„Gott in der Krise“: Pandemie und Glaube zwischen Historie und Heute

Kommt mit einer Pandemie auch Gott selbst in die Krise? Andreas Holzem skizziert historische Schlaglichter, die in einem Tübinger Podcast (ARD-Audiothek) zu hören sind.

Täuscht man sich bei dem Eindruck, dass die großen Kirchen auf die Bedrohung durch das Corona-Virus vorwiegend organisatorisch, kaum aber theologisch reagiert haben? Dabei wäre Gottesrede dringlicher denn je: Ist der ‚liebe Gott‘, der nicht hilft und rettet, ein liebender, aber schwacher Gott? Oder haben gar die Konservativen und Evangelikalen ein Argument, wenn sie auf eine moralisch aus den Fugen geratene Gesellschaft verweisen, der ein mächtiger Gott pandemisch den Spiegel vorhalte?[1]

Die derzeitige Gottesverstörung hat historische Wurzeln.

Die derzeitige Gottesverstörung hat historische Wurzeln. Corona ist historisch neu, aber Pandemien als solche sind es nicht: „Damals brach eine Seuche aus, die fast die gesamte Menschheit dahingerafft hätte. Denn die Heimsuchung beschränkte sich nicht auf einen Teil der Erde und dauerte auch nicht bloß eine Jahreszeit, sie schädigte alle Menschenleben und schonte weder Naturanlage noch Alter.“ Der spätantike Historiker Prokop von Caesarea berichtet so über die ‚Justinianische Pest‘, die sich ab 541 n. Chr. rasant verbreitete. Menschen erlebten das nicht weniger dramatisch als wir angesichts der Bilder von Bergamo oder Mumbai. Sie beschrieben präzise die medizinischen Symptome und sahen deutlich die ökonomischen Folgen.

Für die religiöse Deutung und praktische Bewältigung bezogen sie sich auf biblische Texte über den Strafzorn Gottes. So notierte der Chronist Johannes von Ephesos über die Pandemie des 6. Jahrhunderts: „Nun, am Beginn unserer Erzählung, hat sich der Prophet Jeremia als besonders hilfreich erwiesen. Er ist erfahren darin, Klagelieder anzustimmen über den Untergang seines Volkes. So war er uns ein Vorbild, um zu schreiben über diese vielen Städte, die Gottes heftiger Zorn in eine Weinkelter verwandelt hat, deren Bewohner er erbarmungslos wie Trauben zertritt.“

Menschen der Spätantike erlebten eine Pandemie nicht weniger dramatisch als wir angesichts der Bilder von Bergamo oder Mumbai.

Auch Karl der Große im westlichen Frühmittelalter hatte seine ganze Politik auf das Deutungsschema des Tun-Ergehen-Zusammenhangs gebaut: Nehme Gott ernsthaften Glauben wahr, lege er Segen auf das Fränkische Reich. Doch sein Sohn Ludwig der Fromme sah sich in den 820er Jahren konfrontiert mit einer Serie von Krisen und Seuchenzügen:  „Wer hätte nicht bemerkt, dass Gott durch unser unrechtes Handeln erbost ist und sein Zorn mit allerlei Geißeln in dem von ihm uns anvertrauten Reich tobt […]?“ 828/29 verfasste der Mönch Einhard einen Bericht über die Ursachen, nämlich die „mannigfachen Vergehen derer, die über dem Volk stehen. Diese lieben Gefälligkeiten und nicht die Gerechtigkeit. Sie fürchten den Menschen mehr als Gott. Sie unterdrücken die Armen. Sie lassen niemandem Gerechtigkeit widerfahren außer dem, der sie erkauft.“ Es sind die Eliten der Gesellschaft, die sich am Volk und damit gegen Gott versündigen: „Denn sie sind wortbrüchig und lügnerisch, weil sie sich nicht bemühen, ihr Taufversprechen einzuhalten.“

Man dachte sich den Austausch mit Gott als Austausch von Pflichterfüllung und Wohlergehen.

