Martin aus der Sicht der Gänse. Tier-Theologie in der Legende des Heiligen von Tours

„Die Gams im Freien übernachtet, Martini man die Gänse schlachtet“, reimte Wilhelm Busch in seinem „Naturgeschichtlichen Alphabeth“. Ist der Heilige Martin etwa deshalb Patron der Haustiere? Das wäre doch reichlich zynisch, findet Gregor Taxacher und blättert – anlässlich des morgigen St. Martin Festes – in der Goldenen Legende nach.

In meiner Heimatstadt Köln wird, weil sie „Corona-Hotspot“ ist, einiges ausfallen an diesem 11. November: kein buntes Karnevalstreiben zum „Elften im Elften“, aber auch keine Laternenumzüge mit Punsch beim Martinsfeuer. Beide rheinischen Bräuche hängen zusammen: der Begräbnis- und dadurch Feier-Tag des heiligen Bischofs von Tours markierte zugleich den Beginn der sechswöchigen Fastenzeit vor Weihnachten – eine Art herbstlicher Aschermittwoch also, wo man noch einmal auf die Pauke haute. Zudem wurden an diesem Tag der Wende vom alten zum neuen Kirchenjahr häufig Löhne ausgezahlt.[1]

Gib mir den Mantel, Martin …
gib mir den ganzen.

Die entsprechende Festivität endete u.a. für viele Gänse tödlich, und dies wurde durch die Geschichte gerechtfertigt, nach der – je nach Version – Gänsegeschnatter den Mönch Martin verriet (als er sich versteckte, um nicht Bischof werden zu müssen), oder bei der Predigt störte. „Dieser Geschichte verdanken wir die lebensfrohe und keineswegs kalorienarme Tradition des Genusses der Martinsgans“, schreibt Martin Lohmann in seinem bemüht rheinisch-humorigen Martins-Portrait.[2] Nun: Lebensfroh ist der Brauch aus Sicht der Gänse sicher nicht. Und die Geschichten stellen auch nur eine nachträgliche, dem Motiv der Kapitolinischen Gänse verpflichtete Rechtfertigung des Schlachtfestes dar. In der Martins-Vita des Sulpicius-Severus von 369 n. Chr. kommen die Gänse so wenig vor wie in der die alten Quellen auswertenden „Legenda Aurea“ des Jacobus de Voragine aus dem 13. Jahrhundert.[3] Doch eine Reihe anderer Tiere kommen hier als handelnde Personen vor, welche wohl eher als die Gänse begründen können, warum Martin unter seinen zahlreichen Patronaten auch das über die Haustiere zugesprochen bekam.

Martin war nämlich unter anderem auch ein Pferdeflüsterer. Dies übrigens nicht wegen der berühmten Sache mit dem Mantel: „Von einem Pferd, wie die Bettlerszene meist dargestellt wird, ist im Quellentext nicht die Rede.“[4] Dass Martin dem Bettler vor dem Tor zu Amiens zu Fuß, auf Augenhöhe begegnete, passt zu diesem später entschieden den Armen und den Randständigen zugewandten Seelsorger: „Seine wichtigsten Wunder, die Totenerweckungen, galten durch die Bank Menschen, die durch ihren Tod als heillos verloren anzusehen waren: einem Ungetauften, einem Selbstmörder, einem heidnischen Mädchen.“[5] Martins Mönchtum, das sich im Gegensatz zu dessen östlichen Ursprüngen in Ägypten und Syrien, nicht von den Menschen der Umgebung zurückzog, galt ebenso wie seine unermüdlichen Pastoralreisen als Bischof dem Heil der Anderen, das ihm wichtiger erschien als das eigene. Martin war geprägt von einer lebendigen Naherwartung, ausgerechnet in der sich gerade formierenden nach-konstantinischen Staatskirche, weshalb Historiker bei ihm sogar von „einer apokalyptischen Seelsorge“ sprechen.[6] Die Bettlerszene hat also ursprünglich nichts von jenem herablassenden Paternalismus, den Ilse Aichinger in ihrem Gedicht „Nachruf“ kritisiert: „Gib mir den Mantel, Martin / aber geh erst vom Sattel / und las dein Schwert, wo es ist, / gib mir den ganzen.“[7]

