Hans Magnus Enzensberger: ein „katholischer Agnostiker“ wird 90!

Viele Gedichte von Hans Magnus Enzensberger stellen das Natürliche und Alltägliche in einen größeren Horizont. Eine religiöse Offenheit bringt sich im Säkularen zur Sprache. Von Ulrike Irrgang zum Geburtstag.

Er sei ganz gern asynchron, so der Dichter Hans Magnus Enzensberger, der am 11.11.2019 seinen 90. Geburtstag feiert. Zu seinem enzyklopädischen Hinterland, vor dem nahezu jedes Fachgebiet zu lyrischen Würden gelangt, gehört auch seine katholische Herkunft. Deren religiöses und theologisches Vokabular erlangt effektvoll und nicht selten auf humorvoll-ironische Weise eine ungeahnte Expressivität.

Seine Gedichte markieren die offenen Stellen, die auch heute noch nach dem Grund des Seins fragen lassen.

Aber keineswegs allein darum sind die Gedichte Enzensbergers für Theologinnen und Theologen äußerst anregend. Ihr beträchtliches Potential besteht vielmehr darin, religiöse Fragen im Kontext von Säkularisierung, Pluralisierung und dem Abbruch letzter Gewissheiten vernehmbar zu machen. Sie zeigen biblische bzw. theologische Motive im Prozess eines immensen kulturellen Bedeutungsverlustes und markieren zugleich die offenen Stellen, die auch heute noch nach dem Grund des Seins fragen lassen. Dazu beherrscht Enzensberger meisterhaft jene Musikalität der leiseren Töne, die religiöses Fragen als Hintergrundmelodie und in galanter Beiläufigkeit einspielt.

Welche Konturen trägt die religiöse Dimension in Enzensbergers Lyrik, die sich besonders in seinen späteren Gedichten, welche seit Mitte der 1990er Jahre veröffentlicht wurden, zeigt? Eine zentrale Facette dieses religiösen Interesses ist die immer wieder begegnende Gestimmtheit der Dankbarkeit, die in eine lyrische Kontemplation über den unverdienten Reichtum der empfangenen Wohltaten und den Adressaten des Dankes führt.

… „warum Gott die Menschen niemals in Ruhe läßt, umgekehrt auch nicht.“

Enzensbergers wohl bekanntestes Gedicht Empfänger Unbekannt – Retour à l’expéditeur verleiht einem umfassenden Lebensdank Ausdruck. Zugleich erklärt es die moderne Unkenntnis des Adressaten dieses Dankes. Die hier verdichtete Grundhaltung bezeichnet der Philosoph Dieter Henrich als »kontemplative Dankbarkeit« und sieht in ihr eine der kraftvollsten Wurzeln des religiösen Glaubens.

Enzensbergers (spätere) Gedichte verleihen dieser »kontemplativen Dankbarkeit« Ausdruck: Immer wieder thematisieren sie Erfahrungen eines transzendentalen Begünstigtseins durch das uns Vor-Gegebene, dessen Warum und Woher niemand kennt, und das sich doch als Frage immer wieder in die Tagesordnung des Dichters schiebt, der darüber grübelt, „warum Gott die Menschen niemals in Ruhe läßt, umgekehrt auch nicht.“

Die »kontemplative Dankbarkeit«, die nach Henrich über erfahrene Wohltaten weit hinausgreift und sich vielmehr auf das Leben als Ganzes richtet, das auch nicht hätte sein können, mündet bei Enzensberger sogar im humorvollen Versuch einer Astronomischen Sonntagspredigt. Sie ruft in Erinnerung, dass es trotz aller geschichtlichen Abgründe in diesem „Irrenhaus“ auf dem „Neptun“ noch „viel ungemütlicher wäre. Amen.“ So rufen nicht wenige der Gedichte Enzensbergers die unbemerkten Wunder unseres doch recht „günstigen Wandelsterns“ ins Bewusstsein.

„Agnostische Schöpfungsfrömmigkeit“: Das Wunderbare des Natürlichen wird hervorgehoben. Die angebliche Genialität menschlichen Könnens wird relativiert.

