Das Angebot von Grossen Exerzitien im Alltag 2025/2026 hat im ganzen deutschen Sprachraum viele angesprochen und motiviert, sich in Gruppen auf den Weg zu machen. Hildegard Aepli, Annette Schleinzer und Mirjam Wey haben gemeinsam das Begleitbuch erarbeitet und berichten von der spirituellen Bewegung, die sie ausgelöst haben.
1. Ein ökumenisches Projekt mit grosser Resonanz
Über 90 Gruppen aus der Schweiz, Deutschland und Österreich sind gemeinsam auf einen sechsmonatigen geistlichen Weg gegangen. Nie hätten wir – die drei Autorinnen des Begleitbuches und dieses Artikels gedacht, dass dieses Projekt eine so grosse Resonanz finden würde. Unser Begleitbuch wurde über zwei Copyshops 2’500-mal gedruckt und an offiziell ausgeschriebene Gruppen, Hauskreise oder Einzelpersonen verschickt. Gemeinsam starteten wir diesen Weg am Sonntag, 16. November 2025 in der Kathedrale St.Gallen. Abschluss wird der Pfingstmontag, 25. Mai 2026 im Berner Münster sein. Was als kleines Experiment begann, entwickelte sich zur Bewegung.
Angespornt durch die positiven Erfahrungen mit dem Angebot von Grossen Exerzitien im Alltag 2021/2022 im 175 Jahr-Bistumsjubiläum des Bistums St.Gallen, entwickelten wir ein zweites Begleitbuch unter dem Titel «Gott einen Ort sichern». Biblische Impulse zu den Sonntagsevangelien kombinieren wir mit Texten von Madeleine Delbrêl. Was vor wenigen Jahren als Versuch im Bistum St.Gallen begann, hat sich zu einer ökumenischen Bewegung entwickelt: Die Grossen Exerzitien im Alltag ziehen immer weitere Kreise.
2. Imposanter Auftakt in St.Gallen
Der offizielle Start fand am 16. November 2025 in der Kathedrale St.Gallen statt mit rund 400 Teilnehmenden. Wem es nicht möglich war, nach St.Gallen zu reisen, der und die konnte den Gottesdienst über den Livestream der Kathedrale miterleben. Nach dem gemeinsamen Mittagessen referierte Dr. Annette Schleinzer. Der Anlass endete mit einer persönlichen Segnung aller Anwesenden. Ihnen wurde für den sechsmonatigen Weg einzeln mit Zitat von Madeleine Delbrêl zugesprochen: «Die Liebe ist deine einzige Aufgabe.»
3. Eine wachsende Sehnsucht nach Tiefe und Gemeinschaft
Es scheint ein Momentum zu sein für das Format der Grossen Exerzitien im Alltag. Es zeigt sich, dass viele Menschen Sehnsucht nach geistlicher Vertiefung, nach Erwachsenwerden als Gläubige, nach einem Übungs- und Erfahrungsweg im Alltag haben. Mit der Zusage zu diesem 6-monatigen Weg, gehen die Teilnehmenden eine grosse Verbindlichkeit ein. Sie lassen sich täglich auf persönliches Beten und auf monatliche Gruppentreffen ein. Einige tun dies auch online. Hier finden sie Gleichgesinnte – Suchende in der Gottesbeziehung und passenden Glaubensausdruck.
Diese Grossen Exerzitien boomen – weil sie Herz, Glauben und Gemeinschaft auf neue Weise verbinden.
Hier wird Gemeinschaft erlebt über den Austausch der eigenen Erfahrungen. Hier wird gesungen, getanzt, gebetet und Stille angeleitet. An vielen Orten wird den Teilnehmer:innen zusätzlich die geistliche Begleitung empfohlen, um einmal pro Monat im Vieraugengespräch über Wegetappen, Widerstände und auftretende Fragen sprechen zu können. Zugleich fördert das Projekt die Ökumene, da sich in vielen Gruppen Katholikinnen, Reformierte und Freikirchliche gemeinsam auf diesen Weg begeben. Eine Teilnehmerin sagt: «Diese Grossen Exerzitien boomen – weil sie Herz, Glauben und Gemeinschaft auf neue Weise verbinden.»
