«Ich bin jetzt reif für die Psychiatrie.»

Verletzlichkeit in der Psychiatrie

Der Titelsatz ist mehrdeutig. Was bedeutet seelisches Leiden in unserer Gesellschaft? Welche Vorstellungen von Normalität, Heilung und Gesundheit sind damit verbunden? Nachdenkliches zur Psychiatrie von Karin Klemm.

Das ist meine Antwort auf die Frage, wo ich denn jetzt wäre, weil ich mich beruflich verändert habe: „Reif für die Psychiatrie“.

Psychiatrie erschreckt

Das lässt meine Umgebung aufhorchen und befürchten, dass mir meine beruflichen Veränderungen, die unter schwierigen Umständen erfolgten, so sehr zugesetzt hatten, dass es mir den Boden unter den Füssen weggezogen hat und ich jetzt auch zu denen gehöre, die in einer psychischen Krise sind.
Und die Reaktionen sind geprägt von tiefem Mitgefühl und, oder grossem Schrecken. Als ob es das Allerschlimmste ist, was einem erwachsenen Menschen geschehen kann, nämlich stationäre psychiatrische Dienste in Anspruch zu nehmen.

Als ob es das Allerschlimmste ist …

Bei der Erläuterung meines Verständnisses vom reif Werden für die Psychiatrie macht sich dann zuerst Erleichterung breit, weil mich keine Erkrankung in die Psychiatrie geführt hat, sondern eine berufliche Veränderung: von der Spitalseelsorge im Akutspital zur Klinikseelsorge in der Psychiatrie.
Diese Reaktionen beschäftigen mich anhaltend, denn sie begleiten, ebnend oder erschwerend, auch die Wege unserer PatientInnen, die unterwegs zum stationären Aufenthalt sind.

Dazu zwei häufig gehörte Äusserungen aus der Aussenwahrnehmung von Psychiatrie:

a. Denen, die dort gelandet sind, ist doch nicht mehr zu helfen, sind doch alles hoffnungslose Fälle.

So tönten mehrere Stimmen als Antwort auf meinen neuen Arbeitsplatz.
Mit ‚Hilfe‘ ist meistens die Zurückversetzung in den Zustand vorher gemeint, also in den Zustand, in dem die Erkrankung begonnen hat, im Sinne von «Arm kaputt, Arm repariert, Arm funktioniert wieder».

Dieses Verständnis von Hilfe hat mich schon im Akutspital geärgert. Als ob das, was vor einer Erkrankung war, immer besser ist. Als ob Erkrankungen (somatische oder psychische) immer unabhängig von den Umständen zu behandeln sind, und deshalb die Umstände, die vorher waren, immer erstrebenswert sind. Leben wie zuvor, das scheint fraglos das Bessere zu sein. Dass genau in diesem Leben zuvor, in diesen Umständen die Erkrankung entstand, das darf viel zu oft nicht in den Kontext der Erkrankung gestellt werden. Es wird zum Tabu erklärt.

Als ob Erkrankungen (somatische oder psychische) immer unabhängig von den Umständen zu behandeln sind…

Dass Hilfe auch die Unterstützung sein kann, die hilft, mit den Einschränkungen zu leben, die eine psychiatrische Erkrankung mit sich bringen kann, wird nicht gerne gehört und scheint viel zu wenig Hilfe zu sein. Ist viel zu weit weg von dem Leben wie zuvor.

Das biblische Heilungsverständnis hilft in der Kurzversion von «Blinde sehen, Lahme gehen» nicht wirklich weiter. Behinderung und Einschränkung wird auch von uns TheologInnen oft allgemein mit Leiden und Unerlöstheit gleichgesetzt. Anders Dorothee Wilhelm: Sie beklagt, dass Heilung – biblisch verstanden – dazu führen soll, dass Abweichungen wieder in den Zustand der Normalität versetzt werden. Wer Heilung so versteht, lasse für Menschen mit Abweichungen vom sogenannt Normalen keinen Platz im Reich Gottes.[1] Also für Menschen, die sich anders bewegen (z.B. mit Rollator oder Krücken) genauso, wie für jene, die nach einer starken Suchterkrankung mental weniger leistungsfähig sind. Beides sind AbweichlerInnen.

