Glaube und Widerstand. Vision für eine gerechtere Welt

Manfred Böhm, Leiter der Betriebsseelsorge im Erzbistum Bamberg, prangert in seinem Predigtvortrag in der City-Kirche St. Klara in Nürnberg die Visionslosigkeit des Kapitalismus an.

was ihr nicht rechnet, glaubt ihr, sei nicht wahr, was ihr nicht wägt, hat für euch kein Gewicht, was ihr nicht münzt, das, meint ihr, gelte nicht

Mephistopheles skizziert im Faust, der Tragödie zweiter Teil erster Akt einen Menschentyp, der damals erst entstanden war und der auch heute noch in großer Blüte steht. Ich meine den Rechner und Macher, der kühl und emotionslos darauf schaut, dass er auf seine Kosten kommt, der sich selbst als Pragmatiker und als Realisten charakterisiert und der alles, was darüber hinausgeht als Hirngespinste und Phantastereien abtut. „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“, so hat ja bekanntlich der ansonsten ehrenwerte Altbundeskanzler Helmut Schmidt diese Haltung auf den Punkt gebracht.

Und wirklich: Kann man heute noch ernsthaft von Visionen sprechen, ohne sich lächerlich zu machen? Kann man gar von der Vision einer gerechten Gesellschaft und Welt reden, ohne im wohlwollendsten Fall als Sozialromantiker und idealistischer Träumer abgetan zu werden? Wir kennen doch alle die pragmatischen Argumente, die wie Bollwerke unüberwindlich entgegenstehen: Die Sachzwänge und die Finanzierungsvorbehalte, die Wirtschaftlichkeitsgutachten, die Strukturblockaden und nicht zuletzt die Zuständigkeitsquerelen.

Visionslosigkeit zementiert gegenwärtige Zustände.

Und doch geht es ohne Visionen nicht. Nicht nur dass unser Alltag ohne sie eintöniger und unser Leben eindimensionaler würden. Das wäre ja möglicherweise, wenn ich es mal sarkastisch formulieren darf, durch ein paar Fernsehkanäle mehr und einige zusätzliche verkaufsoffene Sonntage in den Griff zu kriegen. Nein. Das eigentliche Problem der Visionslosigkeit ist, dass die gegenwärtigen Zustände zementiert werden, dass die Hoffnung auf Veränderung für die kleinen Leute stirbt und dass der Starke auf Dauer triumphiert. Wer es wissenschaftlich braucht: Jürgen Habermas nennt das die „Normativität des Faktischen“.

Die Bibel und ihr folgend die Kirche haben sich damit nie abgefunden. Will man es hochtheologisch formulieren: Die visionäre Botschaft vom Reich Gottes, dem Reich der Gerechtigkeit und des Friedens, stellt ihrerseits die Welt mit ihren Sachzwängen und Strukturblockaden unter einen Vorbehalt, den Vorbehalt nämlich, dass das alles vorläufig und bestenfalls zweitrangig ist angesichts der zugesagten Erfüllung des individuellen und sozialen menschlichen Lebens im Reich Gottes.

Geld als Welterklärungsprinzip

Wie sieht die Welt aus, die unter diese kritische Kraft der Vision gestellt wird?

In den letzten Jahren und Jahrzehnten hat sich ein, um mit Erich Fromm zu reden, Kult des Habens als die dominierende Mentalität bei uns durchgesetzt. Eine gesteigerte Geldorientierung durchdringt die Gesellschaft und beherrscht die Einzelnen. Geld ist dabei weit mehr als ein Zahlungs- oder Tauschmittel. Es ist eine Art Welterklärungsprinzip geworden. Mit Geld lässt sich sprichwörtlich alles kaufen. Es beinhaltet ein spirituelles Mehrwertversprechen. Das ist kein neuer Gedanke. Bereits Karl Marx hat ihn in seinen Frühschriften entfaltet: „Die Eigenschaften des Geldes sind meine – des Besitzers – Eigenschaften und Wesenskräfte. Das, was ich bin und vermag, ist also keineswegs durch meine Individualität bestimmt. … Das Geld ist das höchste Gut, also ist sein Besitzer gut, das überhebt mich überdem der Mühe, unehrlich zu sein; ich werde also als ehrlich präsumiert; ich bin geistlos, aber das Geld ist der wirkliche Geist aller Dinge, wie sollte sein Besitzer geistlos sein? Zudem kann er sich die geistreichen Leute kaufen, und wer die Macht über die Geistreichen ist, ist der nicht geistreicher als der Geistreiche! Ich, der durch das Geld alles, wonach ein menschliches Herz sich sehnt, vermag, besitze ich nicht alle menschlichen Vermögen! Verwandelt also mein Geld nicht alle meine Unvermögen in ihr Gegenteil?“

Chanel Nr.5 ist mehr als ein Parfum.