Damit ist eine weitere Signatur des Enzensbergerschen religiösen Interesses angesprochen: die Reflexion der Kreatürlichkeit und das Staunen über das Natürliche, welche als „agnostische Schöpfungsfrömmigkeit“ bezeichnet werden kann. Gern greifen Enzensbergers Gedichte Einzelphänomene der Natur heraus, wie das Gehirn einer Fliege oder den Löwenzahn, um diese spannungsvoll mit Fachvokabular aus Wissenschaft und Technik, etwa der Jupitersonde oder dem Mikroprozessor, zu kontrastieren.

Mittels dieser „dialektischen Optik“ wird durch das paradoxe Gegenüberstellen und Ineinanderfügen verschiedenster Wirklichkeitsbereiche und Sprachspiele ein offener Denkraum erzeugt. Das Wunderbare des Natürlichen wird hervorgehoben. Die angebliche Genialität menschlichen Könnens und technischer Errungenschaften wird relativiert.

Gedichte wie Das Einfache, das schwer zu erfinden ist oder Terminal B, Abflughalle eröffnen zwischen den Zeilen die Frage nach dem „Erfinder“ des Natürlichen. Eine Transzendierungsbewegung setzt dabei bei der staunenden Wahrnehmung des Natürlichen an, der aisthesis. Den Dichter interessiert der Überschuss, den das Natürliche aus sich entlässt. Diesen gilt es ins Wort zu heben, zwischen den Worten auszuspannen.

„Genügsame Metaphysik“ markiert die Schwelle, an welcher sich eine Transzendierungsbewegung ereignen kann.

In Enzensbergers Gedichtband Blauwärts findet sich ein treffender Ausdruck für die von ihm favorisierte dichterische Gestalt philosophisch-theologischer Reflexion: Genügsame Metaphysik. Viele Gedichte lassen genau jene Denkbewegung einer „genügsamen Metaphysik“ erkennen, welche metaphysisches Fragen auf dessen eigentlichen Wortsinn zurückführt: Es geht darum, das »meta«, das die »physis« aus sich entlässt, zur Sprache zu bringen.

Genügsam wie sie ist, entzündet sich jene Metaphysik am Natürlichen, oft Übersehenen, z.B. dem Laubfrosch. Auch ist sie deswegen genügsam, weil sie die Räume des Absoluten nicht auskundschaftet. Sie markiert lediglich die Schwelle, an welcher sich eine Transzendierungsbewegung ereignen kann.

Unter einer oftmals gewitzten Oberfläche verhandeln Enzensbergers Gedichte große Lebensfragen.

Immer wieder wird erkennbar, dass Enzensberger ein wahrhaft philosophischer Dichter ist. Er kennt sich mit der philosophischen und theologischen Tradition Europas bestens aus und versteht die großen Fragen der Metaphysik lyrisch zu re-kontextualisieren – bevorzugt im Alltag oder beim staunenden Betrachten einer Vogelfeder. Unter einer oftmals gewitzten Oberfläche verhandeln Enzensbergers Gedichte große Lebensfragen.

Ganz und gar nicht asynchron, und wenn überhaupt, dann ihrer Zeit voraus, erscheinen jene Gedichte Enzensbergers, die sich um das Motiv der Entbehrlichkeit drehen. Das Nachdenken darüber, was und wer alles entbehrlich ist, nimmt fast programmatische Züge an. Schon Mitte der 1990er Jahre, als noch kaum jemand den Minimalismus als Lebensform kultivierte, schlug Enzensberger ein Minimalprogramm vor, welches Verzicht und Unterlassen als Genuss beschreibt und als Bedingung dafür, manches sehen zu können.

Überhaupt verlassen sich die Gedichte Enzensbergers auf das „Weniger“, das „Leichter“ und das „Geringfügiger“. Dies korreliert mit einer Welterfahrung, die die Wirklichkeit als Sich-Entziehende wahrnimmt. Festhalten lässt sich nichts. Auch auf die eigene Leistung lässt sich nicht bauen. So thematisieren Enzensbergers Gedichte auch immer wieder die Einsicht in die eigene Nichtigkeit, z.B. im Gedicht Die Visite, in der ein Engel die Botschaft der eigenen Entbehrlichkeit überbringt.

