeit in Betracht gezogen, dass die Einschränkung der Vielfalt an Übersetzungsmöglichkeiten auf oftmals eine der antijüdischsten Varianten massive Auswirkungen auf das Gesamtbild des so entworfenen Jesus genommen hat. Als Beispiel sei Mt 12,14 genannt, wo als Reaktion auf Jesu Interpretation des Arbeitsverbots am Schabbat über die Pharisäer gemäß den gängigen Übersetzungen gesagt wird, dass diese darüber beratschlagen würden, „wie sie ihn umbringen könnten“. Demgegenüber wäre das Wort „ἀπόλλυμι“ (daraus abgeleitet: „ἀπολέσωσιν“) auch wesentlich abgeschwächter als „verschwinden lassen“, oder als „verlieren“, „einbüßen“, „um etwas kommen“ zu übersetzen möglich.
Der Schabbat als Tag der Freude, des Erlöstseins, der Hoffnung gefeiert.
Im Judentum, in all seiner Vielfalt an Ausdrucksformen, ist einheitlich zu beobachten, dass der Schabbat als Tag der Freude, des Erlöstseins, der Hoffnung gefeiert wurde und wird. Er ist nicht der höchste Feiertag des Jahres, aber jener, der Woche für Woche das Leben strukturiert, der Ziel- und Höhepunkt jeder Woche darstellt. Bereits im „Alten“ Testament wird der Schabbat im Buch Exodus mit der Ruhe Gottes am siebten Schöpfungstag verknüpft, im Gebot „Denke an den Sabbattag, um ihn heilig zu halten“ (Ex 20,8) wird zur imitatio Dei aufgerufen. In der Parallelstelle, im Buch Deuteronomium, wird aus dem „Denken“ an den Schabbat ein Gedenken, nämlich der Befreiung des Volkes Israel durch Gott aus der ägyptischen Sklaverei (Dtn 5,12).
Beachtung [des Schabbat] nicht als lästige Pflichterfüllung eines Gebotes, sondern als „Wonne“ (Jes 58,13)
An diese beiden zentralen Gebotsformulierungen knüpften unzählige jüdische Interpreten an, um sie auf die jeweiligen Lebenssituationen und Zeitumstände hin neu zu deuten – und sie gerade dadurch zu beachten, dass sie diese weiterhin mit Leben erfüllen können. Auch vom sozialen Umfeld des historischen Jesus kann angenommen werden, dass es vom Schabbat geprägt war und dass dessen Beachtung nicht als lästige Pflichterfüllung eines Gebotes, sondern wie im Buch Jesaja als „Wonne“ (Jes 58,13) gesehen worden sein mag.
Wertschätzung der Schönheit und Erhabenheit des Schabbats
Somit können auch Christ*innen, die sich am Juden Jesus von Nazareth orientieren wollen, sich von jüdischen, nachbiblischen Zugängen zum Schabbat inspirieren lassen, etwa von Texten der Mischna, des Talmuds, antiken Midraschim, von Schriften des Mittelalters und der Neuzeit oder z. B. vom bekannten Buch Der Schabbat: Seine Bedeutung für den heutigen Menschen von Abraham Joshua Heschel (Originalausgabe: 1951). Bei aller in diesen Schriften deutlich zu Tage tretenden Multiperspektivität in den Reflexionen über das Wesen des Schabbats ist die Wertschätzung der Schönheit und Erhabenheit des Schabbats und seine befreiende, erhebende, tröstende und hoffnungsvoll stimmende Wirkung auf Menschen ein Grundtenor.
neue Sichtweise auf den Karsamstag
Was kann dies aber für eine neue Sichtweise auf den Karsamstag bedeuten? Im Apostolischen Glaubensbekenntnis ist bis heute die Textpassage „hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten“ zu finden, wodurch die Vorstellung eines postmortalen Raum-Zeit-Gefüges („hinabgestiegen“, „am dritten Tage“), parallel zu irdischen Vorgängen, zum Ausdruck kommt. Jedoch ist in den meisten Glaubensbekenntnissen des ersten christlichen Jahrtausends von einem „Abstieg“ des verstorbenen Jesus in eine „Unterwelt“ und dergleichen. nicht die Rede. Die Aussage vom „dritten Tag“ wiederum kann mit Blick auf die näheren Umstände ihres Vorkommens in „neu“-testamentlichen Schriften als metaphorisch eingestuft werden.[2] Würde man das Motiv des „dritten Tages“ wörtlich verstehen wollen, so würde neben der räumlichen Komponente („Abstieg“) auch eine zeitliche Komponente in postmortale Vorgänge projiziert. Dem gegenüber steht die prinzipielle Unverfügbarkeit Gottes und seiner Wirkweisen, die insbesondere in jüdischem Schrifttum als Grundgedanke zu finden ist.
