Einen Werkstattbericht zu diesem Hoffnungsprojekt liefert Robert Ochs.
„Hoffnung machen Menschen und Bewegungen, die Sinnvolles und Hilfreiches über verhärtete Grenzen hinweg tun, und zwar egal wie es ausgeht.“1 Hoffnung macht genau in diesem Sinn auch ein kunst-politisches Projekt eigener Art, von dem ich am Anfang des neuen Jahres einen Werkstattbericht geben möchte. Initiiert wurde das Kunstprojekt mit dem Titel „Gib das Schiff nicht auf!“ von dem kleinen Verein „Steinstaub e.V.“, der von jungen Steinmetzgesellen:innen und -meister:innen, sowie Steinbildhauer:innen gegründet wurde.
Keine Macht der Angst! Aktiv für Respekt und Vielfalt! Gegen den Hass.
Ihr Anliegen: sich mit ihrer Steinkunst und gerade als Handwerker:innen in die aktuelle gesellschaftliche Situation einzumischen. Eine Gesellschaftssituation mit ihren nach rechts verrutschenden Debatten und Praktiken, die die Demokratie massiv in Gefahr bringen. Ihr doppeltes Motto: „Keine Macht der Angst! Aktiv für Respekt und Vielfalt! Gegen den Hass.“ Dafür und dagegen wollen sie ihre Steinkunst setzen. Inspiriert wurde das Projekt durch einen Song der Punkband Broilers aus Düsseldorf. Ein Song, der dem Steinprojekt seinen Namen gab: „Gib das Schiff nicht auf!“2 Die Broilers singen darin – laut, energiegetrieben und mitreißend (man muss das Lied live hören) – vom Stapellauf eines stolzen Schiffs, das obwohl „vollgeladen und vollgetankt“ schon bald in gefährliche Turbulenzen, Bedrohungen von innen und außen gerät.
Wir sind als stolzes Schiff vom Stapel gelaufen, gute Fahrt!
Die Risse im Rumpf sind ganz zart.
Vollgeladen, vollgetankt,
volle Fahrt auf die erst Sandbank.
Die Pest kam an Bord, die Pest ging von Bord –
Captain, mein Captain, die Mannschaft ist krank!
Im Hafen wärst Du in Sicherheit gewesen,
aber dafür werden Schiffe nicht gebaut.
So die erste Strophe, auf die der trotzige Refrain folgt:
Gib das Schiff nicht auf!
Lass uns wissen, dass Du noch an uns glaubst.“
Instagramm wurde das Medium, in dem „Steinstaub“ offen zur Beteiligung an dem Kunstprojekt 2024 eingeladen hat. Dazu heißt es in einem Open Call: „Der Ton wird rauer, die Gesellschaft ausgrenzender. Das Schiff hat Schlagseite. Doch wir sind Handwerker und wir können versuchen, das zu reparieren. Denn was ist bei uns tief verankert? Es ist die Gemeinschaft, das Miteinander. Wir lernen voneinander, tauschen uns aus und manches geht auch einfach nicht alleine. Ausgrenzung und verschlossenen Türen haben uns noch nie weitergebracht. Wir brauchen einander. Deshalb sollten wir begreifen, dass wir nur gemeinsam dieses Boot steuern können und auf offener See geholfen wird. Wir setzen gemeinsam ein handwerkliches Signal.“
Demokratie ist ein Boot, das unsere Gesellschaft über Wasser hält.
Aufgerufen wird zur Ausarbeitung eines Papierbootes (ein gefaltetes Boot aus Papier, wie die meisten es aus ihrer Kindheit kennen) in Stein oder einem anderen Material, das zudem mit einem Wort oder Text zum Grundthema Gemeinschaft gestaltet werden soll. Das Ziel: Es sollen Schiffe entstehen und sich in ganz Deutschland zeigen, viele rettende Schiffe, die das „Schiff unserer Gesellschaft“ nicht aufgeben. Interesse fand die Initiative bei Steinmetzen in ganz Deutschland und vereinzelt darüber hinaus. Auch Künstler:innen aus anderen Bereichen wie z.B. der Kaligraphie oder des Linoldrucks beteiligten sich. Die Vielzahl und Vielfalt der Werke kann auf instagramm steinstaub e.v. gleichsam in einem virtuellen Museumsbesuch erkundet und betrachtet werden.