kein Platz im Reich Gottes für Menschen mit Abweichungen vom sogenannt Normalen

Das biblische Verständnis von Heilung meint m.E. viel mehr. Die kanaanäische Frau[2], die um Heilung für ihre vom Dämon besessene Tochter bittet, erfährt bei genauerer Lektüre zuerst einmal selbst ein Stück Verwandlung, eine, die sie heiler werden lässt: Sie bekommt Mut. Damit kann sie unter schwierigen Umständen (Abwertung und Feindseligkeit) für ihre Tochter einstehen. Und sie erhält Ansehen, wird angeschaut und gehört. Diese Begegnung macht sie zu einer anderen. Damit ist das System, in dem die Patientin lebt, schon verändert. Die Mutter hat eine andere Haltung. In diesem Text ist Heilung v.a. Systemveränderung.[3] Diese hat auch auf Jesus Wirkung: Sein Wertesystem (wem in welcher Reihenfolge geholfen werden soll, für wen er da ist, von wem er lernen kann) hat sich ebenso verändert.

b. Die sperren die kranken Menschen doch nur ein und stopfen sie mit Psychopharmaka voll.

Einen falschen und tendenziell verbrecherischen Umgang mit Psychopharmaka werfen manche Bevölkerungskreise der Psychiatrie vor. Vertreten wird diese Haltung z.B. von einer Bürgerkommission für Menschenrechte. Manchmal höre ich auch, dass die Eindrücke des Films von 1975 mit Jack Nicholson, «Einer flog übers Kuckucksnest», als Hinweis dafür benutzt werden, wie menschenfeindlich es auch heute noch zugehe in der Psychiatrie, weil Menschen eingesperrt werden und gegen ihren Willen Medikamente nehmen müssen.

Angehörige müssen sich rechtfertigen …

Auf diese fruchtlose, weil verallgemeinernde Diskussion will ich mich hier nicht und auch sonst nicht einlassen. Nicht weil ich alles gut finde, was ich seit 15 Monaten kennenlerne. Nicht weil Psychiatrie heute ganz anderen Werten verpflichtet ist: der Würde der Erkrankten, dem Schutz für sie und andere, um nur zwei davon zu nennen. Sondern weil diese allgemeinen Aussagen nichts als Angst schüren. Bei denen, die auf einen stationären Aufenthalt zugehen und bei vielen Angehörigen.  Angehörige müssen sich rechtfertigen, dass sie sich nicht genügend engagiert hätten und quasi wegen ihnen das Familienmitglied «abgeschoben» wurde. Angehörige schämen sich manchmal so schmerzlich, dass sie den Klinikaufenthalt nicht verhindert haben, während der Grund für den Klinikaufenthalt, die Erkrankung selber, viel zu wenig respektiert wird. Was viele Familien vor, während und nach einem Klinikaufenthalt alles leisten für ihre psychisch erkrankten Mitglieder, wird in unserer Gesellschaft viel zu wenig gewürdigt. Wenn es diese familiäre Leistung nicht gäbe, müssten viele unserer PatientInnen länger bleiben, häufiger oder früher (wieder) kommen!

Was ist Reife – in diesem Kontext?

Sehr kontroverse Haltungen zur stationären Psychiatrie sind in unserer Gesellschaft und in meiner persönlichen Umgebung zu finden. Es verlangt von mir und allen, die in der Psychiatrie arbeiten, viel Reife, damit umzugehen. Und noch mehr Reife dafür, den erkrankten Menschen gerecht zu werden.

Meine Reifung hat noch Luft nach oben. Nach 15 Monaten, die ich dort arbeite, kommt mir zwar viel Erfahrung als Akutspitalseelsorgerin zugute, dennoch erlebe ich meinen Berufsalltag als grosse Herausforderung. Bei meinem Reifungsprozess helfen mir Menschen, die noch viel reifer für die Psychiatrie sind: ÄrztInnen, BewegungstherapeutInnen, AgogikerInnen, Pflegende, ErgotherapeutInnen, PsychologInnen und KlinikseelsorgerInnen. Nicht alle, aber sehr viele!