Die Sonnenfinsternis (…) könnte als verfrühter Beginn der Nacht und damit als Beginn des Schabbats gedeutet werden.
Zur Frage der Art und des Zeitpunktes oder Zeitraumes der Auferweckung Jesu können weitere Aspekte in Betracht gezogen werden. Im Talmudtraktat Ketubot heißt es etwa, dass es „für ihn ein gutes Zeichen“ sei, wenn jemand direkt vor dem Schabbat stirbt (bKet 103b). Der lukanische Jesus tröstet seinen Leidensgenossen am benachbarten Kreuz mit den Worten „Heute wirst du mit mir im Paradies sein“ (Lk 23,32f). Die Sonnenfinsternis, die in der lukanischen Erzählwelt als auf den Eintritt des Todes Jesu folgend eingebaut wurde, könnte als verfrühter Beginn der Nacht und damit als Beginn des Schabbats gedeutet werden. Im Matthäus-Evangelium heißt es, als Folge des Todeseintritts Jesu: „die Grüfte öffneten sich, und viele Leiber der entschlafenen Heiligen wurden auferweckt, und sie gingen nach seiner Auferweckung aus den Grüften und gingen in die heilige Stadt und erschienen vielen“ (Mt 27,51–53). Im Kontext des matthäischen Narrativs logischer als eine bis zum „dritten Tag“ zwischenzeitlich wartende Position der „Heiligen“ in den bereits als geöffnet bezeichneten Grüften wäre es, eine Auferstehung Jesu im Tod anzunehmen, i. e. mit Einsetzen seines Todes (des Erlöschens irdisch-zeitlich-räumlicher Gebundenheiten), der zugleich mit dem Auferweckt-Werden der im Matthäus-Evangelium erwähnten entschlafenen Heiligen korreliert.
…, dass der sterbende Jesus in den Schabbat hinein gerettet worden sein mag.
Zieht man in Betracht, dass in den kanonisierten Evangelien bezüglich des konkreten Vorgangs der Auferweckung Jesu eine erzählerische Leerstelle steht und über sein Auferweckt-Worden-Sein im Nachhinein berichtet wird, dann, wenn der Schabbat vorübergegangen ist, so lässt sich daraus und vor allem aufgrund der mutmaßlich enormen Bedeutung des Schabbats für den Juden Jesus von Nazareth die These formulieren, dass der sterbende Jesus in den Schabbat hinein gerettet worden sein mag, dass seine Auferweckung und der Schabbat eng miteinander verknüpft sein könnten.
Tatsache des Jude-Seins Jesu
Der Schabbat, insbesondere der Karsamstag als Schabbat, von Christen als „ein Sechzigstel der kommenden Welt“[3] gefeiert, könnte damit Ausdruck eines Gottvertrauens bedeuten. Dieses bringt bereits die „alt“-testamentliche Geschichte vom Manna bildhaft zum Ausdruck, mit dem das Volk Israel am arbeitsfreien Schabbat durch Gott versorgt wird. Damit und in Verbindung mit dem Gedenken an das Auferweckt-Worden-Sein Jesu sowie der Hoffnung auf die je eigene Auferweckung würde nicht nur der Karsamstag in ermutigender und freudvoller Weise neu beleuchtet, sondern auch der Tatsache des Jude-Seins Jesu auf besondere Weise Rechnung getragen werden.
Beitragsbild: Samuel Hirszenberg, The Shabbat Rest; Wikimedia Commons
[1] Bibelzitate sind der Elberfelder Bibel 12016 entnommen.
[2] Ausführlich dazu, mit detaillierter Betrachtung der entsprechenden Textpassagen der kanonisierten Evangelien, siehe Huber, Sonja: „… eingetreten in den Schabbat“. Eine Theologie des Karsamstags unter besonderer Berücksichtigung jüdischer Perspektiven, Verlag Karl Alber: Baden-Baden, 2025.
[3] So bezeichnet im Talmud, bBer 57b.