Das Geld bekommt letzten Endes göttliche Qualitäten zugesprochen, denn im Geldvermögen sind allmächtige Heilsverheißungen angelegt. Die Werbung sagt es uns tagtäglich. Glück lässt sich kaufen! Die Waren werden geheimnisvoll aufgeladen. Sie verkörpern die Sehnsüchte der Menschen. Ein BMW ist eben mehr als ein Fortbewegungsmittel, ein Nike Turnschuh mehr als ein Sportgerät und Chanel Nr.5 ist mehr als ein Parfum. Hier handelt es sich um die Symbolik von Glaubensgemeinschaften. Der Kult des Habens ist zu einer Art Pseudoreligion geworden. Das gilt nicht nur für den Einzelnen, sondern auch für die gesamte Gesellschaft, ja inzwischen wohl für die gesamte westlich geprägte Welt. Das Geld ist ihr Betriebssystem.

Die Religion des freien Marktes

Der Neoliberalismus oder neoliberale Kapitalismus ist dementsprechend weit mehr als eine bloße Wirtschaftstheorie. Er hat im Sinne des soeben Gesagten viel tiefere Schichten des menschlichen und gesellschaftlichen Denkens durchdrungen und missioniert. Es handelt sich um eine Art Pseudo-Religion, um eine Spielform des Götzendienstes also. Einige Strukturmerkmale und Glaubenssätze dieser Religion des Neoliberalismus als der Religion des freien Marktes möchte ich vorstellen.

Wollte man ein Glaubensbekenntnis des Neoliberalismus formulieren, so sähe es wohl folgendermaßen aus: Ich glaube an die Allmacht und Allzuständigkeit des freien Marktes. Er ist der Schöpfer allen Reichtums. Das Heil des Menschen liegt darin, sich der Gottgegebenheit dieses freien Marktes unterzuordnen. Außerhalb dieses Marktes gibt es kein Heil!

Jedes Glaubensbekenntnis konkretisiert sich in einer entsprechenden Moral. Die wichtigste marktkonforme Tugend ist dabei die Demut. Da der Markt über eine „überlegene Weisheit“ verfügt, hat sich der Mensch den Mechanismen des Marktes demütig zu unterwerfen. Friedrich August von Hayek, nobelpreisgekrönter Neoliberalismuspapst, stellt fest, „dass die grundsätzliche Einstellung des wahren Individualismus eine Demut gegenüber den Vorgängen“ des Marktes ist. Der Mechanismus des Marktes hat den Stellenwert eines unumstößlichen Naturgesetzes.

Die größte Sünde und Ausdruck menschlicher Überheblichkeit ist es demgemäß, den freien Markt mit sozialen Reglementierungen einzuengen. „Der Ausdruck ‚soziale Gerechtigkeit‘ gehört nicht in die Kategorie des Irrtums, sondern in die des Unsinns wie der Ausdruck ‚ein moralischer Stein‘“.

Es gibt selbstverständlich auch Kathedralen des Marktes, die Bankhäuser, Investmentzentralen und Börsen. Analog zum Jerusalemer Tempel gibt es dort Vorhöfe fürs Volk, das Allerheiligste aber ist nur den Eingeweihten, den Hohepriestern dieser Religion zugänglich. Außerdem werden von sogenannten „Wirtschaftsweisen“ vierteljährlich öffentlich vielbeachtete rituelle Orakel über die künftige Entwicklung des (Kapital-)Marktes veranstaltet.

Am eindringlichsten werden die liturgischen Feiern im Allerheiligsten selbst zelebriert, in den Börsen. Dort werden die heilsentscheidenden Opfer dargebracht. Jedes Opfer – so etwa Entlassungen, Betriebsschließungen, Verlagerungen etc. – wird mit der Gunst des Götzen belohnt, die da heißt Kursgewinn. Die höchste und kollektive Form ist das Wirtschaftswunder. Bei wirtschaftlicher Stagnation, die sich in Kursverlusten äußert, müssen vermehrt Opfer dargebracht werden, um die Zuwendung des Götzen zurückzugewinnen.

