Heute religiös sein, heißt interreligiös sein

Interreligiös

Interreligiöser Dialog steht mittlerweile auch auf politischen Agenden. Dies wirft wiederum Fragen für die Religionsgemeinschaften auf. Regina Polak, seit vielen Jahren im interreligiösen Dialog engagiert, gibt Einblicke in aktuelle Diskussionen. Im WS 2020-21 gibt es auf ihre Initiative hin in der Lehre mehrerer Fakultäten der Universität Wien einen Schwerpunkt zum interreligiösen Dialog zwischen den abrahamitischen Religionen Judentum, Christentum und Islam, konzentriert in einer Ringvorlesung.

Interreligiöser Dialog – eine katholische Sichtweise

In einer religiös pluralen Welt ist es unvermeidbar, positive Beziehungen zu den Angehörigen anderer Religion zu haben. Deshalb bedeutet heute religiös zu sein, interreligiös zu sein. Dieses Selbstverständnis formulierten die Jesuiten in der Deklaration zur 34. Generalversammlung 1995.[1]

Diese Sichtweise ist aber weder auf die Jesuiten beschränkt noch zeitgenössischen Modeerscheinungen geschuldet. Sie hat ihre Ursprünge in der Theologie der anderen Religionen, wie sie das Zweite Vatikanum mit Nostra Aetate 1965 grundgelegt hat. Insbesondere Papst Johannes Paul II. hat diesbezüglich wegweisende theologische Weichen gestellt, wenn er den interreligiösen Dialog im Wirken des Heiligen Geistes selbst verankert.[2] In seiner Rede zu Menschen verschiedener religiöser und kultureller Traditionen in Madras (Indien) stellte er fest: „Indem wir uns dem Anderen im Dialog öffnen, öffnen wir uns Gott selbst“[3].

Das Ziel des interreligiösen Dialogs besteht aus katholischer Sicht darin, einander bei der Suche und dem je tieferen Verständnis der geoffenbarten Wahrheit Gottes zu begleiten.

Papst Franziskus spricht in Evangelii gaudium 250 vom interreligiösen Dialog als einer Liebe zur Wahrheit. Das Ziel des interreligiösen Dialogs besteht aus katholischer Sicht darin, einander bei der Suche und dem je tieferen Verständnis der geoffenbarten Wahrheit Gottes zu begleiten (vgl. auch Dialog und Verkündigung 1991). Für Papst Franziskus ist dieser Dialog eine notwendige Bedingung für den Frieden in der Welt.

Der interreligiöse Dialog ist also nicht nur ein Hobby für ein paar Exotinnen und Exoten der Theologenzunft, sondern eine Lebensform und authentischer Ausdruck des christlichen Glaubens. Christ*innen sind verpflichtet, auf interreligiöse Weise religiös zu sein, d.h. mit den „Anderen“ in ständigem Dialog zu leben.

Und die Praxis?

Die pastorale Praxis sieht leider 55 Jahre nach Nostra Aetate im deutschsprachigen Raum etwas anders aus. Wohl gibt es auf der Ebene religiöser Führungspersonen wie auch auf zivilgesellschaftlicher und Alltagsebene unzählige Dialog-Initiativen, insbesondere mit jüdischen und muslimischen Vertretern und Gemeinschaften. Aber Antisemitismus und antimuslimische Ressentiments lassen sich unter den Gläubigen ebenso finden wie die unübersehbare Fülle der seit den 60er-Jahren entstandenen Stellungnahmen und theologischen Forschungsergebnissen weitgehend unbekannt ist. Empirische Befunde zeigen überdies, dass Motive und Interessenslagen jener Menschen, die sich im interreligiösen Dialog engagieren, höchst heterogen sind.

Die Studie von Martin Rötting präsentiert sechs verschiedene Dialog-Typen.

