So oder so. Religion und Humor

Falls Sie es übersehen haben: Heute ist Rosenmontag. Nach Jahrzehnten selbst erlebten Katholizismus kommt Theresia Heimerl zum definitiven Schluss: Katholik:innen sind die, die zum Lachen in die Kirche gehen. So oder so.

Das Lachen schürt nur den Zweifel.“

„(…) hier wird die Funktion des Lachens (…) zur Kunst erhoben, hier werden ihm die Tore zur Welt der Gebildeten aufgetan, hier wird das Lachen zum Thema der Philosophie gemacht, zum Gegenstand einer perfiden Theologie.“

Mit dem Bibliothekar Jorge von Burgos hat Umberto Eco nicht nur den Prototyp und Schutzpatron aller religiösen Fanatiker geschaffen, er hat auch ein im doppelten Wortsinn spannendes Thema aufs Tapet gebracht, dem die Theologie und Religionswissenschaft bis dahin und auch danach erstaunlich wenig Aufmerksamkeit gewidmet haben: das Verhältnis von Religion und Humor. Ob Ecos Bibliothekar eine Bibliothek anzündet oder Islamisten eine Zeitungsredaktion in die Luft sprengen – am Anfang dieser Fanale steht der Zorn darüber, dass über Religion und Religiöses gelacht wird. Warum eigentlich?

Ein wenig Religionswissenschaft

Versuchen wir es gut religionswissenschaftlich mit den beiden klassischen Zugängen: Wenn die Religionsphänomenologie als Kern der Religion die Erfahrung des Heiligen nach Rudolf Otto mit den Aspekten des tremendum et fascinans definiert, so scheint das ridiculum, das Lächerliche, schlecht zu diesen erhabenen Gefühlen zu passen, ja diese womöglich zunichte zu machen. Wenn Ergriffenheit und Furcht im Innersten der Religion stehen, wird Humor zur zersetzenden Feuchtigkeit für das reine Feuer der religiösen Erfahrung. Auch das funktionalistische Religionsmodell à la Émile Durkheim ist eine ernste Sache: Religion stabilisiert die Gemeinschaft und etabliert Ordnungen und Normen – darüber zu lachen ist ein Akt der Anarchie. Religion, so scheint es, ist, substanzialistisch wie funktionalistisch gewendet, humorlos. Vielleicht sind es aber auch nur Durkheim und Otto, die alten weißen Männer strenger Gelehrsamkeit, und dementsprechend auch ihr Religionsverständnis.

Die beiden Definitionen von Religion führen uns zwar nicht zum Humor, aber zu einer wichtigen Distinktion: Lachen wir über das Heilige (was immer das ist, mehr dazu unten) oder über seine irdische Organisation und Funktion? Die meisten Witze, Satiren, Parodien über Religion handeln näher betrachtet von Letzterem. Katholische Geistliche oder buddhistische Mönche in erotischen Nöten, Rabbiner mit allzu viel oder allzu wenig Realitätsbezug, überforderte lutherische Hausväter, selbst die berüchtigten Mohammed-Karikaturen zeigen nicht den Glaubensinhalt, sondern irdische Vertreter von Religion. Das Lächerliche ergibt sich aus der Differenz von hehrem Ideal und allzu menschlicher Lebenswirklichkeit gerade jener Personen, die sich selbst als Hüter des heiligen Ernstes und ausgefeilter Regulatorien verstehen.

Religiöse Institutionen brauchen das Korrektiv des Lächerlichen.

Über religiöse Institutionen und ihre Vertreter:innen zu lachen heißt, diese als vom Heiligen unterschieden betrachten zu können und ihre Macht durch Zuspitzen eben dieser Differenz zu dekonstruieren. Institutionen und Expert:innen, die Macht über die Seelen und das Heil beanspruchen, brauchen dieses Korrektiv des Lächerlichen, um nicht in Allmachtsphantasien zu verfallen oder sich des Hochmuts schuldig zu machen. Sich als Gegenstand eines Witzes, eines scharfen, ja sogar eines untergriffigen Sketches wiederzufinden, ist eine Demutsübung. Nicht jede/r Religionsvertreter/in muss so weit gehen wie der franziskanische Mystiker Jacopone da Todi, der nackt, mit Teer und Federn geschmückt und einem Zaumzeug im Mund aufzutreten pflegte.

Aber die Erkenntnis, nicht nur Sprachrohr der heiligen Ordnung, sondern auch personifizierte menschliche Unordnung zu sein, die zum Lachen reizt, kann die eigene Relation zum Heiligen wieder zurechtrücken. Weise Religionen bauen den Humor als Realitätscheck gleich selbst in ihre Traditionen ein: Das Judentum kennt unzählige Witze, die sich über seine religiösen Autoritäten und ihre Anhänger:innen lustig machen, allein die Kapitel zu religiösen Experten und Gläubigen umfassen in Salcia Landmanns Sammlung zum jüdischen Witz über 100 Seiten.

Und wer Beschreibungen mittelalterlicher Predigten zu Ostern liest, denen es darum zu tun war, den risus paschalis, das österliche Lachen, bei den Gläubigen hervorzurufen, wird jeder scharfen Religionssatire zwischen Josef Haderer und Monty Python mit großer Gelassenheit begegnen: Prediger, die Witze weit unter der Gürtellinie erzählen, wie Hühner gackern oder auf allen Vieren wie ein Schwein grunzend durch die Reihen der Zuhörer laufen. Und anders als bei Eco haben nicht düstere Mönche im Mittelalter, sondern die eifrigen Reformatoren und ernsthaften Aufklärer diese Tradition verboten oder so weit entschärft, dass die Witze der Ostersonntagspredigten heute nur mehr als gut gemeint gelten können.

