Gottfried Bachl – ein begnadeter Zündler

Bachl - ein begnadeter Zündler

Seine Lesefrüchte aus der Lektüre des Gedenkbandes für den Salzburger Dogmatiker Gottfried Bachl (1932-2020) teilt Roman A. Siebenrock.

Zu den Außenseitern des akademischen Theologiebetriebs im deutschen Sprachraum nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil gehört (auch) Gottfried Bachl. Er war aber nicht nur für seine Schüler*innen und Freund*innen mehr als ein Geheimtipp, auch wenn er keine „Schule“ bildete, und so etwas wie einen „Ansatz“ ironisierend zurückwies. Es ist deshalb mehr als nur zu begrüßen, dass Schüler*innen und Freunde einen Erinnerungs- und Entdeckungsband ihm gewidmet haben.

Nach einer Einleitung von Heinrich Schmidinger werden die theologischen Themen, die markante Lebensstation Mauthausen sowie prägnante Aspekte seines Lebens und Werkes durch verschiedenen Autor*innen dargelegt: Poetik, Eros und Liebe, Priestertum. Eine Bibliographie dokumentiert das weitgestreute Werk, literarisch und thematisch.

Meine subjektiv bleibenden Lesefrüchte sollen zur eigenen Lektüre anregen, vor allem der Texte Bachls selbst. Ich bin Bachl nur in Vorträgen oder nebenbei begegnet, habe ihn also nicht gehört und nicht im Freundeskreis erlebt.

Sprachkraft mit spitzem Humor

Noch einmal habe ich erfahren, welchen Prägestock die sogenannte Schultheologie für diese Generation bedeutet hat, die vor dem Konzil nicht nur in Rom ausgebildet wurde. Aber nicht nur die Theologie, sondern auch manche kirchlichen Riten, vor allem die Überhöhung des Priestertums, blieben sein Leben lang eine Abgrenzungsgröße. Bachl konnte daher das „Jahr des Priesters“, das Papst Benedikt XVI. mit dem Vorbild des Pfarrers von Ars zu forcieren suchte, in seiner ganzen Sprachkraft mit spitzem Humor nur zurückweisen. Doch verachtete er deshalb die priesterliche Berufung nicht, weil auch sie Einübung in die Teilhabe an der Freiheit Jesu sein sollte. Auf der anderen Seite ist aber (auch) zu beobachten, wie auch Bachl von dieser Ausbildung zehrt; selbst und noch in ihrer Zurückweisung.

Dies lässt sich sehr deutlich an seiner Auseinandersetzung mit Feuerbach erkennen. Auf der einen Seite sieht er in Feuerbach die Herausforderung, an der sich heutige Theologie abarbeiten müsste. Auf der anderen Seite aber warnt er die Theologie davor, zu sehr sich von diesem Entwurf verführen zu lassen. Denn Feuerbachs These, dass Gott das Bewusstsein für die Unendlichkeit des menschlichen Wesens sei, hält Bachl für die extremste und daher höchst gefährlichste Form eines Götzendienstes. Diese Warnung ist von höchster Aktualität.

Provokation des „schwierigen Jesus“

Seiner Generation war es aufgegeben, nicht nur dieses Theologiemodell, das mit syllogistischer Prägnanz meinte, das Wissen Gottes in der Geschichte behaupten zu können, zu dekonstruieren. Ihr war vielmehr so radikal wie kaum einer anderen Generation zuvor aufgegeben, nach dem Ursprung des christlichen Glaubens und seiner aktuellen Bedeutung rückzufragen. In der Erfahrung der befreienden Begegnung mit Jesus, die faszinierend bleibt, weil sie immer auch schwierig ist, ist der „basso continuo“ Bachls zu vernehmen. Diese befreiende Begegnung mit der Freiheit Jesu hat aber Bachl nicht in neue Schemata eingefangen, sondern poetisch entfesselt. Die Kritik mancher Beiträge an Bachls Weigerung, sich den vielen Genetivtheologien nach dem Konzil anzuschließen, zeigt noch einmal, wie provokativ Bachls Interventionen bis heute sind. Denn auch die heutigen Dogmatiken und freiheitstheologischen Ansätze stehen in der Gefahr, die Provokation des „schwierigen Jesus“ zu entschärfen. Vielleicht ist auch deshalb Bachls Entsagung in einem ganz neuen Sinn prophetisch und zukunftsweisend.

Dieser „basso continuo“ impliziert auch einen höchst zu beachtenden Ansatz im konkreten Alltagsleben der Menschen. So beginnt Bachl seine Überlegungen zur Eucharistie mit Essen und Trinken, also mit der Erfahrung etwas Verzehren zu müssen, um Leben zu können. Dieser Aspekt kontrastiert aber Bachls harsche Zurückweisung einer theologischen Rede von Opfer. Das ist berechtigt im Blick auf die Meinung, dadurch Gott in irgendeiner Weise umstimmen zu wollen. Hier ist Bachls Freiheitstheologie mit der Erfahrung der unbedingten Liebe und Anerkennung in der Botschaft Jesu verbunden. Doch könnte nicht auch in diesem Verzehren-Müssen eine Möglichkeit liegen, auf andere Weise von „Opfer“ zu sprechen; als Hingabe und Gabe?

Mystik der Einweisung in die Freiheit Jesu

Doch eines scheint mir besonders wert zu sein, hervorgehoben zu werden. Immer wieder erfahre ich Bachls „schwieriger Jesus“ und seinen „beneideten Engel“ als Inspiration, die bis heute die Kraft entfaltet, in eine eigentümliche Mystik einzuweisen. Darin sehe ich die Mitte und das brennende Herz seiner Texte und seiner Gestalt: eine Mystik der Einweisung in die Freiheit Jesu, die ihre eigene Würde, Schwierigkeit und Provokation behält und daher nicht in neue Schläuche des Wissens und der Disziplinierung eingefangen werden darf, vor allem nicht in die Gestalt epistemischen, d.h. sicheren und gewissen Wissens. Diese unbedingte Zuwendung der Freiheit Jesu muss vielmehr entweder als Samenkorn ausgestreut, oder noch besser wie Feuer auf die Erde geworfen werden. Insofern halte ich Gottfried Bachl für einen begnadeten „Zündler“.

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Roman A. Siebenrock, Professor für Systematische Theologie an der Theologischen Fakultät Innsbruck

Zur Freiheit befreit

 

Das Buch:
Wilhelm Achleitner, Alois Halbmayr, Heinrich Schmidinger (Hg.), Zur Freiheit befreit. Gottfried Bachl und seine Gottesgeschichten, Innsbruck/Wien (Tyrolia) 2022 (Salzburger Theologische Studien, Band 68), 226 Seiten.

 

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