Was hier deutlich wird, ist eine erstaunliche Gläubigkeit in die Kraft des freien Marktes. Die „unsichtbare Hand“ des Marktes (Adam Smith) wird letztlich alles zum Guten lenken. Letztlich ist das nichts anderes als naives religiöses Denken. Gott wird durch den Markt ersetzt. Profite und wirtschaftlicher Erfolg allgemein sind äußeres Zeichen dafür, den Gesetzen des Götzen Markt Folge geleistet zu haben. Und so ist es systemlogisch nur konsequent, wenn das erste Bestreben vieler Menschen darauf zielt, sich zu bereichern. Damit der Neoliberalismus aber nicht endgültig zum totalitären Gestaltungsprinzip der Wirklichkeit wird, sind Gegengifte vonnöten. Und da der Neoliberalismus als Quasireligion daherkommt, braucht es von Seiten des biblischen Gottes vor allem eins: Religionskritik!

Das Geld wird zum verehrten Götzen, der Markt bringt durch eine unsichtbare Hand, die alles weise lenkt, Wohlergehen für jedermann, und der Eigennutz des Einzelnen verwandelt sich dadurch in einen geheimnisvollen Akt der Gemeinwohlförderung. Glaube all überall! Von daher ist es völlig klar: Eine Kapitalismuskritik, die nicht auch religionskritisch argumentiert, verfehlt deshalb die innigste Begründung des Kapitalismus und seiner darauf beruhenden Wirkungsweise.

Niemand kann zwei Herren dienen.

Die Kritik der Bibel am Geld erschöpft sich nicht nur in einer moralischen Kritik, wie sie in der Weisheitsliteratur, etwa bei Kohelet (5,9ff; 10,19) oder bei Jesus Sirach (27,1; 29,10; 31,5ff) zu finden ist. Sie geht weit darüber hinaus. Das Geld wird kritisiert als gefährliche Alternative zu Gott, als eine Macht, die an seine Stelle tritt. „Niemand kann zwei Herren dienen. … Ihr könnt nicht beiden dienen, Gott und dem Mammon.“ (Mt 6,24) Der biblische Gegensatz zum Glauben an Gott ist nicht etwa der Unglaube, der Atheismus, wie man gedankenlos meinen möchte, sondern der Götzenglaube. Der Mammon ist der eigentliche Gegengott des Evangeliums. Aber als Götze ist die Sicherheit, die er anzubieten vermag, nur eine scheinbare. Geld vermittelt eben nur die Illusion, buchstäblich alles kaufen zu können, und damit vor den Wechselfällen des Lebens gefeit zu sein.

Hinter der Gier nach immer mehr steht nichts anderes als die nackte Angst, letztlich das Nichtfertigwerden mit dem eigenen Tod, der eigenen Begrenztheit als körperlichem, bedürftigem Wesen. An dieser Frage muss der Götze Markt oder Geld notgedrungen scheitern, denn er kann durch noch so große Anstrengungen quantitativer Akkumulation keinen qualitativen Heilsmehrwert erzeugen. Der Mammonglaube bleibt mit Blick auf eine wirkliche Erlösung blind. Das Vakuum wird angefüllt mit Ersatzprodukten: Reichtum, Macht, Ansehen, Luxus. „Sie sollen dem Mammongläubigen Gott ersetzen; sie sollen den Tod überwinden, ewiges Leben schenken. Erst wenn wir dies erkennen, blicken wir in das tiefste Geheimnis der Götzenmacht des Mammons.“ So heißt es bei dem religiös-sozialistischen Theologen Leonhard Ragaz.

Mitleidenschaft

Jesu erster Blick galt nicht der Sünde der anderen, sondern dem fremden Leid. Davon ließ er sich anrühren. Die Mystik des Christentums ist also die Mitleidenschaft, d.h. sich vom Leid des anderen anrühren zu lassen und entsprechend zu handeln. Mitleidenschaft (Johann Baptist Metz, der Protagonist der politischen Theologie in Deutschland, verwendet dafür lieber den Begriff der „Compassion“) ist die Bedingung der Möglichkeit für gesellschaftliches Gerechtigkeitshandeln. Das Leiden, der Schmerz, die Trostlosigkeit der anderen wird zum unhintergehbaren Bezugspunkt, aus dem heraus Verständigung und Verständnis, Anerkennung und Respekt, Achtsamkeit und Barmherzigkeit aufkeimen können. Sie sind der Referenzpunkt für Solidarität, Menschenwürde und Gerechtigkeit in der Gesellschaft und weltweit.

