„Hey, sei nicht so hart zu Dir selbst“

Was verbindet Paulus mit Andreas Bourani und Justin Bieber? Auf den ersten Blick nicht allzu viel, meint Jan Loffeld und bringt die traditionelle Kar- und Ostertheologie mit der Gegenwartskultur und drei existenziellen „Reality Bites“ in nachdenkliche Kontraste.

„Wiederum kommen die Tage, die seinem heilbringenden Leiden und seiner glorreichen Auferstehung geweiht sind. Es kommt der Tag des Triumphes über den alten Feind, es naht das Fest der Erlösung.“
So oder ähnlich wird in diesen Tagen liturgisch im eucharistischen Hochgebet eine Klimax aufgebaut, die zeigt, worum es jetzt geht: um’s Ganze – Tod und Leben, Himmel und Erde, Gegenwart und Zukunft, Schuld oder Unschuld. Mit einem Wort: um glückendes Leben. Adressiert wird damit während der Karwoche der Identitätskern des Christentums.

Mithilfe der Sündentheologie macht Paulus die Hölle heiß, um den Himmel schmackhaft zu machen.

In seinem großartigen theologischen Entwurf des Römerbriefs weist Paulus die unbedingte Notwendigkeit dessen, was mit dem Christusereignis im Allgemeinen und an Ostern im Besonderen geschehen ist, für seine – und für sehr lange – Zeit plausibel und relevant nach. Nicht von ungefähr wird diese österliche Relevanz am prominentesten Ort des Kirchenjahres performativ erinnert: auf dem Höhepunkt des Wortgottesdienstes der Osternacht, vor der Tauffeier, wird mit der Epistel aus dem Römerbrief diese geistliche Gewissheit prägnant und in Art eines jährlich wiederkehrenden Mantras in das Bewusstsein der Getauften gehoben. Der Tod als Sold der Sünde ist Vergangenheit. Für immer, unverdient, irreversibel und aktuell sakramental verbürgt:
„Wir wissen doch: Unser alter Mensch wurde mitgekreuzigt, damit der von der Sünde beherrschte Leib vernichtet werde, damit wir nicht Sklaven der Sünde bleiben. Denn wer gestorben ist, der ist frei geworden von der Sünde. Sind wir nun mit Christus gestorben, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden.“ (Röm 6, 6-8)
Was Paulus im Römerbrief schreibt, hat Ähnlichkeit mit einem missionstheologischen Defizienzmodell, wie es Eberhard Tiefensee beschreibt: es wird gefragt, was beim anderen fehlt, um schließlich eine allgemeine Erlösungsbedürftigkeit anzudemonstrieren. Dazu dient Paulus die Sünde, denn sie ist wie nichts anderes das todbringende Erbe der Menschheitsgeschichte. Oder – wie einmal ein Exeget spitz formulierte: mithilfe der Sündentheologie macht Paulus seinen Adressaten die Hölle heiß, um ihnen schließlich den Himmel schmackhaft zu machen. Wie dem auch sei: so ‚funktioniert‘ die Verkündigung des Ostergeheimnisses heute offenbar nicht mehr. Damit wäre der Wechsel des Modells angezeigt, den ebenfalls Tiefensee postuliert: hin zu einem Alteritätsdenken, das zunächst Andersartigkeit und nicht primär eine Defizitbehaftetheit thematisiert.

„Es ist ok wenn Du fällst.“ (A. Bourani)

Nimmt man diesen Perspektivwechsel ernst, reibt man sich beim Blick in die (Populär-)kultur bisweilen die Augen: Andreas Bourani, durch sein „auf uns“ aus der WM-Zeit von 2014 bekannt geworden, singt davon, wie`s auch anders geht:

Wenn das Leben grad zu allem schweigt
dir noch eine Antwort schuldig bleibt
dir nichts andres zuzurufen scheint als Nein.
Es geht vorbei.

Wenn der Sinn von allem sich nicht zeigt,
sich tarnt bis zur Unkenntlichkeit
wenn etwas hilft mit Sicherheit, dann Zeit.
Es geht vorbei, es geht vorbei.

Hey sei nicht so hart zu Dir selbst.
Es ist ok wenn Du fällst.
Auch wenn alles zerbricht
Es geht weiter für Dich.

Hey sei nicht so hart zu Dir selbst
Auch wenn Dich gar nichts mehr hält
Du brauchst nur weiter zu geh’n
Komm nicht auf Scherben zum steh’n.

Wenig Gemeinsames zwischen christlichen und säkularen Wegen scheint sichtbar.