Parteilichkeit für die Gejagten

Warum also Pferdeflüsterer? Das einzige Tier, auf dem Martin in der Legenda reitet, ist wie bei Jesus ein Esel. Ein solcher bringt einmal die Pferde einer Schar stolzer, entgegenkommender Reiter zum Scheuen. Wütend verprügeln diese den Heiligen, noch wütender werdend, da dieser sich gar nicht wehrt. Doch als sie dann weiterwollen, „blieben die Pferde wie an den Boden geheftet stehen, man konnte sie schlagen, soviel man wollte, sie ließen sich nicht bewegen, wie wenn es Steine wären, bis sie schließlich zu Martin zurückkehrten und ihre Sünden … eingestanden. Da gab er ihnen die Erlaubnis wegzugehen und die Pferde stoben im Galopp davon.“[8] Die Pferde benehmen sich hier also, wie es sonst laut Klischee die Esel tun, und sie lassen sich in Solidarität mit dem Heiligen schlagen, um den Menschen ihre Brutalität vor Augen zu führen und sie ganz wörtlich zur Umkehr zu bewegen.

Martin gibt diese tierliche Solidarität vielfach zurück: Der Pferde- ist u.a. auch ein Kuhflüsterer. So erkennt er, dass eine stößige Kuh von einem Dämon besessen ist. Er treibt diesen aus („‚hör auf, ein unschuldiges Wesen zu plagen‘“!) und „die Kuh legte sich dem Heiligen zu Füßen und kehrte auf sein Geheiß in aller Friedlichkeit zu ihrer Herde zurück.“[9] Als Anwalt von Tieren greift Martin mitunter auch in das ein, was heute gern die „natürliche Nahrungskette“ genannt wird – häufig zur Rechtfertigung der Stellung des Menschen an deren einsamen Spitze. „Als er sah, wie Hunde ein Häslein hetzten, befahl er den Hunden, das Tier laufen zu lassen.“[10] Ebenso befielt er Haubentauchern, die Gegend zu verlassen, als er sieht, wie sie den Fischen auflauern.[11] Solche Geschichten, in denen die Praxis der Heiligen gewissermaßen zur Kritik der natürlichen Verhältnisse vorstößt, sind lange vor Franziskus vielfach belegt, insbesondere bei den Wüstenvätern und den iro-schottischen Mönchen. Offensichtlich scheint hier ein am Tierfrieden von Jesaja 11 (und dem ursprünglichen Schöpfungsfrieden von Genesis 1!) orientiertes utopisches Erlösungsverständnis auf, dass sich nicht damit zu beruhigen vermag, dass die Welt nun einmal aus „Fressen und Gefressenwerden“ bestehe.[12]

Sympathy for he devil?

Sogar dem in christlicher Mythologie problematischsten aller Tiere begegnet Martin wohl mit Distanz, aber doch freundlich und schonend. „Als eine Schlange über den Fluss schwamm, sagte Martin zu ihr: ‚Im Namen Gottes gebiete ich dir, umzukehren.‘ Sogleich kehrte sie auf das Wort des Heiligen um und schwamm ans andere Ufer.“[13] Während andere Heilige der Legenda – etwa der Heilige Leonhard – Schlangen durchaus auch töten, beschränkt sich Martins Abwehr der gefährlichen Tiere auf ein Abstandsgebot.

Sicher ist dies auch symbolisch codiert. Denn schon die „Dialoge“ des Sulpicius Severus verwickeln den Heiligen in Disputationen ausgerechnet mit dem Teufel. Dieser wirft dem Heiligen seinen allzu versöhnlichen Umgang mit Sündern in Kirchenbuße vor, worauf sich Martin zu einer Sentenz hinreißen lässt, welche sein Biograf selbst als „heilige Vermessenheit“ bezeichnet: “‘Wenn du selbst, du Elender“, schleudert er dem Teufel entgegen, „von der Anfechtung der Menschen abließest, würde ich dir im Vertrauen auf den Herrn Christi Barmherzigkeit versprechen.‘“[14] Martin erscheint hier in gefährlicher Nähe zu der in seiner Zeit hoch umstrittenen Lehre des Origenes von der Apokatastasis, nach welcher letztendlich die Erlösung auch die Hölle selbst erreichen müsse.

Zu diesem Diskurs um Barmherzigkeit und Erlösung gehört deshalb auch die Pointe der Schlangen-Geschichte. Martin kommentiert sie mit dem Stoßseufzer: „‘Die Schlangen hören auf mich, die Menschen nicht.‘“[15] Schließlich hat die Schlange wiederum ganz wörtlich genau das geleistet, worauf die Predigt des Evangeliums zielt: Umkehr. In der Verkündigung des Evangeliums und seiner verändernden Kraft geht der praktische Befreiungstheologe Martin bis an die äußersten Grenzen: Er findet sich nicht mit der Gewaltförmigkeit der „Natur“ ab und nicht mit der Verdammung des Teufels. Aber die eigentliche Mauer, gegen die er vergeblich anrennt, ist die Hartherzigkeit von Menschen. Selbst der Teufel fungiert in der Disputation mit Martin ja als Anwalt einer solchen Hartherzigkeit – in diesem Fall ganz konkret der einer klerikalen unbarmherzigen Bußpraxis.

