Irritierende (Post)Säkularität

Rainer Bucher stellt ein Buch von Hans-Joachim Höhn vor, das eindringlich davor warnt, die postsäkulare Gegenwart zu harmlos zu nehmen.

Hans-Joachim Höhn gehört seit langem zu den produktivsten und inspirierendsten katholischen Theologen auf der Suche nach einer „Theologie, die an der Zeit“ ist, so schon der Titel eines von Höhn 1992 herausgegebenen Sammelbandes und eine auch im hier anzuzeigenden Buch der Theologie zugewiesene Aufgabe (205).  Zwischen Religionssoziologie, Christlicher Sozialehre und Systematischer Theologie hat sich Höhn dieser Aufgabe in zahlreichen Publikationen gestellt und einen Diskursraum eröffnet, der diese unterschiedlichen Ausgangspunkte ebenso virtuos bespielt, wie immer auch zu den jeweils anderen Polen hin übersteigt.

Sondierungen im weiten Feld des Religiösen

So auch das neueste Buch zur „Religion – nach ihrer Wiederkehr“. Das ist kein ausgearbeitetes Handbuch, das systematisiert, wo alles noch im Fluss ist, sondern eine Sammlung höchst anregender Sondierungen im weiten Feld des Religiösen und seiner kulturellen Manifestationen. Höhn focussiert dabei vor allem auf zwei Problemfelder: auf den religiösem Fundamentalismus in Politik und Medien, wie auf die Unsicherheiten des modernen Rechtstaates, mit den Ansprüchen alter und neu eingewanderter Religionen umzugehen.

Den Rahmen bildet die Theorie der „reflexiven Säkularisierung“: Höhn plädiert dafür, „Säkularisierung“ als Interpretationskategorie nicht voreilig zu verabschieden, aber klar zu benennen, welche oft irritierenden „unbeabsichtigten Spätfolgen“ dieser Prozess zeitigt: Es gebe eben nicht nur „sacrophage“, sondern auch „sacrophile“ Säkularisierungsphänomene neuer Religionsformen, Religionsinhalte und religiöser Vergemeinschaftungen.

Was ist „säkularisierungsresistent“?

Wie aber geht es weiter mit der Religion? Höhn vertritt einen relativ starken, an der Grenzen von Materialität und Funktionalität operierenden Religionsbegriff. Als „säkularisierungsresistent“ im Bereich des Religiösen und damit als dessen zukünftige Perspektive erkennt Höhn „allein“ (aber immerhin) „das Bezugsproblem der Daseinsakzeptanz angesichts des Inakzeptablen“, freilich schon nicht mehr „die historisch kontingenten und kulturell variablen Formen seiner Bearbeitung“ (182). Den Kirchen empfiehlt Höhn eine doppelte Resonanzfähigkeit: „zum einen gegenüber den Ansprüchen des Evangeliums und zum anderen gegenüber den Transformationen religiöser Aufgeschlossenheit“ (188). Und er verschweigt nicht, dass dies die Kirchen in wirkliche Zerreissproben führen wird.

Zerreissprobe für die Kirchen

Das Buch ist eine einzige Warnung, es sich in Zeiten der Postsäkularität weder analytisch, noch kirchlich-institutionell, noch theologisch-reflexiv zu einfach zu machen. Zwischen den vielen „kulturell regressiven Formen einer Renaissance des Religiösen“ einerseits und den „radikalen Bestreitungen der Berechtigungen eines religiösen Daseinsverhältnisses“ (209) müssten Kirchen und Theologie einen Weg finden, zu denken und zu tun, was das Evangelium zu denken und zu tun gibt. Nicht einfach zu lesen, aber ausgesprochen lesenswert!

(Rainer Bucher, Bild: Cover, Verlag)Höhn ganz

Buch:
Hans-Joachim Höhn: Gewinnwarnung. Religion nach ihrer Wiederkehr, Paderborn (Verlag Ferdinand Schöningh) 2015.
ISBN: 978-3-506-78280-9

 

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