Herrenlosigkeiten. Überlegungen zum Kolonialherrenstyle theologischer Tierethik anlässlich des World Wildlife Day 2021

Heute ist World Wildlife Day – ein weiterer Anlass über unser Verhältnis zu den (Wild-)Tieren nachzudenken. Simone Horstmann fordert ein Ende von Selbstbetrug und Makulatur – auch der Theologie.

Und wie verbringen Sie den diesjährigen World Wildlife Day? Ich empfehle, sozusagen zur corona-kompatiblen Feier des Tages, die Lektüre der guten, alten moraltheologischen Handbücher. Wer ernsthaft nach den theologischen Gründen für die tiefen Verwerfungen im Verhältnis des Menschen zu den anderen Tieren sucht, die selbst in vielen der aktuellen tierethischen Entwürfe eher symptomatisch therapiert werden, findet beispielsweise auf den dünn-seidigen, eng bedruckten Seiten von Heribert Jones kleinem, aber einstmals populärem Handbüchlein „Katholische Moraltheologie. Auf das Leben angewandt“ einige bemerkenswerte und ungebrochen aktuelle Hinweise. Es wäre ein trefflicher Lackmustest für heutige Tierethiken, wenn sie sich kritisch daraufhin befragen lassen würden, ob sie inhaltlich grundsätzlich über Jone hinausgehen[1] – vielfach dürfte die Antwort hier negativ ausfallen.

Erinnern wir uns: Der World Wildlife Day mahnt zum Schutz von bedrohten wildlebenden Tieren, deren Existenz durch menschliche Handelsinteressen gefährdet wird. Eben dieser Kollisionskurs zwischen Ökonomie und Wildtieren tritt nun schon bei Jone zu Tage. Ein Großteil aller Nennungen von anderen Tieren, die in diesem moraltheologischen Handbuch vorkommen – je nach Zählung sind das immerhin zwischen 22 und 27 Registereinträge, weit mehr also als in aktuellen Schöpfungs- oder Moraltheologien! – wird von Jone unter dem Stichwort „Eigentum“ abgehandelt (ein anderer, ähnlich großer und ebenfalls ausgesprochen bemerkenswerter Anteil findet sich übrigens in den sexualethischen Passagen).

die Besitznahme einer herrenlosen Sache

Unter der Nr. 261 („Erwerb von Eigentum“) sind andere Tiere das Paradigma von Aneignung schlechthin – Jone wörtlich: „Aneignung ist die tatsächliche Besitznahme einer herrenlosen Sache mit dem Willen, sie als eigen zu behalten. Durch Aneignung können in unseren Zeiten hauptsächlich noch erworben werden Tiere und bewegliche Sachen.“ Und Jone unterscheidet dann im Folgenden zwischen verschiedenen Arten von Tier-Aneignungen: „Haustiere“, so Jone, „gehören immer dem ursprünglichen Besitzer“; gezähmte bzw. domestizierte („Nutz“-)Tiere hingegen „gehören so lange dem Eigentümer, als sie die frühere Freiheit nicht wiedererlangt haben“ (Nr. 261f). Schon diese ersten Bemerkungen sind ein wichtiges Korrektiv für viele moderne theologische Tierethiken, die immer noch das Narrativ von den verhätschelten Haustieren einerseits und den geknechteten Nutztieren andererseits als Beleg für eine vermeintliche Ambivalenz menschlicher Haltungen gegenüber anderen Tieren verwenden. Jones – in diesem Sinne ungebrochen aktuelle – Ausführungen lassen hingegen keinerlei Ambivalenz erahnen, er sieht im Gegenteil sehr klar: domestizierte Tiere wie auch Haustiere haben hier ein und dieselbe Beziehung zum Menschen – sie sind reines Besitztum, und die vermeintliche Ambivalenz ist wenig mehr als die wechselnde Tagesform ihrer Besitzer:in. Auch der Hinweis auf die ‚frühere Freiheit‘ der Tiere kann darüber nicht hinwegtäuschen, wie spätestens die dritte Kategorie der „Wildtiere“ zeigt. Hierzu fällt bei Jone der beinahe prosaische Satz: „Wild, das sich seiner natürlichen Freiheit erfreut, ist herrenlos.“ – Was das für Jone bedeutet, erläutert er im Folgesatz: „Es gehört daher jenem, der es sich zuerst aneignet. Aneignung liegt schon vor, wenn das Wild so angeschossen oder sonst wie verwundet ist, dass es nicht mehr fliehen kann, oder wenn es aus einer gelegten Schlinge nicht mehr entkommen kann.“ (Nr. 263)