Heikel wird es, wenn Gegenstand des Lachens das Heilige selbst ist.

Heikler wird es, wenn Gegenstand des Lachens das Heilige selbst ist. Allerdings ist das grammatikalisch wie gedanklich neutrale Heilige eine akademische Abstraktion gelehrter Herren wie Rudolf Otto und Mircea Eliade, in den konkreten Religionen hat es immer sehr personale Züge und ist keineswegs immer so edel und erhaben, wie es die spätromantischen Gelehrten gerne hätten. Die Götter und Göttinnen polytheistischer Systeme lachen nicht nur selbst, sie reizen mit ihren Eskapaden auch zum Lachen und laden in rituellen Schaustücken ihre Gläubigen dazu ein.

Zugegebenermaßen ist der Gott der drei monotheistischen Religionen etwas ganz Anderes. Allmächtig, allwissend etc. „Humorbegabt“ gehört nicht zu den traditionellen Gottesattributen. Andererseits legt der Umkehrschluss aus dem Schöpfungsbericht Lachen als göttliche Möglichkeit nahe: Wenn der Mensch nach seinem Abbild geschaffen ist und lacht, muss Humor Gottes Werk oder Teufels Beitrag sein. Letzteres behauptet außer Ecos imaginärem Bibliothekar keiner der strengen Theologen, ist Satan für sie doch ein hochmütiger Rebell, und gewaltbereite Revolutionäre sind, wie eingangs festgestellt, in der Regel humorfrei.

Der menschliche Humor als Abbild des göttlichen Humors

Man darf also nach allen Regeln der Logik schlussfolgern, dass der menschliche Humor Abbild göttlichen Humors ist, wenn auch, wie alles, durch den Sündenfall in Mitleidenschaft gezogen. Tatsächlich lacht Gott in den Psalmen: über den Gottlosen (Ps 37,13) oder die Könige der Erde und die Großen und ihre nichtigen Großmachtsphantasien (Ps 2, 4). Der Jesus der Evangelien lacht zwar nicht, aber humorfrei sind seine Reaktionen auf Fangfragen der Pharisäer oder das Unverständnis der Jünger bei näherer Betrachtung auch nicht, außerdem ist es doch recht unwahrscheinlich, dass er bei den ausgelassenen Feierlichkeiten, die ihm seine Gegner vorwerfen („Fresser und Säufer“), mit todernster Miene mittendrin gesessen ist.

Insbesondere die Wahl seiner eifrigsten Vertreter spricht auch für zumindest stilles Amüsement Gottes: Ein Stotterer mit Identitätskrise soll das auserwählte Volk zum Gang in die Wüste überzeugen, ein zarter Hirtenbub den hochgerüsteten Elitekämpfer besiegen, ein Fischer aus der tiefsten Provinz zum Kirchengründer werden oder ein Sinnsucher in erotischen Eskapaden zum einflussreichsten Heiligen des westlichen Christentums – ein ernsthafter Gott hätte doch strahlende, der Sache verschriebene Helden ausgewählt. Ein solcher Gott hält es zweifelsohne aus, wenn seine Schöpfung von dem ihr geschenkten Humor auch ihm gegenüber Gebrauch macht.

Pubertären Witzen mit pubertärer Erregung zu begegnen, ist kein gutes Glaubenszeugnis.

Nicht alle Witze, Satiren und Karikaturen über Gott (in allen drei monotheistischen Ausprägungen), Jesus oder zentrale Gestalten und Themen des Glaubens sind gut, geschweige denn geschmackvoll. Viele von ihnen zeugen auch von einer sehr oberflächlichen Kenntnis der jeweiligen Religion und pubertärer Einfältigkeit. Ihnen mit ebenso pubertärer Erregung und brutaler Geschmack- und Humorlosigkeit zu begegnen, macht kein gutes Glaubenszeugnis.

Anderer Humor über das Heilige und Göttliche kann dem ersten frommen Schock einen Aha-Effekt folgen lassen und als reinigende Feuchtigkeit die altehrwürdige Patina von Glaubensvorstellungen ablösen. Humor über Religiöses und Religiöse ist ebenso wenig harmlos und nett wie Religion selbst (hierin hatte der alte Otto doch recht) und dementsprechend sind Irritationen und Verletzungen Teil des Gesamtpakets, aber, um einen alten Witz über die katholische Kirche abzuwandeln: Nur eine Religion, die das aushält, kann die wahre sein, alles andere sind Ideologien und fanatisierte Fehlentwicklungen.

Schließen möchte ich mit einer persönlichen, zugegebenermaßen konfessionell höchst inkorrekten Erinnerung: In meinem österreichisch-katholischen Familienkontext wurde der Calvinismus wie folgt erklärt: „Das sind die, die zum Lachen in den Keller gehen und dort nur ganz kurz verschämt die Mundwinkel verziehen.“ Nach mehreren Jahrzehnten selbst erlebten Katholizismus und katholischer Theologie kann ich kontradiktorisch ergänzen: Die Katholiken sind die, die zum Lachen in die Kirche gehen. So oder so.

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Theresia Heimerl ist Professorin für Religionswissenschaft an der katholisch-theologischen Fakultät der Universität Graz.

Photo: Rainer Bucher (Ausschnitt Sixtinische Madonna von Raffael)

Literaturhinweise:
Beide Eingangszitate aus: Umberto Eco, Der Name der Rose, München: dtv 41986, 169 und 603.
Salcia Landmann, Der jüdische Witz. Soziologie und Sammlung, Düsseldorf: Patmos 42003.
Hans Bemmann, Der klerikale Witz, München: dtv 41978.

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