4. Madeleine Delbrêl: Prophetin für die Zukunft einer tanzenden Kirche
Auch Madeleine Delbrêl scheint ein Momentum zu sein für die geistliche Vertiefung. Diese «Mystikerin der Peripherien» (Papst Franziskus), die 30 Jahre lang in Ivry, einer kommunistisch geprägten Stadt in der Pariser Banlieue gelebt hat, hat ihr Leben lang leidenschaftlich gerne getanzt. So ist es nicht verwunderlich, dass sie darüber nachdenkt, wie sie ihre Liebe zum Tanz mit dem Glauben an Gott verbinden könnte. Daraus ist eines ihrer bekanntesten Gedichte entstanden: „Der Ball des Gehorsams“.
Das Leben mit Gott tanzen. Sich vertrauensvoll seinen Armen überlassen, was auch kommen mag. In die Musik seines Geistes einschwingen. Schwerelos sein. In Bewegung bleiben. Das eigene Dasein, ja den eigenen Lebensweg als einen „Tanz in den Armen Gottes“ verstehen. Auch das Dunkle und Schwere darf darin seinen Platz haben. Und das alles mitten im Alltag mit seinen Herausforderungen. Das macht Madeleine Delbrêls Spiritualität aus.
Es war uns dann bald klar, wie sehr ihr Lebenszeugnis und ihre Texte einen durchgängigen roten Faden im zweiten St. Galler Konzept der Grossen Exerzitien im Alltag bilden können. Ob es darum geht, eine zeitgemässe, bodenständige Alltagsspiritualität für die «Leute vom gewöhnlichen Leben» zu finden – oder um die Frage nach der Verkündigung des Glaubens in einer säkularen Umgebung: Die Erfahrungen von Madeleine Delbrêl sind aktuell und wegweisend. Nicht von ungefähr gilt sie deshalb als Prophetin für eine erneuerte Kirche.
Das war offensichtlich auch die Überzeugung von Papst Franziskus: denn in seinem Grusswort zum Abschluss der Weltsynode am 26.10. 2024 hat er einige Passagen aus Madeleine Delbrêls Gedicht „Der Ball des Gehorsams“ [in: Du lebtest, und ich wusste es nicht, Verlag Neue Stadt 2023, 79] zitiert:
„Gib, dass wir unser Dasein leben
Nicht wie ein Schachspiel, bei dem alles berechnet ist,
Nicht wie einen Wettkampf, bei dem alles schwierig ist,
Nicht wie einen Lehrsatz, bei dem wir uns den Kopf zerbrechen,
Sondern wie ein Fest ohne Ende, bei dem man dir immer wieder begegnet,
Wie einen Ball,
Wie einen Tanz,
In den Armen deiner Gnade,
Zu universalen Musik der Liebe“.
„Diese Verse können“, so der Papst, „die Hintergrundmusik sein, mit der wir das Schlussdokument aufnehmen“. Sie sind auch die Hintergrundmusik für die Grossen Exerzitien im Alltag geworden.
5. Resonanz der Teilnehmer:innen
Zusammenfassend hält Mirjam Wey fest: «Als kirchliche Mitarbeitende darf ich im Zusammenhang mit diesen ökumenischen Grossen Exerzitien im Alltag ein wahres ‚Wunder‘ erleben. In den dreissig Jahren als Pfarrerin im ländlichen und urbanen Umfeld sah ich, wie die vielfältigen kirchlichen Angebote immer weniger nachgefragt waren. Viele Ressourcen wurden in Innovation gesteckt. Einiges fruchtete, anderes verpuffte, manches hatte keine nachhaltige Wirkung. ‚Grosse Exerzitien im Alltag‘ – so unsexy ist der Name dieses Projekts, so traditionell und unspektakulär, so leise dieser geistliche Weg und doch: Gerade ein solches Angebot scheint den seelischen Nerv unserer Zeit zu treffen. Ich darf aktuell drei Gruppen von Menschen auf dem grossen Weg der Exerzitien in ihrem je eigenen Alltag begleiten. Von ihnen habe ich nach gut zwei Monaten Rückmeldungen auf ihren bisherigen geistlichen Prozess eingefangen».