Meinen knappen Exkurs zu Heribert Jone möchte ich selbst gar nicht unmittelbar moralisch, wohl aber diagnostisch im Hinblick auf das verstanden wissen, was wir unter dem Begriff des Wilden fassen (sollten). Denn aus den Schlingen, die religiöse wie nichtreligiöse Menschen anderen Tieren heute legen, gibt es in mehrfacher Hinsicht kein Entkommen. Vielleicht, so formuliert es der Wiener Kulturwissenschaftler Thomas Macho, „hat sich der Sündenfall in jenem Augenblick ereignet, in dem die Idee geboren wurde, etwas Lebendiges besitzen zu können.“[2]

Bei aller Liebe – aber Tiere nicht zwangsschwängern, misshandeln oder töten zu lassen, ist mir dann doch etwas zu extrem!

Das gilt einerseits für die ganz profane Lebenswirklichkeit fast aller Tiere in menschlichem „Besitz“, so dass auch ein World Wildlife Day vielleicht in erster Linie daran erinnern sollte, mit welch unkontrollierter Wildheit ausgerechnet wir Menschen anderen Tieren Leiden und Qualen von unvorstellbarem Ausmaß antun und von welcher abscheulichen Grausamkeit selbst unsere scheinbar vollkommen normalen Tierbeziehungen sind – wer es sich zutraut, möge einmal nur folgende Begriffe „googeln“: Kälberiglu, Galgo Klavierspielen, Forced-Swim-Test, Kastenstand, Bolzenschuss, Bodenhaltung, Drückjagd. Die theologischen Anthropologien ergehen sich ob derartiger unschöner Bilder hingegen lieber in aufregenden, protowissenschaftlichen Phantasien über ontologische Differenzen und unsere so hehre Vernunft, von deren regelmäßiger Kapitulation an den Tierleichentheken und Milchregalen moderner Supermärkte dann selbstredend schnell dispensiert wird: Gerade weil wir qua Vernunft (theoretisch) anders könnten, müssen wir es (praktisch und praktischerweise) offenbar nicht. Eben diese Distinktionsgewinne, die sich semantisch auch in der unterstellten Wildheit von anderen Tieren verdichten, sind theologisch nahezu unaufgearbeitet. Was sagt es über eine Tierethik, wenn sie vollkommen unnötige Praktiken der Gewalt lieber noch einige Jahr(zehnt)e wenn auch mit leichtem Zähneknirschen hinnehmen möchte oder stattdessen für mehr „Biofleisch“, den vielleicht schönsten begrifflichen Selbstwiderspruch votiert, zu dem der theologiegestützte Kapitalismus bislang fähig war, nur um nicht bei der Agrarlobby und den sog. Landwirt:innen anzuecken, die mit dieser Selbstbezeichnung offenbar immer noch sehr erfolgreich über ihr eigentliches „Handwerk“ hinwegtäuschen? Woher rührt die unverbrüchliche theologische Solidarität mit der Gewalt, mit Tätern und Täterinnen? Was sagt es über eine tierethische Perspektive, wenn sie den Verzicht auf das meist entsetzliche Leiden anderer Wesen als „radikal“ empfindet? Mir fällt dazu stets die charmante Karikatur dieser Haltung ein, die von der Zeichner:in rasmasjien stammt[3]: „Bei aller Liebe“, so heißt es dort aus dem Mund eines leicht untersetzten Männchens, „aber Tiere nicht zwangsschwängern, misshandeln oder töten zu lassen, ist mir dann doch etwas zu extrem!“