Die Zeit wird’s richten. Jede/r fällt einmal. Es wird gut. Bei allem: sei gut zu Dir selbst. Das Programmwort des Heiligen Jahres der Barmherzigkeit ist hier genauso wenig verschwunden oder bedeutungslos, wie Prämissen christlicher Erlösungsvorstellungen – allerdings: all das wird nun völlig unterschiedlich betrachtet und gewichtet. Besonders aber: der Umgang damit und Auswege daraus sind so verschieden, dass wenig Gemeinsames zwischen christlichen und säkularen Wegen sichtbar scheint. Barmherzigkeit: ja, aber nicht die Barmherzigkeit Gottes, auch keine mir gegenüber wodurch auch immer barmherzige(re) Kirche, sondern: du machst das, du kannst das, die Zeit wird dir helfen. Barmherzigkeit gern, aber erst mal mit mir selber. Und Justin Bieber sagt’s in seinem aktuellen Song noch einfacher: „Love yourself!“ Vielleicht, weil gerade er als Teeniestar weiß, dass dies in unseren Zeiten nicht so einfach sein kann.

Ostern als Theodrama des Weltgeschicks?

Und Ostern? Vorausgesetzt, diese Weise des Umgangs mit solch christlichen Kernthemen wäre für viele unserer spätmodern-säkulare Zeitgenossen zustimmungsfähig, hätte das Christentum hierzulande ein Problem. Denn es glaubt, mit Ostern keinen Nebenschauplatz der Geschichte zu besetzen, sondern das Theodrama des Weltgeschicks: zur Vergebung der Sünden ist Jesu Blut für alle bzw. viele vergossen worden – diese Diskussion ist ja noch nicht allzu lange her und womöglich bereits Konsequenz einer neuen Situation. Das Christentum steht damit mit der geglaubten Gültigkeit seines Anspruchs vor dessen völlig anderer, divergenter Rezeption bzw. Bearbeitung in der es umgebenden Kultur – was angesichts der historischen Prägekraft dieser Botschaft in Europa nicht einer besonderen Tragik entbehrt.

Auf das Volk Gottes hören

Manchmal kann es neben der notwendigen fachtheologischen Reflexion solcher Fragen buchstäblich heilsam sein, auch auf das Volk Gottes zu hören. Nicht, um bessere „Lösungen“ zu generieren, sondern um etwas zu erfahren, das Denken und Glauben auf vorher nicht gekannte Weise weiterbringen kann. Dazu drei kleine aktuelle Momentaufnahmen:
Einmal von einem Mitte zwanzigjährigen Mann, der sich zu Ostern taufen lässt. Er ist überzeugt, damit wie er sagt, „angekommen zu sein“ und zu „wissen, wo er hingehört“. Wenn er in der Osternacht vor der Gemeinde ein Zeugnis von seinem Lebens- und Glaubensweg gibt, wird die vorherige, ordentlich durchdachte und amtliche Osterpredigt sicher nur noch zweite Wahl sein.
Dann die Eltern, deren zweijährige Tochter bereits schwer krank auf die Welt kam. Anfang des Jahres kollabierte ein Lungenflügel. Neben allem tiefen Vertrauen in die moderne Kinderheilkunde bitten sie in der Akutphase der Erkrankung um die Krankensalbung für ihre Tochter. Und während der kleinen Feier auf der Intensivstation ist nur zu offensichtlich, dass die Eltern auch noch für diese Situation der Kraft und dem Ja Gottes trauen – und sie legen damit vor allen Anwesenden ein fast übermenschliches Glaubenszeugnis ab.
Schließlich die junge Studentin, bei deren Vater das Rezidiv eines Jahre zurückliegenden Morbus-Hodgkin festgestellt wurde. Auf einen Schlag sind die alten Fragen und Ängste wieder da. Per WhatsApp schreibt sie: „Du kannst Gott sagen, dass ich ihm auch jetzt nicht den Gefallen tun werde, nicht mehr an ihn zu glauben.“

Durchhalteparolen angesichts eines „langen Karsamstags“ des Christentums in unserer Kultur?

Schöne, fromme Geschichten? Durchhalteparolen angesichts eines „langen Karsamstags“ des Christentums in unserer Kultur? Vielleicht – und sicherlich statistisch marginal. Bestimmt aber etwas anders als Paulus – aber auch als Andreas Bourani oder Justin Bieber. Zugleich: auch Ostern begann mit Erfahrung und Zeugnis.

Bild: Ich / pixelio.de

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