So präsentiert die Studie von Martin Rötting sechs verschiedene Dialog-Typen:[4] den spirituellen Pilger, den sozialen Beweger, den religiös-kulturellen Demokraten, den Kultur-Harmonisierer, den orthodoxen Adapter und den Humanitär-Religiösen. Ich kann diese Typen hier nicht im Detail beschreiben, aber zu beobachten ist, dass sich Jüd*innen, Christ*innen, Muslim*innen, Buddhist*innen in jedem dieser Typen finden lassen, d.h. sie beziehen sich in ihren Motiven, Argumenten, Zielen und Interessen für den interreligiösen Dialog nicht immer auf die Vorgaben der je eigenen Tradition. Während beispielsweise der „orthodoxe Adapter“ darauf bedacht ist, die Lehren, Traditionen und Riten der je eigenen Tradition vor der Vermischung mit Elementen anderer Religionen zu schützen, strebt der Humanitär-Religiöse nach einer Inklusion verschiedener religiöser Lehren zu einer universalen Form von Religion, die niemanden ausschließt.

Hinzu kommt, dass jede Konfession bzw. Religion höchst plurale und oft widersprüchliche theologische Grundlagen für den Dialog formuliert und Vertreter*innen der einzelnen Gemeinschaften  je nach gesellschaftlicher Mehr- oder Minderheitsposition, gesellschaftlichem Status und Image, historischen Entwicklungen und politischem Kontext höchst divergierende Lehren und Vorstellungen davon haben, was interreligiöser Dialog denn sein, wozu er dienen und was er erreichen soll. Dies wird spätestens dann erkennbar, wenn nicht nur die christliche Mehrheit die – zumeist dogmatischen – Themen vorgibt, sondern auch die Vertreter*innen anderen Religionen Themen und Interessen formulieren.

Politisches Interesse

Seit der Jahrtausendwende haben auch politische Institutionen den interreligiösen Dialog als Mittel der Konfliktlösung, Community-Arbeit und Friedenspolitik entdeckt. So erließ die Generalversammlung der Vereinten Nationen 2016 eine Resolution zur Förderung des interreligiösen Dialogs[5]; der Europarat veröffentliche 2008 ein „White Paper“[6] zum interkulturellen Dialog, in dem Religion als wichtige Dimension anerkannt wird, die zum besserem Verständnis zwischen den Kulturen beitragen kann und soll. Seit 2010 findet jährlich eine „Weltweite Woche der interreligiösen Harmonie“[7] statt, die auf die Initiative des „Common Word“[8] zwischen Christ*innen und Muslim*innen zurückgeht und von der Generalversammlung der UNO einstimmig angenommen wurde.

Das politische Interesse am interreligiösen Dialog stellt die Religionsgemeinschaften vor neuartige Herausforderungen.

Dieses politische Interesse am interreligiösen Dialog stellt die Religionsgemeinschaften vor neuartige Herausforderungen. Ein Forschungsprojekt des Religionssoziologen Karsten Lehmann zur Vielfalt interreligiösen Dialogs in Europa[9] hat aufgezeigt, dass die Förderung des interreligiösen Dialogs durch den Staat in Europa ein Versuch sein kann, Religion nach staatlichen Vorstellungen zu zähmen, die Monopolstellungen etablierter Religionsgemeinschaften restaurieren und anderen Religionen eine Art Verkirchlichung aufzwingen, aber auch einen wesentlichen Beitrag zur gesellschaftlichen Versöhnung nach Krieg und Gewalt leisten kann.

Konsequenzen?

Die höchst spannenden Entwicklungen rund um das komplexe Phänomen des interreligiösen Dialogs werden zahlreiche neue Fragen auf. Es zeigen sich jede Menge Unterschiede im Verständnis der Zielsetzungen von interreligiösem Dialog, Widersprüche und Konfliktzonen.

Fest steht jedenfalls, dass eine katholisch-theologische Sicht auf den interreligiösen Dialog weder nur auf dogmatische Fragen reduziert werden noch ausschließlich dem eigenen theologischen Verständnis folgen kann.