Kriterien für diese Reife

  1. Freiheit von Bildern eines gelingenden, sogenannt normalen Lebens, das für alle gleichermassen gelten muss. Viele der MitarbeiterInnen in der Psychiatrie konnten sich verabschieden von dem Bild, was normal ist und gesund: Z.B. mindestens 100% arbeitsfähig, resilient gegenüber Mobbing und Ehekrise, mittrinkend und mitrauchend, ohne süchtig zu werden.
  2. Sich freuen können an kleinen Schritten der PatientInnen,
    die vielleicht nie ganz gesund werden, aber mit der Zeit etwas Struktur in ihren Alltag integrieren und sich zutrauen, zweimal die Woche 75 Minuten zu arbeiten, mit der Aussicht auf vier Mal die Woche. Und sich an den zwei Malen schon zu freuen, ist die Herausforderung!
  3. In Rückfällen nicht automatisch das Scheitern sehen,
    sondern wahrnehmen, dass die Patientin zwar schon zum dritten Mal mit ihrer Depression hier ist, aber jedes Mal ein bisschen anders, bzw. die Auslöser waren nicht jedes Mal die gleichen. Für die Profis in der Psychiatrie heisst das: Nicht nur das, was sich wiederholt, wahrzunehmen, sondern darin die Veränderung, die Entwicklung für möglich zu halten und zu suchen.
  4. Ein Menschenbild, das offen ist für Diversität
    Mir fällt auf, dass unter den PatientInnen mehr Menschen vertreten sind, die dem bürgerlichen Ideal (gemischtgeschlechtliche Ehe mit zwei Kindern, er arbeitet Voll-, sie Teilzeit …) nicht entsprechen. Und ich erfahre viel von dem Druck, unter dem sie stehen, weil sie der sogenannten Normalität nicht entsprechen. Druck, der von der ganzen Gesellschaft, von Familien und z.T. auch von den Kirchen ausgeübt wird. Das sind für mich eindeutig destabilisierende Faktoren.
  5. Resilienz[4],
    wenn bei PatientInnen das Heiler-Werden in weiter Ferne scheint. Oder wenn die Sehnsucht nach Heil-Werden anhaltend laut klagend geäussert wird. Und dabei nicht der Versuchung erliegen, zur einsamen Heldin zu werden, die alleine alles trägt und hält. Das Geschenk der Resilienz will im multidisziplinären Teamwork gepflegt werden.

Ein Verständnis von Heil-Werden, das Versehrt-Sein nicht aus-, sondern einschliesst.

Psychiatrie verlangt viel

vom Gesundheitswesen und von uns als Gesellschaft: Z.B. eine Weiterentwicklung des Verständnisses von Heil-Werden. Ein Verständnis, das Versehrt-Sein nicht aus-, sondern einschliesst[5]. Damit noch mehr Menschen reif werden für die Psychiatrie, Berührungsängste verlieren und betroffenen PatientInnen und ihren Angehörigen angstfreier begegnen können.

Reif für die Psychiatrie zu werden, macht das Leben reicher: freier und lebendiger. Und weil es nicht schön geredet werden darf: Manchmal ist es hart in der Psychiatrie, vor allem für unsere PatientInnen, weil Seelenschmerzen genauso weh tun können wie Leibschmerzen, und manchmal viel länger.

Autorin: Karin Klemm, Katholische Klinikseelsorgerin und Supervisorin CPT, mit Dank an die PatientInnen, die mit ihrem Vertrauen und ihrer Echtheit viel zu meinem Reifungsprozess beigetragen haben.
Und mit Dank an die vielen reifen Profis in der Psychiatrie, v.a. an die drei aus meiner Intervisionsgruppe: F., D. und J., und an Eveline Gutzwiller und Nico Derksen fürs konstruktive Korrekturlesen.

Beitragsbild: Hannah Stanic

Siehe auch:

Seelsorge im Spital – integriert oder fremd?


[1] Dorothee Wilhelm, Über biblische Heilungsgeschichten und andere Ärgernisse, Schlangenbrut Nr. 62, 16. Jahrgang, 1998.

[2] Matthäusevangelium 15, 21 -28.

[3] Inspieriert von Hermann Andriessen, Nicolaas Derksen, Maria Nolet, Ist Gott wirklich in unserer Mitte?, Mainz 1997.

[4] Widerstandskraft, Stärke, die nicht bricht.

[5] Nach Hilde Domins Gedicht Bitte: „…immer versehrter und immer heiler, stets von neuem zu uns selbst entlassen werden“, in: Hilde Domin, Sämtliche Gedichte, Frankfurt 2009, S. 181.

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