Grüßen in Coronazeiten

Grüßen in Coronazeiten

Die Kolumne für die kommenden Tage 37

Ein kleines Zunicken, ein Zulächeln, ein kurzes „Grüß Gott“ oder ein zackiges deutsches „Hallo“ – wildfremde Leute bedenken mich seit Wochen beim täglichen Spaziergang mit einem unerwarteten Gruß. Und das mitten in der ansonsten ziemlich anonymen Stadt, wo ich nicht einmal alle meine Nachbarn kenne aufgrund der hohen Frequenz von Aus- und Umzügen derselben.

Wo man früher (also prae-corona) achtlos und manchmal auch rücksichtslos aneinander vorbeigegangen ist, herrscht plötzlich ein völlig anderes Klima. Es wird ausgewichen (und das teilweise in ganz großem Bogen, teilweise so gerade eben mal), man nimmt mit dem Gegenüber Kontakt auf – und irgendwie gibt es so etwas wie eine Komplizenschaft in der Krise: Wir schlagen dem Coronavirus ein Schnippchen. Wir lassen es uns gutgehen und genießen die wunderbaren Frühsommertage zum Spazierengehen. Uns kann dieses Virus nichts anhaben.

Während ich engen Familienmitgliedern und Freunden seit Wochen nur über Telefon, Whatsapp oder Videochat näherkommen kann, sind diese Zufallsbegegnungen die lebendigsten Kontakte des ganzen Tages – und die Freude über lebendige Wesen zeigt sich nicht zuletzt im Gruß. Ich fühle mich zurückversetzt in Kindheitstage am Land, wo selbstverständlich jeder und jede auf der Straße gegrüßt worden ist – egal, ob bekannt oder nicht. Wird die Stadt, das Viertel, das Grätzel oder zumindest die Umgebung des Häuserblocks das neue Land? Gewissermaßen eine Form von Ruralisierung?

Manch freundlicher Gruß ist aber auch so gesagt, dass er deutlich macht: Ich grüße dich, damit du mich wohl sicher bemerkst – und schön weit auf Abstand bleibst. Das kannte ich bis jetzt nur von Mountainbikern, die knapp hinter dem gemütlich Wandernden laut pfeifen, husten oder grüßen (in Ermangelung einer Klingel), sodass man schon vor Schreck fast in den Graben springt. Die aktuellen Abstandsregeln zwingen ja eigentlich auch beinahe zu solch waghalsigen Ausweichmanövern.

Nur im Einkaufsmarkt ist die Kommunikation seltsam verzerrt: Ich begegne vermummten Gestalten. Sie sind hinter Gesichtsmasken, Schals oder Tüchern so versteckt, dass nur die Augen herausschauen und kaum erkennen lassen, ob das Gegenüber mich anlächelt oder angrantelt (was in Wien eh fast dasselbe wäre). Gegrüßt werden von den Kunden nur die heroischen Angestellten. Die anderen Kunden sind Gegner im Kampf um den Platz in der Warteschlange vor der Kasse (nachdem man zuvor den Kampf um die täglich wechselnden Mangelwaren bestritten hat). Am rücksichtslosesten sind hier häufig ältere Personen. Schon mal mit der Ansage: „Reg dich nicht auf; muss eh eher ich sterben, wenn ich mich anstecke.“ (O-Ton aus einem Grazer Supermarkt.) Hier gilt dann: Platz gemacht ist gegrüßt genug.

Autor: Johann Pock ist Redaktionsmitglied und Prof. f. Pastoraltheologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien

Beitragsbild: von Gustavo Fring von Pexels

Print Friendly, PDF & Email