Die „Wildheit“ anderer Tiere scheint auch theologisch vielfach immer noch eine „Täterhaltung“ (H. Rosa) zur Welt zu provozieren, jenes modernetypische Aneignungsverhalten, das auch für die Frage nach dem Zuschnitt spezifisch religiöser Gewalt an Tieren entscheidend sein dürfte. Die Berliner Philosophin Eva von Redecker, deren jüngstes Buch „Revolution für das Leben“ tragischerweise mit dem blinden Fleck auskommen muss, dass es andere Tiere nahezu unberücksichtigt lässt, hat gleichwohl zu Recht darauf hingewiesen, dass der moderne Begriff des Eigentums vormoderne Verständnisse dieses Konzepts vor allem insofern überschreitet, als Eigentum zunehmend durch legitime Zerstörung definiert wird. Das ist eine nicht unwesentliche Beobachtung für die Konzeption und die theologische Rezeption eines World Wildlife Days, weil sie auf die prekäre Zirkularität dieses Unterfangens hinweist: Wenn es stimmt, dass theologische Denkmuster Wildheit, oder in Jones Worten: „Herrenlosigkeit“ als unmittelbare, weil quasi atheistische Bedrohung auffassen, der nur mit der theologischen Fangschlinge beizukommen ist, dann kann ein solcher Gedenktag, der ja dezidiert die Wildheit der wildlebenden Tiere hervorhebt, womöglich nur das Gegenteil seiner ursprünglichen Intention erreichen, solange die theologische Tierethik nicht zu grundsätzlichen Neujustierungen bereit ist.

Raus aus den Käfigethiken!

Diese nötigen Veränderungen zielen gerade nicht auf das, was die Berliner Tierethikerin Friederike Schmitz als „Käfigethiken“ bezeichnet: Ethiken also, die die eigentlichen Grundfragen ausblenden, die eine Ethik zu stellen hätte, um sich stattdessen in einem Käfig vorgegebener (Un-)Möglichkeiten aufzuhalten. Wesentlich wichtiger, aber wohl auch schmerzhafter, dürfte eine ehrliche theologische Selbsterforschung über die Gründe sein, die bis heute selbst Christ:innen dazu verleiten, mit der größten Selbstverständlichkeit vollkommen unnötige Gewalt an anderen Lebewesen nicht nur auszuüben, sondern gutzuheißen. Gerade weil es heute keinerlei Notwendigkeit mehr gibt, andere Tiere und deren „Produkte“ zu konsumieren, kann die Antwort darauf nur im symbolischen, vor allem wohl kolonialistischen Potenzial dieser Gewalt liegen. Der französische Philosoph, Schriftsteller und Vordenker der Dekolonisierung Frantz Fanon erinnert daran, dass die zentralste Form von Gewalt in jenem Erfahrungsverdikt besteht, das auch heutige Tierethiken immer noch zu sehr prägt, wenn sie davor zurückscheuen, menschengemachte Wirklichkeit in all ihrer wilden, blutrünstigen Abgründigkeit als solche anzuerkennen: Diese Wirklichkeit zu verbieten, sie zugunsten von abstrakten prinzipienethischen Erörterungen auszublenden oder zu veruneigentlichen, ist stets kolonialistische Gewalt.


Autorin: Dr. Simone Horstmann, TU Dortmund. Aktuelle Veröffentlichungen: „Was fehlt, wenn uns die Tiere fehlen? Eine theologische Spurensuche“ (Pustet, 2020); „Religiöse Gewalt an Tieren. Interdisziplinäre Diagnosen zum Verhältnis von Religion, Speziesismus und Gewalt“ (transcript, 2021, Hg.); „Interspezies Lernen. Grundlinien interdisziplinärer Tierschutz- und Tierrechtsbildung“ (transcript 2021, Hg.)


Beitragsbild: Jonathan Carroll, unsplash.com


[1] Immerhin formuliert Jone durchaus bereits den Common Sense nicht nur vieler Tierethiken, sondern auch des TierSchG: Sünde sei es, „einem Tiere unnötige Schmerzen zu verursachen“. Dass diese Einschränkung gemessen an den unterstelltermaßen ‚nötigen‘ Schmerzen wenig mehr denn Makulatur ist, muss nicht erwähnt werden. Vgl. Heribert Jone: Katholische Moraltheologie. Auf das Leben angewandt, 17. Aufl., Paderborn: Schöningh 1961 [1930], hier: Nr. 221.

[2] Thomas Macho: Die Tiere des Leibhaftigen, in: Michael Weinrich et al. (Hg.): „Dies ist mein Leib“: Leibliches, Leibeigenes und Leibhaftiges bei Gott und den Menschen, Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus 2006, 255-263, hier: 261.

[3] Vgl. https://www.instagram.com/rasmasjien/?hl=de

 

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