Heiligenschein in Novembersuppe

Miriam Penkhues schwebt mal kurz über dem Boden, Novembertristesse hin oder her.

In den ersten schmuddeligen Tagen des Novembers beschäftigt sich die katholische Welt verlässlich mit ihren Heiligen. Gott sei Dank! Denn im Nebel braucht´s was, das leuchtet, und sei es ein Heiligenschein.

Ich stelle mir persönlich und manch einem um mich rum hin und wieder die Frage: Gibt´s eigentlich auch Heilige außerhalb vom Blattgold und Brokat unserer Kirchen? Hm. Gestern hab ich einen langen Spaziergang am Main gemacht. Zusammen mit einer Kollegin, die mir in den vergangenen Monaten immer vertrauter geworden ist. Sie ist kein lauter Mensch. Hört mehr zu als dass sie redet. Verteilt freudig und begeistert positives Feedback an alle. Vor allem an die, die mit neuen Ideen um die Ecke kommen. Und sie sprüht vor Kreativität. Moment, halt, das tu doch ich! Oder … nein … wir tun es gemeinsam, weil wir uns anstecken.

Wenn ich ihr von einer Idee erzähle, dann sieht sie immer schon ihre Potentiale und Möglichkeiten. Sie zieht den Kreis nicht klein und eng. Ihre Gedanken wandern immer weiter zu den ganz großen Themen: Wie können wir die Welt besser machen? Gerechter, gleichberechtigter, schöner und fairer? Und zwar gemeinsam. Sie ist keine Einzelkämpferin. Sie spielt im Team. Immer. Und das, was sie sagt lässt mich dann auch von dem ganz großen Wurf träumen. Da kommt Licht in meine Welt. Das inspiriert mich. Ich spür schon die Luft unter meinen Flügeln. Da bekomm ich sofort Lust, etwas auszuprobieren. Egal wie es ausgeht.

So kann unser digitales Weihnachtsfest für Alleinlebende kommen #gemeinsamgegeneinsam. Und wir wollen Künstler*innen engagieren und unterstützen, die Lust haben digital gemeinsam Weihnachtslieder zu singen, weil ja wegen Corona… #callforsongs. Und vielleicht finden wir ja eine*n tolle*n Schauspieler*in, die mit uns die Weihnachtsgeschichte liest #sangundklanglos. Da spür ich #zusammenHALT.

Aber ach, schon melden sich die bekannten Fragen: Wie verkaufen wir unsere Idee unserer trägen Institution? Welche systemischen Bedenkenträger sehen wir schon wieder rummäkeln? Wer muss strategisch mit an Bord, damit wir wenigstens schon mal kleine Schritte auf unsere große Idee hin gehen können? Und wo bekommen wir das Geld für die Kunstschaffenden her?

Wenn diese Fragen kommen – dann ächzt sie einmal kurz auf.  Sie kennt das System auch und weiß wie es gespielt werden will. Und dann kommt der Plan, alles kein Problem. Ihre Augen funkeln, und zackzack – die ersten Schritte sind da. Sie ist organisiert, weiß was wann mit wem wie zu tun ist. Ich liebe es so zu arbeiten. Das große Ganze zu sehen und die kleinen Schritte und Wege dahin auf ein Trelloboard zu stellen und zu ahnen: Hey, das könnte richtig, richtig gut werden. Vielleicht schaffen wir es sogar, diesmal die kirchliche Bubble platzen zu lassen und was Geiles mit „den Menschen da draußen“ zu machen. Einfach die Welt ein bisschen besser. Weil wir Hoffnungsmenschen sind.

Gestern bin ich jedenfalls von meinem Spaziergang nach Hause gekommen und hatte das Gefühl, ein bisschen über dem Boden zu schweben. Ich fühlte mich so beflügelt vom unserem Gespräch. So stell ich mir meine Kirche in der Zukunft vor: den Kreis nicht zu eng gezogen, sondern groß und weit. Ob meine Kollegin heilig ist, können Theolog*innen von mir aus irgendwann mal beurteilen. Für mich war da gestern jedenfalls ein Stück von einem Heiligenschein in der Novembersuppe. Da bleib ich dran.

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Text: Miriam Penkhues, Leiterin der Pilgerstelle im Bistum Limburg. Am liebsten zu Fuß unterwegs. Experimentiert seit Ostern 2020 mit digitalen Gottesdienstformaten. Wer mehr zum digitalen Weihnachtsfest erfahren will findet dies unter www.zusammenhalt.bistumlimburg.de.

Bild: Miriam Penkhues

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