Erlösung reicht bis ins Fleisch.

Und hier nun kommen auch die Gänse ins Spiel, die in Vita und Legenda des Martin ursprünglich abwesend sind. In einem Kinderwitz fragt eine Gans die andere: „Kennst du das Lied vom Tod?“, und die andere beginnt zu singen: „Sankt Martin, Sankt Martin …“ Damit ist eine Menge gesagt über eine christliche Kultur, die Lebensfreude semantisch auf Fleischgenuss reimt. Es ist eine merkwürdige Achtlosigkeit, mit der gerade im Katholizismus häufig die Barmherzigkeit von Heiligen gefeiert und jedes Erschrecken vor dem versklavenden, quälenden und vernichtenden Umgang mit Tieren als peinliche Sentimentalität abgetan wird. (Man spreche nur einmal in einer Gemeinde den Vorschlag zu einem vegetarischen Pfarrfest aus.) Diese Achtlosigkeit verdunkelt uns selbst die Erfahrung, wie tief Erlösung nach dem christologischen Bekenntnis eigentlich reicht: bis ins Fleisch. Die zahlreichen Tiergeschichten der Heiligenlegenden erscheinen uns heute deshalb meist nur noch als naive Anthropomorphismen, haltlos vormodern oder sicher nur sinnbildlich gemeint. So nehmen wir ihnen aber ihre subversive Kraft. Wir nehmen dann von Martin tatsächlich nur den halben Mantel.

Wenn bei diesem so schönen Fest in diesem Jahr also weniger Kinder in den Straßen singen werden, weniger Laternen glänzen, weniger Feuer brennen – so bleiben uns doch die leckeren Weckmänner (oder Stutenkerle, wie es – habe ich mir sagen lassen – in Norddeutschland heißt). Halten wir uns an sie, meditieren wir über Martin diesmal über die eine immer gleiche Geschichte hinaus – und lassen wir die Gänse leben.


[1] Martin Lohmann, Martin von Tours. Wahre Freiheit für das Leben, in: Michael Langer (Hg.), Licht der Erde – Die Heiligen. 100 große Geschichten des Glaubens. München 2006, S. 187.

[2] Ebd. 184.

[3] LA 166: Der Heilige Martin (11. November), in: Jacobus de Voragine, Legenda Aurea. Goldene Legende. Übersetzung und Kommentar von Bruno W. Häuptli. (Fontes Christiani Sonderband Teil 2), Freiburg 214, S. 2140-2165.

[4] Ebd. 2141, Fußnote 9.

[5] Mathias Moosbrugger/Thomas Karmann, Christsein am Abgrund. Martin von Toers und die Kunst der Heiligkeit in unheiligen Zeiten, in: Monika Datterl/Wilhelm Guggenberger/Claudia Paganinbi (Hg.), Welt am Abgrund. Zukunft zwischen Bedrohung und Vision (Innsbruck 2019) S. 143.

[6] Ebd. 142.

[7] Ilse Aichinger, Verschenkter Rat. Gedichte (Frankfurt a.M. 1978) S. 62.

[8] Legenda (s.o.) S. 2153.

[9] Ebd. 2157.

[10] Ebd. 2151.

[11] Ebd. 2157 f.

[12] Nachgegangen wird diesem Motiv theologisch in: Simone Horstmann/Thomas Ruster/Gregor Taxacher, Alles was atmet. Eine Theologie der Tiere (Regensburg 2018), insbesondere S. 70-74, 173-178, 205-224.

[13] Legenda (S.o. S. 2151.

[14] Ebd. 2155. Zu dem in der Fassung der Legenda nicht zitierten Kommentar des Sulpicius: Mathias Moosbrugger/Thomas Karmann, Christsein am Abgrund (s.o.) S. 143 f.

[15] Legenda (s.o.) S. 2151.


Beitragsbild: www.unsplash.com


Autor: Dr. habil. Gregor Taxacher ist Universitätsdozent für Systematische Theologie und ihre Didaktik an der TU Dortmund.

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