Stimmen von Teilnehmer:innen bestätigen diesen Gesamteindruck und konkretisieren ihn: «Ich habe mich schnell wohl gefühlt, dazusitzen jeden Morgen ‘am Brunnen’» (P.St.). «In der täglichen Einkehr empfinde ich es so, als ob mich jemand wie an die Hand nimmt und mich dort sicher hindurchbegleitet und ich dabei immer ein Stückchen weiter im tiefsten Kern bei mir ankomme» (A.K.). «Wenn ich am Sonntag jeweils meine Notizen durchlese, dann staune ich immer wieder, was sich bewegt hat in mir, was mich berührt hat. Und es ist mehr, als ich dachte» (V.H.). «Auch wenn ich täglich allein in meinem Stübchen sitze, weiss ich, dass so viele andere wie ich auf dem Weg sind. Das ist unglaublich unterstützend und kostbar» (K.K.). «Die Grossen Exerzitien sind für mich zu einem roten Faden im Alltag geworden, zur Grundmelodie» (A.-M.St.). «Gott diesen Ort im Alltag zu geben mit der Hilfe einer textgeführten Meditation, verbunden mit vielen andern Menschen, bedeutet mir, eingebunden zu sein in ein grosses Ganzes» (A.St.). «Die Übungszeit ist mir zur Freudenzeit geworden. Sie nährt, sie gibt Struktur und hilft mir konkret bei Alltäglichem. Diese stille Zeit mit Gott trägt! Meine Tage erhalten ein anderes Gewicht und Gepräge. Es ist mehr Gott drin» (D.H.).
6. Ein Beitrag zur Suche nach einer synodalen Kirche
In der St.Galler Exerzitiengruppe findet der monatliche Austausch in Form eines synodalen Gesprächs statt. Die 40 Teilnehmer:innen bleiben dafür im gleichen Raum und bilden 5-er Stuhlkreise. Sie werden angeleitet, auf die vergangene Zeit zurückzublicken. Nach Gebet und Stille bekommt jede Person 2 Minuten zum Erzählen. Nach einer weiteren Stille teilen wieder alle etwas davon, was das Zuhören bewirkt hat. Ein Gong gibt für alle die Zeit an. Im Plenum nach der ersten gemachten Erfahrung ging es um die Frage, ob diese Austauschform weiterhin gewünscht würde. Das Echo war eindeutig:
- Ich darf zweimal zwei Minuten mit meinen Erfahrungen füllen. Das fühlt sich einfach grossartig an.
- Wir kannten uns in unserer 5-er-Gruppe nicht. Der Austausch wurde so persönlich, ja eigentlich intim.
- Eine unglaublich bereichernde Erfahrung: Wir waren 40 Leute im Raum und konnten einander doch in aller Ruhe zuhören.
- Eine Erfahrung der Gleichberechtigung: Alle bekommen gleich viel Raum zum Teilen von Erfahrungen. Allen wird gleich zugehört.
- Der Stress mit Langrednern, die den Schluss nicht finden, entfällt. Der Gong bringt diesen Punkt.
- Es ist für mich eine Pfingsterfahrung: Wir sind im Zuhören zu einer wirklichen Einheit geworden.
7. Weiter im Schwung dieser Erfahrung: Grosse Exerzitien im Alltag 2028/2029
Die durchwegs guten Rückmeldungen mit dem Format von Grossen Exerzitien im Alltag bringen es mit sich, ein Nachfolgeprojekt anzudenken. Dieses steckt noch in den Anfängen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass das nächste Projekt mit Grossen Exerzitien im Alltag am 1. Advent 2028 starten wird.
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Beitragsbild: zVg