Vergesst nicht Freunde, wir reisen gemeinsam.

„Vergesst nicht/ Freunde wir reisen gemeinsam/ …/ Vergesst nicht es ist unsre gemeinsame Welt die/ ungeteilte ach die geteilte/ …/ diese zerrissene ungeteilte Erde auf der wir gemeinsam reisen.“
Wuchtig und zugleich leicht wirken die Steinboote des Steinmetzmeisters Jonas Ochs in ihrem dunklen, satten Rot. Gefertigt aus rosa-portogalo Marmor und amazonasrot Kalkstein sind sie in der Form gefalteter Papierboote gestaltet und setzen durch diese leichte Form einen optischen Kontrast zur Massivität des Materials. Es sind Skulpturen, die mit dem Paradox von Stein und der Fähigkeit zu schwimmen spielen.
Eines der Boote fährt unter dem Namen „Gemeinschaft“ und hat auf der Bordwand einen notwendigen Change eingraviert: „Wo Mut zur Courage wird.“ „Gib das Schiff nicht auf!“ – Mit ihrem Kunstobjekt haben die Künstler:innen dieser Aufforderung manifest Ausdruck verliehen. Sie haben ein Zeichen gesetzt. Und sie haben die zweite Zeile des Refrains aus dem Song der Broilers realisiert, uns die Betrachtenden wissen zu lassen, dass sie an dieses unser Schiff glauben. An sein Potential, auch in Zukunft das vielgestaltige Wir einer Gesellschaft über den turbulenten Wassern der Zeit zu halten. Dazu braucht es aber eine ganz bestimmte Qualität dieser Schiffe. Ihre Namen wie z.B. Demokratie und Freiheit, die Aufschrift „gemeinsam zu reisen“, das Herzboot und der Wertgutfrachter verweisen darauf.
Hoffnungszeichen gegen ‚verhärtete Grenzen‘
Mit ihrem Kunstobjekt sind die Künstler:innen zugleich selbst an Bord ihrer Schiffe gegangen. Sie haben die Rolle eines distanzierten Beobachters, einer unbeteiligten Zuschauerin aufgegeben. Mit jeder Skulptur haben sie deutlich gemacht, wofür sie stehen. Und damit haben sie genau das eingelöst, was die Metapher „Schiff“, insbesondere die Metapher „Schiff als Gesellschaft“ mitmeint: alle sitzen im selben Boot und sind mitbeteiligt an seiner Fahrt, in deren Gelingen, aber auch im Scheitern. Umgekehrt heißt das, dass die unbeteiligte Rolle und der distanzierte Ort des Zuschauenden außerhalb des Geschehens nicht mehr zur Verfügung steht, zumindest problematisch ist.3
Kunst als Einmischung in aktuelle gesellschaftliche Diskurse. Dieses Kunstverständnis setzt das Projekt „Gib das Schiff nicht auf!“ vielfältig und vielgestaltig in Skulpturen um. Jedes einzelne Schiff wird zu einem Hoffnungszeichen, „verhärtete Grenzen“, eingeschränkte Perspektiven, unbewegliche Standpunkte zu überwinden und Flagge zu zeigen. Und damit werden auch die Initiatoren des Projekts, die Handwerker:innen des kleinen Vereins „Steinstaub e.V.“, zu einem Signal der Hoffnung. Denn kaum jemand hätte erwartet, dass von dieser Gruppe „Sinnvolles und Hilfreiches“ in die gesellschaftliche Debatte eingebracht wird. Hoffnung durch Kunst – ein Haiku des Künstlers Jonas Ochs fasst dies in Worte:
Nur ein Funke reicht
für das Feuer der Hoffnung
nährt es gemeinsam.
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Bilder: privat