Interreligiöser Dialog als Zeichen der Zeit und locus theologicus

Interreligiöser Dialog ist ein „Zeichen der Zeit“ und muss in diesem Horizont reformuliert werden. Historische Entwicklungen, gesellschaftliche und politische Kontexte, Mehr- und Minderheitsverhältnisse, soziale Funktionen im gesellschaftlichen Kontext müssen Teil seiner theologischen Reflexion werden. Die Selbstverständnisse und Interessen der jeweils „Anderen“ müssen praktisch-theologisch erforscht und in die Praxis miteinbezogen werden. Interreligiöser Dialog wird zu einer interdisziplinär zu erforschenden Realität. Diese Realität ist ein locus theologicus: der Ausgangspunkt für die Generierung theologischen Nachdenkens und für die Entwicklung einer ebenso glaubens- wie zeitgerechten Praxis des interreligiösen Dialogs. Ihr wohnt eine eigene theologische Dignität inne.

Fakultätenschwerpunkt „Interreligiöser Dialog“ an der Universität Wien

Um das Phänomen des interreligiösen Dialog vertieft zu verstehen, setzt die Katholisch-Theologische Fakultät im Wintersemester 2020 in Kooperation mit der Evangelisch-Theologischen Fakultät, dem Institut für Judaistik und dem Institut für Islamisch-Theologische Studien sowie dem Forschungszentrum „Religion and Transformation in Contemporary Society“ und der Kardinal-König-Stiftung in der Lehre einen Schwerpunkt zum Thema des interreligiösen Dialogs zwischen den abrahamitischen Religionen Judentum, Christentum und Islam.

Der Schwerpunkt will aus interdisziplinärer Perspektive Einblicke in Grundlagenfragen des interreligiösen Dialoges  geben und die Möglichkeiten wie auch Grenzen des interreligiösen Dialogs ausloten.

Das Ziel dieses Schwerpunktes besteht darin, aus interdisziplinärer Perspektive Einblicke in Grundlagenfragen des interreligiösen Dialoges zu geben und die Möglichkeiten wie auch Grenzen des interreligiösen Dialogs auszuloten. Eine Ringvorlesung mit renommierten Expertinnen und Experten, zehn Lehrveranstaltungen der beteiligten Fakultäten und Institute sowie ein Begleitprogramm des Café Abraham, einer studentischen Initiative von jüdischen, christlichen und muslimischen Studierenden, werden sich ein Semester lang dieser Thematik widmen. Informationen zu diesem Projekt finden sich hier: https://pt-ktf.univie.ac.at/studium/ringvorlesung-ird/

[1] Vgl.  https://www.jesuitenmission.at/ueber-uns/unsere-mission.html

[2] Einen Überblick über die wichtigsten Dokumente zum interreligiösen Dialog bietet: Fürlinger, Ernst: Der Dialog muss weitergehen. Ausgewählte vatikanische Dokumente zum interreligiösen Dialog, Freiburg i.B.: Herder 2009.

[3] Johannes Paul II. (1986), Ansprache vor Vertretern der Religionen Indiens, n. 4.

[4] Rötting, Martin: Religion in Bewegung. Dialog-Typen und Prozess im interreligiösen Lernen. Berlin: LIT 2011, 93–116.

[5] https://www.un.org/press/en/2016/ga11881.doc.htm

[6] https://www.coe.int/t/dg4/intercultural/Source/Pub_White_Paper/WhitePaper_ID_GermanVersion.pdf

[7] https://worldinterfaithharmonyweek.com/

[8] https://www.acommonword.com/

[9] Erscheint unter dem Titel „Interreligious Dialogue in Context“ 2020 in der Reihe „Religion and Transformation in Contemporary European Society“ im Verlag Brill.

Autorin: Regina Polak ist Assoziierte Professorin und Leiterin des Instituts für Praktische Theologie der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien; seit Jän 2020 Personal Representative of the OSCE Chairperson-in-Office on Combating Racism, Xenophobia and Discrimination, also focusing on Intolerance and Discrimination against Christians and Members of Other Religions

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