Mitleidenschaft verabschiedet sich dabei von der Fiktion strikt symmetrischer Durchsetzungsmöglichkeiten von oben und unten, so als gäbe es in der Gesellschaft sowas wie einen herrschaftsfreien Dialog der verschiedenen Gesprächspartner auf Augenhöhe. Tatsache ist vielmehr, dass die Schwachen im gesellschaftlichen Diskurs zu kurz kommen, da die Machtfrage geflissentlich ausgeklammert bleibt und man so tut, als agierten alle auf der gleichen Ebene. Compassion ergreift Partei, wird einseitig für die Schwachen, um ihnen mehr Gewicht zu verleihen und dadurch die Diskursübermacht der Eliten einzudämmen. Erst asymmetrische Gewichtungen, erst die einseitige Zuwendung und Stärkung der ausgegrenzten und zerstörten Anderen bricht die Gewalt der Logik des Marktes.

Der Neoliberalismus ist eine Religion der Ruhigstellung.

Die Gesetze des Marktes hätten naturwissenschaftliche Qualität, daran lasse sich eben nichts verändern, so das Credo des Neoliberalismus. Das damit zum Ausdruck kommende Interesse ist klar: Es geht dem neoliberalen Kapitalismus um den Erhalt der Übermacht der Geld- und Machteliten, um eine dauerhafte Unangreifbarkeit des gesellschaftlichen Ist-Zustandes. Jeder Widerstand gegen die Verteilungslogik des Marktes soll von vorneherein als zwecklos erscheinen. „Indem sich die Diktatur des Kapitals hinter blinden und anonymen ‚Gesetzen des Marktes‘ verschanzt, zwingt sie uns die Vorstellung einer geschlossenen und unveränderlichen Welt auf. Sie verwirft jede menschliche Initiative, jedes geschichtliche Handeln, das aus der subversiven Tradition des noch nicht Bestehenden, noch nicht Erreichten, mit einem Wort: der Utopie, hervorgeht. Sie sperrt die Zukunft aus.“ So der Schweizer Jean Ziegler.

Gegen diese Anmaßung des pseudoreligiösen Fatalismus, der die Menschen mundtot und resigniert halten will, gilt es, den prophetischen Zorn im Namen des lebendigen Gottes der Bibel aufleben zu lassen. Der Zorn ist das komplementäre Gegenstück zur Compassion. Wer in Mitleidenschaft die Opfer und Verlierer erreichen will, dem fällt es schwer, nicht zornig zu sein auf jene, die ihnen die Leiden zufügen. Der Zorn, solange er sich von biblischen Koordinaten bestimmen lässt, stellt eine enorme konstruktive Energie zur Verfügung. Und zwar in zweierlei Richtung.

Zum einen geht es um die Entlarvung des Götzen. Der Neoliberalismus mit seinem TINA-Prinzip (There is no alternative!) ist als eine Struktur der Sünde zu demaskieren. Er raubt den Menschen die Hoffnung auf Veränderung der Verhältnisse und damit auf ein besseres Leben, indem er ihnen die geschichtliche Gestaltungsfähigkeit aus der Hand schlägt. Das Unwort des Jahres 2010 „alternativlos“ ist in diesem Sinn ein zutiefst gotteslästerliches, ja gottloses Wort. Biblische Prophetie aber stellt im Namen des geschichtsmächtigen Gottes dieses gesamte System in Frage. „Der Prophet vertritt die Opposition Gottes gegen die Welt. Das ist seine Berufung.“ So der religiöse Sozialist Leonhard Ragaz. Als Sprachrohr des biblischen Gottes stellt er sich auf die Seite der Opfer dieses Systems und fordert in der konkreten Situation neoliberaler Unterdrückung eine andere, eine menschengemäßere, d.h. der Würde des Menschen entsprechende, und im Übrigen auch sachgerechtere Wirtschaftsordnung.

Neben der Entlarvung hat die biblische Prophetie zum anderen auch Visionen zu pflegen und als Hoffnungsszenarien in den gesellschaftlichen Diskurs einzuspeisen. Visionen sind für die herrschenden Verhältnisse und die dadurch Privilegierten gefährlich. Sie verweisen mit ihrem noch uneingelösten Möglichkeitspotential auf denkbare künftige Praxisvarianten und kippen damit die Alternativlosigkeit des gegenwärtig Gültigen. Das subversive Utopiereservoir der Reich Gottes Botschaft ist die vielleicht nachhaltigste Infragestellung des real existierenden Neoliberalismus. Vor dem Hintergrund des biblischen Schalom tritt die heimtückische Armseligkeit des Götzen besonders drastisch hervor: Eine bessere Welt ist möglich! Alles andere ist eine interessengeleitete bewusste Täuschung.

Predigtvortrag von Dr. Manfred Böhm am 19. März 2016 in St. Klara. Bildnachweis: http://www.arbeitnehmerpastoral-bamberg.de/

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