Produktive Gedankenexperimente mit „Gott“

Sogar die Gottesperspektive selbst wird zum Gegenstand überraschender Gedankenexperimente in Enzensbergers späteren Gedichten. Der apophatische Grundzug, der Enzensbergers Gedichte durch und durch prägt, befreit zu einem produktiven Spiel mit neuen Gottesmetaphern, die mit seiner historischen Erfahrung korrelieren. So erscheint „Gott“ als übermüdeter und zerstreuter Naturwissenschaftler, der seine Probe „Universum“ verschläft, als „wahnsinniger Verschwender“ oder als die Laufmaschen der Welt stopfende alte Frau.

Diese Gottesfigurationen ermöglichen eine Totalansicht auf Welt und Geschichte, über die die kosmische Randständigkeit und Nichtigkeit der Gattung Mensch artikulierbar ist. Als schöpferische Erstinstanz fungieren diese Gottesmetaphern zwar, aber ihr Weltverhältnis ist von Müdigkeit, Zerstreutheit, gar Blindheit geprägt. Damit erscheinen sie als theismuskritische Gegenbilder zu einem geschichtsmächtigen, omnipotenten Gott. Gerade hier ist inmitten eines bleibend (religions-)kritisch-distanzierten Verhältnisses zu klassischen Gottesvorstellungen der Versuch erkennbar, die Gottesperspektive auf dekonstruierend-schwache Art wiederzugewinnen.

„Sucher nach Transzendenz in Mülleimern und in Bibeln“

Dass Fragen nach Gott oder der Unsterblichkeit der Seele zu anachronistischen Unterfangen geworden sind, blenden Enzensbergers Gedichte keineswegs aus. Im Gegenteil, mit Hilfe eingestreuter Floskeln wie „Wie war doch der Name gleich?“ oder „Auch so ein Fremdwort“ in Bezug auf religiöse Grenzbegriffe wie „Seele“ oder „Gnade“ inszeniert er seine religiöse Tradition als etwas gerade noch schwach Erinnertes und Fremdgewordenes. Es muss aus den Tiefen des Unterbewusstseins erst einmal hervorgekramt werden.

Das Suchen „nach Transzendenz in Mülleimern und in Bibeln“, wie er es als junger Mann einmal formuliert hat, bleibt eine wesentliche Inspirationsquelle für den Dichter. Und Enzensberger ist ja, wie gesagt, ganz gern asynchron, denn „Angst vor dem Anachronismus kann sich keiner leisten, der der Idiotie der Gleichzeitigkeit entrinnen möchte.“[1] Dies ist ihm ein Leben lang gelungen! Herzlichen Glückwunsch!

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Autorin: Ulrike Irrgang, Dr. phil., ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Systematische Theologie am Institut für Katholische Theologie der Technischen Universität Dresden. In diesen Tagen erscheint ihre Dissertation: „Das Wiederauftauchen einer verwehten Spur.“ Das religiöse Erbe im Werk Gianni Vattimos und Hans Magnus Enzensbergers.

Bild: Buchcover: Hans Magnus Enzensberger, Gedichte 1950–2020, Berlin 2019 [Ausschnitt].

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[1] Hans Magnus Enzensberger, Der fliegende Robert. Gedichte – Szenen – Essays, Frankfurt a. M. 1989, 305f.

Die im Text zitierten Gedichte entstammen folgenden Gedichtbänden: Gewimmer und Firmament (Landessprache, 1962); Empfänger Unbekannt – Retour à l’expéditeur, Minimalprogramm, Die Visite, Ein Vorwurf (Kiosk, 1995); Tagesordnung, Wissenschaftliche Theologie, Das Einfache, das schwer zu erfinden ist, Terminal B, Abflughalle, Die große Göttin (Leichter als Luft, 1999); Astronomische Sonntagspredigt (Die Geschichte der Wolken, 2003); Genügsame Metaphysik (Blauwärts, 2013).


Von der Autorin bereits bei feinschwarz.net erschienen:

Andernorts. Religiöse Themen in der Dresdner Theater- und Kulturszene

 

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