Die Deutung der Pandemie blieb durch und durch religiös, aber als Gegenmaßnahme wurde Verantwortung eingefordert von Bischöfen, Grafen und anderen Großen, ein Ende von Korruption, Bereicherung und Unterdrückung, wirksamer Schutz der Kirchen und Förderung des Gottesdienstes. Man dachte sich den Austausch mit Gott als Austausch von Pflichterfüllung und Wohlergehen. Dahinter stand auch die Hoffnung auf eine Art kosmischer Gerechtigkeit, weil man nur sehr begrenzt in der Lage war, die Ursachen von Katastrophen zu verstehen und deren Folgen zu mildern.

Aber schon die Renaissance des späten Mittelalters kritisierte diese Vorstellung. Seit der Mitte des 14. Jahrhunderts war die Pest mit schrecklichen Folgen nach Europa zurückgekehrt. 1482 verfasste der Nürnberger Arzt Hans Folz sein „Pestregimen“. Er schrieb „im Namen Jesu Christi“, aber er dachte medizinisch und seuchenhygienisch, um „die Kräfte des Menschen unzerstört zu bewahren, das Herz und Hirn zu stärken.“ Er weigerte sich anzuerkennen, dass die Pandemie ein Gottesverhängnis sei. Den Hyperfrommen entgegnete er, Gott habe schließlich Ärzte und Arzneien erschaffen. Durch moralisierenden Fatalismus würden die Menschen bloß „in Verzagtheit geführt“. Stattdessen empfahl er Gottvertrauen, Körperhygiene und gesunde Ernährung. Wer könne, solle weit fortgehen. Öffentliche Zusammenkünfte in Kirche, Markt, Gasthaus und Badestube müssten unterbleiben. Schließlich folgt eine lange Auflistung von Arzneien.

Gott braucht es nicht, durch rituellen Aktivismus besänftigt zu werden.

Gott braucht es nicht, durch rituellen Aktivismus besänftigt zu werden. Ein Christ, eine Christin sein heißt Gott zu vertrauen, statt Angst vor ihm zu haben. Die Natur tut, was sie tut; sie bringt auch Menschen um vor der Zeit. Aber wir stellen uns darauf ein, indem wir unser Gemüt in inneren Ausgleich bringen und mit medizinischem Fachwissen Maß halten, Hygiene lernen und Lockdown verfügen. Das ist eine ‚humanistische‘, die Erkenntnismöglichkeiten und Handlungsoptionen des Menschen realistisch abschätzende Haltung: Die Welt hat eine Eigengesetzlichkeit und läuft nach ihren Regeln ab. Aber die Menschen brauchen nicht zu verzagen, sondern können handeln. In alledem bleibt Gott – oder: wird wieder – ein Geheimnis. Wir können nicht in Gottes Wesen eindringen, aber sind auch nicht machtlos seinem Zorn ausgeliefert. Im Vertrauen auf sein Wort können wir tun, was sich als vernünftig erwiesen hat.

Das Drama der Spanischen Grippe

Die Aufklärung und das naturwissenschaftliche 19. Jahrhundert schufen neue Bedingungen. Was das bedeutete, zeigte sich erstmals während der ‚Spanischen Grippe‘, die in den Jahren 1918/19 weltweit 27–50 Mio. Menschenleben forderte. Gerade junge, starke Menschen erkrankten und erstickten qualvoll, mehr Frauen als Männer, denn deren Reihen hatte schon der Krieg dramatisch gelichtet. In Amerika konnte ein striktes Management des öffentlichen Lebens die Ausbreitung verlangsamen. Nicht so in Deutschland: Das Trauma des verlorenen Weltkriegs und die krisengeschüttelten Anfänge der Demokratie überlagerten das Seuchengeschehen. Man hatte sich an das große Sterben gewöhnt; die Pandemie schlug in der Öffentlichkeit kaum Wellen; weil man den Erreger nicht kannte, konnte man weder präventiv impfen noch wirkungsvoll behandeln.

Zur ‚Spanischen Grippe‘ wussten die Kirchen nicht mehr zu sagen, als die staatlichen Hygienemaßnahmen anzuempfehlen.

Die Kirchen blieben bemerkenswert still. Der Strafzorn Gottes hatte sich im Ersten Weltkrieg verbraucht. Konservativ-kirchliche Kulturkritik hatte das große Verrecken auf den Schlachtfeldern als Gericht über die (Feind-)Völker gerechtfertigt, als Antwort Gottes auf das 19. Jahrhundert: Revolution und Säkularisierung, Individualismus und Kapitalismus, Wissenschaftsgläubigkeit und Zivilisationsstolz. Der Krieg galt als Missionar, der in blutige Ackerfurchen den Samen einer Gesellschaft säte, die zum Christentum zurückfand. Theologie als Machtspiel im technisierten Massensterben – zu viele hatten das desillusioniert durchschaut. Zur ‚Spanischen Grippe‘ wussten die Kirchen nicht mehr zu sagen, als die staatlichen Hygienemaßnahmen anzuempfehlen.

Im Laufe des 20. Jahrhunderts geriet eine Geschichtstheologie von der Allgegenwart der Sünde, die Gottes Zorn provoziert, immer mehr in die Defensive. Zu Recht, denn sie macht die Menschen klein und beschämt. Seit den 1960er Jahren und im Sog eines verkürzten Zweiten Vatikanischen Konzils setzte sich im Wirtschaftswunderland der deutschen Westrepublik der ‚liebe Gott‘ durch, der es mit allen gut meinte, weil es ja sichtbar aufwärts ging. Die bewusste Zerstörung der Befreiungstheologie zog Gott den politischen Stachel, die Reich-Gottes-Idee als Schrei nach Gerechtigkeit einzuklagen. An der Gottesverehrung der Traditionsfrommen ist die bigotte Selbstgerechtigkeit gegen die (post-)moderne Welt das vorwiegend Brisante.

Mit Gott relevant umzugehen ist eine Zumutung …

Ob die Kirchen in der Corona-Krise für das System relevant sind? Wichtiger wäre, ob Gott für Sinn relevant sei.[2] Darüber versucht der Arbeitskreis „Corona & Religion“ ein öffentliches Gespräch anzustoßen mit dem Podcast „Gott in der Krise“ in der ARD-Audiothek.[3] Wie verhält sich die heutige Corona-Bedrohung zu Pandemien der Vergangenheit? Was tritt an die Stelle eines Gottes, der die Menschen für ihre Sünden in Kollektivhaftung nimmt? Eines Gottes, der Glaubensfestigkeit auf die Probe stellt, indem er ihre Leidensfähigkeit herausfordert? Aber eben auch eines harmlos ‚lieben(den) Gottes‘, in dem Entbehrungen, Ängste und Sterben nicht widerhallen? Mit Gott relevant umzugehen ist eine Zumutung…

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Andreas Holzem ist Professor für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte an der katholisch-theologischen Fakultät der Universität Tübingen.

Bild: Andreas Holzem

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Der Podcast ist abrufbar unter: https://audiothek.ardmediathek.de/items/89077846

Weitere Folgen erscheinen Mitte und Ende Juni 2021.

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[1] Vgl. Michael Schüßler: Was heißt in Corona: Erfahrungsbezug von Theologie? feinschwarz.net, 16.11.2020 https://www.feinschwarz.net/was-heisst-in-corona-erfahrungsbezug-von-theologie/ (Abruf 01.06.2021).

[2] Vgl. z.B. Christiane Bundschuh-Schramm, Der Gott von Gestern, in: Publik-Forum 13 (2020), 28-31. Ottmar Fuchs: Der zerrissene Gott. Das trinitarische Gottesbild in den Brüchen der Welt, Ostfildern ³2016. Magnus Striet: Theologie im Zeichen der Corona-Pandemie. Ein Essay, Ostfildern 2021.

[3] https://uni-tuebingen.de/forschung/forschungsschwerpunkte/sonderforschungsbereiche/sfb-923/aktuelles/. Im AK „Corona & Religion“ arbeiten zusammen: Volker Drecoll, Christoph Haack, Andreas Holzem, Sabrina Jost, Beatrice von Lüpke, Klaus Ridder, Michael Schilling, Sebastian Schmidt-Hofner, Federica Viviani und Anna Weininger.

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